Gewaltiger noch in seinen Ausmassen und "Botschaften" ist Peter Jacksons Verfilmung von J.R.R. Tolkiens "DER HERR DER RINGE", dessen erster Teil bereits drei Stunden dauert. Der Anfang ist zunächst enttäuschend: Zu spiessig-idyllisch gerät die dem ländlichen England nachgebildete Welt der Hobbits und man wartet geradezu auf den Einbruch des "Bösen" und Gewaltigen. Der kommt allerdings auch und wird streckenweise eindrucksvoll in Szene gesetzt. Da ich vor der Besichtigung des Filmes etwas über "Rassismus"-Vorwürfe gegenüber Tolkien gelesen hatte, war ich besonders hellhörig für den "Kampf des Lichtes gegen das Dunkel", der ja den "Herrn der Ringe" über weite Teile beherrscht. Zunächst scheint es in der Tat so, dass hellhäutige Feen und Helden aus nordischen Gefilden leichenfarbigen Dämonen aus der Unterwelt gegenüberstehen, die von orientalisch klingenden Namen wie "Uruk-Hai" oder "Khazad-Dum" geprägt ist. Aber dann stellt sich doch alles als komplizierter heraus: Die "bösen" Orks waren einst auch einmal Feen gewesen, die sich durch Folter und Gefangennahme verwandelten und im Herz des edlen Helden Gondors erwacht irgendwann auch die Gier nach dem Macht verheissenden Ring. Eines der grossen Themen des Werkes ist also die Verführbarkeit aller Menschen durch Macht und die Prüfungen, die ihnen in der Auseinandersetzung mit dieser Gefahr auferlegt werden: ein bisschen ähnlich wie in Wagners "Ring des Nibelungen", den Tolkien jedoch nicht mochte und als Einfluss leugnete, was sicherlich nicht ganz richtig ist.

Vor allem aber dienten ihm die isländische Edda, die finnische Kalevala und keltische Sagen als Vorbild, wobei die Filmbilder nicht die Tiefe der Originalmythen erreichen, sondern wie durch Jugendstil und praeraffaelitische Malerei gefilterte romantische Tableaus wirken. Aber zuweilen entstehen dennoch anrührende Momente: etwa die Stellen, wo die Elbe Arwen Abendstern (Liv Tyler) einen gälisch klingenden Dialekt spricht und Frodo durch die Beschwörung von Wassergeistern vor den "Schwarzen Reitern" rettet. Auch die "Herrin des Waldes" (Cate Blanchett) beeindruckt durch eine Mischung von Kühle, Magie und Weiblichkeit, ebenso ihr traumversponnener Geisterwald. Da der Film ein Kassenerfolg und auch für Kinder tauglich sein soll, wird natürlich mit süsslicher Musik nachgeholfen, was die mythischen Bilder dann doch wieder schwächt und sie in Richtung Hollywood treibt. Die volle Wucht dagegen entfalten die Szenen in unterirdischen Minen und Bergwerksstollen, wo tatsächlich das schiere Grauen herrscht: Hier hausen im Schlamm gefangene Erd- und Unterweltsgeschöpfe, verbannt und unerlöst, mit Gesichtern wie Kadaverteile und fauligem Atem, der von der Leinwand herunterzuwehen scheint. In den gigantischen Hallen unter der Erde findet auch der eindrucksvolle Kampf zwischen Gandalf und einem hörnerköpfigen Feuerdämonen statt, der geradezu apokalyptische Dimensionen aufweist: Wenn Gandalf am Schluss des Kampfes in die Tiefe stürzt, denkt man an den Erzengel Michael in der Johannes-Offenbarung, nur diesmal als Gescheiterter.

Höchst interessant und in dieser Form noch nie gesehen ist der Schluss des ersten Teiles, der in Boromirs Heimatland spielt, das wie das imaginäre Königreich "Thule" aussieht, das man aus Goethes Gedicht und römisch-griechischen Überlieferungen kennt. Zwei überdimensionale steinerne Wächter, die wie eine Mischung aus germanischen Recken und Artus-Rittern aussehen, bewachen den Eingang dieses Wald- und Seenreiches am Ende der Welt, das an Norwegen oder Nordschweden erinnert. Mit ausgestreckter Hand scheinen die Wächter beschwörend das Böse (oder Fremde?) abzuwehren. Hier ist der Film - vielleicht ohne es zu wissen - ganz nahe an nordisch-germanophilen Klischees der Nazizeit, in der solche Figuren viele völkische Publikationen schmückten. Aber durch die Mehrdeutigkeit der Figuren und die ins Fiktive entrückte Topographie bleibt doch alles in einer poetischen Schwebe und man staunt geradezu über die Gratwanderung des australischen Regisseurs, der natürlich unbefangener an die Materie herangeht, als es ein Deutscher könnte.

So bekommt man Bilder zu sehen, die normalerweise unter Tabu stehen: dunkle Wälder mit steinernen Götter- und Heldenfiguren, verfallene Paläste, die an ein imaginäres "Nordland" denken lassen, ein tragischer Siegfrieds-Tod wie aus der "Edda". Nach Fritz Langs "Nibelungen" (1922-1924) ist solches wohl nicht mehr in einem Film dargestellt worden: Ein verrückter englischer Professor (Tolkien) und ein ebenso schräger Regisseur (Jackson) zaubern Relikte von keltisch-germanischem Sagengut auf die Leinwand und verhelfen damit indirekt auch verdrängten europäischen Traditionen zu einer sinnlich kraftvollen Bildersprache. Ähnlich wie "Harry Potter" ist auch dieser Film ein seltsamer Triumph des "Heidnischen" in einer "christlichen" Welt, die jedoch nach archaischeren Bildern dürstet, als sie Gottesdienst oder Konfirmandenunterricht bereithalten. So ist "Der Herr der Ringe", trotz gelegentlicher Schwächen und zu süsslicher Untertöne, ein in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlicher Film, der Spannendes und Ungewohntes nicht nur für eingefleischte Tolkien-Fans bereithält.

 

 

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