Einleitung

   
  Malta ließ 1993 hoffen auf ein sommerliches Badevergnügen und auf die erste Begegnung mit megalithischer Architektur, und zwar in einer unerwarteten Gegend, dem Mittelmeer. Es war auch die Unkenntnis, die mich anzog, meine eigene und auch die der geläufigen Architekturgeschichte, die über Jahrhunderte hinweg erst bei den Griechen ansetzte. Vermutlich, weil sie eine "historische", d.h. auch schriftliche Kultur überliefert hatten, sicherlich aber weil sie unsere eigene europäische Kultur am meisten beeinflußt haben.


Und wer hat die Griechen beeinflußt? Ja, die Ägypter, die man allerdings erst seit der Entzifferung des Rosettasteins im 19. Jahrhundert zu den schriftlichen, also architekturhistorisch einzubeziehenden Kulturen gerechnet hat. Und von wem wurden die Ägypter geprägt? Von der Megalithkultur, die man inzwischen durch naturwissenschaftliche Meßverfahren gezwungen war, als früher anzuerkennen.

Warum nur ist uns das Frühe und das noch Frühere so wichtig; weil wir Ursprünge suchen, die wir in der Gegenwart vermissen? Natürlich teilte ich die allgemeine Sympathie zum Ausgeschlossenen, Fremden, eine Sympathie die andere Altersgenossen und Ältere, wie der holländische Architekt Aldo van Eyck, schon anderen Kulturen entgegengebracht und vieles davon für die Moderne gewonnen hatten: Bauten der Mayas, "Anonyme Architektur", die Bernd Rudofsky publizierte, afrikanische Gralshütten als Vorbilder für Atriumhäuser. Aber hätten diese Kollegen auch die Megalithkultur angefaßt? Wäre sie ihnen nicht nur Grab- und Tempelarchitektur, bestenfalls astronomische gewesen und hätte ihnen zu wenig geboten für den Wohnungsbau, der doch das eigentliche Thema der Architektur sei und nicht die Steinbauten der Herrschaften?

War mir nicht auch der Reiz wichtig gewesen, daß nicht einmal Mythen die Vorgänge in den Tempeln assoziieren ließen? Daß wir keine Spielarten des Weltverstehens, nicht einmal in Form allgemeinerer Rituale zur Verfügung haben, sondern darauf angewiesen sind, uns die vorhandene Architektur mit ihrer kruden praktischen Symbolik und Funktion zu erklären? Die Bauten Maltas versprachen den Reiz des Sprachlosen gegen das heutige Gefasel so vieler Theoretiker, Architektur sei Sprache, etwa von Peter Eisenman, der konsequenterweise behauptet, Architektur zu schreiben, und damit lächerlich formalistische Entwürfe produziert, panische Befreiungsschläge aus der ungelösten Fessel der Rationalistischen Architektur, wie sich noch zeigen wird.

Regt nicht die Sprachlosigkeit der Bauten das eigene Sprechen an? Diese Frage würden die heutigen Neorationalisten mit Begeisterung bejahen, denn ihre streng geometrischen, oft geschlossenen und funktional problematischen Baukörper rechtfertigen sie gerne als gerade animierend für die Phantasie. In Malta aber läßt sich die Sprachlosigkeit nicht auf Geometrisches oder Formales zurückführen. In ihrer Kleinteiligkeit und in ihrer archäologischen Präsenz wickelt sich diese Architektur ab, entfaltet sich bereitwillig vor unseren Augen, nur eben, daß wir ihre Sprache nicht verstehen. Architektur, von der wir so wenig wissen und die uns ganz fremd ist, fordert unsere eingeschlafene Bereitschaft zur Unmittelbarkeit heraus, mehr noch, unsere vorbehaltlose Sympathie, während die sich so oft dem Betrachter anbiedernde Architektur uns regelmäßig auch als Nutzer abstößt. Und weil wir so wenig wissen, werden wir zu Laien, durchaus mit der Schärfe, daß Laien die Professionisten übertrumpfen, was im Katholizismus letztlich zum Protestantismus geführt hatte und in den Naturwissenschaften zu ...?

Man wünscht der Beschäftigung mit den maltesischen Bauten die Stammtische eher als die esoterischen Zirkel. Leider ist dies eine Erwartung, die ich durch nichts bestätigen kann. Selbst einige Stammtouristen, denen wir in Malta begegnet waren sind überrascht, wenn man von der Einmaligkeit der maltesischen Reichtümer an Tempeln und den phantastischen Skulpturen im Museum von Valetta erzählt. Sie sind so überrascht, wie wir enttäuscht von der Qualität der Strände, die ihnen wiederum wichtig ist, neben der garantierten Sonne im Winter und den niedrigen Kosten für Flug, Unterkunft und Verpflegung. Schade, daß die Bauten,
selbst wenn sie so nahe liegen, kein Interesse auslösen, geschweige denn Gespräche, die keine traurigen Gespräche sein müßten, weil sie vom Tod nur in der Art der Entsorgung des Leichnams und seiner Erinnerung handelten.

Vielleicht war noch ein anderer Grund viel ausschlaggebender für Malta, nämlich die Faszination am frühesten Steinbau und an den Spuren der mit ihm verbunden Magie. Nun leben wir heute nicht in magischer Zeit, und ich würde unmöglich in einer Gesellschaft leben wollen, deren Grund oder Begleiterscheinung die Magie wäre, weil dies in der Wirklichkeit nicht ohne großfamilienähnliche Zwangsgeschichten abliefe. Dies gilt auch, obwohl ich einsehe, daß die Verbindung von Natur, Leben und Gesellschaft eine triftige Quelle für die Akzeptanz der unausweichlichen Ökologischen Dimension darstellt.

 

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