Absiden: oberirdisch nachgebaute Grabstätten

   
  Die Tempel von Mgarr liegen noch im Stadtgebiet von Valetta, so daß ihr Bezirk wie eine innerstädtische Brache erscheint: nackter, staubiger Boden mit einigen Gräsern und Sträuchern im Vorfeld und seitlich der Anlagen. Nur Weniges ist hier zur Erhaltung abgesperrt, so daß man sich relativ frei bewegen kann, immer am Tageslicht, das jedem Besuch die Qualität des Spaziergangs verleiht. Doch nirgendwo verspüre ich Leichtigkeit, auf jedem meiner Schritte lastet die Frage, was ist hier vor sich gegangen? Die aus Abbildungen wohlbekannten Kleeblattgrundrisse ergeben tatsächlich übermannshohe Wände zum Innenbereich, von dem wir nicht wissen, ob oder wie er geschlossen war.
Außen waren die Zwickel der inneren Apsiden mit Schüttmasse gefüllt und zusammengebacken zum Oval der steinernen Außenwand. So freigelegt, wie wir auf diese Grundrisse heute schauen, können wir nur einen Schluß ziehen: Wir schauen in ein Erdinneres.

Dabei soll die steinerne Außenhülle offensichtlich der Erdoberfläche ähneln, und die Räume den unterirdischen Grabstätten, die als Knochendeponie oder für individuellere Begräbnisformen fast immer nahe beim Tempelbezirk liegen. Kürzlich erst, 1999 oder 2000, entdeckte man solche Grabstätten auch beim Tempel von Gigantija. Was im unterirdischen Stein ausgehöhlt wurde, ergibt, schon allein durch die radiale Schürfbewegung, fast naturgemäß die konkave Form der Apsis. Können wir darin den Anfang der Nischenform erkennen, die in der sakralen Architektur bis heute rituell und innenräumlich den zentralen Ort bezeichnet. Und können wir sowohl im Konglomerat der Apsiden als auch im oval zusammenfassenden Außenmantel Formen des Wohnungsbaus erkennen, die einstmals aus Lehmbatzen oder lehmverschmiertem Weidengeflecht, wie heute noch in Mittelamerika üblich, bestanden haben?

 

Die maltesische Gunst der Steine   Die Steinwand als Gesellschaft der Ahnen