Die Beschäftigung des englischen Historikers Nicholas Goodrick-Clarke mit Nazi-Esoterik dauert nunmehr schon über 20 Jahre und drückt eine enorme und nicht nachlassende Faszination gegenüber dem Thema aus. Nach seinem zurecht vielgerühmten Erstling "The occult roots of nazism" (1985) und der Studie "Hitlers Priestess" über die französische Rechtsokkultistin Savitri Devi (1997) legt er nun mit "Black Sun: Aryan cults, esoteric nazism and the politics of identity" (New York/London 2002) seine Recherchen zur NS-Esoterik nach 1945 vor. Diejenigen, die mein Buch "Schwarze Sonne" (1999) gelesen haben, werden nicht allzuviel Neues darin finden: Wilhelm Landig, Miguel Serrano, Jan van Helsing und die esoterischen Vertreter der Dark-Metal-Szene sind ihnen bereits vertraut, zudem wiederholt Goodrick-Clarke auf vielen Seiten Bekanntes aus seinen anderen Büchern. So fasst er in einem eigenen Kapitel noch einmal seine Studie über Savitri Devi zusammen und wiederholt in "The Nazi Mysteries", was Thomas Hakl bereits in der deutschen Ausgabe von "Occult roots" darüber schrieb. Nichts Neues weiss der Autor auch über das Symbol der "Schwarzen Sonne" und das gleichnamige Wewelsburger Bodenornament zu berichten: Auf den Seiten 136 und 148ff seines Buches referiert er noch einmal, was ich schon darüber veröffentlicht habe.

Aufschlussreich dagegen werden für viele sicherlich Goodrick-Clarkes Recherchen zur britischen und amerikanischen Neonazi-Szene sein, deren Führer er z.T. auch persönlich kennt und in seinen Danksagungen erwähnt (z.B. William Pierce, Colin Jordan, Matt Koehl, Ernst Zündel, David Myatt, Katja Lane etc.) So berichtet er etwa über die US-Nazipartei NSWPP des Georg Lincoln Rockwell oder die "National Alliance" von William Pierce, ebenso über dessen rassistisch-antisemitische Schrift "The Turner Diaries", in dem ein bewaffneter Aufstand gegen das angeblich von Juden und Schwarzen dominierte US-Establishment gefordert wird. Eine ähnliche paranoid-militante Ideologie vertritt die in einem eigenen Kapitel behandelte christlich-rassistische Sekte "Aryan nations", die im ländlichen Idaho ein mit Stacheldraht und Schäferhunden geschütztes "Bollwerk" gegen die "fremde Tyrannei" durch Mexikaner, Schwarze und Asiaten errichtet hat.
 


"Black Sun"
sieht als Hauptantrieb für die Esoterik der neuen Rechten zurecht die Angst vor Identitätsverlust durch Globalisierung und Masseneinwanderung an. Ich fragte mich jedoch, ob nicht vor allem bei jugendlichen Anhängern der Neuheiden-, Satanismus- und Black-Metal-Bewegung auch noch andere Motive mit ins Spiel kommen: Trotz- und Protesthaltungen gegenüber einer materialistischen Gesellschaft und erstarrten Kirche, ein provozierendes Flirten mit Archaismen, die von "abendländischer Rationalität" und "Christentum" in den Untergrund gedrängt wurden. Dazu zählen etwa Elemente des Naturreligiösen, Magischen, Dämonischen und Apokalyptischen, "dionysische Reize" heidnischer Kulte und Symbole, die düstere und martialische Aura bestimmter Gottheiten, die sich natürlich gut zur Provokation eignen.
Dass Goodrick-Clarke in der Koppelung dieser Atavismen mit rassistischer Ideologie eine Bedrohung sieht, ist nachvollziehbar, weniger aber seine durch das Buch hindurchschimmernde Meinung, dass nordische Mythen oder neopagane Einstellungen generell eine Bedrohung für das Abendland seien. Vielleicht ist diese Skepsis auch durch die christliche Einstellung des Autors mitbestimmt und von dort her wiederum zu verstehen.

