GALERIE:     "BUSCHMÄNNER IN SARAJEVO": Die bosnische Malerin Rasema Santic

Hellhörig genug war man gewesen. Das Rumoren der undenkbaren völkischen Ausgrenzung, die monatelangen, mehr leisen als lauten Repressionen im Schuldienst von Modrica, knapp südlich der kroatischen Grenze und schließlich das Herannahen der serbischen Militärlawine hatten genügt, rechtzeitig, wenn auch Hals über Kopf die Flucht zu ergreifen. Aus der Ferne dann mußte man wenige Wochen später erfahren, daß vermutlich das eigene Haus und die Stadt völlig zerstört und welche Kollegen und Schüler vielleicht umgekommen waren.

 




Seither wird die Ahnung der über Jahre nicht endenden Schrecken überspielt von der Ungewissheit des Exils, vom Wechsel der Orte und vom Wechselbad der Hoffnungen und Enttäuschungen. Nach Monaten in Agram, Bozen, Agram wurde schließlich Graz, 1992, zum ständigen Asyl, wo der Gedanke an die Wiederaufnahme der künstlerischen Arbeit reifen konnte, ohne doch je die dem Flüchtling eigene Fahrigkeit überwinden zu helfen. Im Gegenteil, fast scheint es so, als läge gerade in der Fahrigkeit das Geheimnis der Peinture, der Schnelligkeit im Farbauftrag, der flackernden Körper und Gründe auch dort, wo Ruhe und Bergung ihr Thema sind.

Nie aber sind es die geahnten, inzwischen der Vergangenheit gehörenden Schrecken, die so sich mitteilen, sondern Momente des Glücks, der Umfunktionierung etwa der Keller als Fluchträume, in denen viele so lange zu leben genötigt waren.
Wir sehen mächtige Körper, die im Klang, im Musizieren, Hören, Tanzen ihre Kräfte finden, als biete nur solche Gelegenheit den eigentlichen und berechtigten Anlaß für ihre Sammlung und Verausgabung.



Verzerrungen, manchmal sogar Verstümmelungen ihrer Glieder, führen die Haltung ins Akrobatische, dem sympathisierend der Raum tumultarisch zuspielt. Der Krieg, der über Jahre zum Leben in Kellern gezwungen hatte, hatte diese in Räume verwandelt, in denen eine eigene Art des Wohnens sich entwickelte, ein Wohnen, das die verbotene Öffentlichkeit oben selber produzierte.
Der Keller, der für so lange Zeit das Verließ gewesen war, wird schließlich zum Schacht des Ausstiegs: Farbig sickert das Licht in seine Tiefe, aus der eine Leiter in den Vordergrund stößt. Eine junge Frau hat sie bis zur obersten Sprosse erklommen; kraftvoll scheint ihr Körper sich aus den Kleidern zu winden wie aus einem Kokon.


Ein Jahr nach den "Kellerbildern" beginnt Rasema Santic mit ihrem Zyklus "Ahnengalerie", zu dem sie von Holzskulpturen Neuguineas inspiriert wird: unterschwellige Verbindung zum Aufbrechen des Archaischen in ihrer Heimat, wo urzeitliche Instinkte zu einer Blut- und Bodenideologie aufgeheizt worden waren?



Während die "Kellerbilder" die Seite der Opfer und ihrer Widerstandskraft in den aufgenötigten Zufluchtsräumen schildern, betreffen die "Ahnen" die Seite der terrorisierenden Täter, die ihren Barbarismus gerne mit dem Erbe vergangener Mächte rechtfertigen.
Deren Verkörperungen begegnen viele von ihnen inzwischen als Legionäre im afrikanischen Dschungel.

Doch in Rasema Santic's Pastellen erscheinen die Dämonen auch selber als Opfer paralysiert und auf Seiten der Opfer: Kunst als Möglichkeit der Bannung des Elementaren und Dämonischen.
Die Paten der Vergangenheit beginnen plötzlich den Menschen zu ähneln, sind nackt, verletzlich, beseelt, aufgelegt zur Komik wie diese und begleiten augenzwinkernd ein Stück weit ihr Leben.

Rasema Santic (geb. 1957 in Nova Varos/ Jugoslawien) floh 1992 aus ihrer Heimat und lebt heute in Berlin.
Der Text zu diesem Porträt stammt von ihrem Lebensgefährten Heinrich Jennes.

Serbokroatische Version: Prevod na Hrvatski Jezik

Kontakt: H.Jennes@gmx.de

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