NEUE FILME:
  "RESSOURCES HUMAINES" (Regie: Laurent Cantet) erzählt unspektakulär, aber psychologisch präzise die Geschichte eines jungen Mannes, der - gerade fertig mit dem Studium - im selben Betrieb wie sein Vater eingestellt wird. Dort scheitert er mit seinen idealistischen Verbesserungsversuchen an verkrusteten Strukturen, Eitelkeit und Machtspielen. Zugleich kommt es zum Konflikt mit dem Vater, den er als Duckmäuser und Opportunisten erkennt. Hervorragendes, weil unprätentiöses Spiel der Schauspieler, gute Zeichnung auch von klischeegefährdeten Rollen (z.B. der Fabrikbesitzer) und einfachste filmische Umsetzung. Eine Wohltat neben dem vor sich hinblödelnden oder überehrgeizigen Tiefstand des deutschen Kinos ("Schuh des Manitu", "Krieger und Kaiserin" etc.)

  Der Dokumentarfilm "DER TRAUM IST AUS" (Regie: Christoph Schuch) beschreibt noch einmal Stationen der Berliner Rock-Band "Ton, Steine, Scherben" mit ihrem unvergleichlichen Sänger Rio Reiser.
Musiker heutiger Gruppen (z.B. "Element of Crime") äussern sich - mit unverhohlener Bewunderung - für die musikalisch kraftvolle und politisch direkte Message dieser Band aus den 70er und 80er Jahren. Konzertausschnitte rufen die sowohl romantische als auch bissige Power der "Scherben" in Erinnerung, die nicht nur angesichts heutiger Ereignisse (Globalisierungskritik) frisch ist, sondern auch die aktuelle Pop-Szene als grösstenteils beliebig dastehen lässt.

  "DIE FABELHAFTE WELT DER AMÉLIE" von Jean-Pierre Jeunet wollte ich mir erst nicht unbedingt ansehen, wie es immer ist, wenn alle etwas uneingeschränkt loben. Ausserdem ahnte ich nichts Gutes bei einem Regisseur, der es nötig hat, in Hollywood die "Alien"-Saga mit einem vierten Teil aufzuwärmen. Ein Freund überredete mich und ich erlebte zu meiner Überraschung einen der schönsten Filme seit langer Zeit. Alle reden von einem "Märchen" und es stimmt: Seine surrealistische Poesie und mäanderhafte Verschlingung von Details hebt diesen Film über allen Realismus hinaus und lässt ihn zu einer Art moderner "Odyssee" oder "Erzählung aus 1001 Nacht" werden.
Das Schönste aber ist seine Haltung: ein liebevoller Blick auf die Menschen mit all ihren Schwächen und Eigenheiten, Bemühungen um das Gute, Heilende, Versöhnende, ohne mit moralischem Gestus daherzukommen. Meisterhaft nicht nur die Texte, sondern auch die Kamera, die mit zur grossen Leichtigkeit dieses Wunderwerks beiträgt: Balsam für die Seele, Augenweide, geheimnisvolle Legende über die Menschen des beginnenden 21. Jahrhunderts, Liebeserklärung an Paris, die Ankunft eines Engels im Staub der Großstadt. Mehr unter: http://www.amelie-der-film.de/setup.htm

  Ganz erstaunlich für einen Debutfilm ist "ENGLAND!" von Achim von Borries, vor allem wegen seiner meist russischen oder osteuropäischen Schauspieler. Die bringen etwas Natürliches und gleichzeitig Seelenhaftes in die Geschichte hinein, wie es deutsche Schauspieler so kaum fertigbringen würden. Vor allem der Hauptdarsteller Ivan Shvedoff weiss durch sparsame, aber zu Herzen gehende Gesten und Nuancen die Tragödie eines lebenslustigen, aber in Tschernobyl tödlich erkrankten jungen Mannes wiederzugeben, der sein Glück in Berlin sucht.
Manchmal ist er ein selbstbewusster Clown und manchmal ein kleines Vögelchen, das sich in der grossen weiten Welt verirrt hat. Sein Traum ist es, einmal an die englische Küste zu reisen, weil er glaubt, dass dort wegen des Wassers das Licht ein ganz anderes sei. Als er endlich ankommt, bricht seine unterdrückte Krankheit durch und er stirbt an öden Seegestaden, die nur die Magie der Trostlosigkeit ausstrahlen. Sein Freund bettet ihn auf die Luftmatratze, mit der er auch nach Deutschland flüchtete und schiebt ihn hinaus auf die offene See. Ein kleiner, aber anrührender Film mit vielen ausdrucksstarken Passagen, der durch die starke physische Präsenz der Schauspieler immer spannend bleibt: http://www.england-der-film.de/ef/index.html

NEUE BÜCHER:
  "DIE KOSMISCHE SCHLANGE" des kanadischen Anthropologen Jeremy Narby beschreibt dessen aufregende Begegnung mit dem botanischen Wissen der Amazonas-Indianer. Woher nehmen sie die detaillierten Rezepte von Giften, Rausch- und Therapiemitteln, über die die Chemiker der grossen Pharmakonzerne staunen, die sie aber gleichwohl längst vermarkten, ohne dass die Indianer daran beteiligt würden? "Der Geist der Pflanzen sagt es uns selbst", ist die verblüffende Antwort der Schamanen, die das Denken der Wissenschaftler vor Rätsel stellt.
Narby glaubt herauszufinden, dass die Heiler in Trance auf eine molukelare Ebene geraten, in der sie die DNS sowie deren Verwandlungen wahrnehmen können. Daher die vielen Schlangen in den Mythen und Drogenvisionen der Indianer, die der schlangenförmigen Gen-Spirale entsprächen. Wenn auch diese Hypothese zu wenig belegt ist und letztlich doch wieder ein materialistisches Denken verrät, so bietet das Buch viele Einsichten in den Schamanismus Südamerikas sowie in das Umdenken etablierter Wissenschaft bezüglich dieser noch zu wenig verstandenen Dinge.

Atalante 3