Goodrick-Clarkes Prognose zum Einfluss der Nazi-Esoterik auf die rechte Politik ist düster: "Wenn wir von einer möglichen autoritären Zukunft im Jahre 2020 oder 2030 zurückblicken, so könnten all diese arischen Kulte ... als frühe Symptome für grundlegende Veränderungen unserer gegenwärtigen westlichen Demokratien erscheinen." Bei allem Verständnis für das Beängstigende rechtsokkulter Strömungen ist dies jedoch eher eine Spekulation, als eine wirklich belegte These. Zumindest gilt dies für Europa, denn Horst Mahler, Gerhard Frey, Silvio Berlusconi, Jörg Haider oder Le Pen kümmern sich wohl kaum um Ufo-und Atlantis-Mythen bzw. die "Mysterien" der Wewelsburg. "Black Sun" trägt hier meiner Meinung nach etwas zu dick auf, was man auch an dem Cover sieht, das wohl bewusst für den anglo-amerikanischen Markt konzipiert wurde, der sich ja gierig auf jede Nazi-Skurrilität stürzt. So wirkt das Buch wie eine seltsame Mischung aus intensiver Recherche, Aufklärungsabsicht, uneingestandener Faszination und ein wenig Marketingstrategie, was in mir - anders als bei den überragenden "Occult roots" - auch zwiespältige Gefühle aufkommen liess. Vielleicht spielte jedoch für seine Veröffentlichung auch noch ein anderes Motiv mit, das ich wiederum aus eigener Erfahrung heraus gut verstehen könnte: der Wunsch, sich noch einmal und wie mit einem Ruck von all den Dingen zu befreien, die Goodrick-Clarke mir gegenüber einmal als "Gift für die Seele" bezeichnet hat.


 


Kaum ein Autor erregt momentan in der Öffentlichkeit soviel Aufmerksamkeit wie der als Enfant terrible verschriene Franzose Michel Houellebecq. Muslime bezichtigen ihn wegen bestimmter Stellen seines neuesten Romanes "Plattform" als Rassisten und im Berliner Stadtmagazin "Zitty" wurde dieser als "widerwärtig" beschrieben, noch bevor die deutsche Übersetzung auf dem Markt war. Ich las ihn - wie schon die Vorgängerromane "Ausweitung der Kampfzone" und "Elementarteilchen" - wieder mit Spannung, nicht ohne ein paar Mal herzhaft gelacht zu haben. Obwohl ich mit Houellebecq weder Nihilismus noch Sexbesessenheit teile, fühle ich mich von vielem tief angesprochen, vielleicht am meisten von den radikalen Darstellungen menschlicher Verzweiflung und Einsamkeit, die es so in anderer Literatur nicht gibt. Manche Stellen machen einen sprachlos in ihrer Genauigkeit und Schonungslosigkeit: Man möchte weinen oder aufschreien, aber - wegen der exakten Bilder - eher aus einem Akt der Befreiung als aus Hoffnungslosigkeit heraus. Und da der Autor seine Hauptfigur, sicherlich auch ein alter ego, in keiner Weise schont, laufen die Vorwürfe des "Rassismus" oder "Sexismus" ins Leere. Hier schimpft und vögelt keiner, der triumphiert, sondern jemand, der schon halb aus der Welt gekippt ist.

Da Houellebecq aber im Eifer seines allumfassenden Weltekels gelegentlich auch tatsächliche Absurditäten und Monstrositäten trifft, bleibt es nicht die Hassorgie eines Autisten, sondern gewinnt zuweilen objektive Qualitäten. So gelingen ihm meisterhafte Schilderungen etwa vom Sextourismus in asiatische Länder, deutscher Urlaubermentalität, Gewalttaten in Pariser Vorstädten oder von den allgemeinen Lebenslügen des "modernen" Mitteleuropäers. Die anrüchigen Stellen über den Islam werden nicht von der Hauptfigur ausgesprochen, sondern von einem Ägypter, der das alte Pharaonenreich geistig über die Errungenschaften der mohammedanischen Kultur stellt: Freiheiten, die einem Romanautor zugestanden werden müssen, wenn Literatur nicht zu "politisch korrektem" Mittelmass schrumpfen soll.

