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Vor allem
aber dienten ihm die isländische Edda,
die finnische Kalevala
und keltische Sagen als
Vorbild, wobei die Filmbilder nicht die Tiefe der Originalmythen erreichen,
sondern wie durch Jugendstil und praeraffaelitische Malerei gefilterte
romantische Tableaus wirken. Aber zuweilen entstehen dennoch anrührende
Momente: etwa die Stellen, wo die Elbe Arwen
Abendstern (Liv Tyler) einen gälisch klingenden Dialekt
spricht und Frodo durch die Beschwörung von Wassergeistern vor den
"Schwarzen Reitern" rettet.
Auch die "Herrin des Waldes"
(Cate Blanchett) beeindruckt durch eine Mischung von Kühle, Magie
und Weiblichkeit, ebenso ihr traumversponnener Geisterwald. Da der Film
ein Kassenerfolg und auch für Kinder tauglich sein soll, wird natürlich
mit süsslicher Musik nachgeholfen, was die mythischen Bilder dann
doch wieder schwächt und sie in Richtung Hollywood treibt. Die volle
Wucht dagegen entfalten die Szenen in unterirdischen Minen und Bergwerksstollen,
wo tatsächlich das schiere Grauen herrscht: Hier hausen im Schlamm
gefangene Erd- und Unterweltsgeschöpfe,
verbannt und unerlöst, mit Gesichtern wie Kadaverteile und fauligem
Atem, der von der Leinwand herunterzuwehen scheint. In den gigantischen
Hallen unter der Erde findet auch der eindrucksvolle Kampf zwischen Gandalf
und einem hörnerköpfigen Feuerdämonen statt, der geradezu
apokalyptische Dimensionen aufweist:
Wenn Gandalf am Schluss des Kampfes in die Tiefe stürzt, denkt man
an den Erzengel Michael in der Johannes-Offenbarung, nur diesmal als Gescheiterter. So bekommt man Bilder zu sehen, die normalerweise unter Tabu stehen: dunkle Wälder mit steinernen Götter- und Heldenfiguren, verfallene Paläste, die an ein imaginäres "Nordland" denken lassen, ein tragischer Siegfrieds-Tod wie aus der "Edda". Nach Fritz Langs "Nibelungen" (1922-1924) ist solches wohl nicht mehr in einem Film dargestellt worden: Ein verrückter englischer Professor (Tolkien) und ein ebenso schräger Regisseur (Jackson) zaubern Relikte von keltisch-germanischem Sagengut auf die Leinwand und verhelfen damit indirekt auch verdrängten europäischen Traditionen zu einer sinnlich kraftvollen Bildersprache. Ähnlich wie "Harry Potter" ist auch dieser Film ein seltsamer Triumph des "Heidnischen" in einer "christlichen" Welt, die jedoch nach archaischeren Bildern dürstet, als sie Gottesdienst oder Konfirmandenunterricht bereithalten. So ist "Der Herr der Ringe", trotz gelegentlicher Schwächen und zu süsslicher Untertöne, ein in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlicher Film, der Spannendes und Ungewohntes nicht nur für eingefleischte Tolkien-Fans bereithält.
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