Der Trilith und die Schwäche der Moderne

   


Die Megalithkultur zehrt von der Erfindung des Trilithen: Eine Konstruktionsweise aus drei längsrechteckigen Steinscheiben, zwei im Abstand gegenüber gestellten, einer dritten aufgelegten, die zusammen vorzugsweise ein Tor bilden und schließlich natürlich den gesamten Wandaufbau. In Malta, ähnlich wie in der Grabstätte von New Grange, geht, als Spätfolge vielleicht, ihre Verwendung noch viel weiter. Serien von Trilithen bilden die Mittelflure, die Stiele der Kleeblätter, und Einbauten aus Tisch- oder Schrankreihen oder Tabernakeln über Altären.

Sehr wahrscheinlich stammt diese Konstruktionsweise nicht von früheren materialverschiedenen Konstruktionen, vor allem nicht so recht vom Holzbau ab, weil dieser keine Tiefe hat. Er ist authentischer Steinbau, wird also zurecht einer eigenen Megalithkultur zugerechnet, von der alle späteren, eher nur übertragenden Steinbauten mehr oder weniger unwillkürlich profitieren. Der Natursteinbau hat eben seine eigenen Konstruktionsweisen, und sobald sich eine Kultur seiner bedient, um die eigene angestammte Lehm-Schilf-Holzarchitektur abzulösen, entsteht Trilithisches, an dem nur gewisse Nuancen der Konstruktion, nicht notwendig der Ornamente, auf die ursprüngliche Materialform zurückweisen.

So schleppen die Trilithen ihrerseits das Herkommen von den Menhiren in die späteren Aufnahmen des Steinbaus. So etwa kann man den Orthostatensockel am Griechischen Tempel, seine aufrecht stehenden Steinplatten, als eine Sequenz von Menhiren deuten, so wie wir es an den Steinmänteln der maltesischen Bauten getan haben. Die trilithische Bauweise wurde im ägyptischen Tempelbau verfeinert, aus Scheiben wurden Pfeiler und Balken, die man mit Platten abdeckte. Bei den Griechen kam nichts wesentlich Neues hinzu, obwohl man die Herkunft ihrer Steintempel auf den Holzbau zurückführt; erst mit den Römern kam mit dem gebrannten Ziegel die grandiose Neuheit der Bogentechnik auf, während die Moderne wieder trilithisch agiert, trotz ihrer enormen Materialneuheiten, so daß auch heute oft nur die Fachleute unterscheiden können, ob ein moderner Bau aus Betonplatten, Stahl oder als Stahlbetonskelett gebaut ist. Nur selten finden wir ihre Möglichkeiten zu eigener Form und Nutzung gebracht, wie etwa in den vielen Ingenieursbauten schon des 19. Jhs., in den phantastischen Brücken, Treibhäusern, Ausstellungs-und Bahnhofshallen, oder wie im 20. Jh. in der plastisch engagierten Architektur.

Auf der Moderne scheint ein Bann zu liegen, der sie immer wieder an die trilithische Architektur zurückzieht, und zwar unter Vorzeichen innovativster Art, als "Neue Sachlichkeit" nach der kurz nur gegönnten Phase des Expressionismus, oder in den vergangenen fünfzehn Jahren als Mies-van-der-Rohe Rausch der Neorationalisten, oder wenn etwa Rem Kolhaas uns weismachen will, daß die experimentelle Jahrmarktarchitektur des einstigen Cooney Island eingegangen wäre in die Baukunst der Wolkenkratzer, die doch im Wesentlichen nichts anderes als Trilithen stapeln. Immer wieder lassen wir so uns die mögliche Moderne wegziehen unter den Füßen und fallen immer wieder zurück auf das archaische Erbe, obwohl dieses seine bestimmte Quelle im Naturstein hat und daher nicht mehr als Archetypus deklariert werden müßte, wenn man längst den Stahl oder Beton hat.

 



 
 

Die Steinwand als Gesellschaft der Ahnen   Nachwort