|
Nach den zwei Schwergewichten nun leichtere Kost, in die ich normalerweise
nicht unbedingt hineingehen würde. Aber ein Magazin wie
"ATALANTE" kommt natürlich nicht an dem Mythen-Boom
vorbei, der momentan weltweit die Kinos füllt. Also sah ich mir "HARRY
POTTER" und "DER
HERR DER RINGE" an und verfolgte diesbezüglich interessante
Diskussionen. Etwa Artikel von besorgten Menschen über die Bedenklichkeit
des Bestsellers von Joanne
Rowling, der angeblich junge
Menschen zu Schwarzer Magie verführe (siehe etwa http://www.faithcenter.de/Harrypotter.htm):
übertriebene bis hysterische Einwände von "Christen",
die in Wahrheit nur schockiert ihre Felle davonschwimmen sehen. Heutige
Kids lesen eben nicht die Bibel, sondern solche Bücher und es bleibt
zu fragen, ob dies allein ihre "Schuld" ist.
Der Film "HARRY
POTTER", auf
den die Autorin gestalterischen Einfluss bzgl. der (britischen) Schauspieler
und Drehorte ausübte, hebt sich wohltuend von Hollywood ab, aber
ist auch nicht gerade ein Meisterwerk geworden. Dennoch vermag einiges
anzurühren: Poetische Stellen
(fliegende Schlüssel, silbernes Einhornblut, Schachspiel mit versteinerten
Rittern) machen platte Action-Szenen wieder wett, die suggerieren, Magie
bestünde nur aus waghalsigen Flugabenteuern à la "STAR
WARS". Die Figur des hünenhaften "Hagrid" macht klar,
das Warmherzigkeit auch ausserhalb der Bergpredigt vorkommt: eine grosse
Bruderfigur, etwas dämonisch, aber auch witzig und gutmütig,
wie sie wohl kaum ein heutiger Pfarrer verkörpert. Joanne Rowling
empfahl dem Schauspieler, sich für diese Figur einen Hell's Angel
vorzustellen. Schön auch die gut umgesetzte kleine Weisheit des Buches,
wonach Treppen manchmal ihre Richtung ändern oder der Rat, sich bei
der Umschlingung durch die Teufelslianen zu entspannen, was ihnen ihre
negative Kraft nimmt.
Für
mich, der ich die Bücher (noch) nicht kenne, tauchten viele wohlvertraute
Gestalten aus der europäischen Mythenwelt
auf: der dreiköpfige Höllenhund Kerberus,
nordische Trolle, Drachen, Kobolde, Einhörner, Kentauren und druidenähnliche
Zauberer. Bei den atmosphärischen Bildern von Schlössern,
Verliesen und mittelalterlichen Gassen dachte ich an meine Englandreisen
zurück, die mir immer wieder gezeigt hatten, wie stark dieses Land
noch mit Magie und Tradition verbunden ist. Eisenach und Quedlinburg haben
solche Drehorte auch, aber zwei Diktaturen sind darüber hinweggefegt
und haben ein aseptisches Deutschland entstehen lassen, dass die Aura
des Alten und Mystischen nicht mehr kennt. Joanne Rowling dagegen schrieb
grosse Teile ihres ersten Romanes in einem Edinburgher
Café, umgeben von inspirierenden Bauten und Landschaften,
die einen Hauch von Zeitlosigkeit verströmen. Den Londoner Bahnhof
"Kings Cross" nennt sie "einen der magischsten Plätze
der Welt". Hier tun sich wie von selbst Türen zu anderen Welten
auf, während man beim Berliner Bahnhof Zoo eher an Filme über
Drogenabhängige denkt. Hat ja vielleicht auch was, aber in London
ist eben beides möglich.
Wie man hört, hat der Erfolg des Filmes in England u.a. auch dazu
geführt, dass man sich verstärkt wieder für die Vergangenheit
des Landes interessiert: Archäologen, Keltenforscher und Kräuterkundler
stehen hoch im Kurs und werden begierig nach ihrem Wissen befragt. Mythen
scheinen doch nicht nur die Hirngespinste bzw. "überholten"
Relikte zu sein, als die sie von "Aufklärern" und manchen
Christen dargestellt werden. Schön war daher auch, im Kino nicht
nur staunende Augen und offene Münder von Kindern, sondern ebenso
von ihren Eltern zu sehen.
|