Das Gegensätzliche im Begriff "atmendes Denken", das dennoch
auf eine höhere Einheit zu verweisen scheint, durchzieht auch in anderen
Facetten das Leben des Novalis, der wohl einer der merkwürdigsten Gestalten
auf dieser Erde gewesen ist. Tagsüber als Bergwerksassessor
mit Naturwissenschaften und Technik beschäftigt, dichtete er am Abend
die "Hymnen an die Nacht" oder mystische Erzählungen,
in denen naive Jünglinge durch die Schule des Lebens Reifung und geistige
Weite erfahren ("Heinrich
von Ofterdingen"). Novalis verstand sich ebenso auf
pragmatische Untersuchungen und exakte Forschungen wie auf metaphysische
Spekulationen, die uns noch bis heute grosse Rätsel aufgeben. Er war
nicht einfach der zarte und weltabgewandte Sänger der "Blauen
Blume", zu dem ihn eine bestimmte Romantikrezeption verkleinerte,
sondern ein Misch- und Zwitterwesen von hoher Komplexität, das viele
sich scheinbar ausschliessende Talente in sich vereinte. Dass all dies in
einer Lebensspanne von nur 29 Jahren geschah, vermehrt nur das Geheimnis
seiner Person um ein weiteres staunenerregendes Detail. |