| NEUE FILME: |
| Auf der diesjährigen Berlinale gefielen mir vor allem fünf Filme, die ich kurz vorstellen möchte und die wahrscheinlich demnächst in die Kinos kommen werden: |
![]() |
"DER SCHÖNE TAG" von Thomas Arslan beschreibt in ruhigen und einfachen Bildern einen Tag im Leben der 21jährigen Türkin Deniz. Sie ist ein eher ernster, verschlossener Typ mit Ansprüchen an das Leben und ihre Beziehungen, die es ihr nicht immer ganz einfach machen. Wir erleben keine Randale unter Türkenbanden oder Multikulti-Kitsch, sondern ein Stück fast dokumentarischer Alltäglichkeit, das dennoch Probleme und Gefühle zeigt, wie sie Tausende Gleichaltrige auch erleben: Liebe, Trennung, Einsamkeit, Hoffnungen, Schwierigkeiten mit den Eltern. Dies klingt banal und wenig "actiongeladen", bekommt aber durch das Spiel der Hauptdarstellerin (Serpil Turhan) Eindringlichkeit. |
| "Die Figur der Deniz", so der Regisseur, "hat noch etwas anderes zu tun, als sich ständig mit ihrer Identität zu beschäftigen. Mir war es wichtig, sie nicht im Hinblick darauf zu definieren, was 'fremd' an ihr ist. Die vielbeschworene Zerrissenheit zwischen zwei Kulturen entspricht nicht ihrer Lebenserfahrung. Sie bewegt sich mit Selbstverständlichkeit durch die Umgebung, in der sie lebt. Sie ist eine Person mit eigenen Geheimnissen, Widersprüchen und Besonderheiten, die sich nicht auf ihre Herkunft reduzieren lassen." |
![]() |
"MEIN LANGSAMES LEBEN" von Angela Schanelec ist vom Stil her ähnlich. Die Kamera sieht zwei Freundinnen zu, die den Sommer in Berlin verbringen. Eine wird für sechs Monate nach Rom gehen. Begegnungen, Konflikte, Liebesbeziehungen. Ein Todesfall in der Familie führt zu unvorhersehbaren Konfrontationen. Ebenso ruhig und unspektakulär wie "Der schöne Tag" ist dieser Film dennoch nicht langweilig. Die Natürlichkeit der Figuren und Dialoge läßt uns Zeit zum Beobachten und Erspüren ihrer verborgenen Antriebe und auch Unsicherheiten. Keine Pseudodramaturgie erzwingt - wie in TV-Movies - künstliche und ausgeklügelte Wendungen, nur um den Adrenalinspiegel zu heben und die Zeit bis zum nächsten Werbeblock totzuschlagen. In den besten Momenten erinnert der Film an die Geschichten des französischen Regisseurs Eric Rohmer. |
![]() |
Der Dokumentarfilm "KURISCHE NEHRUNG" von Volker Koepp führt in eine atemberaubende Landschaft auf dem Gebiet des ehemaligen Ostpreußens, die heute von Russen und Litauern besiedelt wird: hohe Himmel, weite Dünen, die in bestimmten Lichtverhältnissen wie Jenseitslandschaften aussehen, kuriose und liebenswerte Menschen, die von einem wechselvollen Leben erzählen. Ein Film, in dem Schweigen und Stille vorkommen und in dem Naturgeräusche die bessere Filmmusik sind, die uns das Meer und die fast unberührte Weite der Landschaft spüren lassen. Niemandsland, magisches Territorium zwischen den Zeiten und Kulturen. Thomas Mann baute sich hier eine Villa und Alexander von Humboldt sagte, hätte man nicht die Kurische Nehrung gesehen, würde einem ein "wundersames Bild" in der Seele fehlen. |
![]() |
Ganz anders, aber auf seine Art ebenso ergreifend: "TREMBLING BEFORE G-D" von Sandi Simcha DuBowski, eine Dokumentation über das Tabuthema Homosexualität im orthodoxen Judentum. In manchen jüdisch-religiösen Texten wird Homosexualität als Perversion, Verfallenheit an das "Böse" beschrieben, die mit dem Tode bestraft werden müsse. Wie verhalten sich junge schwule und lesbische Juden dazu, die ihre andersartige Sexualität leben und dennoch Gott suchen wollen? Spannende Einzelporträts schildern die zum Teil beklemmenden, z.T. auch grotesk-witzigen Nebenerscheinungen dieses Konfliktes. Strenge und milde Rabbiner tauchen auf, die versuchen zu "helfen". |
| Bei vielen jungen orthodoxen Juden scheint sich ein Wandel in ihrem Gottesbild anzubahnen: Sie möchten an keine starre dogmatische Autorität glauben, sondern an einen "Vater", der im Gespräch mit seinen Kindern steht. Ein wichtiger Film, der Juden nicht immer nur im Zusammenhang mit dem Holocaust definiert. |
![]() |
