NEUE BÜCHER:

Die beiden in dieser Atalante vorgestellten Bücher gehören im weitesten Sinne zum Thema "Heidentum-Christentum" und beleuchten sich - trotz ihrer Gegensätzlichkeit - sogar auf interessante Art und Weise.

  Die Habilitationsschrift des Berliner Historikers Uwe Puschner untersucht - was lange fällig war - die Ursprünge der völkischen Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich. Bereits um 1860 formierte sich diese Ideologie, deren Mischung aus völkischem Pathos, Antisemitismus und germanischer Mythologie später auch das Denken führender Nationalsozialisten beeinflusste. Puschner, der sich über 10 Jahre lang mit dem Thema auseinandergesetzt hat, legt eine sorgfältig recherchierte und in vielen Aspekten differenzierte Studie vor, die im Ton nicht das Herablassende mancher anderer Publikationen hat. Überzeugend seine Analyse der völkischen Bewegung über die Schlüsselbegriffe Sprache, Rasse und Religion, ebenso der Bezug auf das umfangreiche Zeitschriftenwesen der damaligen Zeit, das eine ergiebige Quelle darstellt. Aufschlussreich auch die detaillierten Informationen über wichtige, aber heute nahezu vergessene Köpfe der völkischen Ideologie, die durchaus verschiedene Charaktere waren: etwa Ernst Wachler, Willibald Hentschel, Theodor Fritsch oder Friedrich Lienhard.


Ein wichtiges Fazit der Arbeit: Zwar übernahmen etliche Nazis völkische Denk- und Sprachmuster, aber von einem zwingenden oder geradlinigen Übergang der einen in die andere Bewegung kann kaum die Rede sein. So gab es sowohl Nationalsozialisten, die sich über die "Völkischen" als weltfremde Schwärmer lustig machten, als auch völkische Denker, die im Lauf der Zeit auf Distanz zum Dritten Reich gingen (etwa Hentschel und Wachler).

Ein Manko der Arbeit liegt vielleicht darin, dass das Kapitel "Rasse" mit seinen 154 Seiten den Religions-Teil (nur 60 Seiten) etwas in den Hintergrund schiebt. Hier hätte man sich weitere Analysen z.B. zu den mythologischen und "naturreligiösen" Aspekten der Bewegung gewünscht, die ja einen Grossteil ihrer Faszination ausmachten. Interessant wäre auch die Frage gewesen, inwieweit die völkische Richtung auch Züge einer Ersatzreligion trug, die Verluste eines sich immer stärker säkularisierenden Christentums wettzumachen versuchte. Puschners Zitatenauswahl beschränkt sich meist auf die skurrilen, rassistischen bzw. patriotisch auftrumpfenden Stellen in der völkischen Literatur. Deren Sprache enthielt in der Tat viel Verqueres, Fanatisches und Gewalttätiges, aber sie kannte durchaus auch von Mythologie, Poesie und starkem Naturerlebnis inspirierte Bilder (etwa bei Lienhard), die in ihren Sehnsüchten, Ängsten und spirituellen Phantasien ein tiefes Unbehagen gegenüber der damaligen Zeit spiegelten. Bei der Lektüre von Puschners Buch spürt man gelegentlich das Bedürfnis, dieses konkreter nachempfinden zu wollen bzw. zu verstehen, wo z.T. auch berechtigte Kritikpunkte an damaligem Materialismus, Rationalismus und erstarrtem Christentum in radikale Ideologeme umschlugen.

