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Opferflug
in Pharaos Haus
Sieht sich Osama Bin Laden, irgendwo
im afghanischen Gebirge versteckt, als Nachfolger des "Alten vom
Berge", seine al-Qaida als Neuauflage eines mittelalterlichen Geheimbundes?
So fragt "Der Spiegel" in
seiner Ausgabe vom 8. Oktober 2001, deren Titelstory lautet:
"Der
religiöse Wahn. Die Rückkehr des Mittelalters."
Es ist sicher verfehlt, zwischen den Sich-Opfernden des "Alten
vom Berge" und denen Bin Ladens eine historische Linie konstruieren
zu wollen. Dennoch ist es nicht minder verfehlt, die Frage gar nicht erst
zu stellen, ob nicht dennoch etwas metaphysisch Vergleichbares zwischen
den beiden Gruppen von "fida´iyyun" zu finden ist.
Ein Schlüssel für eine mögliche Antwort dürfte in
den für westliche Ohren eigenartigen Formulierungen liegen, in denen
vom "Pharao" die Rede ist. "Ich
habe Pharao getötet!", brüstete sich der junge
Leutnant, der Anfang September 1981 den ägyptischen Staatspräsidenten
Anwar-el-Sadat getötet hatte.
Er kam aus einer Gruppe sich immer mehr radikalisierender "Moslembrüder".
Ihnen war Sadat zunächst durchaus verbunden und hatte mit Hassan
el Banna, dem Gründer der "Ikhwan", während des Zweiten
Weltkriegs konspiriert. Dabei ging es auch um eine Kollaboration mit den
Faschisten in Berlin und Rom. Konsequenterweise ermordete 1945 ein Jünger
Hassan el Bannas den ägyptischen Premierminister, der das Bündnis
mit den Achsenmächten nach Rommels Niederlage gekündigt hatte.
Ähnlich ging es Nokraschi Pascha, der drei Jahre später die
"Ikhwan" auflöste. Ausführlich kann man das und viel
mehr nachlesen bei Gilles Kepel: "Der
Prophet und der Pharao". Im Untergrund gingen nun aus
den verbotenen "Moslembrüdern" extremistische Randgruppen
hervor, die sich z.B. "Takfir wa l`higra" (Verfluchung und Auszug)
oder schlicht "Gihad" (in ihrem Verständnis "Heiliger
Krieg") nannten. "Takfir wa l´higra" und Bin Ladens
1988 in Afghanistan gegründete "Al
Qa´ida" (Die Basis) sind eng verwoben. Ihr ägyptischer
Hintergrund mit der Takfir wa l´higra" Affäre von
1977 ist gut online zugänglich bei Thomas Schmidinger: "Islamischer
Integralismus in Ägypten" .
Inzwischen operierte Bin Laden auch vom Sudan aus, wohin er auch - 1991
- das Hauptquartier von "Al Qa´ida" verlegte. Ein halbes
Jahr vor dem ersten Anschlag auf das WTC im Februar 1993 reiste der sudanesische
Islamisten-Ideologe Hassan At-Turabi, damals der eigentliche Machthaber
im Sudan, zu einem offiziellen Besuch der UN nach New York. Bei der Gelegenheit
hielt er vor schwarzamerikanischen Islam-Konvertiten in Brooklyn eine
höchst aufschlussreiche Predigt. Seine amerikanischen Glaubenbrüder
seien zu beglückwünschen: Sie seien gut dran, wüchsen
sie doch wie Moses im Hause des Pharao auf. Das ermögliche es ihnen,
genau wie Moses, "das Haus des Pharao zum
Einsturz zu bringen, von innen her!" (1)
Die Autoren der Bin Laden-Biographie kommentieren diese Passage der Rede
Turabis, gehalten übrigens auf Englisch, nicht etwa auf Arabisch
und noch immer in Islamisten-Läden auf Videokassetten erhältlich,
folgendermaßen: "Die Begriffe entstammen einer wohlbekannten
Rhetorik der Islamisten-Literatur. Mit dem Haus Pharaos ist im weitesten
Sinne Amerika gemeint. Im engeren Sinne bezeichnet der Begriff die Zentren
und Symbole amerikanischer Macht, und ganz speziell das World Trade Center,
das als Sinnbild und als Schaltstelle der materialistischen Götzendienerei
gilt."
Die ums "Haus des Pharaos" kreisende Rhetorik darf nicht als
bloße Metaphorik missverstanden werden. Das würde ihrem metaphysisch-religiösen
Hintergrund nicht gerecht. Dieser erschließt sich jedoch erst über
ein geschichtstheologisches Theorem, das laut Bassam Tibi zeigt,
"dass die manichäische Dichotomie
in der islamischen Geschichte als Kollektivgedächtnis noch am Werke
ist; sie wird in die Gegenwart projiziert. Die Schlussfolgerung ist, dass
ohne Kenntnis sowohl der tatsächlichen islamischen Geschichte als
auch der auf ihrer Basis erfolgten "invention of history" (Hobsbawm)
die Welt des Islam heute nicht zu verstehen ist."
Auf welches Theorem spielt Tibi hier an, das in der Tat einen Schlüssel
liefert nicht nur für ein rationales Nachvollziehen der religiösen
Motive des Attentats auf das WTC, sondern auch für ein systemimmanentes
Verstehen islamisch fundamentalistischer Geschichtssicht. Wie wir dann
sehen werden, korrespondiert dieser Sicht einer manichäisch zerrissenen
Geschichte eine psychische Haltung, die der jüdische Psychoanalytiker
Leon Wurmser (New York) in allen fundamentalistischen Gewalt- und Terrororgien
der drei abrahamitischen Religionen während der letzten Jahrzehnte
wiederfindet: das Ressentiment. Der
Flug von Bin Ladens fidda´iyyun ins WTC führt drastisch vor
Augen, wozu solches Ressentiment in Kombination mit einer religiösen
Idee Menschen motivieren kann. Wie die Gegenwart schon erkennen lässt
und die Zukunft sicher vermehrt zeigen wird, ist dieser Opferflug aus
dem Geist des Ressentiments jedoch nicht mehr als die markante Spitze
eines interreligiös faschistischen Eisbergs.
1) Pohly/Duran: Osama
bin Laden
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