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Vier
Wochen haben wir für unseren Dokumentarfilm "Outlaws"
in einem Jugendgefängnis in Thüringen verbracht.
Jugendstrafanstalt heißt es im offiziellen Justizdeutsch. Die
Insassen sind zwischen 14 und 22. Die Verbrechen, für die die Jugendlichen
einsitzen, gehen quer durch die Palette der Kriminalitätsstatistik:
Diebstahl, Drogen, Raub, Körperverletzung bis zum Mord, obwohl
das eher selten ist. Selten unter anderem deshalb, weil Jugendlichen
die bei Erwachsenen häufigen Affekthandlungen und aufgestauten
Frustrationstötungen noch fremd sind.
Die Gewalt unter Jugendlichen ist offen, unverstellt und direkt. Man
sagt uns, daß es hier schlimmer ist als im Erwachsenenknast: unruhiger,
aufgedrehter, erbarmungsloser. Die Erwachsenen wollen ihre Ruhe, klären
ihre Positionskämpfe schnell und sicherlich nicht weniger brutal,
aber damit sind die Grenzen ein für alle Male gezogen. Bei den
Jugendlichen ist es ein ständiges Sich-Messen, Ausprobieren, Sich-Wichtigtun.
Der Alltag ist permanenter Kampf ums Image. Und dieses Image ist umso
besser, je mehr Macht man sich verschafft, und die bekommt man, indem
man andere unterdrückt.
Unterdrückung heißt andere zu bestehlen, sie wie Sklaven
zu halten, ihnen jede Würde zu nehmen und sie - wenn es sein muß
- körperlich zu strafen. Eine Zeitlang mußte fast jeden Tag
ein Krankenwagen kommen, um wieder einen neuen Verletzten abzuholen.
Nur durch rigide Maßnahmen können sie zur Ruhe gezwungen
und voreinander geschützt werden. Die Jüngsten und Schwächsten
werden von den Älteren und Stärkeren getrennt und in die sogenannte
geschützte Abteilung verlegt, wo sie nicht permanent der Willkür
anderer Gefangenen ausgeliefert sind.
Daß neben dem offiziellen Justizapparat eine interne Gefangenenhierarchie
herrscht, deren Getriebe durch keine noch so rigide Maßnahme gestoppt
werden kann ist alltäglicher Fakt. Die Starken, das sind die Bosse,
die Schwachen das sind die "Mutzen" oder die "Ritzen".
Die weibliche Konnotation ist gewollt, die Diener sind die Frauen, die
müssen putzen und auch schon mal - das wird uns in einem Nebensatz
erklärt - den Bossen einen blasen. Wer oben sitzt und wer unten,
ist ungefragt klar. Wer es wagt, seine ihm gesetzten Grenzen zu überschreiten,
erlebt Fürchterliches. Irgendwann sind die Türen verschlossen
oder ein Wärter sieht bewußt oder unbewußt -
gerade mal nicht hin. Dann werden offen gebliebene Rechnungen bezahlt
und es gibts eine aufs Maul. So nennen sie das selber und reden darüber
mit einer Selbstverständlichkeit, die zeigt, daß es gewöhnlicher
Alltag für sie ist, einzustecken und auszuteilen.
Spricht man sie darauf an, ist es ihnen peinlich. Sie stottern und scheinen
in einer schizophrenen Zwischenwelt zu leben: auf der einen Seite die
moralischen Werte der weit entfernten Welt draußen, die ihnen
sagen: Das darfst du nicht, auf der anderen Seite das Ausleben von übermächtigen
Trieben, denen sie ausgeliefert zu sein scheinen. Diese können
zum Beispiel dazu führen, daß ein Gefangener, der bis dahin
nichts mit Gewalt zu tun hatte, einen Mitgefangenen über eine Stunde
lang in einer verschlossenen Zelle halbtot schlägt, nur weil er
ihm nicht die Schuhe putzen wollte. Solche Geschehnisse haben sie schon
kurze Zeit später vergessen und es ist fast unmöglich, mit
ihnen darüber zu reden.

