NEUE FILME UND BÜCHER:

 
  David Lynch sagte einmal in einem Interview, das Gehirn gleiche einem Ozean, in dem Millionen Fische herumschwimmen. Manche davon seien "Filmfische": wenn man sie herauszöge, hinge eine ganze Geschichte daran. Metaphorische Annäherungen eines Filmemachers an das dunkle Geheimnis des Zusammenhanges seiner Bilder. Lynchs Filme folgen einer durchaus zwingenden Logik, obwohl sie die herkömmliche mit Füssen treten. Feineres, Tieferes als die Kausalität des Alltäglichen wird hier gesponnen. Vielleicht fügen sich jedem die Dinge so morgens um halb vier zusammen, wenn man nicht mehr schlafen kann und dennoch in wacher Trance verharrt.

Beim Rasieren hat man diese Erlebnisse schon wieder vergessen, da sonst kein Leben möglich wäre, andererseits braucht man Künstler wie Lynch, um nicht ganz von diesen Unterströmen abgeschnitten zu sein. So trifft die Heldin seines jüngsten Filmes "Mulholland Drive" bei ihrer Ankunft in Hollywood weniger auf festumrissene Menschen, als auf Kräfte, Geheimnisse, Energien, Metamorphosen, die sowohl in Palästen als auch hinter Abfallhaufen auf sie lauern: Bedrohliches, Fremdes, Pathologisches, Übersinnliches, Verquickungen von Macht, Geld, Showbuisiness und beinahe okkulten Stimmungen. Lynch spürt immer einem "secret America" nach, das für ihn wie ein fremder Planet aussieht, der sich - um die Menschen zu täuschen - in vertraute Strukturen gekleidet hat. In einem Gespräch hat er einmal angedeutet, dass er ein bisschen an so etwas wie Geheimgesellschaften und Verschwörungstheorien glaubt: Hinter den Kulissen ist alles ganz anders, vor allem in den USA. Weil er den Mut zum langsamen suggestiven Erzählen hat und die Kunst der organischen Übergänge beherrscht, folgt man ihm traumwandlerisch in jede noch so scheinbar entlegene Phantasie. Man kennt vieles davon aus Träumen und Vorahnungen, vielleicht auch aus Drogenerlebnissen. Einer der wenigen modernen Regisseure, die noch wirklich visionäre Dinge zu bieten haben, wie man sie sonst nur aus grosser Literatur oder bildender Kunst kennt (E.A.Poe, Jorge Luis Borges, Salvator Dali, Francis Bacon etc.) www.mulhollanddrive.com

  Ein packender und ungewöhnlicher Thriller ist auch "The Deep End" von dem Regie-Duo Scott Mc Gehee und David Siegel: Margaret Hall (Tilda Swinton) findet den schmierig-machohaften Geliebten ihres Sohnes am Morgen tot auf ihrem Grundstück und "entsorgt" ihn im See. Jemand schickt einen Boten (Goran Visnjic), um sie mit einem Video zu erpressen, das sexuelle Aktivitäten ihres Sohnes mit dem Opfer zeigt und fordert 50.000 Dollar. Merkwürdige Verwicklungen führen dazu, dass dieser Bote irgendwann Mitleid mit der Mutter entwickelt und zwischen beiden entsteht eine seltsame Nähe, die sogar in eine Liebesgeschichte münden könnte. Am Schluss kommt der Bote jedoch ums Leben, alles scheint auf verrückte Weise wieder "im Lot" zu sein und der Sohn beginnt zu ahnen, was seine Mutter für ihn durchgestanden hat.

Eine einfache und doch raffinierte Geschichte, die in den überwältigenden Kulissen des Tahoe-Sees in den Bergen von Nevada angesiedelt ist: ein Touch von Norwegen oder Schottland mitten in Amerika.
Getragen wird der Film vor allem durch das überragende Spiel von Tilda Swinton, die hier ihr bisheriges Meisterstück abliefert: keine Sekunde "Schauspielerei", sondern ein geradezu beängstigend von innen aufgebauter Part. Hier spielt die Frage, wie man auf der Leinwand aussieht, keine Rolle mehr, z.B. als sie wie ein hagerer, albinohafter Fisch hinunter zu dem Opfer in den See taucht, um seinen Autoschlüssel zu holen, damit das verdächtige Cabriolet auch noch beseitigt werden kann: eine surreale Szene mitten im wirklichen Leben, wie man sie selten im Kino sieht. "The Deep End", der nach einer Romanvorlage von Elizabeth Sanxay Holding gedreht wurde, zeichnet sich auch durch eine gute Message aus, wie sie die meisten nur noch auf Bildsuggestion ausgerichteten Filme heute kaum mehr haben: Es geht um Liebe in einem unsentimentalen Sinn und die Erweiterung unseres Blickes auf Menschen, die immer auch anders sind als sie nach aussen hin scheinen. www.thedeepend.de


