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FILME UND BÜCHER: |
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"Im toten Winkel" von André Heller und Othmar Schmiderer bietet ein langes Interview mit Hitlers Sekretärin Traudl Junge, das einem Zeitgeschichte packender und detailreicher näherbringt als viele gängige Fernsehdokumentationen über die Nazi-Zeit. Über Juden bzw. deren Vernichtung habe man in der Nähe Hitlers nicht gesprochen - so die Zeitzeugin - sie habe in einem "toten Winkel" gesessen, so wie es auch im Herzen eines Orkans manchmal ganz still wäre. Das Eindringliche an diesem Film, der nichts als Grossaufnahmen seiner Protagonistin zeigt, ist deren Ringen mit ihren Schuldgefühlen, einen der grössten Menschheitsverbrecher sympathisch gefunden zu haben. Gleichzeitig vermittelt Traudl Junge plastische Details vom Alltag in Führerbunker und Wolfsschanze, die man in dieser Form noch nie hörte. |
In vielen Szenen wird so etwas wie die Innenseite eines Diktators entblättert, manchmal bieder und primitiv, dann wieder charmant und verständnisvoll, oft auch wie ein Medium aus einer anderen Welt. "Ihm war das Menschliche fremd", ist einer der Schlüsselsätze über Hitler, er habe nur in Grössen wie "Volk", "Grossdeutschland", "Reich" etc. gedacht. Wie sehr das Nazi-Regime die Kategorie des Individuums verachtete und unmöglich zu machen versuchte, zeigen auch die Schilderungen von den letzten Stunden im Führerbunker. Nachdem der "Führer" sich erschossen hatte, blieben nur noch "Marionetten" zurück. Traudl Junge berichtet, wie ein Hass gegen ihn aufgestiegen sei, weil er seine Mitarbeiter und Verehrer verlassen habe: Da hätten sie nun herumgesessen, mit ihren Zyankali-Kapseln in der Tasche, die Himmler wegen der befürchteten Vergewaltigungen durch die Sowjetarmee verteilt hatte, aber waren mutterseelenallein, im Stich gelassen, ohne Führung und Vorbild. In den Jahren davor aber - so die sympathisch wirkende alte Dame - habe sie starke positive Gefühle für Hitler verspürt, der im persönlichen Umgang weder Allüren noch martialisches Nazi-Gehabe gezeigt hätte. Er sei ein freundlicher, väterlicher älterer Herr mit leichtem österreichischen Akzent gewesen, der seltene Ausdrücke wie "nimmermehr" benutzte und von dem man den Eindruck hatte, dass er nicht bewusst all die Verbrechen plante, die ihm später angelastet wurden. Er sei vielmehr der Überzeugung gewesen, für grosse Ideale zu handeln, denen sich der Einzelne unterzuordnen habe. Aufschlussreich sind Traudl Junges Schilderungen über die Erziehungsmaximen der damaligen Zeit, in denen "Selbstaufopferung" eine äusserst wichtige Rolle gespielt habe. Für unsere heutige Zeit, in der Hedonismus, Narzismus und "Selbstverwirklichung" angesagt sind, ist dies schwer zu verstehen. Aber aufgrund einer solchen Prägung durch den damaligen Zeitgeist wuchsen viele z.T. unmerklich in die Rollen von Untertanen, Verehrern und Handlangern hinein. Fast schmerzhaft berührt einen, wie oft die Zeitzeugin die Anklage gegen sich selbst führt, obgleich sie nach dem Krieg rasch entnazifiziert wurde und in keiner Weise an Verbrechen o.ä. beteiligt war. Sie verzeihe es dem dummen kleinen Ding von damals kaum, einen solchen Mann verehrt zu haben, aber - so fügt sie fragend hinzu - taten dies nicht Millionen andere auch? Ohne dass sie es recht gewollt habe, sei sie durch einen Schreibmaschinenwettbewerb in die engere Auswahl für einen Sekretärinnenposten in der Reichskanzlei geraten. Sie habe ihn gewonnen und sei dann persönlich von Hitler ausgesucht worden. Das habe ihr natürlich geschmeichelt, plötzlich sei sie dem berühmten Mann gegenübergestellt worden und habe der Verführung nicht widerstehen können, weiter in seiner Nähe zu arbeiten. Das Anziehende an Traudl Junge ist ihr Bemühen um Wahrheit und Objektivität, wie man es in suggestiv gemachten TV-Dokumentationen à la Guido Knopp nicht findet. Während hier Schnitt, Musik und nachinszenierte