"Frischfleisch" - so nennen sie die Neuen. Ein Gefangener
hat uns die ersten Stunden im Knast so geschildert: Da wird einer mit
15, 16 oder 17 zum erstenmal eingeliefert, kennt niemanden und hat Freunde,
Familie und die Freundin für lange Zeit hinter sich gelassen. Dann
nimmt man ihm alles ab, was er besitzt und am Ende wird er mit einer
Plastiktüte in der Hand einen Gang entlanggeführt. Irgendwann
fällt die Tür hinter ihm zu, der Wärter dreht den Schlüssel
rum und geht weg. Und dann ist er plötzlich mit 2 oder 3 wildfremden
Typen allein und die kennen sich aus. Sie langweilen sich und haben
riesige Lust, etwas zu erleben. Als erstes nehmen sie ihm seine Habseligkeiten
weg und dann können sie mit ihm machen, was sie wollen.
Wenn ich diese Geschichten höre und die blassen Milchgesichter
sehe, dann stelle mir vor, was sie sich alles antun in den vielen Stunden
hinter verschlossenen Stahltüren. 24 Stunden am Tag haben sie Zeit,
und auch nachts um 2 müssen die "Diener" aufstehen und
Kaffee kochen, Zigaretten stopfen, den Fußboden oder das Klo putzen,
mit dem Besenstiel im After nackt auf dem Stuhl tanzen und singen, was
einem der Bosse gerade so einfällt.
Machtspiele nennt man das, halb kindlich noch, spielerisch eben, in
letzter Konsequenz aber eine gute Vorbereitung aufs Leben. "So
ist es nun mal", ist ihr einziger Kommentar dazu. "Es befriedigt
dich eben", sagen die Bosse, "du fühlst dich besser,
es gibt Dir einen unheimlichen Kick den anderen leiden zu sehen. Man
spürt die eigene Stärke, man spürt sich eigentlich überhaupt
erst dann."
Ein Nebeneffekt, der sich automatisch mit einstellt, ist der Reichtum,
nennen wir es einfach mal so, denn dem Vergleich mit anderen Reichtümern
hält er stand. Von 4.000 Mark an Schutzgeldern im Monat hat mir
ein Gefangener berichtet, die ein 19 jähriger Boss monatlich auf
dem Tisch ausgebreitet und gezählt hat. In aller Offenheit, denn
der Verschwiegenheit der Kumpels konnte er sich sicher sein. Aber sicher
sein konnte er sich auch, so einen Ruf erworben zu haben, der ihn unangreifbar
machte, der ihm eine Position als Herrscher über 200 andere Gefangene
sicherte.
In diesem Fall allerdings so lange, wie er im Jugendknast saß
und nicht mit der Russenmafia in Verbindung trat, die draußen
schon auf ihn wartete und ihn krankenhausreif schlug, weil er einige
Bandenmitglieder verpfiffen hatte. Irgendeinen Stärkeren gibt es
immer, hat mir einer gesagt, aber wenn's drauf ankommt, zieh ich ihm
die Rasierklinge über den Hals und dann hat er auch nichts davon.
Das Bild, das man sich nach diesen Schilderungen von ihnen macht, ist
das von blut- und rachsüchtigen Monstern. Doch weit gefehlt: Blasse,
eingeschüchterte Milchgesichter sind es oft, kleine Jungs, nett,
witzig, schlagfertig und, wenn man sie läßt, durchaus unterhaltsam.
Das große Ziel heißt Party machen, unendlich feiern, Drogen,
Frauen, große Autos. Ein Leben in Saus und Braus. Davon reden
sie ständig, dafür sind sie in den Knast gegangen, und davon
träumen sie. Wenn man sie in ihrer grauen Masse über den Hof
gehen sieht, zum Freigang, zum Essen oder zum Sport, dann spürt
man die unausgelebten Potentiale, die Energien, die sich oft in unmotiviertem
und fast tierischen Schreien Luft machen müssen. Das muß
raus und wird von allen akzeptiert, denn jeder kennt es.

Das Gefängnis ist ein Ort am Rande unseres zivilisierten Lebens,
mitten unter uns, getrennt von ein paar dicken Mauern und einigen Rollen
Nato-Draht. Aber es ist auch ein Ort, der die verborgenen Potentiale
zeigt, die in uns schlummern und immer dann geweckt werden, wenn die
Lebensumstände sich ändern und die Zivilgesellschaft Brüche
bekommt. Und mit Erschrecken muß man nach einiger Zeit, die man
an diesem Ort verbracht hat, feststellen, daß man den Schrecken
als Normalität zu akzeptieren beginnt.
Vielleicht
ist das Gefängnis in unserer sozialversicherten Welt tatsächlich
einer der wenigen Orte, an denen die dunkle Unmoral offen ausgetragen
werden kann. Und vielleicht ist das auch der Grund, warum in den letzten
Jahren so viele Filme in Gefängnissen gedreht wurden, warum Theater
oder Kunstveranstaltungen im Gefängnis gerade von großstädtischen
Intellektuellen mit Vorliebe besucht und beklatscht werden.
Unter dem Deckmantel des sozialen Engagements gönnen wir uns einen
Blick in die dunkle menschliche Grube: Sie läßt uns uns schaudern
angesichts der Erkenntnis, wie dünn die Wand ist, die uns von unseren
triebhaften, von jedweder Moral und Mitmenschlichkeit verlassenen Urgründen
trennt .
Rolf
Teigler (geb. 1957) studierte von 1986-91 an der DFFB (Deutsche
Film- und Fernsehakademie Berlin). Seit 1991 Arbeit als Tonmeister in
der deutschen Film und Fernsehindustrie und als Dozent an verschiedenen
Filmschulen. Eigene Kurz- und Dokumentarfilme, zusammen mit zwei anderen
Filmschaffenden Gründung der Filmproduktionsfirma "der
garten".
Während
der Dreharbeiten zu "Outlaws" entstand gemeinsam mit den Strafgefangenen
auch der Kurzfilm "Frischfleisch" (35 mm, 10 Min,
s/w, mit Marcel, Andreas, Michael, Natalie Hünig, Buch: Theatergruppe
der JSA Ichtershausen, Regie: Felix, Kamera: Günther Berghaus, Rocco,
Schnitt: Susanne Schiebler, Musik: Michael Ferwagner, Ralf Forster, Ton:
Dominique, Produktion: der garten Filmproduktion)
"Outlaws": ein
Dokumentarfilm mit der Theatergruppe der Jugendstrafanstalt Ichtershausen
(35 mm, 93 Min, Farbe, s/w, Kamera: Lars Barthel, Schnitt: Inge Schneider,
Musik:
Michael Ferwagner, Ralf Forster, Ton: Marc von Stürler, Buch und
Regie: Rolf Teigler, Produktion: der garten Filmproduktion)

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