Die maltesische Gunst der Steine

   
  Dieselbe Freude an der menschlichen Neigung zum Nächstliegenden empfand ich, als ich von den besonderen geologischen Verhältnissen auf Malta erfuhr, wo eine tektonische Gunst der Erdschichtenbewegung dafür gesorgt hat, daß das Steinmaterial in unbegrenzter Menge vorhanden, leicht abzubauen und zu bearbeiten ist, weil es erst nach einigen Jahren seine Festigkeit erlangt. Auch heute kann man den leichten und darum verschwenderischen Umgang an den vielen mit halbmeterlangen Quadern gemauerten Zäunen feststellen. Sie stehen dort in der Landschaft, wo wir den Stacheldraht gewohnt sind.

Diese Gunst der Natur hat sicherlich in frühesten Zeiten schon dafür gesorgt, daß man gerade hier so viele Tempel in Stein aufgeführt hat, vielleicht sogar hier zuerst in Stein, während andere Gegenden, vor allem die Atlantischen, die Form schon früher geprägt haben mögen.
Zum anderen hat sie dafür gesorgt, daß die vorhandenen Tempel über die Jahrtausende hinweg weitgehend erhalten geblieben sind und nicht als fertiges Baumaterial anderswo Verwendung gefunden haben; denn lieber brach man neue Steine, als diese voll gehärteten mühsam zu zerkleinern. Also macht es Sinn, wenn wir auf Malta von keinen Vorgängerbauten aus Holz oder Lehm auszugehen brauchen, vor allem weil der Schiffsbau den Holzbestand längst ruiniert haben wird.

Kleinere Zeitsprünge begleiteten unsere Ankunft, schon auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt: Die Autos in Malta stammen etwa aus den 50er Jahren und früher. Der Bus hatte ein Buckelheck und seine Scheinwerfer trugen kleine Blendschirmchen. Auch sonst begegneten wir vielen verchromten Oldtimern, vor allem natürlich englischer Bauart, als Überbleibsel aus kolonialistischen Zeiten. Wie war es nur möglich, die Autos zu erhalten in dieser salzigen, feuchten Meeresluft? Deutet die Gegend etwa schon jetzt ihre besondere Kompetenz zur Konservierung an? Oder verdankt sich der gute Zustand dem handwerklichen Raffinesse der Bewohner, die in ähnlicher Zwangslage wie die Ostdeutschen vor und kurz nach der Wende, ein bewundernswertes technisches Improvisationstalent entwickelt hatten?

Unerwartet war gleich zu Beginn auch die enorme Menge an großen und kleinen Segelschiffen in den diversen Yachthäfen, die wir passieren mußten auf der Suche nach einer Unterkunft. Den Ekel gegenüber der Luxuskonkurrenz dort vertreibt sie mit der Eindrücklichkeit, in der sie Malta plötzlich als den uralten, höchst zentral gelegenen Verkehrsknotenpunkt des Mittelmeeres deutlich macht. Und mancher Autor führt die große Zahl der Tempel auf Investitionen zurück, die schon in früher Zeit die Reisenden hier unternahmen.


 

Magie des Steines   Absiden: oberirdisch nachgebaute Grabstätten