Vielleicht liegen hier aber auch Grenzen für eine akademische Arbeit, zumal im immer noch vom Trauma des Nationalsozialismus geprägten Deutschland. Ein solches Thema, das ohnehin von der Zunft noch nicht ganz ernstgenommen wurde, darf sich kaum ein partielles Miterleben oder gar Verständnis für Teilaspekte eines solchen Gegenstandes leisten, sondern muss letztlich doch alles wieder in seiner Vorläuferschaft zum Nationalsozialismus sehen. Dadurch gehen manche Nuancen verloren, die noch mehr von der Vielschichtigkeit des Themas sichtbar gemacht hätten. Die Dissertation "The Occult Roots of Nazism" des englischen Historikers Nicholas Goodrick-Clarke ging diesbezüglich ein Stück weiter, z.B. wenn sie einigen völkischen Autoren auch "Liebe zur Natur" oder die Fähigkeit zu "atmosphärischem Erzählen" zugestand. In seiner Beschreibung des österreichischen Schriftstellers Guido von List etwa beginnt Goodrick-Clarke nicht gleich mit einer distanzierenden Vorverurteilung, sondern schildert dessen allmähliche Entwicklung von einem romantischen Naturmystiker zum "ariogermanischen" Rassenideologen. Ähnliches geschieht bei dem Katharer-Forscher Otto Rahn. Obwohl dieser später Mitglied der SS wurde und sein zweites Buch "Luzifers Hofgesind" völkisch-antisemitische Untertöne enthält, konzediert Goodrick-Clarke ihm auch eine "dichterische Ader", "relative Gelehrtheit" und ein aufrichtiges Suchen nach verschütteten heidnischen Traditionen.

Ein solches, mit entsprechenden Zitaten unterstütztes Vorgehen trübt in keiner Weise den kritischen Blick, aber macht dem Leser verständlicher, warum derartige Denkweisen in ihrer Zeit so viele Menschen fesselten. Ähnliche Gefühle des Nachvollziehenkönnens kommen bei Puschners Arbeit selten auf. Offen bleibt auch die Frage, warum der Autor selbst durch dieses Thema so viele Jahre in den Bann gezogen wurde. ATALANTE wird solchen Fragen vielleicht einmal - unabhängig von diesem Buch - in einem längeren, grundsätzlicheren Beitrag nachgehen, in dem z.B. der von der Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston geprägte Begriff der "kognitiven Leidenschaften" (Staunen, Neugier, Entsetzen, Faszination) einmal im Hinblick auf die Geschichtsforschung befragt werden könnte.  

Diese Affekte sind auch in jedem Wissenschaftler wirksam, werden aber hierzulande - zumal bei der Beschäftigung mit den dunkleren Kapiteln der eigenen Geschichte - gerne verdrängt bzw. unterschlagen. Nichtsdestotrotz ist Puschners Buch eine wichtige ergänzende Studie und bedeutend allein schon wegen seiner grossen Materialfülle und vieler genauer Einzelanalysen. Eine interessante Ergänzung mag der neugierige Leser in dem Katalog der Ausstellung "Die Lebensreform" finden, die Anfang 2002 in Darmstadt stattfand und vor allem auch auch stimmungsmässige, künstlerische und "spirituelle" Facetten der damaligen Zeit veranschaulichte: http://www.mathildenhoehe.info/indexhtml.html



  Was hat nun die völkische Bewegung mit Humphrey Carpenters Biographie des englischen Altphilologen und Schriftstellers J.R.R. Tolkien zu tun? Ein Zitat vom Schöpfer des "Herrn der Ringe" mag es verdeutlichen: "Ich hege ... einen heissen persönlichen Groll gegen Adolf Hitler, diesen frechen kleinen Ignoranten, der den edlen nordischen Geist, jenen vortrefflichen Beitrag zu Europa, den ich immer geliebt und in seinem wahren Licht zu zeigen versucht habe, ruiniert, verdorben und missbraucht hat, so dass er nun für immer verflucht ist."
Ob dieser Satz wohl all den Millionen Kinogängern bekannt ist, die sich momentan die Neuverfilmung des "Herrn der Ringe" ansehen?
Auch John Roland Reuel Tolkien (1892-1973) hätte vielleicht so etwas wie ein völkischer Schriftsteller werden können. Von Anbeginn interessierte er sich leidenschaftlich für die alten nordischen Sagen, die "Edda", die Artus-Legenden, das Beowulf-Lied, mit denen er sich als Altphilologe auch an der Universität (Oxford) beschäftigte. Tolkien hegte auch starke patriotische Empfindungen: Seine phantastischen Romane entstanden u.a. aus dem Bedürfnis, für sein geliebtes England eine eigene Mythologie zu schaffen, wie sie etwa die Finnen mit ihrem Kalevala-Epos schon besassen.