Doch der Roman erschöpft sich nicht nur in Negativitäten und virtuosen Anklagen. Anrührend wird er streckenweise dadurch, das die Hauptfigur Michel ausgerechnet in Thailand die Liebe seines Lebens - die Französin Valérie - trifft, die einen letzten Lichtblick in seiner desolaten Existenz darstellt. Mit ihr erlebt er auf einmal, was er nicht mehr für möglich gehalten hat: Hingabe, Wärme, Opferbereitschaft, echte Liebe. Am Schluss wird sie beim Überfall eines islamistischen Terrorkommandos auf einen Sex-Ferienclub getötet und Michel vegetiert in sprachloser Verzweiflung seinem Ende entgegen:

"Bis zum Schluss werde ich ein Kind Europas, ein Kind des Kummers und der Schande bleiben. Ich habe keinerlei Hoffnungsbotschaft zu verkünden. Ich empfinde keinen Hass auf die westliche Welt, höchstens tiefe Verachtung. Ich weiss nur, dass wir alle, die wir hier sind, von Egoismus, Masochismus und Tod durchdrungen sind. Wir haben ein System geschaffen, indem es ganz einfach unmöglich geworden ist zu leben; und dieses System exportieren wir noch dazu ... Ich habe den Hass, die Verachtung, den Verfall und verschiedene andere Dinge kennengelernt. Ich habe sogar kurze Momente der Liebe kennengelernt. Nichts von mir wird mich überleben, und ich verdiene es auch nicht, dass mich etwas überlebt, ich bin mein ganzes Leben lang in jeder Hinsicht ein mittelmässiger Mensch gewesen."

  Ein exzellentes Buch zum Themenschwerpunkt dieser ATALANTE ist "Das Leben als kosmisches Fest - Magische Welt des Tantrismus" von Helmut Uhlig. Das Wort "Tantra" ist in unseren Breitengraden zu einem Synonym für Sexorgien oder dubiose erotische Vereinigungen verkommen, meint aber ursprünglich nichts anders als "Allverwobenheit". Tantrismus ist eine Philosophie der ganzheitlichen Weltbetrachtung, in der auch selbstverständlich die Kräfte des Weiblichen und Männlichen zusammenwirken. Uhlig fasst den Begriff weit und verfolgt ihn bis in die europäische Steinzeit zurück, wo bereits Bilddarstellungen von "Grossen Göttinnen" mit gehörnten Wesen diese Dialektik andeuten. In vielen archaischen Hochkulturen begegneten sich im Ritual der "Heiligen Hochzeit" Priester und auserwählte Frauen als Sinnbild für die Vermählung von Himmel und Erde. Vor allem die patriarchalen Formen jüdisch-christlicher Religiosität schnitten das Abendland von solchen mythologischen Vorstellungen ab und installierten die einseitige Figur eines Vatergottes. Feindschaft gegenüber Körperlichkeit, Weiblichkeit und Sexualität waren die unausweichliche Folge. Spannend, wie Uhlig anhand des Neuplatonikers Plotin oder mancher gnostischer Sekten nachweist, wie Tantrismus auch noch im frühen Christentum existierte, aber dann nach und nach eliminiert wurde.

