GALERIE:    Der finnische Fotograf Jorma Puranen und die Kultur der Samen

1989 entdeckte der finnische Fotograf Jorma Puranen im Pariser "Musée de l'Homme" unzählige Fotografien, die während einer französischen Lappland-Expedition im Jahre 1884 von den dort lebenden Ureinwohnern Skandinaviens gemacht worden waren. Diese nannte man damals noch "Lappen", während sie heute von sich selbst als "Sami" oder "Samen" sprechen.

Puranen, der seit vielen Jahren mit deren Kultur vertraut ist, war nicht nur überrascht, auf zahlreiche ihm bekannte Namen zu stossen, sondern erkannte auch immer mehr den entwürdigenden "anthropologischen Blick" hinter den Aufnahmen: Aus ihren Landschafts- und Kulturzusammenhängen herausgerissen, mussten sich die Sami vor leere Wände stellen, damit Rassenforscher anhand ihrer Kopfformen und Gesichtszüge zu "genaueren" Ergebnissen kommen konnten.

Puranen beschloss, die Bilder wieder "nachhause" zu tragen und fertigte grosse Positiv- und Negativabzüge an, mit denen er in der finnischen Landschaft Installationen baute, die wiederum abfotografiert wurden.


   
Click vergrössert  
 
Click vergrössert
 
 Click vergrössert



Diese Aktion nannte er "Imaginary Homecoming" ("Imaginäre Heimkehr"): ein Wiederverbinden der Menschen mit ihren Lebenszusammenhängen, die ihnen vor 100 Jahren weggenommen worden waren.

Die Arbeit der französischen Anthropologen war nur die Spitze eines Eisberges innerhalb der Sami-Geschichte, denn zwischen 1920 und 1940 wurden sogar ihre Schädel von finnischen, schwedischen und norwegischen Wissenschaftlern konfisziert, die anhand ihrer Masse den "niedrigen Kulturstand" dieses Volkes bestimmen wollten. Diese Forschung war keine ausschliessliche Spezialität der Nazis, sondern auch in Skandinavien weit verbreitet: Man schätzt, dass einige Zehntausend Sami-Frauen wegen "Erbkrankheiten" oder sonstiger "genetischer Defekte" sterilisiert wurden.

Puranen bezieht in seine Fotoinszenierungen nicht nur die Landschaft Lapplands, sondern auch die Mythologie der Sami mit ein: Ihre Kolonialisierung und Unterdrückung begann schon im 17. Jahrhundert, als die lutherisch-reformatorische Kirche alle Reste von Schamanismus und Naturreligion aus ihren Köpfen zu entfernen versuchte.

Indem Puranen die Gesichter der Verstorbenen in Bäume hängt oder auf Seeoberflächen gruppiert, erinnert er bspw. an ihren Baum- und Wasserkult.

 

  
   
 
Click vergrössert
 



Wie vielen anderen Naturvölkern auch, waren den Sami bestimmte Gewässer und Bäume heilig, denen sie sich mit besonderer Ehrfurcht näherten und an denen sie Dankesopfer darbrachten. Heilige Seen ("Sáiva") z.B. zeichneten sich dadurch aus, dass sie besonders klares Wasser hatten, ohne Abfluss und auch zeitweilig ohne Fische waren. Von diesen glaubte man, dass sie gelegentlich durch ein Loch - nicht grösser als ein Topf - in ein zweites unterirdisches Stockwerk des Sees schlüpften, wo auch die Totengeister hausten.

Ebenso heilig waren den Sami die Bäume, in die sie oft Ringe aus Zweigen oder Räder aus Eisenblech hingen, mit denen sie die Wiederkehr der Sonne nach der langen Polarnacht begrüssten.


   
 
Click vergrössert
 



Weitere Kultorte befanden sich an heiligen Quellen und eigenartig geformten Felsen.

Die Sami betreiben seit altersher Rentierzucht und ziehen z.T. auch heute noch mit ihren Herden durch die endlosen Weiten Lapplands. Eine ausgeprägte Natur- und auch Sternenbeobachtung ergibt sich dabei von selbst. Bereits ihren Vorfahren fiel der Polarstern auf, der sich als einziger unter den Sternen nicht bewegt. Daher bildete sich die Vorstellung heraus, dass das Himmelszelt an ihm wie an einem Haken oder Nagel aufgehängt war. Man dachte es sich gestützt durch eine riesige imaginäre Säule, die man "Weltenbaum" oder "Weltenachse" nannte und die besonderer Pflege und Verehrung bedurfte, um nicht einzustürzen: Bilder, die einem modernen Astronomen nur ein Schmunzeln entlocken, uns aber heute noch durch ihre Qualität kindlichen Staunens und respektvoller Verehrung anrühren können.

Heute leben noch etwa 70.000 Samen in Skandinavien, die seit 1989 ein eigenes Parlament ("sameting") besitzen, um Interessen ihrer Kultur auch politisch wirksamer durchsetzen zu können. Ihre alte Mythologie und insbesondere der Schamanismus ist fast völlig verschwunden und taucht nur noch bei samischen Künstlern auf. So integrierte die Sängerin Mari Boine die alte schamanistische Gesangspraxis des "Joikens" in ihre Rockmusik, die traditionelle und moderne Elemente zu einer neuen Synthese zu verbinden sucht.

Jorma Puranen wurde 1951 in Pynäjoki/ Finnland geboren und studierte von 1973-78 Fotografie an der Kunstakademie Helsinki, wo er seit 1978 auch als Dozent arbeitet. Er stattete mit seinen Fotogafien etliche Bücher über die Sami-Kultur aus und war mehrere Jahre lang Mitarbeiter der Zeitschrift "Sápmelas".

Mehr Informationen über die Samen im Internet.

 



Literatur:


Jorma Puranen: Imaginary Homecoming, Pohjoinen/ Oulu 1999
Juha Pentikäinen: Die Mythologie der Samen, Berlin 1997
H.U.Schwaar: Tundra, Sumpf und Birkenduft. Leben mit den Samen in Lappland, Frauenfeld 1990
H.U.Schwaar (Hrsg.): Nordland. Lieder und Gedichte aus Lappland, Frauenfeld 1991




Atalante 5