  Tom Tykwers "Heaven" ist kleiner und zahmer, dennoch ein schöner und gelungener Film. Eine junge Frau versucht einen Drogendealer mit einer Bombe zu töten, scheitert dabei und wird von der Polizei verhört, wobei sich ein junger Beamter in sie verliebt. Ich mochte den Film vor allem auch, weil der Regisseur damit nach den letzten schwächeren Werken ("Krieger und Kaiserin", "Lola rennt") wieder zu den Stärken seines Filmes "Winterschläfer" zurückfand: intensives Schauspielerkino und eine originelle, aber nicht modisch aufgepeppte oder künstlerisch manirierte Bildersprache. Zudem rührt das Spiel der gut ausgesuchten Hauptdarsteller (Cate Blanchett, Giovanni Ribisi) an. Natürlich verdankt der Film viel dem Drehbuch von Kieslowski, das Tykwer in seiner Einfachheit und dennoch Genauigkeit so nicht zustandegebracht hätte. Vielleicht sollte er mehr fremde Stoffe verfilmen und könnte damit bestimmten Aspekten der Selbstverliebtheit entgehen.


Schwachpunkt von "Heaven" ist der zu kurz geratene zweite Teil, der ein intensiveres Kennenlernen der beiden Protagonisten ermöglicht hätte. So schnell wird aus einem Carabiniere kein softer Liebhaber und der erste Sex des Paares wäre durch mehr gemeinsam Erlebtes noch verstärkt worden. Hier hätten auch Reibungen, Konflikte, Entfremdungen zwischen den beiden hineingehört, eine vielschichtigere "Odyssee" durch die Toskana, die im Film nur als - mit Gelbfilter aufgenommene - Traumlandschaft auftaucht. Aber die Drehbuchvorgabe war nicht veränderbar und somit gehen diese Einwände nicht auf Tykwers Konto. Trotzdem ein herausragender Film mit Mut zu knisternder Stille und intimen Momenten.
www.heaven-derfilm.de


  Einer der Vorteile Berlins ist die Möglichkeit, auch kleinere ausländische Filme in Originalsprache mit deutschen Untertiteln zu sehen. So der eindrückliche persische Film "Schwarze Tafeln" von Samira Makhmalbaf. Rauhe Sprachlaute und Landschaftsaufnahmen führen einen ins Eintönige und Staubige von endlosen Steinwüsten, in denen Menschen z.T. noch wie in Urzeiten leben und vor allem überleben müssen. Ein paar junge Lehrer machen sich - mit grossen Tafeln auf dem Rücken - auf die Suche nach Schülern in entlegenen Dörfern, aber niemand braucht sie. Worte wie "Bildungspolitik" oder "Pisa-Studie" stürzen in sich zusammen angesichts der Zustände in solchen Regionen: Hier lernt man durch soziale Vorbilder, Arbeit und Kampf, bereits die Kinder sind vorbehaltlos allen Strapazen der Existenz ausgesetzt.
Die Regisseurin führt uns sehr dicht und zuweilen mit schmerzhafter Eindringlichkeit an die Realität eines uns weitgehend unbekannten Landes heran, das zwischen religiöser Leidenschaft, archaischen Gemütsregungen und trostloser Armut hin- und herpendelt. Kein Kino zum Geniessen, obwohl es Witz und märchenhafte Poesie enthält. Doch die tragischen Härten überwiegen: z.B. missglückte Hochzeiten, räudige Kinder mit grausamen Geschichten, alte Männer auf der Flucht, von denen einer nicht mehr pinkeln kann. Wenn es ihm nach Tagen doch endlich gelingt, fliesst ein Strom von Erlösung durchs ganze Kino und wie Wohltat auf den kargen, von der Sonne zerrissenen Boden. Ein eindrucksvoller, fast dokumentarischer Film, der mehr von einem islamischen Land erzählt als es Fernsehbeiträge und Sachbücher je könnten.

 

Saftig und üppig dagegen die Landschaften in Volker Koepps Film über die "Uckermark", der zu den Highlights der diesjährigen Berlinale gehörte. In gewohnt gelassener Manier streift der ehemalige DEFA-Dokumentarist (siehe "Kurische Nehrung" in Atalante 2) durch bestimmte Landstriche, spricht Menschen aller Couleur an und verwickelt sie in aufschlussreiche Gespräche über Gegenwart und Vergangenheit. Dabei treten z.B. einfache Leute auf, die vom DDR-Regime und der Wiedervereinigung gleich zweimal geprellt wurden sowie aufs Land emigrierte Künstler oder Adelige, die ihre alten Güter wieder neu bewirtschaften.