So ist diese Philosophie heute nur noch in Asien zu beobachten und Uhlig führt einige Spielarten vor, die sich jedoch unterscheiden und auch der Sexualität ganz verschiedene Bedeutung beimessen. Leider vernachlässigt das Buch neuere europäische Versuche, den Tantrismus wieder zu integrieren, etwa die Matriarchatsforschung von Heide Göttner-Abendroth oder die - mal banaleren, mal interessanteren - Versuche moderner "Hexenkreise", etwa der Wicca-Bewegung. Interessant ist auch der abschliessende Essay des Berliner Philosophen Jochen Kirchhoff, der sich z.B. die Frage stellt, wie eine "tantrische Wissenschaft" aussehen könnte: ein Modell neuen Denkens, in dem subjektiver Einzelmensch und "objektive" Forschung, Intuition und Rationalität, Verschmelzung und Abstraktion eine Einheit eingehen könnten. Laut Kirchhoff wird die gegenwärtige Welt vorwiegend von einem abstrakt-männlichen Logos beherrscht (etwa in Wissenschaft, Wirtschaft, Politik), der gerade "weibliche" Qualitäten wie Mitgefühl, Emphase, Intuition verschmäht und dadurch eine so grosse globale Durchschlagskraft erreicht. Als Vordenker einer solchen "tantrischen Wissenschaft" werden etwa Wilhelm Reich, Stanislav Grof, Ken Wilber und Rupert Sheldrake genannt.

  Aus der Flut von Keltenbüchern der letzten Jahre ragt Bernhard Maiers Veröffentlichung "Die Religion der Kelten" vor allem durch fundierte Forschung und lesbare Wissenschaftlichkeit heraus. Der Bonner Religionswissenschaftler zieht nicht nur römische, griechische, irische und walisische Textquellen heran, sondern befragt vor allem die moderne Archäologie, was wir über die keltische Glaubenswelt wissen können. Denn die Keltenideologie der letzten 200 Jahre hat über dieses Urvolk Europas auch einen Schleier von Romantik, Schwärmerei und politischer Inanspruchnahme gelegt, der ein diffuses, aber bis heute fortdauerndes Bild erzeugte. Maier weist zwar daraufhin, dass es unmöglich sei, ein der griechischen Antike vergleichbares homogenes Bild keltischer Religion zu zeichnen, aber viele konkrete Aussagen über Götter, Mythen, Rituale und Jenseitsvorstellungen sind dennoch möglich. Spannend wird es immer dann, wenn archäologische Funde Aussagen in alten Texten stützen, die durch ihre subjektive Einfärbung bisher immer eher als verdächtig galten. So wird durch die Spatenwissenschaft z.B. die Wichtigkeit des Opfers innerhalb der keltischen Religion sichtbar, wozu auch gelegentliche Menschenopfer gehörten.


Mit diesen Gaben versuchte man den Göttern zu danken, sie um etwas zu bitten, eine Untat zu entsühnen, das Fundament eines Hauses zu stärken oder eine Weissagung zu ermöglichen. Dazugehörige Kult- und Opferplätze fand man bspw. auch in Süddeutschland und Bayern, etwa in Höhlen, Felsspalten, Quellen, Seen, Flüssen oder Mooren, die als Eingang zur Unterwelt galten. Ausgegrabene Wälle, Gräben oder hölzerne Palisaden scheinen die altrömischen Bemerkungen über die "heiligen Haine" der Kelten zu bestätigen, deren Tempel wohl eher aus Umgrenzungen innerhalb der offenen Natur als aus festgemauerten Gebäuden bestanden. Interessant sind weiterhin Funde von durchaus menschengestaltigen Götterstatuen, die aber dennoch in rauhen, angedeuteten Formen verbleiben statt realistisch Gesichter nachzuahmen. Hier tut sich die spannende Frage auf, ob dies aus handwerklichem Unvermögen oder bewusst geschah. Vergleiche mit keltischen Münzdarstellungen oder Köpfen auf Fibeln etc. scheinen in letztere Richtung zu deuten: Die Kelten wirken gegenüber den Griechen und Römern wie frühe Surrealisten oder abstrakte Künstler, die eher Innen- als Aussenwelten schildern wollten. Archäologisch belegbar ist auch ihr Glauben an ein Jenseits nach dem Tode durch Funde von Grabbeigaben und Konservierungstechniken (z.B. einbalsamierte Schädel). Offenbar stimmen auch hier die Zeugnisse von antiken Autoren (Caesar, Valerius Maximus, Lucan, Diodor von Sizilien, Poseidonius), wonach die "Seelenwanderung" einer der wichtigsten Lehrsätze der keltischen Druiden war.


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