Vielleicht war es britischer Humor und poetische Begabung, die aus dem Franzosenhasser keinen völkischen Ideologen, sondern einen Märchenerzähler machten, für den stets der Zauber von magischen Worten und Bildern im Mittelpunkt stand. Den ersten Anstoss für Tolkiens Romane gab der Klang walisischer Namen, die er als Kind auf einem Kohlenwaggon erblickte: "Nantyglo", "Senghenydd", "Blaen-Rhondda", "Penrhiwceiber". In ihnen spürte er das "Aroma eines sonderbaren Weines", das ihn in unbekannte und rätselhafte Tiefen lockte. Zu der Begeisterung für die keltisch-germanische Sagenwelt kam die für bestimmte Landschaften hinzu: Tolkien liebte etwa das alte Cornwall mit seinen meeresumrauschten Klippen, Dolmen und verlassenen Minen oder die englischen Midlands, die als Vorbild für das "Auenland" im "Herr der Ringe" dienten. Aus diesen Elementen wollte er eine Mythologie schaffen, die etwas von der "verrückten, helläugigen Schönheit" keltischer Kunst haben sollte, "vom Niedrigen gereinigt und dem erwachseneren Geist eines lange in Poesie gewiegten Landes gemäss."

Während in München völkische Schwärmer 1919 die germanophile "Thule-Gesellschaft" gründeten, rief Tolkien mit Universitätskollegen in Leeds einen "Wikinger-Club" ins Leben, wo viel getrunken und die alten nordischen Sagas rezitiert wurden. Dabei muss er selbst ein begabter Vortragender gewesen sein, der es laut Augenzeugen verstand, den Raum in eine "Methalle" zu verwandeln. Interessant auch Tolkiens Mythenverständnis, das - bei einer anderen Persönlichkeitsstruktur - ebenfalls fatalere Folgen gehabt haben könnte: Er sah die Mythen nicht nur als Erdichtungen einer Volksphantasie an, sondern sie spiegelten für ihn "Funken des wahren Lichtes, der ewigen Wahrheit, die bei Gott ist." Tolkien sprach auch davon, dass er eigentlich nichts erfinde, sondern nur Dinge "aufzeichne", die in ihm bereits angelegt seien und die er quasi aus dunklen Tiefen wieder emporhole. Völkische Dichter und "Seher" im deutschsprachigen Raum (Guido von List, Karl Maria Wiligut) behaupteten zu dieser Zeit Ähnliches und sprachen von "Erberinnerungen" an eine vermeintlich gloriose germanische Rasse der Vorzeit. Auch Tolkien wurde der Vorwurf gemacht, bei ihm entsprächen die edlen Helden immer dem hellhäutigen europäischen Typus, während die Unholde südlich-dunkel gezeichnet würden (siehe auch http://www.polyoinos.de/tolk_stuff/currys.htm) Doch bei genauerem Hinsehen ist dies in der monumentalen Mythologie des "Herrn der Ringe" komplexer, denn die sympathischen Hobbits sind gerade keine grossgebauten und strahlenden "Übermenschen". Selbst den Archetyp "Kampf zwischen Licht und Dunkel" sah Tolkien als einen nur partiellen Aspekt seines Werkes an, als "eine besondere Phase der Geschichte, ein Beispiel für ihren Gang, aber nicht den Gang der Geschichte."

Wiegesagt: Vielleicht bewahrten ihn die Lust an poetischer Mehrdeutigkeit sowie Intelligenz und Humor vor engeren Ausdeutungen der nordischen Sagenwelt, wie sie ja in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts häufig vorkamen. Möglicherweise verstand Tolkien auch die entscheidende Schicht aller Mythologie besser als viele seiner völkisch-nationalistischen Zeitgenossen: als eine zwar lokal gefärbte, aber in ihrer Tiefe doch universale Kunde über Dinge wie Kampf und Liebe, Verführung und Prüfung, Leben und Tod. Der weltweite Erfolg seiner Geschichten spricht zumindest dafür, dass sie von Menschen aus sehr verschiedenen Kulturkreisen gleichermassen verstanden und geliebt werden können.  

Ein weiterer interessanter Web-Essay zu Tolkien: "Moderne durch die Hintertür" von Konrad Lischka
 

"Herr der Ringe"   Atalante 5