Eichne Tür, wer hob dich aus den Angeln?
Über den Dichter Paul Celan (1920-1970)



"Espenbaum, dein Laub blickt weiß ins Dunkel.
 Meiner Mutter Haar ward nimmer weiß.

 Löwenzahn, so grün ist die Ukraine.
 Meine blonde Mutter kam nie heim.

 Regenwolke, säumst du an den Brunnen?
 Meine leise Mutter weint' für alle.

 Runder Stern, du schlingst die goldne Schleife.
 Meiner Mutter Herz ward wund von Blei.

 Eichne Tür, wer hob dich aus den Angeln?
 Meine sanfte Mutter kann nicht kommen."


Irgendwann in den 70er Jahren stiess ich das erstemal auf Gedichte von Paul Celan, die mich sofort mit großer Macht in ihren Bann zogen. Ich war zunächst getroffen von der Wucht der Bilder, die etwas Herzzerreissendes hatten und auf nicht näher benannte Katastrophen und unausdrückbares Leid anspielten. Ich wußte kaum etwas Biographisches über den Dichter: daß er Jude war, aus dem deutschsprachigen Rumänien kam und im Deutschland der Nachkriegszeit zu den größten Lyrikern gezählt wurde.

Später erfuhr ich, daß seine Mutter von den Nazis in der Ukraine ermordet worden war und sein Vater infolge der Erschöpfungen während langer Transporte an Typhus starb: traumatische Erfahrungen, die Celan sein Leben lang begleiteten, zumal er sich am Tode der Eltern mitschuldig fühlte. Nachdem die SS im Juli 1941 seine Heimatstadt Czernowitz in der Bukowina besetzt und mit ersten Deportationen begonnen hatte, hatte Celan einen sicheren Unterschlupf gefunden und die Eltern angefleht mitzukommen. Sie lehnten jedoch ab, teils aus einer merkwürdigen Schicksalsergebenheit heraus, vielleicht auch, weil sie das Bevorstehende nicht glauben wollten. Als Celan am nächsten Tag zu ihnen kam, war bereits die Haustür versiegelt und die Eltern unterwegs in ein Lager. Celan machte sich zeitlebens Vorwürfe, die beiden nicht rücksichtsloser bedrängt zu haben und umkreiste vor allem den gewaltsamen Tod der Mutter in zahllosen Versen. Dort spielen immer wieder der Schnee und die russische Landschaft eine große Rolle, da die Hinrichtung in einem besonders kalten Winter stattgefunden haben muß.


"Es fällt nun, Mutter, Schnee in der Ukraine:
 Des Heilands Kranz aus tausend Körnchen Kummer.
 Von meinen Tränen hier erreicht dich keine.
 Von frühern Winken nur ein stolzer stummer ...

 Ich blieb derselbe in den Finsternissen:
 Erlöst das Linde und entblößt das Scharfe? 
 Von meinen Sternen nur wehn noch zerrissen
 die Saiten einer überlauten Harfe.

 Dran hängt zuweilen eine Rosenstunde.
 Verlöschend. Eine. Immer eine ...
 Was wär es, Mutter: Wachstum oder Wunde -

 
versänk ich mit im Schneewehn der Ukraine?"


Ich besorgte mir alles über den Dichter, um tiefer in sein merkwürdiges Leben und seine emphatische Kunst einzudringen. Geboren am 23. November 1920 in Czernowitz, wuchs Celan in intimstem Umgang mit der deutschen Sprache auf. Nicht nur wurde zuhause deutsch gesprochen, sondern die Mutter las ihm auch Märchen, Lieder und Verse der großen Klassiker vor, die sie über alles liebte. Daher fühlte Celan trotz aller sprachlichen Barbarei des Dritten Reiches zeitlebens eine besondere Affinität zur deutschen Poesie, die er einmal "den leisen, den deutschen, den schmerzlichen Reim" nannte. Das von der Mutter oft gesungene Maikäferlied z.B. blieb ihm trotz aller Katastrophen "sommerlich, hellblütig am Rand aller schroffen, winterhart-kalten Silben."

