Die Steinwand als Gesellschaft der Ahnen

   
  In der Tat, wir sehen Wände! Doch als erstes müssen wir vergessen, daß es Wände sind. In dieser Ignoranz habe ich Übung, weil ich auch meinen Entwurfsstudenten immer beibringe, das Vorhaben, etwas zu bauen, zunächst zu vergessen, um sich besser in die Gegebenheiten des Grundstückes einfühlen und eventuell Wesentliches der Aufgabenstellung bereits mit bloßen Konturierungen des Geländes lösen zu können.


Die Wand ist keine Wand, sondern die Gesellschaft der Ahnen. Die Wand ist eine Versammlung von Individuen, wie der Nahblick schnell beweist; denn die unregelmäßige Bruchkante der Steine ist nur selten geglättet und lieber mit kleineren Steinen ausgeglichen, was vom großen Respekt ihnen gegenüber zeugt. Und diese Menhire umstehen nach innen apsidial das vor ihren Augen sich zutragende Geschehen, das wir nicht kennen. Ebensowenig kennen wir das äußere Geschehen, das vielleicht noch viel wichtiger war als das innenräumliche.

Zum Außenraum hin deuten die Tempel einen weiten Kreis an, der ihrem Eingang vorgelagert ist. Die Art und Weise, in der sie ihren Vorplatz andeuten, ist höchst bemerkenswert und unterstützt die Auffassung, daß die Großsteine mehr als bloß Wände sind. Ausgehend vom gewaltigen Schwellstein zweigen nach links und rechts eine Reihe aufrecht stehender Steine ab und bilden konkav das Segment eines Kreisbogens. Was geschah auf diesem Platz? Fand hier das Eigentliche oder nur seine Vor- und Nachbereitung statt? Gehen wir davon aus, der Tempel selber simulierte die Form der Grabstätten, so würden seine Funktionen die Vorbereitung zum Begräbnis betroffen haben, als die Stätte, an dem ein Skelett zerlegt worden wäre, nachdem der Leichnam für Wochen über dem Vorplatz auf Gerüsten gelegen hatten zur Dekarnierung? Eine vage Spekulation und wenig aufschlußreich für die Differenzierung im Inneren der Tempel.

 

Apsiden: oberirdisch nachgebaute Grabstätten   Der Trilith