NEUE BÜCHER:

 

Eine gute Ergänzung zu unserer Besprechung der Dalai Lama-Kritik von Victor und Victoria Trimondi ist dieser Erlebnisbericht des Holländers Martin Kamphuis, der in Tibet und Indien jahrelange Erfahrungen mit dem Buddhismus machte und sich dann dem Christentum zuwendete. Anfänglich begeistert von der Lehre des Buddha, lernte Kamphuis auch die verschiedenen Missbrauchsmöglichkeiten von Begriffen wie "Karma", "Reinkarnation", "Reinigung" etc. kennen und spürte immer stärker eine geistige Diskrepanz zu bestimmten Tugenden und Wertvorstellungen des Westens. Die vielen spirituell suchenden Europäer, die er in Asien traf, schienen ihm "den erstarrten christlichen Traditionen und dem Leistungsdruck der wohlstandsorientierten Gesellschaft zu entfliehen, ohne jedoch zu merken, dass sie sich in ihrer Ausübung religiöser Praktiken unter einen neuen Leistungszwang begaben." Obwohl Kamphuis nach Ruhe und Harmonie strebte, fühlte er sich "in Wirklichkeit mehr und mehr gejagt. Es kam mir inzwischen so vor, als würde ich von etwas getrieben, was nicht mehr aus mir selbst kam."


Mechanische Handlungen wie das vierhunderttausendmalige Aussprechen eines Mantras oder ebensohäufige Niederknien vor einer Gottheit befremden ihn mit der Zeit ebenso wie die häufig unkritische Hingabe junger Leute an echte oder vermeintliche Gurus. Ebenso die Beobachtung, dass bestimmte Aggressionen, innere Unruhen und Spannungen trotz der vielen Meditationen nicht wirklich aus ihm verschwanden. "Stück für Stück wurde mir deutlich, wie der tibetische Buddhismus für mich auch eine Flucht in eine andere Kultur gewesen war."

Nach vielen Experimenten und Therapien eröffnet ihm schliesslich die Begegnung mit dem Christentum einen neuen Gottesbegriff, der nicht - wie Buddha - Leben und Leiden verurteilt, sondern annimmt. Gott habe bereits im ersten Buch Moses nach der Schöpfung gesagt: "Und es war sehr gut!", ein völlig anderes Diktum als das buddhistische "Leben ist Leiden." Kamphuis nimmt Abschied von den Wünschen, die er immer in die Unerschütterlichkeit der Buddhastatue hineinprojiziert hatte und identifiziert sich mit "dem erschütternden Schmerzensbild des leidenden Menschen Jesus Christus am Kreuz." Mit dieser Darstellung habe Gott eine Brücke zu ihm gebaut, einen Weg zur Selbstakzeptanz gewiesen, die alles im Menschen annehmen kann - ohne von karmischer Vergeltung, Reinigung oder der erlösenden Leere des Nirwana träumen zu müssen. Kamphuis beschreibt hier natürlich eine persönliche Begegnung mit einer bestimmten Facette des Christentums, die ihm wohl auch von einer überzeugenden Persönlichkeit nahegebracht wurde. Dass auch in dieser Religion Psychodruck und Missbrauch vorkommen, diskutiert er nicht, da es ihm auf die Schilderung seines individuellen Offenbarungsweges ankommt. Trotz solcher "Einseitigkeiten" kann das Buch als ein ehrlicher und spannender Selbsterfahrungsbericht gelesen werden, der viele Probleme und Sehnsüchte einer ganzen Generation spiegelt.


 

Auf June Campbells Buch über ihre ambivalenten Erfahrungen mit dem tibetischen Buddhismus haben wir schon im "Schatten des Dalai Lama" hingewiesen. Es zeichnet sich nicht nur durch intime Kenntnisse dieser Religion aus, sondern auch durch einen ausgewogenen Tonfall, obwohl die Autorin durch ihre negativen Erfahrungen mit dem Lama Kalu Rinpoche durchaus ein Anrecht auf mehr Zorn gehabt hätte. Aber Campbell betreibt keine Totalkritik des Buddhismus, sondern legt nur die Finger auf ein paar Wunden, um vielleicht Beachtliches an diesem alten geistigen Erbe doch für die Zukunft zu retten. So beschreibt sie z.B. auch Aspekte des alten Tantrismus, in dem Göttinnen ("Grosse Mutter") , Nonnen und Weiblichkeit schlechthin noch einen ganz anderen Stellenwert besassen als im modernen männerdominierten Lamaismus.
"Obgleich gewisse Aspekte der tibetisch-buddhistischen Tradition den Menschen des Westens möglicherweise helfen können, ein neuartiges Verständnis der menschlichen Wirklichkeit zu entwickeln, ist es meiner Meinung nach unumgänglich, sich eingehend damit auseinanderzusetzen, welche Aspekte dieser Tradition sich im Westen als problematisch erweisen können und warum. "


