"OUTLAWS":

Zur Enstehung eines Dokumentarfilmes über jugendliche Strafgefangene

von Rolf Teigler

 
 
 
 

 

Vier Wochen haben wir für unseren Dokumentarfilm "Outlaws" in einem Jugendgefängnis in Thüringen verbracht.

Jugendstrafanstalt heißt es im offiziellen Justizdeutsch. Die Insassen sind zwischen 14 und 22. Die Verbrechen, für die die Jugendlichen einsitzen, gehen quer durch die Palette der Kriminalitätsstatistik: Diebstahl, Drogen, Raub, Körperverletzung bis zum Mord, obwohl das eher selten ist. Selten unter anderem deshalb, weil Jugendlichen die bei Erwachsenen häufigen Affekthandlungen und aufgestauten Frustrationstötungen noch fremd sind.

Die Gewalt unter Jugendlichen ist offen, unverstellt und direkt. Man sagt uns, daß es hier schlimmer ist als im Erwachsenenknast: unruhiger, aufgedrehter, erbarmungsloser. Die Erwachsenen wollen ihre Ruhe, klären ihre Positionskämpfe schnell und sicherlich nicht weniger brutal, aber damit sind die Grenzen ein für alle Male gezogen. Bei den Jugendlichen ist es ein ständiges Sich-Messen, Ausprobieren, Sich-Wichtigtun. Der Alltag ist permanenter Kampf ums Image. Und dieses Image ist umso besser, je mehr Macht man sich verschafft, und die bekommt man, indem man andere unterdrückt.

Unterdrückung heißt andere zu bestehlen, sie wie Sklaven zu halten, ihnen jede Würde zu nehmen und sie - wenn es sein muß - körperlich zu strafen. Eine Zeitlang mußte fast jeden Tag ein Krankenwagen kommen, um wieder einen neuen Verletzten abzuholen. Nur durch rigide Maßnahmen können sie zur Ruhe gezwungen und voreinander geschützt werden. Die Jüngsten und Schwächsten werden von den Älteren und Stärkeren getrennt und in die sogenannte geschützte Abteilung verlegt, wo sie nicht permanent der Willkür anderer Gefangenen ausgeliefert sind.

Daß neben dem offiziellen Justizapparat eine interne Gefangenenhierarchie herrscht, deren Getriebe durch keine noch so rigide Maßnahme gestoppt werden kann ist alltäglicher Fakt. Die Starken, das sind die Bosse, die Schwachen das sind die "Mutzen" oder die "Ritzen". Die weibliche Konnotation ist gewollt, die Diener sind die Frauen, die müssen putzen und auch schon mal - das wird uns in einem Nebensatz erklärt - den Bossen einen blasen. Wer oben sitzt und wer unten, ist ungefragt klar. Wer es wagt, seine ihm gesetzten Grenzen zu überschreiten, erlebt Fürchterliches. Irgendwann sind die Türen verschlossen oder ein Wärter sieht – bewußt oder unbewußt - gerade mal nicht hin. Dann werden offen gebliebene Rechnungen bezahlt und es gibts eine aufs Maul. So nennen sie das selber und reden darüber mit einer Selbstverständlichkeit, die zeigt, daß es gewöhnlicher Alltag für sie ist, einzustecken und auszuteilen.

Spricht man sie darauf an, ist es ihnen peinlich. Sie stottern und scheinen in einer schizophrenen Zwischenwelt zu leben: auf der einen Seite die moralischen Werte der weit entfernten Welt draußen, die ihnen sagen: Das darfst du nicht, auf der anderen Seite das Ausleben von übermächtigen Trieben, denen sie ausgeliefert zu sein scheinen. Diese können zum Beispiel dazu führen, daß ein Gefangener, der bis dahin nichts mit Gewalt zu tun hatte, einen Mitgefangenen über eine Stunde lang in einer verschlossenen Zelle halbtot schlägt, nur weil er ihm nicht die Schuhe putzen wollte. Solche Geschehnisse haben sie schon kurze Zeit später vergessen und es ist fast unmöglich, mit ihnen darüber zu reden.

 




"Frischfleisch" - so nennen sie die Neuen. Ein Gefangener hat uns die ersten Stunden im Knast so geschildert: Da wird einer mit 15, 16 oder 17 zum erstenmal eingeliefert, kennt niemanden und hat Freunde, Familie und die Freundin für lange Zeit hinter sich gelassen. Dann nimmt man ihm alles ab, was er besitzt und am Ende wird er mit einer Plastiktüte in der Hand einen Gang entlanggeführt. Irgendwann fällt die Tür hinter ihm zu, der Wärter dreht den Schlüssel rum und geht weg. Und dann ist er plötzlich mit 2 oder 3 wildfremden Typen allein und die kennen sich aus. Sie langweilen sich und haben riesige Lust, etwas zu erleben. Als erstes nehmen sie ihm seine Habseligkeiten weg und dann können sie mit ihm machen, was sie wollen.

Wenn ich diese Geschichten höre und die blassen Milchgesichter sehe, dann stelle mir vor, was sie sich alles antun in den vielen Stunden hinter verschlossenen Stahltüren. 24 Stunden am Tag haben sie Zeit, und auch nachts um 2 müssen die "Diener" aufstehen und Kaffee kochen, Zigaretten stopfen, den Fußboden oder das Klo putzen, mit dem Besenstiel im After nackt auf dem Stuhl tanzen und singen, was einem der Bosse gerade so einfällt.

