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Nachts uriniert sie heimlich neben Liebespaaren, die in der Anonymität
von Autokinos den Geschlechtsakt vollziehen, bis sie eines Tages einen
jungen hübschen Klavierschüler findet, der sie nun mit Sado-Maso-Besteck
befriedigen soll. Der Film breitet mit schmerzhafter Deutlichkeit eine
Palette aus sexuellen Skurrilitäten und Gewalttätigkeiten aus,
die in ihrer Schrägheit und Unappetitlichkeit nicht unbedingt zum
Alltag der meisten Kinozuschauer dazugehören. Dazu kommt das Gefühl,
dass Haneke solche Dinge - wie auch bereits in anderen Filmen - fast genüsslich
vorführt, ausserdem seiner Hauptfigur nicht die geringste Chance
lässt. Nachdem sie sich schon im Film selbst verstümmelt hat
und dann noch halb vergewaltigt wurde, stösst sie sich am Ende ein
Messer ins Herz und wankt sterbend hinaus ins nächtliche Wien.
Schubertklänge, altmodische Flure von Musikkonservatorien und dahinter
die Welt der Peitschen, Messer und Knebel: österreichische Morbidität
jetzt auch auf Erfolgskurs im internationalen Kino? Und doch hat der Film
überragende Momente, die einem nicht mehr aus dem Kopf gehen. Sie
verdanken sich vor allem den glänzenden Schauspielern (Isabelle
Huppert, Annie Girardot, Benoit Magimel), die versuchen, aus
diesem "Horrorkabinett" das Beste zu machen. Zwar bleibt am
Ende das Gefühl, dass ein Psychiater für die Probleme der Hauptfigur
zuständiger gewesen wäre als das Mitgefühl der Kinozuschauer,
aber zuweilen entstehen doch intime Momente von Einsamkeit und seelischer
Verkrüppelung. Nicht zuletzt durch die Mimik der überragenden
Hauptdarstellerin, die selbst eine jahrelange Psychoanalyse durchmachte
und daher weiss, was sie spielt. Vermutlich aber hätte man die Geschichte
auch
ohne die spektakulär-blutigen Elemente erzielen können, auf
die Haneke jedoch nie verzichten mag. Er versteht sich als schonungsloser
Aufrüttler, der uns die ungeschminkte Wahrheit über die Menschen
quasi unter die Fingernägel schieben will. Aber das Krasse ist nicht
automatisch das Wahre, diese Gleichsetzung vielleicht eine alte Wiener
Manie, die auch immer etwas Selbstverliebtes hat. In diesem Film wäre
weniger mehr gewesen. Die Schauspieler haben dies begriffen und versuchen
verzweifelt gegen die überspitzte Vorlage anzuspielen, was zuweilen
eine aufregende Spannung ergibt. Dennoch bleibt zum Schluss ein ambivalentes,
auch schales Gefühl, über weite Strecken nur am Voyeurismus
des Regisseurs teilgenommen zu haben, den dieser jedoch in der Öffentlichkeit
erfolgreich als "Authentizität" zu verkaufen weiss.
Interview
mit Michael
Haneke
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