So die sympathische Familie von Arnim (Nachfolger der romantischen Dichter Achim und Bettina von Arnim), die ihre Aura als "landlords" bewahren, aber trotzdem ein gutes Verhältnis mit den Einheimischen zustandegebracht haben. Unangenehm waren leicht gehässige Zuschauerfragen nach der Aufführung im Delphi-Palast, ob denn die Familie Arnim auch negative Seiten hätte und wo der "Standpunkt" des Filmes bliebe: verhüllte Animositäten gegen die Präsentation von Adeligen jenseits von Karrikatur oder sozialistischer Empörung. Die anwesende Familie blieb gelassen und wieder einmal hinterliess eine Berlinale-Zuschauerdiskussion einen schalen Beigeschmack. Erfreulich, dass "Uckermark" im Herbst auch seinen Weg ins Kino finden wird: anderthalb Stunden entspanntes und intelligentes Reisen in einen Landstrich unweit von Berlin, der dennoch vielen unbekannt ist. So auch - laut Koepps Auskunft - den Fernsehredakteuren vom Südwestfunk in Baden-Baden, die das Projekt mitfinanzierten.

Zwei weitere spannende Dokumentationen der Berlinale 2002 waren "Kult der Steine" (Luigi di Gianni) und "The Settlers" (Ruth Walk) , die beide - so verschieden sie auch waren - beklemmend von religiösen Obsessionen mitten in der modernen Welt erzählten. "Kult der Steine" zeigte ältere ethnographische Aufnahmen von magischen Bräuchen aus dem ländlichen Italien der 60er Jahre: Beschwörungen von "heiligen Steinen" und Fruchtbarkeitsgöttern, Initiationsreisen in archaische Höhlen und Krypten, Begegnungen mit einem zutiefst mystischen Katholizismus von Madonnenverehrung und ekstatischen Prozessionen. Trotzdem ich weissgott aufgeschlossen gegenüber Mythen und Spiritualität bin, schnürten mir viele Aufnahmen den Hals zu, weil hier die enge Verbindung von Armut, Aberglauben und Traditionsverhaftetheit drastisch vorgeführt wurde. Eine Stimmung von Unfreiheit lag über den ganzen Bildern, man fühlte, dass sich diese Menschen nicht aus eigener Entscheidung mit religiösen Fragen beschäftigen, sondern Gefangene ihrer Herkunft und ihres Milieus sind. Zuweilen wünschte ich ihnen einen vollen Lichtstrahl Aufklärung in ihre armselige Hütten, dunklen Kulthöhlen und raunenden Beschwörungen. Ein Film, der wieder einmal klarmachte, dass mythische Traditionen heute eigentlich nur noch in ästhetischer Rezeption "beerbt" werden dürfen, wenn Bewusstseinsklarheit und Willensautonomie nicht angetastet werden sollen.

Das Video "The Settlers" zeigte zum ersten Mal das Innenleben militanter jüdischer Siedler in Hebron und erzeugte Beklemmung durch ähnliche irrational-religiöse Grundhaltungen und Gruppenzwänge, an die kein Argument mehr heranreicht. Hübsche jüdische Frauen deuten auf ihr "Heiliges Land" hinaus und beschweren sich, dass dessen Schönheit durch die darin wohnenden Araber gestört würde. Aufgebrachte Rabbiner erregen sich über den Begriff "jüdische Siedlungen": diese seien in Wahrheit materialisierte und vom Himmel gesandte göttliche Gedanken, zeitlos, ewig, unantastbar. "Das Land Israel wird von oben herab besiedelt, die Erde, die Bäume, die Steine, die Felder, die Blechhütten und die Runkelfelder, all das ist von oben zu uns gekommen. Die Lichter des Herrn leuchten oben und jedes Gebäude, das hier errichtet wird, ist ein zusätzliches Licht im Tempel des Herrn ... Wie kann man uns das Bauen verbieten?" Eine Sekte von religiösen Fanatikern, äusserlich sympathisch und intelligent, innerlich von eisenharten Motivationen getrieben, die bis ans Messer gehen. Nach der Vorführung des Videos erzählte eine Frau im Publikum von eigenen Erlebnissen in solchen ultraorthodoxen Gruppen und wie vor allem Frauen unter den religiös-patriarchalen Zwängen zu leiden hätten. Die israelische Filmemacherin Ruth Walk berichtete, dass ihre Landsleute kaum etwas Genaueres über die Siedler wüssten bzw. wissen wollten. Vielleicht werde ihr Film in ihrer Heimat gezeigt, sicher sei dies jedoch nicht. Am Ende herrschte eine eher hilflose Stimmung im Saal gegenüber einer scheinbar ausweglosen politischen Situation, über die eigentlich viel mehr im Stil dieses Filmes aufgeklärt werden müsste.


Atalante 6   "Rivers and Tides"