Machtspiele nennt man das, halb kindlich noch, spielerisch eben, in letzter Konsequenz aber eine gute Vorbereitung aufs Leben. "So ist es nun mal", ist ihr einziger Kommentar dazu. "Es befriedigt dich eben", sagen die Bosse, "du fühlst dich besser, es gibt Dir einen unheimlichen Kick den anderen leiden zu sehen. Man spürt die eigene Stärke, man spürt sich eigentlich überhaupt erst dann."

Ein Nebeneffekt, der sich automatisch mit einstellt, ist der Reichtum, nennen wir es einfach mal so, denn dem Vergleich mit anderen Reichtümern hält er stand. Von 4.000 Mark an Schutzgeldern im Monat hat mir ein Gefangener berichtet, die ein 19 jähriger Boss monatlich auf dem Tisch ausgebreitet und gezählt hat. In aller Offenheit, denn der Verschwiegenheit der Kumpels konnte er sich sicher sein. Aber sicher sein konnte er sich auch, so einen Ruf erworben zu haben, der ihn unangreifbar machte, der ihm eine Position als Herrscher über 200 andere Gefangene sicherte.

In diesem Fall allerdings so lange, wie er im Jugendknast saß und nicht mit der Russenmafia in Verbindung trat, die draußen schon auf ihn wartete und ihn krankenhausreif schlug, weil er einige Bandenmitglieder verpfiffen hatte. Irgendeinen Stärkeren gibt es immer, hat mir einer gesagt, aber wenn's drauf ankommt, zieh ich ihm die Rasierklinge über den Hals und dann hat er auch nichts davon.

Das Bild, das man sich nach diesen Schilderungen von ihnen macht, ist das von blut- und rachsüchtigen Monstern. Doch weit gefehlt: Blasse, eingeschüchterte Milchgesichter sind es oft, kleine Jungs, nett, witzig, schlagfertig und, wenn man sie läßt, durchaus unterhaltsam. Das große Ziel heißt Party machen, unendlich feiern, Drogen, Frauen, große Autos. Ein Leben in Saus und Braus. Davon reden sie ständig, dafür sind sie in den Knast gegangen, und davon träumen sie. Wenn man sie in ihrer grauen Masse über den Hof gehen sieht, zum Freigang, zum Essen oder zum Sport, dann spürt man die unausgelebten Potentiale, die Energien, die sich oft in unmotiviertem und fast tierischen Schreien Luft machen müssen. Das muß raus und wird von allen akzeptiert, denn jeder kennt es.

 




Das Gefängnis ist ein Ort am Rande unseres zivilisierten Lebens, mitten unter uns, getrennt von ein paar dicken Mauern und einigen Rollen Nato-Draht. Aber es ist auch ein Ort, der die verborgenen Potentiale zeigt, die in uns schlummern und immer dann geweckt werden, wenn die Lebensumstände sich ändern und die Zivilgesellschaft Brüche bekommt. Und mit Erschrecken muß man nach einiger Zeit, die man an diesem Ort verbracht hat, feststellen, daß man den Schrecken als Normalität zu akzeptieren beginnt.

Vielleicht ist das Gefängnis in unserer sozialversicherten Welt tatsächlich einer der wenigen Orte, an denen die dunkle Unmoral offen ausgetragen werden kann. Und vielleicht ist das auch der Grund, warum in den letzten Jahren so viele Filme in Gefängnissen gedreht wurden, warum Theater oder Kunstveranstaltungen im Gefängnis gerade von großstädtischen Intellektuellen mit Vorliebe besucht und beklatscht werden.

Unter dem Deckmantel des sozialen Engagements gönnen wir uns einen Blick in die dunkle menschliche Grube: Sie läßt uns uns schaudern angesichts der Erkenntnis, wie dünn die Wand ist, die uns von unseren triebhaften, von jedweder Moral und Mitmenschlichkeit verlassenen Urgründen trennt .


Rolf Teigler (geb. 1957) studierte von 1986-91 an der DFFB (Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin). Seit 1991 Arbeit als Tonmeister in der deutschen Film und Fernsehindustrie und als Dozent an verschiedenen Filmschulen. Eigene Kurz- und Dokumentarfilme, zusammen mit zwei anderen Filmschaffenden Gründung der Filmproduktionsfirma "der garten".



Während der Dreharbeiten zu "Outlaws" entstand gemeinsam mit den Strafgefangenen auch der Kurzfilm "Frischfleisch" (35 mm, 10 Min, s/w, mit Marcel, Andreas, Michael, Natalie Hünig, Buch: Theatergruppe der JSA Ichtershausen, Regie: Felix, Kamera: Günther Berghaus, Rocco, Schnitt: Susanne Schiebler, Musik: Michael Ferwagner, Ralf Forster, Ton: Dominique, Produktion: der garten Filmproduktion)


"Outlaws": ein Dokumentarfilm mit der Theatergruppe der Jugendstrafanstalt Ichtershausen (35 mm, 93 Min, Farbe, s/w, Kamera: Lars Barthel, Schnitt: Inge Schneider,
Musik: Michael Ferwagner, Ralf Forster, Ton: Marc von Stürler, Buch und Regie: Rolf Teigler, Produktion: der garten Filmproduktion)

 

 


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