Szenen Unterhaltungswert zu erzeugen suchen, verharrt die Kamera in Hellers Film manchmal noch schmerzhaft lange auf dem Gesicht der Interviewten, nachdem sie ihre Sätze beendet hat. In Augen und Physiognomie sehen wir Erinnerungsarbeit, Entsetzen, Erstaunen, Befremden, Verwunderung über sich selbst. Anrührend auch Bilder von der Zeitzeugin, während sie auf einem Monitor ihre eigenen Äusserungen nochmal vorgespielt bekommt: Lippen vibrieren die Sätze mit, Stirnfalten ziehen sich zu, eine Frau wird wie mit einer früheren rätselhaften Inkarnation ihrer selbst konfrontiert. Einen Tag nach der Premiere des Filmes auf der Berlinale 2002 starb Traudl Junge im Alter von 82 Jahren in einem Münchner Krankenhaus: "Langsam beginne ich mir selber zu verzeihen", war einer ihrer letzten Sätze in einem Telefonat mit dem Regisseur André Heller. www.im-toten-winkel.de |
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Ungewöhnliches und authentisches Kino aus Mexiko bietet der Film "Y tu mamà también" (Lust for life) von Alfonso Cuarón, der auf den ersten Blick eine Art erotisches Road-Movie darstellt: Zwei Halbwüchsige überreden eine attraktive, aber einsame Frau zu einem Ausflug, in dessen Verlauf sie ein Stückchen erwachsener werden. Gehen einem die südamerikanischen Möchtegern-Machos mit ihren Prahlereien zu Beginn fast auf die Nerven, so schrumpfen sie doch nach einiger Zeit zu menschlich bewegenden Dimensionen. Die, die anfangs in puncto Sex scheinbar Expertenstatus zu geniessen scheinen, fangen an zu zittern, als die reife Schöne sich tatsächlich einmal einen an die Brust nimmt. |
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"Songs from the second floor" des schwedischen Regisseurs Roy Andersson ist dagegen ein langsamer, düsterer Film, der gleichwohl zu den künstlerisch interessantesten Werken gehört, die ich je gesehen habe. In ausgebleichten fahlen Bildern, die an DDR-Ästhetik erinnern und in einer Endzeit-Stimmung spielen, geistern Verlierer, Exzentriker und auch Verstorbene durch die Kulissen einer aus den Fugen geratenen Welt. Andersson drehte nahezu alles im Studio, um einen bestimmten atmosphärischen Ton jederzeit aufrechterhalten zu können. Die Drehzeit dauerte vier Jahre, vor allem auch aus Finanzierungsgründen: Da es kein konventionelles "diskutierbares" Script gab, sondern nur eine Folge von traumhaft-assoziativen Elementen, beschloss der Regisseur, die ersten 15 Minuten auf eigene Kosten zu drehen, um damit potentielle Geldgeber zu überzeugen. Dies klappte und es entstand einer der ungewöhnlichsten Werke der Filmgeschichte. Sein Inhalt ist nicht beschreibbar, eher collagenhaft werden die Bruchstücke verschiedener Biographien aneinandergereiht und variiert. |
Beklemmendes und Bizarres, schwarzer Humor und Tragisches bestimmen den Grundklang des Filmes: So sehen wir z.B. eine Tagung von Vertretern, die mit Kruzifixen handeln, schwarzgekleidete Buisiness-Leute, die sich wie mittelalterliche Geissler durch die Strassen bewegen, Gehenkte und Ermordete aus der Vergangenheit, die die Lebenden mit ihrem Schicksal konfrontieren, ein Ritualmord an den Klippen, wo ein kleines Mädchen in Gegenwart von Hunderten von Menschen ins Meer hinuntergestossen wird. Viele Bilder - gerade weil sie so "sinnlos" sind - schneiden ins Fleisch und konfrontieren uns mit den kafkaesken Tiefenschichten auch unserer seltsamen Zeit. www.rapideyemovies.de und http://home.mweb.co.za/al/aladar/page25.html |
