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Der Kulturanthropologe Werner Schiffauer untersucht am Modell der Kölner Gemeinde des Cemaleddin Kaplan ("Khomeini von Köln") Strukturen des islamischen Fundamentalismus in Deutschland. Er dämonisiert nicht voreilig, sondern macht sogar ansatzweise verständlich, warum verschiedene Menschen - vom Heizer bis zum Arzt - Erfüllung in solchen radikalislamischen Gruppen suchen und finden. Was auf den ersten Blick wie eine kleine unscheinbare Zelle wirkt, entpuppt sich nach und nach als Brennglas für allgemeine Probleme, Spannungen und Sehnsüchte unserer Zeit.

"Die Islamisten", so der überraschende Schluss dieser genau recherchierten Studie, "sind uns nicht so fremd, wie es zunächst scheint. Wie wir alle suchen sie eine Antwort auf die neue Unübersichtlichkeit zu Beginn des neuen Jahrtausends. Wir alle stehen hilflos vor einer Situation, die durch die Entfesselung ökonomischer Kräfte, den Zerfall nationalstaatlicher Souveränität, wachsende Ungleichheit und die Zerstörung der natürlichen Ressourcen des Planeten gekennzeichnet ist. Dabei ist uns das Vertrauen in die grosse Vision der Moderne abhanden gekommen, nämlich der Glaube, durch wissenschaftlichen Fortschritt zu einer Überwindung von Ungleichheit, Elend, Ausbeutung zu gelangen - ein Glaube, der ... noch Anfang der siebziger Jahre lebendig war ... Die Geschichte der hier vorgestellten Männer ist somit als Parabel für die Situation des Wissens zu Beginn des neuen Jahrtausends zu lesen." (Suhrkamp Taschenbuch 3077, Frankfurt/Main 2000)


 

Dem bereits 1992 erschienenen Buch "Rückkehr zum Paradies oder Erbauen des Neuen Jerusalem?" von Hans-Diedrich Fuhlendorf müsste spätestens jetzt die Aufmerksamkeit zukommen, die ihm eigentlich gebührt. Es analysiert, wie stark das Weltgeschehen immer noch von apokalyptischen Denkmustern (Kampf des "Guten" gegen das "Böse") geprägt wird, egal ob die dahinterstehenden Akteure sich Christen, Juden, Muslime, Sozialisten oder Nationalsozialisten nennen. Vor allem in Krisensituationen wird der Feind gerne als "Satan" ausgerufen und seine Besiegung mit der Hoffnung auf eine "Neue Zeit" verknüpft. Fuhlendorf sieht darin archaische Denkmuster, die aber in immer neuen Formen wiederauferstehen und sich wegen ihres suggestiven Potentials vorzüglich für politische Propaganda gebrauchen lassen. Begriffe wie "Heiliger Krieg", "Kreuzzug", "Reich des Bösen", "Wiederauferstehung", "wahrer Glaube", "Erlösung" etc. sind oft nahezu austauschbar, aber glühen im Zusammenhang mit politischen oder nationalen Kämpfen stets neu auf. Durch ihre dualistische Vereinfachung und ihren Appellcharakter sind sie zu gefährlichen Instrumenten der Massenverführung geworden. Rudolf Steiner, dem das Buch viele Anregungen schuldet, erklärt ihre Macht durch die Verkümmerung unserer Phantasiekräfte infolge der wissenschaftlich-technischen Entwicklung. Durch diese Desensibilisierung sei es möglich, dass wir die wirklichen Zusammenhänge der Welt nicht mehr erkennen, sondern statt dessen "gespenstische Bilder" an deren Stelle setzen, "die sich im Blut ausleben wollen." (Flensburger Hefte Verlag)


Der Bericht von Peter Scholl-Latour über seine Begegnungen mit der islamischen Revolution ist nicht nur aufschlussreich, weil er sehr verschiedene Länder einbezieht (Libanon, Israel, Iran, Indien etc.), sondern vor allem, weil hier eine Innenansicht gegeben wird, die der Tagesjournalismus kaum bieten kann. Ohne Wertungen schreibt ein leidenschaftlicher Journalist und begabter Schriftsteller über Phänomene, die sich gerade unserem westlich-rationalen Geist nur schwer entschlüsseln.

