Terrormystik des "Alten vom Berge"

Wie hätte der "Apathiker" Flaubert die Assassinen wahrgenommen? Ich denke, kalt und brutal so: Es sind genau die Killer, die auch unsere eigene Religion produziert. Und diese Selbstbegegnung in der Wahrnehmung des verdrängten, religiösen Gewaltpotentials der eigenen Kultur hätte ihn wie bei der Karawane mit Lust erfüllt. Denn jetzt war er sich plötzlich des eigenen, kollektiven Abgrunds bewusst geworden. Ganz anders Rudolf Gelpke, der "Empathiker" des Wunschraums Orient. Für ihn waren die Assassinen ... ja, was? An dieser Stelle tut sich in der ansonsten brillanten Argumentation des Buches ein abgründiges, schwarzes Loch auf.

Dieses zu ergründen, ist insofern höchst aufschlussreich, weil dort tief drinnen in der alles verschlingenden Finsternis einer traumatisch verschlossenen Krypta jenes Verdrängte auf seine Befreiung wartet, das die von Ezzeldin eingangs geforderte "historische Psychoanalyse" ans Licht befördern müsste: die gewalttätige Seite im monotheistischen Gottesbild von Christentum und (!) Islam (und Judentum, wie hier unbedingt hinzugefügt werden muss!) Im Kontext des "Echnaton-Traumas" werde ich dem näher nachgehen. Warum wird darüber nie ein Trialog geführt: über das gemeinsame, sich in den abrahamitischen Fundamentalismen faschistisch verdichtende Gewalterbe der drei abrahamitischen Religionen, anstatt Händchen haltend im Friedenstuhlkreis zu sitzen und sich gegenseitig seine seit Jahrtausenden historisch widerlegte Friedfertigkeit zu bestätigen? Nicht unzutreffend titelt "Der Spiegel" auf seiner Internet-Seite: "Die Religionen des Terrors".

Yossi Sarid, Umweltminister im Kabinett Rabin, stellte nach der Ermordung seines Premiers durch einen fundamentalistischen Judäofaschisten die zentrale Frage, die das ganze Problem auf den Punkt bringt: "Wie kommt es nur, dass der Herrgott jüdischen wie christlichen oder muslimischen Fundamentalisten offenbar nur den einen Befehl gibt: `Mordet´!" (1)

Bei den Christen ist es das Problem eines zum Mord anstiftenden, da mörderischen Gottesbildes. Ich habe es in der "Reise des Henkers" beschrieben als "zerrissenen Gott".  Beim Opferflug der WTC-Attentäter ins "Haus des Pharao" werden wir analog dazu ein mörderisches Geschichtsbild kennenlernen, nämlich eine "zerrissene Geschichte". In beiden Fällen bringt der Monotheismus also paradoxerweise tödliche Dichotomien, mörderische Spaltungen, hervor. Spaltet der "Eine Gott" und warum? Das psychohistorische Modell des "Echnaton-Traumas" ist der Versuch einer ersten Antwort.

Wer waren nun die Killer auf Alamuth, dem Adlernest des "Alten vom Berge" hoch im Gebirge nordwestlich von Teheran? Die Bin Laden-Biographie von Pohly/Duran nennt deren Chef "eine morgenländische Mischung aus Dracula, Frankenstein und Faust", seine bis zur Vernichtung durch die Mongolen 1256 uneinnehmbare Bergfestung für anderthalb Jahrhunderte den "Inbegriff des Schreckens" (2).

Die Bezeichnung "Assassinen", abgeleitet wohl vom arabisch-persischen "haschischiun" (= Haschisch-Leute), ist eine Bezeichnung des Westens und wurde in europäischen Sprachen zu einem Synonym für Meuchelmord (z.B. engl. assassination). Für den Orient waren die so semantisch Abgewerteten "fidda´iyyun" (= sich Opfernde). Das rückt eine ganz andere Dimension in den Vordergrund, nämlich das metaphysische Motiv ihrer mörderischen Attentate auf die Mächtigen ihrer Zeit, mochten das nun prominente Kreuzzügler aus dem Westen sein oder in den Augen der Täter korrupte Machthaber islamischer Fürstentümer. Bei ihren Attentaten nahmen die "Haschisch-Leute" den eigenen Tod in Kauf, was ihnen in westlichen Augen den diskriminierenden Stempel von Selbstmord-Attentätern eintrug. Diese Semantik vernebelt jedoch den springenden Punkt. "Sich Opfernde" sind keine "Selbstmörder", sondern in ihrem Selbstverständnis Kämpfer, die für eine heilige Sache ihr Leben hingeben. Das sollte man sich auch bei den Todesflügen ins WTC nicht vorschnell vernebeln lassen, falls man sich überhaupt dazu herablässt, das religiöse Motiv verstehen zu wollen.