Auch der junge Celan, damals noch Paul Antschel, wurde von der SS verhaftet und zu monatelanger Zwangsarbeit gezwungen. U.a. mußte er Trümmer von gesprengten Strassen und Häusern beseitigen sowie russische Bücher einsammeln und vernichten. 1944 entstand sein berühmtestes Gedicht, die "Todesfuge", das seither als die eindringlichste ästhetische Darstellung der Todeslager gilt, was man vor allem versteht, wenn man es den Autor - etwa auf Schlallplatte - selbst lesen hört:

"Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
 wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
 wir trinken und trinken
 wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
 Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen
 der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
 er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne
 er pfeift seine Rüden herbei
 er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
 er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz (...)"


Nach dem Krieg gelingt es Celan, in Wien Unterschlupf zu finden und er lebt dort unter einfachsten Verhältnissen, aber in Verkehr mit einigen geistesverwandten Künstlern, Malern und Schriftstellern. Auf dem Arbeitsamt lernt er die 21 jährige Ingeborg Bachmann kennen, die dort als Aushilfe arbeitet und eine Liebesaffäre beginnt, die auch andere Töne in die Verse des Dichters hineinbringt. Freilich haben auch seine Liebesgedichte, die zu den schönsten überhaupt gehören, immer einen tragisch-melancholischen Unterton:

"Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
 wir sehen uns an,
 wir sagen uns Dunkles,
 wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
 wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
 wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

 Wir stehen umschlungen im Fenster,
 sie sehen uns zu von der Strasse:
 es ist Zeit, daß man weiß!
 Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
 daß der Unrast ein Herz schlägt.
 Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

 Es ist Zeit."

 

In diesen Jahren reist Paul Celan auch das erstemal wieder nach Deutschland: Aufenthalte, die ihm von jetzt an zahlreiche Huldigungen, aber auch tiefgreifende Verletzungen beibringen werden. Die Gruppe 47, ein Kreis von jungen Dichtern, kann mit seiner pathetischen Lyrik nichts anfangen, reagiert ironisch, spricht sogar von Synagogen-Singsang oder Goebbels'schem Tonfall.
Nach dem Pathos des Dritten Reiches suchen die jungen deutschen Schriftsteller Zuflucht bei einer radikal versachlichten Sprache, die sich alle Emphase und spirituellen Beiklänge verbietet. Celan, der im Ton chassidischer Geschichten und romantischer Lyrik großgeworden ist, lehnt das ab. Er wird zeitlebens versuchen, die metaphysische Dimension vor allem auch der deutschen Sprache gegen ihren NS-Mißbrauch zu verteidigen: "Lyrik ist Mystik", sagt er einmal apodiktisch und lehnt auch die Suche nach Gott nicht deswegen ab, weil er im Grauen von Auschwitz scheinbar nicht anwesend war. Allerdings werden Celan's "Psalmen" immer einen gebrochenen Ton behalten:

"Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm,
 niemand bespricht unsern Staub.
 Niemand.
 Gelobt seist du, Niemand.
 Dir zulieb wollen
 wir blühn.
 Dir entgegen (...)"

Was nur wenige wissen: 1951 wendet sich Celan mit einem Brief in "Dankbarkeit und Verehrung" an Ernst Jünger, vermutlich in der Hoffnung, dieser könne ihm zu einer Buchpublikation verhelfen. Auch beginnt er in diesen Jahren mit der vertieften Lektüre der Schriften Martin Heideggers: erstaunliche Berührungen mit zwei Figuren des deutschen Geisteslebens, die vorübergehend Sympathie für den Nationalsozialismus hegten, aber vielleicht in ihrer Tiefe dennoch auch Gemeinsames mit Celan berührten.

1952 heiratet er die aus dem französischen Hochadel stammende Malerin Gisèle Léstrange, mit der er zusammen in Paris lebt.

