NEUE FILME UND BÜCHER:    

 


Wiener Künstler fühlen sich seit eh und je von der Mischung aus Sexualität, Blut, Pathologie und Gewalt angezogen. Zuweilen baden sie auch gerne darin. Die Palette reicht von Otto Weininger, Hermann Nitsch, Otto Mühl, Thomas Bernhard bis zu Elfriede Jelinek, dem Dokumentarfilmer Ulrich Seidel ("Tierische Liebe") oder auch dem Regisseur Michael Haneke, der schon einige Filme zu dieser Thematik vorlegte. In "DIE KLAVIERSPIELERIN" entfaltet er dieses Pandämonium zu besonders drastischer Pracht. Ist es - wie alle Presse schreibt - ein guter Film? Vieles darin wirkt überzogen. Fast schon zu hart und spröde wirkt die altjüngferliche Protagonistin, eine noch bei ihrer Mutter wohnende Klavierprofessorin, die sich zuweilen zwecks Lustgewinn die Schamlippen mit einer Rasierklinge aufschneidet.


Nachts uriniert sie heimlich neben Liebespaaren, die in der Anonymität von Autokinos den Geschlechtsakt vollziehen, bis sie eines Tages einen jungen hübschen Klavierschüler findet, der sie nun mit Sado-Maso-Besteck befriedigen soll. Der Film breitet mit schmerzhafter Deutlichkeit eine Palette aus sexuellen Skurrilitäten und Gewalttätigkeiten aus, die in ihrer Schrägheit und Unappetitlichkeit nicht unbedingt zum Alltag der meisten Kinozuschauer dazugehören. Dazu kommt das Gefühl, dass Haneke solche Dinge - wie auch bereits in anderen Filmen - fast genüsslich vorführt, ausserdem seiner Hauptfigur nicht die geringste Chance lässt. Nachdem sie sich schon im Film selbst verstümmelt hat und dann noch halb vergewaltigt wurde, stösst sie sich am Ende ein Messer ins Herz und wankt sterbend hinaus ins nächtliche Wien.

Schubertklänge, altmodische Flure von Musikkonservatorien und dahinter die Welt der Peitschen, Messer und Knebel: österreichische Morbidität jetzt auch auf Erfolgskurs im internationalen Kino? Und doch hat der Film überragende Momente, die einem nicht mehr aus dem Kopf gehen. Sie verdanken sich vor allem den glänzenden Schauspielern (Isabelle Huppert, Annie Girardot, Benoit Magimel), die versuchen, aus diesem "Horrorkabinett" das Beste zu machen. Zwar bleibt am Ende das Gefühl, dass ein Psychiater für die Probleme der Hauptfigur zuständiger gewesen wäre als das Mitgefühl der Kinozuschauer, aber zuweilen entstehen doch intime Momente von Einsamkeit und seelischer Verkrüppelung. Nicht zuletzt durch die Mimik der überragenden Hauptdarstellerin, die selbst eine jahrelange Psychoanalyse durchmachte und daher weiss, was sie spielt. Vermutlich aber hätte man die Geschichte
auch ohne die spektakulär-blutigen Elemente erzielen können, auf die Haneke jedoch nie verzichten mag. Er versteht sich als schonungsloser Aufrüttler, der uns die ungeschminkte Wahrheit über die Menschen quasi unter die Fingernägel schieben will. Aber das Krasse ist nicht automatisch das Wahre, diese Gleichsetzung vielleicht eine alte Wiener Manie, die auch immer etwas Selbstverliebtes hat. In diesem Film wäre weniger mehr gewesen. Die Schauspieler haben dies begriffen und versuchen verzweifelt gegen die überspitzte Vorlage anzuspielen, was zuweilen eine aufregende Spannung ergibt. Dennoch bleibt zum Schluss ein ambivalentes, auch schales Gefühl, über weite Strecken nur am Voyeurismus des Regisseurs teilgenommen zu haben, den dieser jedoch in der Öffentlichkeit erfolgreich als "Authentizität" zu verkaufen weiss.

Interview mit Michael Haneke


  Wie anders dagegen "Das Zimmer meines Sohnes" von Nanni Moretti. Ein Vater, der als Psychiater arbeitet und eine nette Familie hat, verliert bei einem Tauchunfall seinen Sohn und alles wird anders. Er kann nicht mehr recht arbeiten und versucht es trotzdem, gelegentlich dreht sich sogar das Verhältnis Therapeut-Patient um. Dies sind echte Katastrophen, keine manirierten Spezialfälle exotischer Abgründigkeit, die jeden zu jeder Zeit treffen können. Deshalb sieht man auch gebannt zu, wie der sympathische Hauptdarsteller mit dem Unfassbaren fertig zu werden versucht, zumal alles in subtilen und deshalb anrührenden Tönen geschildert wird.


Anders als "Die Klavierspielerin" öffnet Kino hier weite Räume für Gedanken und Gefühle, hinter denen das zuweilen Irrationale des Lebens umso intensiver durchschimmern kann. Auch hier grandiose Schauspieler, für mich in der Originalfassung mit deutschen Untertiteln zusätzlich der Genuss, einmal die italienischen Farben von Lebensfreude, Nachdenklichkeit und Verzweiflung zu hören. Trotz allem Desaster gelingt dem Regisseur sogar noch das Kunststück, die Handlung mit einem wunderbaren Schlussbild zu beenden, das leise Hoffnung ausdrückt.

Liegt es an meinem Alter, dass ich solche Schlüsse vorziehe? Peter Handke - so las ich - hat über seinem Schreibtisch ein Zettelchen mit der ermahnenden Aufschrift hängen: "Du sollst deinen Helden retten!" Dem stimme ich zu. Kunst hat mehr zu sein als blosses Abbild oder Aufreissen von Wunden, dazu haben wir den "SPIEGEL" oder die "TAGESTHEMEN". In gelungenen Kunstwerken jedoch ist immer Reales und Ideales miteinander verschränkt. Das sollte im erwachsenen Kino - auch wenn es zuweilen mit seiner "Kunstferne" flirtet - auch so sein.

Homepage: http://www.daszimmermeinessohnes.de
Interview mit Nanni Moretti

 

Atalante 5   "Harry Potter" u.a.