TOTENSCHIFF UND STERNENSCHLOSS
  Reisen zu mythischen Orten Europas
  Mit 11 Radierungen von Christine Klie

 1. Einleitung

 2. Im Tempel der Nicht-Angst
 Erfahrungen in einem Zen-Kloster
 3. Die Kraft der Steine
 Megalithstätten in Schottland, Irland und Deutschland
 4. Das Totenschiff
 Eine Unterweltfahrt auf dem Nil
 5. Gralsfahrt I: Das Sternenschloss
 Zu den Katharerburgen in den Pyrenéen
 6. Das Sonnenkreuz
 Keltisches Christentum in Irland
 7. Der Weltenbaum
 Auf der Suche nach der "Donareiche" in den Wäldern Hessens
 8. Heilige Wasser
 Opfermoore und Seeheiligtümer in Thüringen und Schleswig-Holstein
 9. Urmutternacht
 Höhlenerkundungen am Kyffhäuser
 10. Der Gehörnte Gott
 Hexenmythologie im Harz
 11. Eagle Brother
 Bei den Saamen in Lappland
 12. Gralsfahrt II: Der Kelch der Verwandlung
 Auf den Spuren von König Arthur und seiner Tafelrunde

Einleitung

Mythologische Bilderwelten haben mich schon von früher Jugend an fasziniert, lange bevor ich genaueres Wissen über sie oder Erfahrungen mit dazugehörigen Orten und Landschaften besass. Als kleiner Junge las ich begeistert die Comicbücher des "Prinz Eisenherz", die mich schon aufgrund ungewöhnlicher Titel wie "Der Prinz von Thule", "Ritter der Tafelrunde" oder "Die Suche nach dem Gral" anzogen. Ich wusste nicht, was all diese Namen bedeuteten, aber tauchte gerne in ihren Klangraum ein, der unbekannte und geheimnisvolle Erlebnisse versprach. Mit 14 oder 15 Jahren bekam ich zum Geburtstag die "Deutschen Heldensagen" geschenkt und las mit grossem Interesse die Geschichten von Siegfried, Hildebrand, Laurin und Wieland, die um heftige Gefühle wie Kampf, Liebe, Treue und Rache kreisten. Zur Behebung meines Eisenmangels hatte man mir eine Flasche "Rabenhorster" Traubensaft neben das Bett gestellt, dessen dunkles Rot vortrefflich zu Siegfrieds Drachenkampf oder dem Purpur der Könige von Worms passte. Gerne schaute ich während der Lektüre in das mit Saft gefüllte funkelnde Glas, das mir wie ein magischer Spiegel für längst vergangene Zeiten erschien. Die Mythenwelt der Kelten, Germanen und Gralsritter faszinierte mich mehr als die Sagengestalten Roms oder Griechenlands, Megalithtempel in einsamen Heidelandschaften versetzten mich in grösseres Staunen als die Akropolis unter der immerwährenden Sonne des Südens. Ich erinnere mich an langweilige Schulbesuche in Kölner Museen, wo uns der Lehrer vergeblich für die Schönheit antiker Marmorjünglinge oder Vasen zu begeistern versuchte. Die hellenischen Götter waren mir zu glatt, harmonisch und idealisiert, zu weit weg von den Zonen des Abgründigen, Wilden und Rätselhaften, die ich eher in den nordischen Sagen wiederfand. In einem alten Geschichtsbuch stiess ich einmal auf eine Landkarte, die das gesamte Römerreich von Afrika bis zum Hadrianswall in England darstellte. Die Regionen nördlich davon waren als dunkle Wälder gekennzeichnet und mit dem seltsamen Wort "Ultima Thule" benannt, das mich gleich stark berührte. Es verkörperte etwas Fernes und Dunkles, aber klang andererseits auch vertrauter als Namen aus der römisch-griechischen Mythologie. Eines Tages, so dachte ich damals, wollte ich diesen Ort aufsuchen und nachsehen, was sich dort verbarg.
