Fichte
Goethe
Buddha
Schiller
Kant

Ein wesentlicher Unterschied des "atmenden Denkens" im Unterschied zur Atemphilosophie des Ostens ist seine andere Einstellung gegenüber dem menschlichen Ich. Novalis war tief geprägt von der neuen Würde, die der Begriff des Individuums in Westeuropa aufgrund politischer und philosophischer Umwälzungen um 1800 erhielt. Das Freiheitspathos der Französischen Revolution spielte hier ebenso hinein wie das Denken etwa von Johann Gottlieb Fichte, Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller oder Immanuel Kant. So verschieden diese auch waren, alle gaben dem Subjekt menschlichen Erkennens und Handelns den allergrössten Stellenwert und verhalfen ihm zu einem emphatischen Selbstverständnis gegenüber der bisherigen Dominanz von kirchlichen oder weltlichen Autoritäten. Aufklärung, so hatte z.B. Kant gesagt, sei der Ausgang der Menschheit aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit: "Habe Mut, dich deines Verstandes ohne die Anleitung durch andere zu bedienen!" Novalis, eine künstlerischere Natur als der Königsberger Philosoph, formulierte dies so: "Das Leben soll kein uns gegebener, sondern ein von uns gemachter Roman sein."

Asien, das bis zum heutigen Tage solche geistigen Revolutionen nicht erlebte, sieht im Ich der Einzelpersönlichkeit eher etwas Negatives, das ihn von der Wahrheit abschneidet: Ziel des Erleuchtungspfades ist denn auch die Entleerung vom Ich, das Wieder-Zurücktauchen in die Leere des Nirwana, wo weder Dualismus noch Gegenständlichkeit herrschen. Methoden zur Erreichung dieses Zieles sind in Buddhismus und Hinduismus bspw. Atemübungen, Fasten, Meditation, das Rezitieren von religiösen Mantren, die Befolgung der Lehrsätze eines Gurus etc.

Es ist klar, dass die deutsche Frühromantik, die durch die Schule der oben genannten Ereignisse und Denkbewegungen gegangen war, eine Rückkehr zu solchen archaischen Techniken nicht mehr befürworten konnte. "Atmen" muss also im Novalis'schen Begriff des Denken etwas anderes bedeuten als der rein körperliche Vorgang, nämlich einen Vorgang des Pulsierens, der Beweglichkeit und rhythmischen Kraft, der die geistige Tätigkeit des Subjekts über einen rein klassifizierenden oder abstrahierenden Vorgang erheben soll. Denken war für Novalis ein emphatischer Begriff, nichts Totes, Kaltes und Blutleeres, wie es unsere Bauch- und Fun-Gesellschaft oft sieht. Auch sah er in ihm etwas völlig anderes als die asiatische Philosophie, die in der Welt der Begriffe eher schematische Gefängnisse erblickt, die von wahrer Intuition und Offenbarung ablenken.

Denken, so dagegen Novalis, sei "der edelste Ausdruck der bewusst schaffenden Lebenskräfte in der inneren Natur ... wie die Blüte, gewiss nichts als die feinste Evolution der plastischen Kräfte - und nur die allgemeine Naturkraft in der Dignität." Mit anderen Worten: Hätten Gott oder die Natur das Denken nicht gewollt, hätten sie bei der Erschaffung der Tiere Halt machen können. Sie setzten jedoch den Menschen und damit das Denken als "Blüte" und "edelsten Ausdruck" darauf. Selbstverständlich ist damit kein herumirrendes Grübeln oder seelenloses Räsonnieren gemeint, sondern eine lebendige und warme Verbindung mit den Dingen, die man durch geistige Tätigkeit von innen aufzuschliessen sucht.

Für Novalis ist das Denken ein "Organ", das - wie Auge und Ohr - geschult und erweitert werden kann. So wie ein ausgebildeter Musiker oder Maler in Klängen und Farben mehr wahrnimmt als der Normalmensch, so müsse es logischerweise auch mit dem Denken sein. Dieses sei nicht nur in der Lage, feinste Differenzierungen vorzunehmen, sondern selbst ein Prozess, in dem sich Übersinnliches ereigne. Denn in ihm geschehe - wenn man nur genau genug hinsehe - eine "Zwiesprache" von uns mit einem höheren Wesen: "Unser Denken ist schlechterdings nur eine Galvanisation ... eine Berührung des irdischen Geistes ... durch einen himmlischen, ausserirdischen Geist."

Was meint Novalis damit?