Magie des Materials, nicht der Architektur

   

Sicher gab es in früherer Zeit eine von vielen Kulturen der Erde geteilte Magie der Steine. Vermutlich begnügte man sich anfangs mit der Gestalt von Menhiren, den einzeln aufgerichteten Großsteinen, in die nur manchmal und nur sehr rudimentär Ahnengötter geritzt sind. Aber waren sie nicht vielleicht einfache Holzstelen zuvor, ebenso wie die gewaltig aufgerichteten Pfeiler von Stonehenge? Erst seit Kurzem weiß man, daß hier über viele Jahrhunderte, bevor die Großsteinkreise gebaut wurden, zum selben Zweck und in selbiger Kreisform Baumstämme in Pfostengruben versetzt waren (siehe "Woodhenge"). Unmöglich zu denken, der Holzbau sei nicht, der Steinbau aber dann doch magisch gewesen! Wir müssen wohl einen entscheidenden Unterschied sehr genau festhalten, den zwischen dem Bau und dem Material, zwischen Architektur und Skulptur.


Im Museum von Malta befinden sich einzigartige Frauenfiguren, deren besondere Plastizität weniger auf die besonders üppigen Formen, sondern auf die sehr genau beobachteten und formalisiertem Schwellungsverläufe zurückzuführen ist. Hier finden wir die Magie in der von innen nach außen formenbildenden Kraft und nehmen sie wahr als Plastizität, die zunächst nichts zu tun hat mit Architektur, der es primär um die Konstruktion von Innenräumen geht.


Ich vermute, daß beliebige, auch sakrale Bauten zunächst einmal sehr klein, sehr verschieden nach topographischen, regionalen und kulturellen Bedingungen und mit den naheliegendsten Materialien aufgeführt werden, und daß sie uns auf immer beglückende Weise von der Raffinesse und vom Pragmatismus ihrer Erbauer berichten. So z.B. von den frühen Schwemmlandbewohnern, die Schilfstengel in ihren schützenden Sümpfen beließen, unten zu einem Rost verknüpften und oben zum Kegel bündelten und tausende Jahre später Gewölbe (im ägyptischen Ramasseum) errichteten aus längst stoßenden Lehmziegeln, so als wären es noch immer die Halme, die oben sich krümmten.

Ich verspüre mitnichten eine Desillusionierung, wenn ich erfahre, daß es zuvor solche genial einfachen Praxen gegeben hat und auch nicht, wenn ich daraus den Schluß ziehe, daß Magie nicht im Bau und seiner ewigen Dauer beruhen kann. Die Architektur komponiert bauliche, stoffliche Elemente, und soweit die Elemente eine magisch plastische Macht ausüben, d.h. soweit sie von sich aus, quasi als Subjekte eingreifen können ins menschliche Schicksal, ohne auf nachhaltige Widerstände zu treffen, profitiert Architektur davon als Koordinator, nicht als Initiator. Ein Bauwerk ist, was wir deutlich vor allem in seinen steinlosen Frühstadien sehen, ein Instrument: ein konzentrierendes, multiplizierendes, organisierendes Gehäuse, dem bestenfalls das Erschwernis des besonderen Materials Magie verleiht.
 

Einleitung   Die maltesische Gunst der Steine