Bei weiteren Reisen durch das "wirtschaftswunderliche" Nachkriegsdeutschland erlebt Celan immer wieder, daß Antisemitismus und nazistische Gesinnung nach 1945 keineswegs verschwunden sind. In der Pariser Bibliothèque Nationale hat er zahlreiche Zeitschriftenjahrgänge aus der NS-Zeit gelesen und findet Namen in der gegenwärtigen deutschen Öffentlichkeit wieder. Bereits 1958 gibt es schon wieder neonazistische Übergriffe und Schändungen von Synagogen. Als Celan in einem Frankfurter Blumenladen einen Blumenstrauß kaufen will, sieht ihn die Verkäuferin nur kurz an und sagt. "Ei guck mal, jetzt sieht man auch schon wieder die Juden." Max Ernst, der in einem Pariser Café Celan mit einigen jüdischen Freunden auf seinen Tisch zukommen sieht, erhebt sich brüsk und verläßt das Lokal. Solche Vorkommnisse, zumal wenn sie unvorbereitet und grundlos daherkommen, hinterlassen bei dem sensiblen Dichter tiefe Spuren. Härter aber treffen ihn die Plagiatsvorwürfe, die die Witwe des mit Celan befreundeten Lyrikers Yvan Goll erhebt: Celan habe ihnen nicht nur die "traurige Legende" vom Tod seiner Eltern erzählt, sondern Metaphern aus Goll's Werk übernommen. Trotzdem etliche deutsche Schriftstellerkollegen den Vorwurf mit Belegen zurückweisen, bleibt eine tiefe Kränkung.

Auch eine Begegnung mit dem verehrten jüdischen Philosophen Martin Buber verläuft eher zwiespältig. Für Buber ist es selbstverständlich, nach dem Krieg wieder in Deutschland zu publizieren, er nimmt das Land in Schutz und einen verzeihenden Standpunkt ein, was Celan so aus verständlichen Gründen nicht möglich ist
.

Trotz alledem wäre es verfehlt, in Celan lediglich einen lebensuntüchtigen und depressiven Menschen zu sehen, der jede Minute seines Lebens tragische Gedanken hegte. Er hatte durchaus eine vitale und sogar ausgelassene Seite, konnte gut erzählen und - nach einem Glas Wein - sogar singen: Chansons, russische Weisen aus seiner Heimat und zur Verblüffung seiner Zuhörer selbst deutsche Landsknechtslieder aus dem Mittelalter.
An seine physische Vitalität erinnerte sich der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt:

"Der Tag war heiß, schwül, kein Wind, lastendes Blei. Wir spielten  stundenlang Tischtennis, er war von einer ungeheuren,  bärenstarken Vitalität, er spielte meine Frau, meinen Sohn und  mich in Grund und Boden. Dann trank er zu einer Hammelkeule  eine Flasche Mirabelle, einen starken Schnaps, seine Frau und  wir tranken Bordeaux dazwischen, in der Pergola vor der Küche,  am Himmel die Sommersterne. Er dichtete in das bauchige Glas  hinein, dunkle, improvisierte Strophen, er begann zu tanzen, sang rumänische Volkslieder, kommunistische Gesänge, ein  wilder, gesunder, übermütiger Bursche."  