Vorher jedoch begegnete ich der spirituellen Welt Asiens, die im Gegensatz zu den europäischen Mythen eine lebendige Überlieferung und einen Kanon nützlicher Übungen besitzt. Einige Jahre suchte ich mehrmals in der Woche ein Berliner Zen-Dojo auf, um auf einem kleinen schwarzen Sitzkissen bei gleichmässigem Atem in tiefe Meditation zu versinken. Dies beruhigte nicht nur, sondern brachte mir auch eine hochentwickelte spirituelle Tradition näher, die neben lebenspraktischen Weisheiten auch eine ansprechende Ästhetik besass. Die mit wenigen Schriftzeichen verzierten Tempelräume, die schwarzen Kimonos und die Klänge von Gongs und Holzstäben hatten in ihrer kraftvollen Einfachheit etwas Bezwingendes und verhalfen mir zu mehr Konzentration auf das Hier und Jetzt. Aber bei aller Faszination merkte ich nach einigen Jahren, dass dies letztlich doch nicht meine Welt war. Viele meiner Mitstreiter hatten nach und nach die exotische Welt des Zen-Buddhismus übergestülpt wie eine neue Identität und dozierten – mehr oder weniger subtil - nur noch vom "Loslassen" und der "Überwindung des Ego". Mehr und mehr störte mich die Kühle des Zen, seine asketisch-harten und immer auf Selbstüberwindung bedachten Züge. 1987 riss mich das schmerzhafte Ende einer langjährigen Beziehung in ein Loch, aus dem mir erstmal keine japanischen Weisheiten oder Atemübungen mehr heraushalfen. Ich reagierte geradezu trotzig auf die asiatischen Maximen, wollte mir erlauben, verzweifelt zu sein und bewusst durch ein tiefes Tal zu schreiten, statt immer nur Strenge und Disziplin walten zu lassen. Da half mir überraschend eine Reise nach Schottland weiter und machte mich mit der Welt der Kelten bekannt, die mich tröstend wie ein dunkler und mütterlicher Mantel umfing. War ich hier plötzlich Bilderwelten begegnet, die mehr mit mir zu tun hatten als die kühle und hochstilisierte Welt Asiens? Kaum hatte ich jemals zuvor eine solch intensive Begegnung mit einem fremden Land, seiner Geschichte und Mythologie gehabt. Bei Zugfahrten durch die Highlands liefen mir oft Tränen über die Wangen und ich wusste nicht warum. Mir war, als kehrte ich zu einer verlorenen Heimat zurück, die bisher nur im Untergrund meines Wesens auf ihre Wiederentdeckung gewartet hatte. Wie in Trance reiste ich durch die endlosen Grünschattierungen dieses betörenden Landes wie durch eine wohlvertraute Welt: Stolze Burgen, wie für die Ewigkeit gebaute Steinkreise, gälische Sprachklänge und verschlungene Ornamente sprachen in einer rätselhaften, aber doch vertrauten Sprache zu mir, die ich in vielen weiteren Reisen tiefer zu verstehen suchte. Hier begegnete mir zum ersten Mal die spirituelle Tradition Nord- und Mitteleuropas, vor allem das Keltentum in seiner reichen bildhaften und literarischen Überlieferung.
Doch bevor ich dieses genauer erforschen und von ihm zur Mythologie der Germanen vorstossen sollte, brachte mich die Beschäftigung mit dem Maler Paul Klee auf die Glaubenswelt der alten Ägypter. Klee hatte 1928 bei einer Reise ins Land der Pharaonen die altägyptischen Totenbücher gelesen, die die Abenteuer des Sonnengottes Re bei seiner Fahrt durch die Unterwelt beschreiben: ein Initiationsbuch, das den Menschen in suggestiven Bildern mit seinen Schwächen, Ängsten und Alpträumen konfrontiert. Als ich Klees Reiseroute nachfuhr und dabei mit einem Fährmann einen Tag und eine Nacht alleine auf dem Nil verbrachte, kamen die Texte über mich und spülten eigene Dunkelzonen hoch. Selten zuvor hatte ich eine solch frappierende Überlappung von Mythologie und Alltagsleben erlebt. Inmitten einer fremden und z.T. irritierenden Welt wurden Urängste und Sehnsüchte in mir entfesselt, die manchmal wie Bebilderungen der alten Texte wirkten. Diese wiederum schienen mich in Situationen hineinzustossen, die nicht mehr durch Lektüre zu bewältigen waren, sondern Mut, Geduld und Offenheit für das Unerwartete forderten. Während meines Ägyptenaufenthaltes erfuhr ich wohl etwas davon, was C.G.Jung mit dem Terminus "Nachtmeerfahrt" umschreibt.