"STANLEY KUBRICK: A LIFE IN PICTURES" von Jan Harlan: Lebensporträt des großen Kino-Magiers, der im März 1999 kurz nach der Fertigstellung seines letzten Filmes "Eyes wide shut" unerwartet starb. Unbekannte Schnappschüsse aus der Kindheit und von Dreharbeiten sowie Interviews mit Kollegen (Tom Cruise, Nichole Kidman, Woody Allen, Jack Nicholson, Sydney Pollack, Alan Parker etc.) beleuchten das Leben eines Außenseiters und besessenen Filmemachers, der viele Mißverständnisse zu erdulden hatte, aber dennoch mit fast jedem Film nach einiger Zeit Kultstatus erreichte. |
|
Ein Künstlertyp des 19. Jahrhunderts, der unauslöschliche Bilder für Gegenwart und Zukunft schuf, ein Kontroll-Freak, der in den entscheidenden Momenten alle Kontrolle aufgeben konnte, ein Agnostiker, der trotzdem leidenschaftlich nach Gott und dem Sinn des Lebens suchte. Mehr zu Stanley
Kubrick in ATALANTE: |
|
|
INTERESSANTE BÜCHER: "Der Kick und die Ehre" - Vom Sinn jugendlicher Gewalt (Hans Volkmar Findeisen/ Joachim Kersten, München 1999) beschreibt in Nahaufnahmen "Werte" und "Normen" jugendlicher Subkulturen und Gangs, die für sie selbst durchaus sinnstiftend sind, so erschreckend dies für uns auch sein mag. Jenseits von "political correctness" und betroffenem Erzieherjargon wird auf Brennpunkte unserer Gesellschaft geschaut, denen unsere abendländische Vorstellung von Schuld und Sühne, Strafe und Ausgrenzung eher fremd ist. Der Blick weitet sich von deutschem Rechtsradikalismus bis hin zu den Townships von Südafrika, den Ghettos von Chicago und Jugendkriminalität in Australien, Neuseeland und Japan. "Ein meisterhaftes Plädoyer für den unaufgeregten Blick auf junge Gewalttäter" (Alexander Kluge) "Ich würde es genauso wieder machen" - Sophie Scholl ( Barbara Leisner, München 2000) zeigt eine neue Sicht auf die NS-Widerstandskämpferin der "Weißen Rose", der spannender und genauer ist als viele bisherige Verklärungen ihrer Person als "Heilige" und "Märtyrerin". Denn Sophie Scholl wuchs in einem stark völkisch geprägten Umfeld auf und war - wie ihr Bruder Hans - anfangs eine glühende Anhängerin von Hitler und dem Nationalsozialismus. Wandervogelromantik, Nordlandmystik, nächtliche Feuerrituale, germanische Heldensagen sowie die enge Beziehung zu einer charismatischen BDM-Führerin bildeten lange ein wichtiges Umfeld für das junge Mädchen, das nach Idealen und Gemeinschaft suchte. Erst langsam erwachten Zweifel am Dritten Reich, als etwa die bündische Jugend verboten wurde und die Gestapo bei ihrem Bruder Hausdurchsuchungen wegen "Homosexualität" durchführte. Intrigen, Literaturverbote und seelenlose Routine beim Reichsarbeitsdienst, Angriffe gegen das Christentum und Verhaftungen ihres Bruders öffnen ihr weiter die Augen für eine kritische Haltung, die sie schließlich mit dem Tode bezahlen muß. "Elementarteilchen" (Michel Houellebecq, Köln 1999): Der grandiose Roman des "enfant terrible" der französischen Literatur, der nicht - wie die Kritik behauptete - kalt ist, sondern in intensivsten Bildern eine aus den Fugen geratene, halb sterile und halb vergnügungssüchtige Welt beschreibt. Emotionslose Genetik und aufgeheizte Swinger-Clubs, distanzierter Sex und Kindheitsverletzungen, demaskierte Ideale der 68er und Hippiebewegung, Poesie und knallharte Reportage in einem: das Leben vereinsamter Menschen, die wie "Elementarteilchen" durch einen Kosmos von Werterelativität, Geilheit und religiöser Suche schwirren in einem analytisch unbestechlichen und sprachlich brillianten Meisterwerk. Ähnlich gut Houellebecq's "Ausweitung der Kampfzone" (Berlin 1999) und "Lanzarote" (Köln 2000). "Breaking The Dreams" - Das Kino des Lars von Trier (Achim Forst, Marburg 1998): Informatives Buch über einen der originellsten Autorenfilmer des europäischen Kinos, das auch auf dessen frühe Werke eingeht, in denen schon Bildgewalt und Eigenheit späterer Produktionen vorgezeichnet ist (z.B. "Epidemic" oder "Medea"). Viele Abbildungen und ausführliche Bibliographie.
Titelseite C.G.Jung "Geheimes Deutschland" Fernand Khnopff Paul Celan Atalante-Gesamtindex Homepage
|
|
|