  Ebenso ergänzend ist die reichhaltige Darstellung über "Geheimnisse und Mysterien" im "alten Tibet" von dem Ethnologen Gerhardt W. Schuster. Der Autor argumentiert bzgl. vieler Okkultpraktiken dieses Landes zurückhaltender und weniger wertend als z.B. die Trimondis oder Colin Goldner in seinem polemischen Buch "Dalai Lama - der Fall eines Göttkönigs". Spürbar fasziniert von den spirituellen Abgründen und Tiefen Tibets entwickelt Schuster ein detailliertes Panorama, das von Traumdeutung, Orakelmethoden, Wetterzauber, Hellsehen, Psychokinese, Medien, Dämonenbannung bis zu den Mysterien von Schwarzer Magie und Wiederverkörperung reicht. Dabei findet man packende Schilderungen von esoterischen Praktiken, die soweit von allem westlichen Denken entfernt sind, dass man zuweilen auch Gänsehaut und Befremden verspürt. So etwa bei den in Trance dahinlaufenden Lung gompas ("Schnellfüsser"), die Tag und Nacht ohne Essen und Schlaf durch die Unwegsamkeiten des Himalaya eilen, um wichtige Botschaften zu transportieren. Die Augen auf ein bestimmtes Sternbild am Horizont fixiert, schweben sie entrückt fast über dem Erdboden dahin und dürfen nicht angesprochen werden, will man ihnen keinen körperlichen oder seelischen Schaden zufügen.
Ähnlich beklemmend die "Praxis im Dunkeln", eine jahrelange Dauermeditation, bei der Lamas in kleine Steiniglus eingemauert werden, in deren Finsternis sie allmählich das Zeitgefühl verlieren und mit der grossen "Leere", dem Pulsschlag jenseits der Erscheinungswelt, verschmelzen. Bereits Sven Hedin traf in Tibet auf solche Extrempraktiken, die ihn tief aufwühlten, zumal er auf Mönche traf, die sogar auf Lebenszeit in solchen Eremitagen verschwanden. Was dem westlichen Beobachter wie lebendiges Begrabenwerden vorkommt, bedeutet - so Schuster - für den Tibeter jedoch das genaue Gegenteil: "Im Gegensatz zum westlichen Gebundensein an das Aussen, das Äusserliche, wird im tantrischen Buddhismus das mystische, innere Erlebnis zur reinsten und freudvollsten Quelle der Erkenntnis. Nur aus dieser Sicht wird auch für uns das strenge tibetische Einsiedlertum verständlich."

Schusters Buch diskutiert nicht die Frage, inwieweit der Westen solche Erkenntnisse übernehmen kann, auch vermeidet er kritische Bemerkungen über hierarchische bzw. feudalistische Strukturen hinter den beschriebenen Glaubensvorstellungen. Sein Buch kann aber als reiche Materialsammlung in Ergänzung zu den anderen hier besprochenen Werken gelesen werden, zumal es wahrscheinlich keine reichhaltigere und spannendere Lektüre zu diesem Thema gibt.

Wie schon in diesem und anderen Heften der ATALANTE angedeutet, halte ich die Anthroposophie für eine der wesentlichsten spirituellen Angebote Mitteleuropas, nicht zuletzt auch als seriöse Alternative gegen vorschnell adaptierte Religionen Asiens oder dubiose Okkultpraktiken, wie sie zur Zeit gerade Mode sind. Gerade die komplexe Lehre Rudolf Steiners aber gerät immer wieder in die Schusslinie von Kritikern, die ihr rassistisches, deutschtümelndes bzw. antisemitisches Gedankengut vorwerfen.

  Um diese Vorwürfe, die meist nur durch zusammenhangloses Zitieren gestützt werden, einmal von der Basis her ad absurdum zu führen, hat der Münchner Philosoph Lorenzo Ravagli (Foto) jetzt zwei wichtige Studien vorgelegt. In "Rassenideale sind der Niedergang der Menschheit" (mit Hans-Jürgen Bader) belegt er anhand von zahllosen Beispielen aus Steiners Gesamtwerk, dass der anthroposophische Grundimpuls immer eher auf die Individualität eines Menschen als auf seine Bluts-, Volks- oder Rassenzugehörigkeit zielt. Die wenigen Steiner-Zitate, die dennoch heute bei einigen Befremden auslösen, werden in den Gesamtzusammenhang gestellt. Die Autoren weisen z.B. daraufhin, dass sie aus Gedächtnisprotokollen von Zuhörern stammen, die oft sehr viel später aufgezeichnet wurden und bestimmte Feinheiten der Rede (Humor, Ironie, Augenzwinkern) nicht erkennen lassen.

