Jahiliya und die "Hure Babylon"


Das islamische Geschichtsbild ist durch einen heillosen Riss geprägt, der die Geschichte in eine "gute" und eine "böse" Zeit auseinanderreißt. Markiert wird der Riss durch die Offenbarung Gottes an Mohammed. Die Zeit davor gilt als "böse", die Zeit danach als "gut". Der Teil der Welt, der in der "guten" Zeit lebt, ist das "Land des Friedens" (Dar al islam), der noch in der "bösen" Zeit befangen ist, das "Land des Krieges" (Dar al harb). Dar al ahd, das "Land des Vertrages", ist nur eine temporäre, scheinbare Überbrückung dieser "manichäischen Dichotomie" (B. Tibi) von Zeit und Raum. In Zuständen der Schwäche schließt das "Land des Friedens" pragmatisch Verträge mit dem "Land des Krieges", beendet dadurch aber nicht die metaphysische Feindschaft, die einen solchen "Begriff des Politischen" (C. Schmitt) konstituiert. Ein islamisches Völkerrecht, basierend auf der Gleichberechtigung souveräner Staaten und darin vergleichbar dem "Ius publucum europaeum", konnte es deshalb nie geben.

Die "böse" Zeit gilt als "Zeit der Unwissenheit" (Jahiliyya). In dem grundlegenden islamistischen Kampfmanifest "Wegzeichen" des Ägypters Sayyid Qutb wird dieses dualistische Jahiliyya-Theorem nun zum Kampfmittel gegen die real existierenden islamischen Staaten der arabischen Welt umfunktioniert. "Wegzeichen" entstand, als sich herausstellte, dass Nasser nach dem Sturz des Königs Faruk keineswegs vorhatte, in Ägypten eine islamische Rechtsordnung einzuführen, sondern sich, wie andere arabische Nationalstaaten auch, dem Sozialismus verschrieb. Dagegen zieht Qutb zu Felde und wird deshalb 1966 vom "Pharao" Nasser hingerichtet. "Wegzeichen" schrieb Qutb in der nahezu zehnjährigen Haft davor.

Er wendet sich gegen alles, was sich in "Herrschaft" und "Anbetung" nicht der allein legitimen Herrschaft Gottes (hakimiyyat Allah) unterwirft. Das sind neben dem Rest der Welt nicht nur die in seinen Augen abtrünnigen arabischen Nationalstaaten, sondern es ist auch die islamisch orthodoxe Ulema, die Rechts- und Religionsgelehrten, die sich dem Jahaliyya-Staat götzendienerisch anbiedert. Der Scheich der autoritativen Kairoer Al-Azhar-Moschee verurteilte dann auch umgehend zur Freude seines "Pharao" Qutbs Pamphlet. In der Fallstudie zum islamischen Fundamentalismus Ägyptens "Der Prophet und der Pharao" führt Gilles Kepel eine Fülle von Originalzitaten aus "Wegzeichen" an, die sehr aufschlussreich und lesenswert sind. Zwar liegt "Wegzeichen" mit ähnlichen Schriften inzwischen zuhauf in den auch von westlichen Touristen besuchten Moscheen aus und wird in der moslemischen Welt eifrig gelesen. Doch wer von uns Westlern kann schon so gut Arabisch? Mit Türkisch für die Istanbuler Moscheen steht´s auch meist nicht zum Besten. Kepels Übersetzung schafft für solche Sprachignoranz wenigstens eine kleine Abhilfe.

Das fundamentalistisch funktionalisierte Jahiliya-Theorem zielt auf das globale, eschatologische Friedensreich der Gottesherrschaft Allahs (hakimiyyat Allah). Das gegen eine globale Jahiliya durchzusetzen – denn in eine solche götzendienerische Unwissenheit ist die Welt in den letzten achtzig Jahren seit dem Ende des Osmanischen Reiches und seines Kalifats zurückgefallen -, das ist für die Islamofaschisten "Djihad". In einem solchen eschatologisch ausgerichteten "Heiligen Krieg" opferten sich die Todespiloten vom 11. September. Sie waren fidda´iyyun keines verlorenen, mystischen Paradieses wie die legendären Assassinen, sondern eines zukünftigen Paradieses auf Erden: islamistischer Gottes – gegen kapitalistischen Geldfrieden. Sich ausgerechnet das WTC, "Pharaos Haus" und Kapitale der götzendienerischen Geldherrschaft, als Zielscheibe vorzunehmen, war da nur logisch.