Es ist genau dieses Motivationsproblem, mit dem Gelpke in seinem Assassinen-Kapitel nicht klarkommt. Er erkennt glasklar: Es geht im Kern um ein metaphysisches Problem, nämlich das Umschlagen einer rauschhaft und erotisch mystischen Erfahrung des "Paradieses" in blanken Terror. Für ihn ist das deshalb ein inakzeptables Umkippen, weil es seinem Wunschbild Islam widerspricht, das sich gerade durch die Vereinbarkeit von Eros, Rausch und Religion auszeichnet, Gelpke den Islam gerade deshalb als die gelungene Alternative zu einem misslungenen Christentum hochstilisiert. Und nun ausgerechnet Rausch, Eros und Mystik als Movens islamischen Terrors? Gelpke rettet sich in eine Lösung, die fatale Ähnlichkeit mit der gegenwärtig so wohlfeilen Unterscheidung zwischen der Religion "an sich" – was das wohl ist? Irgendwie erinnert es an Kants per se unerkennbares "Ding an sich" – und die Religion als eine real existierende Fehlform dieser per se glücklicherweise unerkennbaren "Religion an sich". Das eine ist in diesem Denkschema die imaginäre Religion der Friedensstuhlkreise, das andere der reale Terror fundamentalistischer Bösewichte, beides fein säuberlich getrennt.

Zumindest für Gelpke ist das, was der "Alte vom Berge" wirklich wollte, per se unerkennbar, da bereits im Mittelalter nur einem winzigen Kreis Eingeweihter bekannt. Die umfangreiche Bibliothek von Alamuth verbrannte bei der mongolischen Eroberung. Was wir heute wissen, schöpfen wir aus den Schriften der Feinde Alamuths oder aus "Legenden". Gelpke führt hier die semantisch trickreiche Sprachregelung einer "Assassinen-Legende" ein. Das erlaubt ein ständiges Springen zwischen zwei Ebenen: der einer entstellenden "Legende" und der einer wahren, aber unerkennbaren "Wirklichkeit", die seine eigenen Wünsche spiegelt. Das hat den Vorteil der Unüberprüfbarkeit, ähnlich wie sich das, was Jesus " wirklich" wollte, mangels Kronzeugen der Überprüfbarkeit entzieht. Da ist man immer fein raus.

Die schnöde "Legende", überliefert von Marco Polo bis Hammer-Purgstall, dem Wiener Altvater deutscher Orientalistik, ist für metaphysisch kuschelbedüftige "Empathiker" eines Wunschraums Orient in der Tat frustrierend: Der "Alte vom Berge" lockte Jünglinge in sein Adlernest und pumpte sie mit Haschisch voll. Im Rausch fanden sich die so Beglückten an einem paradiesischen Ort wieder, wo sie je nach sexuellem Gusto von wunderschönen Jungfrauen oder Jünglingen (oder beiden) in jeder Hinsicht verwöhnt wurden. Als sie dann irgendwann aus diesem Rausch erwachten, ersehnten sie verständlicherweise nichts mehr, als an diesen Ort ihrer himmlischen Lust zurückkehren zu können. Der "Alte vom Berge" stellte ihnen das "lost paradise" in Aussicht, wenn sie sich zu Mordkommandos bereit erklärten, deren Ausführung ihnen das Leben kosten würde. So opferten sie sich, begeistert mordend, ihrer Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies.

Dieser "Legende" stellt Gelpke eine Geschichte des persischen Dichters Nezami gegenüber (geb. 1141, also zeitgleich zu den "Assassinen"), die auch das Problem des verlorenen Paradieses thematisiert, es jedoch durch melancholisches Verschweigen, nicht durch die Übernahme von Mordaufträgen löst. So hätte es gewesen sein können. Die Jünglinge der Nezami-Geschichte hatten
eine echte Initiation durchlaufen, deren schmerzvolle Erkenntnis sie anderen ersparen möchten. Der legendäre "Alte vom Berge" ist nur ein Schwarzmagier, sein Paradies eine künstliche Fata Morgana, und die Einweihung der Jünglinge ein diesen aufgezwungenes Gaukelspiel, ein politisches "Mittel zum Zweck". Wie aber verhielt es sich in Wirklichkeit?

Der französische Orientalist Yann Richard, der wie Rudolf Gelpke lange Zeit im Iran lebte, findet eine Antwort: "Es empfiehlt sich in jedem Fall, die Geschichte der Ismailiten in Iran von den verleumderischen Legenden zu trennen, die von ihren sunnitischen Gegnern in dieser Epoche verbreitet und gelegentlich von schlecht informierten Orientalisten aufgegriffen wurden; die Bezeichnung `Assassinen´ hat mit den Ismaeliten von Alamut nichts zu tun." (3) Das ist das Ergebnis einer historischen Analyse. Mit vorgefassten Rausch- und Erosphantasien kommt man auch im Orient nicht weit. Er bleibt dann bloßer Wunschraum. Für unbedarfte Friedenphantasien gilt das nicht minder.


1) Der Spiegel 41/18.10.01

2) Michael Pohly/ Khalid Duran: Osama bin Laden und der internationale Terorismus, 2001

3) Yann Richard: Der verborgene Imam, Paris 1983


Rudolf Gelpkes Wunschraum Orient Index Opferflug in Pharaos Haus