Neben der Beschäftigung mit den ägyptischen Totenbüchern blieb jedoch die Faszination für die Kelten weiter bestehen und führte mich u.a. auch nach Irland, wo ich Spuren eines mystischeren und naturverbundeneren Christentums fand, als ich es bisher kannte. War es Zufall, dass mir dort ein Buch über die esoterischen Hintergründe des Nationalsozialismus in die Hände fiel, das mir - mit 41 Jahren – erstmals die Welt der Germanen näherbrachte? Musste ich erst eine Mitschuld abtragen, bevor ich der Bilderwelt der eigenen Vergangenheit begegnen durfte? Im Zusammenhang mit meinem Film- und Buchprojekt "Schwarze Sonne" bereiste ich nun auch mythologische Orte in Deutschland: germanische Opfermoore in Schleswig-Holstein und Thüringen, Hünengräber auf Rügen und in der Lüneburger Heide, die Höhlen des Kyffhäusergebirges sowie den Harz mit seiner vielschichtigen Hexenmythologie. Ferner lernte ich die Welt der mittelalterlichen Gralssagen kennen und suchte nach den Spuren von König Arthur und seiner legendären Tafelrunde.
Das folgende Buch zeichnet diesen Entwicklungweg nach, der nicht immer linear verlief und zwischen verschiedenen Kulturen hin- und herpendelte. Die Kapitelüberschriften signalisieren schon, dass ich eher persönliche Begegnungen mit Sinnbildern beschreibe, als akademische Erkenntnisse zusammenfasse. Sachwissen aus den jeweiligen Fachgebieten (Archäologie, Religionswissenschaft, Mythologie, Historie, Philologie) spielt zwar immer mit hinein, aber im wesentlichen geht es mir um die Beantwortung der Frage, warum ich immer wieder gerne bestimmte Burgen, Steinkreise, Menhire, Wälder, Teiche, Höhlen und Bergeshöhen aufsuche, vor allem, wenn sie mit Namen und Sagen verbunden sind, die mehr aus ihnen machen als blosse Geographie. Ein Dolmen verändert für mich eine Heidelandschaft, eine Burg eine Steilklippe am Meer, ein Berg zieht mich mehr an, wenn er "Heiligenberg" heisst und sich uralte Opfersteine in seinen Wäldern befinden. Hünengräber sind spannender, wenn sie vom Volksmund "Haus der Feen" genannt werden, ebenso Höhlen, von denen es heisst, dass sie den eingeschlafenen Kaiser Rotbart oder "weisse Frauen" beherbergen, die den einsamen Wanderer zu verborgenen Schätzen locken. Dies alles löst Assoziationen aus, die über den eigentlichen Ort weit hinausgehen. Sie zeigen, dass uns bestimmte Plätze tiefer anrühren, weil sie eine archetypische Qualität besitzen. Die Gralsburg strebt empor zum Licht und berührt Fragen nach "Reinheit" und Idealen, eine Höhle führt in den Bauch der Erde, wo Gottheiten leben, die mit ganz anderen Lebensbereichen verknüpft sind. Faktenwissen ist bei solchen Erkundungen nützlich, aber nicht Vorbedingung für ein Berührtwerden durch das Sinnbildhafte bestimmter Orte und Monumente. Manchmal ist die ursprüngliche Bedeutung kaum mehr zu rekonstruieren, aber die Volksphantasie hat sie weitergesponnen wie Variationen eines musikalischen Themas. Das Wort "spinnen" soll in diesem Zusammenhang gar nicht abschätzig gebraucht werden, denn gesponnen wird ein Faden, der aus entfernten Zeiten bis in die Gegenwart reicht und viele von uns nicht mehr loslässt. Auch wenn spätere Generationen bestimmte Mythen und Plätze immer wieder neu mit ihren Phantasien umranken, scheint es doch so etwas wie einen zeitlosen Kern im Innern dieser Phänomene zu geben, der gleichbleibende Impulse ausstrahlt. Die Qualität solcher "Kraftorte" – ich mag das Wort eigentlich nicht - besteht für mich kaum aus irgendeiner mystischen Strahlung, die erst mit Rutengängern oder okkulten Medien aufgeschlossen werden muss. Ich nähere mich ihnen lieber mit offenen Sinnen, Hintergrundwissen und intuitiver Genauigkeit und versuche zu erkennen, wie sich bestimmte geistige Grundfragen der Menschheit in ihnen verkörpert