Aufregend und von aktuellem Bezug etwa Scholl-Latours Report über die afghanischen Mudschahedin, mit denen er längere Zeit in den unwegsamen Hochebenen des Hindukusch umherzog. Dabei kamen sowohl der Autor als auch sein Kamerateam schnell an die Grenzen ihrer Belastbarkeit, während 70jährige Einheimische trotz ihrer zerrissenen Halbschuhe wie Gemsen im Gebirge herumturnten. Scholl-Latour berichtet mit Humor und auch mit Gefühl für die Religion dieser Kulturen. Er kennt den Koran und die Bibel und streut öfter auch diesbezügliche Vergleiche in den Text ein, die diesen über seine aktuelle Brisanz hinaus erweitern.


 


"Die Akte Kissinger"
des amerikanischen Pulitzer-Preisträgers Christopher Hitchens trägt Material zur Erhärtung der These zusammen, dass der einstige US-Aussenminister massgeblich an einigen Putschversuchen, Massakern und Völkermorden beteiligt war, in deren Folge Hunderttausende von Zivilisten ihr Leben lassen mussten. Von vielen wird Kissinger sogar als "Kriegsverbrecher" bezeichnet, der heute eigentlich vor einem internationalen Menschenrechts-Tribunal stehen müsste. Wichtig ist dieses Buch vor allem jetzt, weil es verstehen hilft, wieviel Hass die imperialistischen Aktivitäten der USA in vielen Ländern der Dritten Welt gesät haben und welche Doppelmoral diesbezüglich in den höchsten Politikerkreisen herrscht.
Hitchens stellt Aussagen von Kissinger bisher verschlossenen Quellen gegenüber und zeigt auf, wieviel von dessen Aktivitäten bisher beschönigt, verfälscht oder verschwiegen wurden. Am Schluss seines Vorwortes äussert er die Hoffnung, dass zu Beginn des 21. Jahrhunderts endlich juristische Massnahmen ergriffen würden, um auch Verbrechen "im Namen der Staatsräson" zu bestrafen: "Tatsächlich bemühen sich zum Zeitpunkt dieser Niederschrift verschiedene Gerichte endlich, die Beweise zu sichten. Zu alledem haben wir noch den Präzedenzfall der Nürnberger Prozesse, an deren Grundsätze zu halten sich die Vereinigten Staaten feierlich verpflichtet haben."


NEUE FILME:  


Die gerade erschienene Stanley Kubrick DVD-Kollektion: Dies sind "neue Filme", weil ich viele von ihnen erstmals in der Originalsprache sehen kann, was sie mir neu erschliesst. So werden etwa in "Barry Lyndon" irisch, englisch, französisch und deutsch gesprochen und man bekommt über den Ton einen starken Eindruck vom damaligen Europa. Der Wahnsinn von "Shining" entfaltet sich erst richtig mit den kleinen Nuancen in Tongebung und Sprachduktus, was auch die schauspielerischen Leistungen von Jack Nicholson und Shelley Duvall stärker hervortreten lässt. "Uhrwerk Orange" fasziniert durch die Mischung aus englischem Proletarier-Slang und Kunstausdrücken, was die prekäre Balance zwischen Terror und Spiel noch erheblich verstärkt.


Kubrick's kühles, aber nicht liebloses Menschenbild sowie seine einzigartige visuelle Sprache hat Meisterwerke geschaffen, die immer noch - und gerade in der aktuellen Situation - bestehen können. Ich wüsste keinen Spielfilm der letzten 20 Jahre zu nennen, der Themen wie Urbanisierung, Jugendgangs, Gewaltfaszination sowie die Absurditäten von Strafvollzug und Rehabilitation so auf den (beklemmenden) Punkt bringt wie "Uhrwerk Orange". Neben der harten Kompromisslosigkeit von "Full Metal Jacket" wirkt Coppola's "Apocalypse Now" wie eine selbstverliebte Oper, die das Grauen von Vietnam theatralisiert und zum Drogentrip verklärt. Leider fehlt in der Sammlung "Dr.Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben", dafür gibt es ein ausführliches Film-Porträt des Regisseurs von Jan Harlan sowie eine Dokumentation zur Entstehung von "Shining", die Kubrick's Tochter Vivian am Set drehen durfte.


Atalante 4