NEUE FILME:

 

  "HEIDI M." von Michael Klier erzählt die Geschichte einer Endvierzigerin, die sich nach einer gescheiterten Ehe mit einem kleinen Getränkeladen über Wasser hält und langsam in eine Liebschaft mit einem jüngeren Mann verwickelt wird. Das Beeindruckende an diesem Film ist weniger seine Geschichte als das unspektakuläre und intensive Spiel seiner Hauptdarsteller, allen voran Katrin Sass und Dominique Horwitz. Katrin Sass spielt mit einer zuweilen schmerzhaften Offenheit, die keine Angst davor kennt, eigene Lebenswunden durchscheinen zu lassen. Ähnlich wie Hannelore Elsner in dem ebenfalls beeindruckenden Film "Die Unberührbare" gibt sie eine gescheiterte, nicht mehr ganz junge Frau, die dennoch in ihrer gelegentlichen Verzweiflung alle Würde behält. Aber "Heidi M." hat nicht den "kultigen" Touch wie "Die Unberührbare": kein stilisiertes Schwarz-Weiss, keine Präsentation einer Ikone, sondern normale Personen, die durch die Vielfalt ihrer unvorhersehbaren Reaktionen interessant werden. "Heidi M." ist der eindrucksvolle Balanceakt eines verletzten Menschen zwischen Depression und neuem Lebensmut, Scheu und wiedererwachender Erotik. Er wurde einfühlsam in Szene gesetzt von einem Regisseur, der nach Erfolgen wie "Ostkreuz" und "Überall ist es besser, wo wir nicht sind" jahrelang von der Filmszene verschwunden war. Interview mit Michael Klier.


 

  Im Mittelpunkt von "YOU CAN COUNT ON ME" steht ebenfalls eine alleinstehende Frau (Laura Linney), die mit ihrem 8-jährigen Sohn in einer amerikanischen Kleinstadt mehr recht als schlecht vor sich hinlebt. Als ihr Bruder Terry (Mark Ruffalo) für ein paar Tage erscheint, verändern sich die Dinge. Im Gegensatz zu ihrem geregelten Lebensablauf mit Beruf und Kirche streunt er eher herum, sass schon im Gefängnis und will sie eigentlich auch nur anpumpen. Aber in seiner chaotischen Art hat er Charme und vermag vor allem den kleinen Jungen durch unkonventionelle "Erziehung" und kleine Abenteuer für sich einzunehmen. Er wirbelt die festgefügten Strukturen im Leben seiner Schwester durcheinander. Auch sie kriegt ihr Leben kaum auf die Reihe, spielt aber die Kontrolliertere und Rationalere, wogegen der Bruder sich treiben läßt, was interessante Wendungen und Überraschungen erzeugt.

Wunderbar unprätentiöses Spiel der Darsteller, Mikrostudien menschlicher Ängste, Fehltritte und Sehnsüchte, die sich keinem aufgesetzten Plot fügen müssen, sondern sich auf natürliche Weise von Szene zu Szene entwickeln. Schwierig, die Qualität solcher Filme in Worten zu beschreiben: Manchmal sind es winzige Gesten, die Art eines Lachens oder einer Betroffenheit, die man im Innersten kennt und doch sehr selten auf der Leinwand wiederfindet. Beachtlicher Debütfilm von Regisseur Kenneth Lonergan, der sich vorher als Theaterautor einen Namen machte. Siehe auch das Interview mit dem Filmemacher und die Website des Filmes www.youcancountonme.de



 

  "BEAU TRAVAIL" von Claire Denis erzählt von einer Gruppe Fremdenlegionäre in einem Trainingscamp in Afrika, in der sich nach und nach aus Eifersüchteleien und Intrigen ein Drama entwickelt. Ein ungewöhnlicher Einblick in eine fremde, von seltsamen Ritualen und Tugenden geprägte Männerwelt, die vor allem aus Aussteigern besteht. Mutproben, Kampftraining und Körperkult umschreiben den Alltag der Soldaten in der Wüstenhitze Dschibutis, der zuweilen von Benjamin Brittens Musik in meditativ-archaische Farben getaucht wird. Nur ganz langsam schält sich eine Geschichte aus dem lockeren, aber immer spannenden Szenenverbund heraus. Ein Soldat wird eifersüchtig auf einen jungen Kollegen, der vom Chef der Truppe zu seinem Liebling erklärt wird und beginnt ihn zu schickanieren, was diesen beinahe das Leben kostet.

Alles wird als Rückblende aus dem Off erzählt, als Erinnerung an verirrte Gefühle und verfehlte Taten, die zum Ausscheiden des Protagonisten aus der Legion führten. Trotz seines Zelebrierens von durchtrainierten Körpern und Männerritualen ist dieser Film dennoch keine Verherrlichung des Soldatentums: Er zeigt auch die Sinnlosigkeit ewiggleicher Abläufe, Langeweile und mörderische Gefühle hinter Fassaden von Ehrenkodex und Selbstbeherrschung. Die Chefs der Legion ahnten dies und legten der Regisseurin alle nur erdenklichen Steine in den Weg, um ihr die Dreharbeiten zu erschweren. Mehr darüber im Interview  mit der ungewöhnlichen Filmemacherin.





  Nach "Die Überlebenden", einem ergreifenden Porträt über drei Selbstmorde in seiner ehemaligen Schulklasse, hat Andreas Veiel nun mit "BLACK BOX BRD" einen ebenso intensiven Dokumentarfilm über zwei Lebensläufe der ehemaligen Bundesrepublik vorgelegt. Geschildert wird das in beiden Fällen tragisch verlaufene Schicksal des Deutsche Bank-Vorsitzenden Alfred Herrhausen und des Terroristen Wolfgang Grams: Während der eine durch ein Bombenattentat der RAF ums Leben kam, starb der andere unter ungeklärten Umständen bei einem Polizeieinsatz auf dem Bahnhof Bad Kleinen. Der Regisseur befragt behutsam Hinterbliebene, Freunde, Kollegen und nähert sich dem Psychogramm zweier Menschen, die nicht vorschnell in gut und böse eingeteilt werden und die trotz aller Gegensätzlichkeit auch etwas gemeinsam hatten: "Der Wille, für ihre Ideen einzustehen, hat beide an unterschiedlichen Punkten ihres Lebens zunehmend isoliert. Es gab kaum noch Menschen, die ihnen folgen konnten. Beide starben an einem Punkt größtmöglicher Einsamkeit." (Andreas Veiel) Siehe auch www.black-box-brd.de

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