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Mit dem Namen Holger Meins verband ich bisher nur alte Tagesschau-Aufnahmen, auf denen ein bis auf die Unterhose nackter junger Mann - abgemagert und mit wildem Langhaar - von Polizisten aus einer Terroristenwohnung geführt wird. Irgendwas hatte er mit der Baader-Meinhof-Gruppe zu tun, irgendwie war er unter rätselhaften Umständen gestorben. Auch wusste ich, dass Meins in den sechziger Jahren an der Deutschen Film- und Fernsehakakdemie Berlin (DFFB) studiert hatte, wo auch ich ausgebildet worden war. Der Dokumentarfilm "Starbuck Holger Meins" von Gerd Conradt, einem ehemaligen Studienkollegen und Freund des Terroristen, zeigte mir nun einen ganz anderen Menschen, als es die Medienklischees bisher vermocht hatten. Meins, so viele Zeitzeugen, Freundinnen etc., sei ein hochsensibler, eher schüchterner und künstlerisch begabter junger Mann gewesen, mit einer grossen Ernsthaftigkeit und der Opferbereitschaft, für eine grosse Idee sogar sterben zu wollen. Manchmal habe er jedoch auch eine harte, verbissene Seite gezeigt, unberechenbar und angriffslustig. Ich dachte an seine lauten Schreie, als er von den Polizisten abgeführt wurde, von denen man nicht wusste, ob sie Schmerzen eines Menschen oder das wilde Aufbäumen eines Tieres signalisierten. |
Gerd Conradt lässt ehemalige Weggefährten und Freunde durch eine grosse Fabrikhalle gehen, in der - wie an Wäscheleinen - Fotos, Zeitungsausschnitte und Gemälde von Meins aufgehängt wurden, die zu Erinnerungen und Assoziationen anregen. Beeindruckend die Bilder, die er von seinen Eltern malte, ein expressionistischer Holzschnitt, von dem aus Meins den Betrachter frontal fixiert sowie andere melancholischere Selbstporträts, auf denen er manchmal wie der junge Kafka aussieht. Er habe auch einfühlsame kleine Filme über gesellschaftliche Aussenseiter machen können, sagt einer der Studienkollegen, mit einer Geduld, die "wir anderen so nicht hatten." Napalm-Flächenbombardements über Vietnam, Besuch des persischen Schahs, der einer Diktatur mit Foltermethoden vorsteht, der Hass des Springer-Konzerns auf jede Form von Jugendprotest, eine intelligente Ulrike Meinhof, die nervös werdenden TV-Journalisten souverän erklärt, warum den Studenten nur der Strassenkampf bliebe, Rudi Dutschke, Rainer Langhans, Otto Schily, Fritz Teufel: viele Bilder der 68er Zeit - die ich als 15,16-jähriger zumindest gefühlsmässig miterlebt hatte - steigen in diesem Film wieder auf. Sie vermitteln tatsächlich etwas von einem miefigen, versteinerten Deutschland ohne jeden Anflug von NS-Verarbeitung, in dem noch unhinterfragte Traditionen und Autoritätsvorstellungen herrschten. Ohne die Taten der RAF entschuldigen zu wollen, versteht man die Motivationen von einigen ihrer Mitglieder, die - wie etwa auch die Meins-Gefährtin Margit Schiller - erstaunlich sympathisch herüberkommen. Der Film geleitet einen durch die Leiden und Irrwege eines modernen Werther, der einmal sagt, er müsse fragend allen Dingen auf den Grund gehen und wisse erst, wer er selber sei, wenn er Gott gefunden habe: ein deutscher Sucher, faustisch, zerrissen, idealistisch, voller Sehnsucht nach dem Absoluten, getrieben, ernst, loyal, aber auch mit einem Anflug von Verbissenheit. Französische, italienische oder amerikanische Studentenrevolutionäre waren anders. Als jedoch der Vater am Schluss erzählt, wie acht Polizeibeamten den völlig wehrlosen und nackten Gefangenen provozierten, um ihn anschliessend krankenhausreif schlagen zu können, steht man ganz auf der Seite des Angeklagten, dem übrigens nie in einem richtigen Prozess eine Mittäterschaft nachgewiesen wurde. Und man glaubt dem Vater fast auch, wenn er den Tod des hungerstreikenden Sohnes als Mord auf Raten beschreibt, da die Gefängnisleitung diese Art von Ungeziefer habe beseitigen wollen. Unangenehm in diesem Zusammenhang ein aalglatter Helmut Schmidt, der alle Ereignisse rund um Meins' Tod mit der seelenlosen Brillianz eines Juristen rechtfertigt. Solche Politiker gibt es auch heute wieder. Gretchen Dutschke, die Ehefrau von Rudi Dutschke, sagt am Schluss, heutzutage sei ja auch wieder viel von Internationalismus und Globalisierung die Rede, aber doch so ganz anders, als sie es sich damals vorstellten. |
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Siehe
auch den Essay von Carlos
Bustamante über seinen Studienkollegen H.M.
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