haben: Was kommt nach dem Tod? Gibt es eine Ewigkeit? Was ist das Geheimnis der Regeneration? Wie hängen die Zyklen der Natur und die der Seele zusammen? Was dachten die alten Völker über den Tod, das Schicksal, Sexualität, Götter und Dämonen, das "Gute" und das "Böse"? Meine Reisen führten auch dazu, dass ich als rational denkender und christlich geprägter Mensch zu archaischen Erlebnisschichten in mir geführt wurde, die ich so noch nicht kannte. Denn die Völker des heidnischen Europa hatten eine völlig andere Vorstellung von Leben und Sterben, Glück und Unglück, Freiheit und Schicksal als wir. Bäume, Steine, Felsen, Quellen und Sterne waren ihnen heilig, das Geschlechtliche oft noch nicht vom Sakralen getrennt, hinter der materiell fassbaren Natur webten unsichtbare Kräfte und die Seele wurde als ein vom Körper unabhängiges Substrat angesehen, das nach dem Tode weiterexistierte. Lange bevor patriarchale Glaubenssysteme entstanden, verehrte man in Europa bereits die Erde in Gestalt einer grossen Muttergöttin und entwickelte ganz andere Wertvorstellungen als bspw. die nachfolgenden Indogermanen oder gar das Christentum.
Mit vielen solcher Ideen, die immer auch starke Emotionen anrührten, kam ich auf meinen Reisen zusammen und sie erweiterten meinen Horizont. Die alten Sagen und die Aura dazugehöriger Orte griffen oft stärker in mein Unterbewustsein hinein als ich vorher dachte und spülten Sehnsüchte, Ängste und Phantasien empor, die mir unbekannte Facetten meiner Person zeigten. Bei aller historischer Veränderung scheinen zeitlose Schichten in uns weiterzubestehen: Warum rühren uns sonst noch die griechischen Tragödien an, Homers Odyssee, steinzeitliche Kultanlagen oder der Heilige Gral, der sogar in modernen Kinoadaptionen ("Excalibur", "Indiana Jones", "Herr der Ringe" etc.) wieder aufscheint? Scheinbar wurde in den alten Mythen um Fragen gerungen, die wir immer noch nicht bewältigt haben und die auch die sogenannten Hochreligionen nicht immer befriedigend lösen konnten. Sie interessieren uns weiterhin und führen dazu, dass wir die alten Texte wieder lesen und zu den dazugehörigen Kultstätten reisen. Obwohl ich das an diesen Orten Erlebte persönlich beschreibe, vertraue ich auf die Erfahrung, dass durch präzise Formulierung des Eigenen auch ein Funken auf andere überspringen kann. Insofern sind die Essays eher literarische Formen als Sachbuchbeiträge, die auflisten, was die Forschung heute über bestimmte "Kultorte" weiss. Ich spürte mit der Zeit, dass das Entscheidende für mich ausserhalb von Geschichtswissenschaft, Archäologie oder Philologie liegt, so wichtig deren Erkenntnisse auch sind. Der Leser mag also durchaus an einer persönlichen "Gralsfahrt" teilnehmen, die dem Autor unbekannte Seelenbereiche erschloss und seine Weltsicht beträchtlich veränderte. Seit diesen Reisen lebe ich stärker in lebendigem Austausch mit der Vergangenheit, deren Bilderwelt mir nicht nur Trost in einer verflachenden Gegenwart spendet, sondern mich diese auch mit anderen Augen betrachten lässt. Mythologische Reisen wurden für mich zu Blicköffnern in einer Zeit, die immer mehr durch einen eindimensionalen Begriff von Rationalität bestimmt wird, der uns zunehmend von intimeren und subtileren Erfahrungen abzuschneiden droht. Daher stimme ich dem Indologen Heinrich Zimmer zu, wenn er sagt, dass wir durch Mythen und Symbole mit einem Bereich in uns konfrontiert werden, der "unserem bewussten Wesen so wenig vertraut ist wie das Erdinnere dem Geologiestudenten. Deshalb rüstet uns die mythische Überlieferung mit einer Art Landkarte aus, an Hand derer wir Gehalte unseres Innern, zu denen wir bewusst kaum noch eine Beziehung haben, erforschen und bestimmen können."



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