Die deutsche Romantik durchzieht - obwohl christlich gesprägt - so etwas wie ein "heidnischer Unterstrom". In zahlreichen Gedichten wird der Wald als eigentlicher Tempel Gottes besungen und viele Elementargeister und mythische Wesen bevölkern die Erzählungen und Kunstmärchen des 19. Jahrhunderts.

Kaum ist zu entscheiden, ob dies eine Art "Mode" war, der sich - gemäss einem zivilisationskritischen Zeitgeist - viele anschlossen, oder ob eine gewisse naturreligiöse Komponente zur deutschen Kultur hinzugehört, die möglicherweise bis in vorchristliche Zeiten zurückreicht.

Schon der römische Schriftsteller Tacitus wies daraufhin, dass die Germanen ihre Götter weniger in Tempeln oder Skulpturen anbeteten, sondern in "Lichtungen und Hainen", welche von "geheimnisvollen Wesen" beseelt sind, die man nur "im Geiste" schauen kann. Ergebnisse der modernen Archäologie legen uns nahe zu glauben, dass dies tatsächlich bei den Germanen, aber auch bei der keltischen und slawischen Bevölkerung des damaligen Europa so gewesen ist.

Doch die romantischen Schriftsteller und Maler waren keine Wissenschaftler. Sie reagierten auf die Bilderwelt von Sagen, Märchen, Mythen und Legenden mit ihrem poetischen Sensorium, spürten Gefühle, Ideen und Imaginationen darin auf, die in erregendem Gegensatz zum frömmelnden Ton der Kirche oder zum kühlen Rationalismus der Aufklärung standen.

In den alten Texten sahen sie ein qualitatives Verständnis von Natur, eine vielschichtige Verschränkung von Gut und Böse und eine nicht durch christliche Moral verengte Sicht auf Weiblichkeit, Sexualität, Rausch und Dämonie, die sie als Künstler faszinierte. Hinzu kam die Aura des Geheimnisvollen und Mehrdeutigen sowie eine mythische Sprachkraft, die bestimmte Orte und Landschaften zu magischen Territorien werden liess.

Wälder, Flüsse, Quelle und Berge begannen auf einmal wieder zu sprechen und mythologische Figuren sprangen aus dem Gehölz hervor, die das Christentum längst überwunden zu haben glaubte: Elfen, Nymphen, Hexen und bocksfüssige Dämonen, Zwerge, Riesen und Wassermänner, die heidnische Göttin Venus in ihrem Liebesberg sowie die Götter der nordisch-germanischen Sagenwelt.

Während im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert viele dieser Dinge von völkischen Autoren für politische Zwecke missbraucht wurden, fällt in der Zeit davor ein geistig weitgespannterer Umgang damit auf: Herder, Goethe, Heine, Tieck oder die Droste-Hülshoff wären nicht auf die Idee gekommen, aus ihrer Faszination für mythische Überlieferungen ideologisches Kapital zu schlagen. Auch Eichendorff, Caspar David Friedrich oder Böcklin hielten sich trotz aller patriotischer Gefühle diesbezüglich zurück.

Wir greifen zwei Maler und sieben Schriftsteller heraus, die alle sehr unterschiedlich mit solchen Elementen umgingen. Interessant ist vor allem ihr Sich-Abarbeiten an der Spannung zwischen "Heidnischem" und "Christlichem", denn trotz ihrer Kritik an einer vielfach verhärteten Amtskirche hielten sie am Christentum als ihrer eigentlichen Religion fest.

Sie waren keine "Neuheiden", die - wie manchmal heute in bestimmten esoterischen und rechten Kreisen - das Christentum generell als anmassende und gewalttätige Heilslehre verurteilten. Aber sie spürten doch in der konfessionellen Religionsausübung ihrer Zeit so viele Defizite, dass sie neugierig auf ältere Überlieferungen wurden, in denen bspw. Natur, Magie und Sexualität eine andere Rolle spielten als in der Bibel.

Da die Beschäftigung mit Mythologie und heidnischer Vorzeit bei ihnen im Rahmen ästhetischer Praxis verblieb, behielten ihre Ideen dazu immer eine gewisse Luftigkeit und Offenheit: Es ging um eine poetische Beerbung des Alten, um das Aufspüren von anregenden Farben und Emotionen, weniger um nostalgische Verklärung oder politische Inanspruchnahme.

Ein wiederholter Blick auf diese Künstler mag nicht schaden in einer Zeit, wo das Verhältnis der Deutschen zu ihren Mythen immer noch mit den Schatten von "teutonischer Schwere" und ideologischer Verdächtigung belastet ist.



Johann Gottfried Herder

Johann Wolfgang von Goethe

Annette von Droste-Hülshoff

Heinrich Heine

Joseph von Eichendorff

Ludwig Tieck

Caspar David Friedrich

Arnold Böcklin

Conrad Ferdinand Meyer