Schliesslich sei der soziale und historische Zusammenhang, in dem einzelne Sätze stünden, von grösster Bedeutung. So wird überzeugend dargestellt, dass eine Bemerkung wie "Auch Neger sind Menschen" im chauvinistisch-rassistisch geprägten England von 1922 genau die gegenteilige Bedeutung davon gehabt haben kann, was Kritiker Steiner unterstellen.

Auch der Terminus "Arier" meinte bei ihm etwas völlig anderes als in der völkisch-ariosophischen Literatur der damaligen Zeit und kann nicht einfach als der Negativbegriff genommen werden, den er heute - nach Auschwitz - für die wenig informierte Öffentlichkeit darstellt. Spricht Steiner z.B. bzgl. der Indianer von "Dekadenz" oder "Degeneration", so meint er damit keine grundsätzliche Minderwertigkeit, sondern spielt auf Resistenzschwächen gegenüber den europäischen Eroberern an, die heute auch von indianischen Historikern eingeräumt werden: z.B. die Anfälligkeit gegenüber bestimmten Krankheiten und Seuchen, mangelnde Technik, Infrastruktur, staatliche Organisationsformen etc.
 


Da Steiner auch Europa in einem Dekadenzstadium (des Materialismus) sieht und demgegenüber sogar die Spiritualität der Indianer höherstellt, kann von rassistischer Abwertung keine Rede sein. Voraussetzung ist allerdings genaue Lektüre in grösseren Textzusammenhängen, was natürlich mühsamer ist als das Herauspicken von tabubeladenen Reizworten.

In dem Buch "Der völkisch-nationalsozialistische Kampf gegen die Anthroposophie" (bislang noch ohne Verlag) dokumentiert Ravagli mit einer ebenso grossen Fülle von Belegen, wie heftig Steiner in seiner Zeit gerade von deutschnationalen Gruppen angefeindet wurde. Selbst Hitler warf der Anthroposophie bereits 1919 "jüdische Methoden zur Zerstörung der momentanen Geistesverfassung der Völker" vor und sein Mentor, der völkische Publizist Dietrich Eckart, griff diese wiederholt im "Völkischen Beobachter" an. Auch wenn Steiner zuweilen anerkennend von "Volksseelen" oder "Volksgeistern" spricht, so meint er damit doch keine kollektiven Begriffe, sondern hohe Wesenheiten, die Einzelne zu bestimmten geistigen Haltungen inspirieren. Und wenn er den Versailler Vertrag kritisiert, tut er dies nicht aus gekränktem Chauvinismus, sondern versucht eine differenzierte Erörtung der Ursachen des Ersten Weltkrieges, die auch geistig-spirituelle Faktoren in den Blick nimmt. So wenig wie Steiner völkisch war, war er Antisemit: Seine Kritik richtet sich eher gegen dogmatische und nationalistische Tendenzen von Zionismus und orthodoxem Judentum, die er genauso wenig schonte wie bestimmte Auswüchse z.B. des Katholizismus. Allein schon Steiners zahlreiche (aber heute nahezu unbekannte) Beiträge in der jüdischen "Zeitschrift zur Abwehr des Antisemitismus" sprechen diesbezüglich für sich (nachzulesen in http://www.dreigliederung.de/archiv/455-461.html)

Ravagli macht auch ein Versäumnis der ansonsten brillianten Studie zu den "Okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus" von Nicholas Goodrick-Clarke wett, indem er differenzierter als dieser die Geschichte der Theosophischen Bewegung und ihrer völkisch-ariosophischen Ableger von 1900 an erzählt. Während Goodrick-Clarke in der Theosophie nur ein Sammelbecken für verquere Mystizismen mit beinahe zwangsläufiger Einmündung in völkische Esoterik sieht, zeigt Ravagli komplexere Verläufe auf. Auch die Anthroposophie stand zu Beginn in sympathisierender Nähe zur Theosophie, trennte sich aber mit der Zeit immer mehr von ihr und entwickelte die durch christliche Impulse mitbestimmte Geisteswissenschaft Rudolf Steiners. Verdienstvoll auch Ravaglis Hinweis auf die bereits 1947 von dem Anthroposophen Karl Heyer verfasste Kritik des "Dritten Reiches" in dem noch heute lesenswerten Buch "Wesen und Wollen des Nationalsozialismus".

Siehe auch: www.anthroposophie.net und Lorenzo Ravagli's Webseite www.anthroposophy.com

 

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