Trotz solcher Lebenskräfte findet Celan sich im Exil nicht zurecht. Seine geliebte Heimat steht unter sowjetischer Herrschaft und nichts zieht ihn in die Muffigkeit und verordnete Kunstpolitik einer kommunistischen Gesellschaft. Auch tragen seine übersensiblen Reaktionen und hohen Ansprüche im Umgang mit Menschen nicht gerade zu einem großen Freundeskreis bei. Zwar gibt es etliche Germanisten und Schriftsteller, die in dem Dichter ein herausragendes künstlerisches Talent sehen und sich für sein Werk mit großem Einsatz engagieren. Aber es gibt auch negative und sogar hämische Besprechungen, etwa der Vorwurf, die "Todesfuge" beute ästhetisch das Leiden der Opfer aus, sei zu "schön" und "raffiniert", um dem wirklichen Horror der Lager gerecht zu werden. Hans Egon Holthusen nennt in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" Celan's Bild von den "Mühlen des Todes" eine in "X-beliebigkeiten schwelgende Genitivmetapher", ohne zu wissen, daß Adolf Eichmann genau dieses Wort im Bezug auf Auschwitz gebrauchte. Peter Szondi, ein mit Celan befreundeter Germanist, stellt dies in einem Leserbrief richtig und erinnert an Holthusen's ehemalige SS-Mitgliedschaft, was jedoch von der Redaktion gestrichen wird: Verdrängungsleistungen eines deutschen Kulturkonservativismus, die den Dichter treffen und in einer Mischung aus Wut und Ohnmacht zurücklassen.

Doch wäre es sicherlich zu einfach, Celan's allmählichen Abstieg in Einsamkeit und Depression nur der Gesellschaft anzulasten. Eigene labile psychische Dispositionen kommen dazu, auch nicht vollkommen aufzuklärende Schatten aus der Vergangenheit und Abgründe der eigenen Persönlichkeit. Das Vermögen des Künstlers, Alltagsdinge mythisch zu überhöhen und das Normale zum Beispielhaften zu verdichten, ist eine janusköpfige Begabung: dünner als beim Durchschnittsmenschen ist die Grenze zwischen Verstand und Phantasie, Wirklichkeit und Wahn. 1965/66 begibt sich Celan für ein halbes Jahr in eine psychiatrische Klinik am Stadtrand von Paris. Kryptische Eintragungen in einem dorthin mitgenommenen Kafka-Band zeugen von inneren Kämpfen: "Es ist noch ganz hell in meinem Kopf: Kämen Menschen, ich könnte fast neu beginnen." Später, in zerfahrener Handschrift: "Komme Tod, komme heut!" Die in dieser Zeit entstehenden Gedichte enthalten Bilder, die für sich sprechen: "Eiskummerfeder", "flutender Mob", "Bluthufe", "Lidschlagreflexe", "Wahnbrot", "Bewußtseins-Schotter", "blühende Äxte", "Müllschlucker-Chöre", "die Schminke Wahrheit blaugefrorn im Winkelmund". Aber was wie Wahn und Angstneurose klingt, ist auch ein Radikalisierungsversuch der Sprache, durch ihre Abgedroschenheit zu intensiveren Erfahrungsinhalten vorzudringen:

"Ein Wort - du weißt:
 eine Leiche.
 Laß uns sie waschen,
 laß uns sie kämmen,
 laß uns ihr Aug
 himmelwärts wenden."


Celan spricht von "Sprachgittern", die durchbrochen werden wollen, er nennt Worte "Zangen", aber auch "Zeugen der Sehnsucht", will mit seiner Arbeit "Wortschatten heraushaun". Seine Suche nach unverbrauchten Bildern und Wendungen läßt ihn auch in Lehrbüchern der Physiologie, Mineralogie, Geologie, Botanik und Glaziologie fündig werden: "Gletschertisch", "Büßerschnee", "Rautengrube", "Wabeneis","Strahlenwind" werden als faszinierende und vieldeutige "Fremdwörter" in die Gedichte übernommen.

"Nah, im Aortenbogen,
 im Hellblut:
 das Hellwort.

 Mutter Rahel weint nicht mehr.
 Rübergetragen
 alles Geweinte.

 Still, in den Kranzarterien,
 unumschnürt:
 Ziw, jenes Licht."