"Gott gegen Geld" titelt in diesem Sinn Roger Friedland (Santa Barbara) seinen Beitrag in "Lettre International" (54/2001) und zitiert Minoru Yamasaki, den Architekten des WTC:

"Ich sehe das so: Welthandel bedeutet Weltfrieden und deshalb war die Absicht der Gebäude des World Trade Center in New York eine weiterreichende, als nur Büroraum für Mieter bereitzustellen. Das World Trade Center ist ein lebendiges Symbol für das Streben der Menschen nach weltweitem Frieden."


Da hat man, nun offensichtlich, die Rechnung ohne jene Wirte gemacht, die Weltfrieden nicht als kapitalistischen Geldfrieden wollen.

"Pharaos Haus" bekommt in dem eschatologischen Jahiliya-Konzept der Fundamentalisten fatale Ähnlichkeit mit dem christlich-apokalyptischen Bild der "Hure Babylon". Dieses ist in der "Geheimen Offenbarung" des Johannes das satanische Gegenbild zum "Himmlischen Jerusalem", dem Reich der endzeitlichen Gottesherrschaft. Die Jahiliya-Welt der Islamisten mit Babels gleichfalls götzendienerisch dem Geld und dem Handel verfallenen Teufelswelt zu vergleichen, scheint mir wegen der gemeinsamen manichäisch-dualistischen Struktur nicht abwegig. In beiden Fällen stehen sich in endzeitlicher Konfrontation eine Gottes- und eine Teufelswelt unversöhnlich gegenüber, wie es in der christlichen Tradition diverse Bildwerke darstellen: Das "Himmlische Jerusalem" ist von Engeln bevölkert, Babylon als die "große Hure" von Teufeln. Beispiele dazu auf der Schüler-Webpage "Das Himmlische Jerusalem und die Teufelsstadt Babylon".

Sehr bedenkenswert ist mir in diesem Zusammenhang manichäisch-dualistischer Geschichtskonzepte die Parallele zwischen islamistischer Eschatologie und nationalsozialistischer Apokalyptik, die beide Produkte ihrer "Mutterreligionen" Islam bzw. Christentum sind. Auf Webseiten, die gerade auch um die apokalyptische Konfrontation zwischen "Himmlischem Jerusalem" und "Hure Babylon" kreisen, habe ich das für den Nationalsozialismus an einem repräsentativen Beispiel erläutert: "Die Symbolik der Wewelsburg" . Der Islamismus erscheint so ideologisch-strukturell einmal mehr mit anderen Formen des Faschismus vernetzt. Um sich etwas mehr in die facettenreiche nationalsozialistische Apokalyptik vertiefen und so meine Vergleichsthese vielleicht etwas besser nachvollziehen zu können, empfehle ich die umfangreiche Auseinandersetzung meines Literaturkurses mit dieser Thematik  "Schwarze Sonne. Michael und seine apokalyptischen Superhelden", in Weiterführung dann meinen "Fight-Club"-Essay  "Schwarze Sonne über Babel". Zur Kurzinformation ist die Kursseite geeignet  "Goebbels, Michael und der Antichrist".

Man beachte auf dieser Kursseite besonders den Link auf Jasenovac, das "Auschwitz des Balkan". Dort ist Aufschlussreiches über die Nähe zwischen dem faschistischen Ustascha-Regime Kroatiens und dem Vatikan zu erfahren. Waren das alles nur bedauerliche Fehlleistungen "schwacher Menschen" (etwa, wenn ein Franziskanerpater ein KZ leitet) oder verbirgt sich dahinter nicht doch mehr, nämlich eine strukturelle Verwandtschaft zwischen Faschismus und – in diesem Fall - christlicher "Mutterreligion"?


Opferflug in Pharaos Haus Index Trauma und Ressentiment