Der Anthroposoph Florian Roder hat in seiner bedeutenden Novalis-Studie einen Ausspruch des berühmten Mathematikers Carl Friedrich Gauss (Bild) zitiert, der uns zeigt, dass auch "exakte Wissenschaftler" vom Geschenk des Intuitiven und Nichtrationalen profitieren. Nachdem Gauss vier Jahre lang mit einem schwierigen mathematischen Problem rang, schrieb er:

"Aber alles Brüten, alles Suchen ist umsonst gewesen, traurig habe ich jedesmal die Feder wieder niederlegen müssen. Endlich vor ein paar Tagen ist's gelungen ... Wie der Blitz einschlägt, hat sich das Rätsel gelöst; ich selbst wäre nicht im Stande, den leitenden Faden zwischen dem, was ich vorher wusste, dem, womit ich die letzten Versuche gemacht hatte, und dem, wodurch es gelang, nachzuweisen
." (1)


Hier hat sich im Denken ereignet, was Novalis - etwas pathetischer - mit Berührung des irdischen durch einen himmlischen Geist umschreibt, eine Beobachtung, die nicht nur viele Künstler, sondern eben auch Naturwissenschaftler, Mathematiker und Erfinder kennen: "Es dünkt dem Menschen, als sei er in einem Gespräch begriffen, und irgendein unbekanntes, geistiges Wesen veranlasse ihn auf eine wunderbare Weise zur Entwicklung der evidentesten Gedanken. Dieses Wesen muss ein höheres Wesen sein, weil es sich mit ihm auf eine Art in Beziehung setzt, die keinem an Erscheinungen gebundenen Wesen möglich ist. Es muss ein homogenes Wesen sein, weil es ihn wie ein geistiges Wesen behandelt und ihn zur seltensten Selbsttätigkeit auffordert. Dieses Ich höherer Art verhält sich zum Menschen wie der Mensch zur Natur, oder wie der Weise zum Kinde. Der Mensch sehnt sich ihm gleich zu werden."

Gauss spricht von einem "Blitz" und tatsächlich besitzt auch unsere Alltagssprache noch einige Worte für solche quasispirituellen Erfahrungen: "Geistesblitz", "Einfall", "Eingebung", "Inspiration" etc. Etwas kommt von aussen (von oben?) auf uns zu, reicht uns die Hand und belebt, erweitert oder korrigiert das bisher Gedachte. Diese Wechselbewegung von Aktivität und Empfangen, Logik und Intuition, Geist und Kosmos, Innen und Aussen meint der Begriff "atmendes Denken". Der Unterschied zu mystischen Offenbarungen oder religiösen Tranceerfahrungen liegt darin, dass dieser Prozess im Akt wachen und ichbestimmten Bewusstseins geschieht, auch wenn das Ich vorübergehend eine dienende Funktion einnehmen kann.

Novalis' Bemerkung, dass die moderne Psychologie in ihrer Untersuchung des Denkprozesses "Larven" dorthingesetzt habe, wo eigentlich "ächte Götterbilder" stehen müssten, spielt auf das Wissen antiker Kulturen um solche Dinge an. Was etwa die alten Griechen und Römer unter "Daimones", "Musen" und "Genien" verstanden, waren solch inspirierende (d.h.einhauchende) Stimmen und Wesenheiten, die den Menschen als eine Art Schutzengel begleiteten.

  Das linke Bild etwa zeigt eine solche fackeltragende Gestalt, einen geistigen Lichtbringer und Ideengeber, wie er in einem Mithraskultraum aus dem 3.Jahrhundert n.Chr. dargestellt ist. Er verleiht der linken Person gleichsam Flügel, erhebt sie zu "Geistesflügen". Erst im Mittelalter wurde der einst positive Begriff des "daimon" zum "Dämon" (Vertreter Satans) umgedeutet, weil die Kirche das Wissen der heidnischen Kulturen verabscheute. Selbst in unserem Wort "Museum" leben die alten Schutzengel noch fort, denn es war ursprünglich der Aufenthaltsort der "Musen": Göttinnen, die laut antiker Weltsicht den Dichtern, Helden, Musikern und Gelehrten erst zu ihren Leistungen verhalfen, wie etwa Thalia, Klio, Kalliope, Terpsichore, Urania etc.

1) Florian Roder: Menschwerdung des Menschen. Der magische Idealismus im Werk des Novalis, Stuttgart-Berlin 1997, 39 Zahlreiche Beispiele für den Einbruch des Intuitiv-Visionären in wissenschaftliche, künstlerische und religiöse Erkenntnisprozesse beschreibt Friedrich Copei in "Der fruchtbare Moment im Bildungsprozess" (Heidelberg 1969)