"Ziw" ist ein Ausdruck aus der jüdischen Mystik und bedeutet den überirdischen Lichtglanz, in dem sich die Anwesenheit Gottes zeigen kann. "Unumschnürt" und "still" ruht dieser also trotz allen Grauens für Celan doch noch in den Tiefen der menschlichen Natur. Der Dichter sucht nicht nur Bilder des Überlebens in den alten jüdischen Texten, sondern fährt 1969 auch selber nach Jerusalem, wo er einige wohltuende Tage verbringt. Er besucht die historischen Stätten und fühlt sich auf irgendwie heimischem Boden: "Jerusalem hat mich aufgerichtet und gestärkt. Paris drückt mich nieder und höhlt mich aus. Paris, durch dessen Strassen ich soviel Wahnlast, soviel Wirklichkeitslast geschleppt habe all diese Jahre."

Eine der letzten intensiven menschlichen Begegnungen findet im Schwarzwald mit Martin Heidegger statt. Der Germanist und Celan-Freund Gerhart Baumann hat sie in einem eindringlichen Buch beschrieben. Trotz Heideggers Mitgliedschaft in der NSDAP und seiner anfänglichen Begeisterung für das Dritte Reich versucht Celan, seine Bedenken zu überwinden und geht auf den Philosophen zu, der seinerseits die Arbeiten des Dichters bewundert.


   
 

   


Zu Beginn muß es ein Hin und Her gegeben haben, zwiespältige Gefühle bei Celan, die sich in brüsker Ablehnung äußern, mit Heidegger gemeinsam fotografiert zu werden, wofür er sich dann aber später entschuldigt. Erst bei langen Wanderungen durch die Wälder und Hochmoore des Schwarzwaldes kommen sich die beiden näher und suchen schließlich auch Heideggers Holzhütte in Todtnauberg auf, was Celan später zu einem Gedicht inspiriert:

"Arnika, Augentrost, der
 Trunk aus dem Brunnen mit dem
 Sternwürfel drauf,
 in der Hütte,
 die in das Buch
 - wessen Namen nahm's auf
 vor dem meinen? -
 die in dies Buch geschriebene Zeile von
 einer Hoffnung, heute,
 auf eines Denkenden
 (un-
 gesäumt kommendes)
 Wort
 im Herzen."


Kryptische Zeilen, die schwer Ausdrückbares umkreisen: zwiespältige Gefühle, Erinnerungen, Ängste, Hoffnungen, Versöhnungswünsche. "Arnika hilft bei Blutergüssen, Augentrost ist ein Balsam, den Celan aus seiner Jugend kannte", schreibt dazu sein Biograph John Felstiner: "Während der Dichter als Pilger kommt und aus Versöhnlichkeit trinkt, weckt Heideggers Brunnen eine Erinnerung an die Bukowina, das 'Brunnenland'. Der Stern auf dem Brunnen (und die Farbe der Arnika) signalisieren den gelben Judenfleck. Das Gedicht formuliert keine Anklage, sondern hält in seiner mehrdeutigen Form eher Möglichkeiten für zukünftige Gespräche bereit. Vielleicht hätte eine vertiefte Begegnung zwischen diesen beiden Protagonisten des 20. Jahrhunderts zu einer gerade auch für Deutschland heilsamen Wendung beitragen können: eine fast tragisch zu nennende Fügung, daß es dazu nicht mehr kommen sollte. Celan zeigte sich durchaus an weiteren Begegnungen interessiert, erwog sogar, von Paris nach Freiburg zu ziehen, um in einer überschaubareren und naturnahen Umgebung neue Kräfte zu sammeln. Freunde und Kollegen hatten in diesbezüglicher Vorsorge bereits eine Lektorenstelle an der Universität für ihn reserviert. Heidegger bot an, dem verehrten Dichter die "Hölderlin-Landschaft" zu zeigen und dieser bekundete sogar Interesse an einem intensiven Studium der lokalen Mundarten, um weitere Anregungen für seine Gedichte zu empfangen. Wären die beiden Denker gemeinsam in den heimatlich-mystischen Abgrund gestiegen, aus dem sich auch Teile der völkischen Ideologie speisten, die in letzter Konsequenz so viel Leid über Celan's Familie gebracht hatte?

"Eichne Tür, wer hob dich aus den Angeln?
Meine sanfte Mutter kann nicht kommen."


Welch gewaltiges Bild für das Schieflaufen von geistigen Prozessen, für das Kippen von Mythen in Zerstörungskraft, für die alles unter sich begrabene Wucht des germanischen "Weltenbaums", der eigentlich einmal ein Symbol für Leben und Wachstum war.

Trotz all solcher Annäherungen und unterschwelliger Affinitäten nahm Celan's Lebenskurve eine andere Wendung. Ein letzter Deutschlandaufenthalt im März 1970 zeigt den Dichter in einer physischen und seelischen Erschöpfung, die kaum mehr auf Regeneration hoffen läßt. Auf einem Hölderlin-Fest in Stuttgart liest er seine späten Gedichte, die sich radikal dem Publikum verweigern und nur "bedrängend und bestürzend" wirken, wie es ein Augenzeuge in Erinnerung hat:

"Sperrtonnensprache, Sperrtonnenlied.
 Die Dampfwalze wummert
 die zweite
 Ilias
 ins aufgerissene
 Pflaster,
 sandgesäumt
 staunen die alten
 Bilder sich nach, in die Gosse,
 ölig verbluten die Krieger
 in Silberpfützen, am Straßen-
 rand, tuckernd,
 Troja, das staubbekrönte,
 sieht ein."


Das Ende der Bilder, Legenden und Beschwörungen in  Alltagslärm, Pragmatismus und drastischer Veränderung? "Tuckerndes" Verbluten: pulsierende Stösse des Lebensstromes aus offener, verendender Wunde? Die Einsicht Troja's, daß es keinen Platz mehr hat in der modernen Welt? Der Freiburger Freund Gerhart Baumann unternimmt noch einige Exkursionen mit Celan, etwa zum Isenheimer Altar des Matthias Grünewald in Colmar, der den Dichter in tiefe Erschütterung versetzt. Man bespricht Zukunftspläne, plant Lesungen im Mai, trotz allem blitzen immer wieder Hoffnungsschimmer auf.

"Ohne Verspätung lief der Zug nach Basel ein"
, beschreibt Gerhart Baumann ihre letzte Begegnung: "Celan bestieg den letzten Wagen, nachdem wir gemeinsam seinen ungefügigen Koffer in den Gang hinaufgestemmt hatten. Wir verabschiedeten uns mit jener Zurückhaltung, welche die wechselseitige Rücksicht gebot. Celan öffnete das Abteilfenster: 'Sie besitzen meine Telephon-Nummer; ich bin nicht gerne angerufen. Man ist am Telephon ein anderer Mensch, man ist auf den Anrufer nicht eingestellt, ich muß die Sprache erst finden. Sie freilich können mich jederzeit sprechen, - vielleicht wird es nötig im Hinblick auf die Tagung.' Schweigend reichten wir uns die Hände, - der Zug hatte sich gemächlich in Bewegung gesetzt, Celan winkte noch lange, bis eine leichte Wendung ihn meinen Blicken unwiderruflich entzog."

Ein paar Wochen später, um den 20. April 1970, springt Celan von einer Brücke in Paris und ertrinkt - obwohl er ein guter Schwimmer ist - in der Seine. Am 1. Mai findet ein Fischer 10 km flußabwärts seine Leiche. Zuhause auf dem Arbeitstisch des Dichters findet man eine aufgeschlagene Hölderlinbiographie mit der unterstrichenen Stelle:

"Manchmal wird dieser Genius dunkel und versinkt in den bitteren Brunnen seines  Herzens."

Den Rest des Satzes markierte Celan nicht: "Meistens aber glänzet sein apokalyptischer Stern Wermut wunderbar."

 

Literatur:


John Felstiner: Paul Celan. Eine Biographie, München 1997
Gerhart Baumann: Erinnerungen an Paul Celan, Frankfurt/Main 1986
Helmut Böttiger: Orte Paul Celans, Wien 1996
Paul Celan: Gesammelte Werke, Frankfurt/ Main 1986