Rudolf Gelpkes Wunschraum Orient

Selbstbegegnung im Orient als reflektierte Selbstwahrnehmung ermöglicht es, den Orient bewusst als Wunschraum wahrzunehmen. Was ich hier mit dem Wort "Wunschraum" meine, habe ich praktisch und theoretisch im Rahmen des Projekts "Wunschraum Äthiopien. Ein Hypertextprojekt interkultureller Wahrnehmung" mit dem Religionskurs eines 11. Jahrgangs auch netztechnisch umgesetzt. Bei diesem Projekt wird deutlich, dass es Mythologien sind, die in solchen fremden Wunschräumen gefunden werden und viel mit den individuellen und kollektiven Mythen zu tun haben, in die das Selbst verwoben ist.

Was für Äthiopien im Besonderen gilt, ist auch für den Orient im Allgemeinen zu beobachten: Die Wunschproduktion des individuellen und kollektiven Unbewussten bringt Mythologien hervor, die im Wunschraum Orient z.B. auf Reisen in Landschaften und Architekturen wiedergefunden werden und darauf warten, vom reflektierenden Ich dem Selbst bewusst angegliedert zu werden, um es zu vervollständigen. Für Flaubert formuliert das Edward W. Said in seiner "Orientalimus"-Studie in aller gebotenen Klarheit, wenn er sagt, dass dieser seine "private Mythologie in den Orient" brachte, der Wunschraum Orient ihm so zum "Ort des deja vu" wurde. Dabei hebt er Flauberts fast durchgängige "Assoziation zwischen Orient und Sex" hervor. (1)

Wie sich eine ähnlich sexuell eingefärbte Assoziation im Wunschraum Orient mit einem Wunschbild Islam verbindet, möchte ich nun am Beispiel Rudolf Gelpkes zeigen. Es wird uns mit den "Heiligen Killern" des Mittelalters bekannt machen, jenen Assassinen des "Alten vom Berge", die Bin Ladens Terrortruppe "Al Qua´ida" so merkwürdig auffallend zu ähneln scheinen. Doch zunächst zu Rudolf Gelpke selbst: Er war "seiner Natur nach ein Krieger". So charakterisiert ihn sein Bruder Wendel im Vorwort zur 4. Auflage von Rudolfs Buch "Vom Rausch in Orient und Okzident". Wendel fährt dann fort:

"Einer steilen Karriere als Lehrbeauftragter und Dozent für Orientalistik an verschiedenen Hochschulen in Europa, Amerika und Persien folgte der freiwillige Verzicht auf jede offizielle Tätigkeit. Neben intensiver Suche nach unbekannten oder verschollenen orientalischen Handschriften, von denen einige seiner zahlreichen Übersetzungen aus dem Persischen oder arabischen Kostproben liefern, galten seine letzten Jahre der bedingungslosen Hingabe an das Erleben morgenländischer Mystik, mit welcher er die Distanziertheit des abendländischen Gelehrten zu überwinden trachtete."

In dieser Charakteristik seines Bruders erscheint Rudolf Gelpke als der genaue Gegentyp zum "Apathiker" Flaubert. Für ihn wird der islamische Orient zur nahezu perfekten Gegenwelt eines degenerierten, christlich erkrankten Okzidents. Alles, was er sich für dessen Heilung wünscht, findet er dort: Eros und Rausch im Einklang mit der Religion. In seinem engagierten Buch "Vom Rausch im Orient und Okzident", das mich auf vielen Reisen zwischen Taschkent und Khartum, dem Kaukasus und dem jemenitischen Hochland, der uigurischen Oase Turfan und dem äthiopischen Tana-See wie ein Schatten begleitete, schreibt er:

"Die abendländische Phantasie hat Eros zur Unterwelt verdammt. Das im christlichen Sinne `Himmlische´ ist das Unsinnliche schlechthin. Dass dagegen im Koran das Paradies in sehr sinnlichen Bildern geschildert wird, dass der Prophet verschiedene Frauen offen und mit gutem Gewissen seelisch wie körperlich leidenschaftlich geliebt hat, dass die islamischen Theologen, Philosophen und Mystiker ohne irgendwelche Hemmungen und Verklemmungen über erotische Dinge zu reden und zu schreiben gewohnt sind – das alles ist ja von christlicher Seite oft genug als `Beweis´ für die angebliche moralische Minderwertigkeit des Islams in verzerrter Form ausgeschlachtet worden."

Was Gelpke hier über das Christentum schreibt, kann ich nur unterschreiben. Juan Goytisolo sieht Vergleichbares speziell in der spanischen Kulturentwicklung und nennt die Ausmerzung des Arabisch-Erotischen den "spanischen Sündenfall: ... In den Augen unserer Historiker symbolisierten die Mohammedaner in obskurer Weise das Böse, die Sünde." (2) Weiteres dazu in seinen lesenwerten Reisenotizen "Kibla – Reisen in die Welt des Islam".

Was Gelpke am Christentum kritisiert, deckt sich von der Sache her weitgehend mit dem, was ich in meinem "Fight Club"-Essay angedeutet habe: "Panik der Väter – Die Rückkehr Pans" . Der Verweis auf diese Webpage macht auch insofern Sinn, als sie erlaubt, Gelpke und seinen Wunschraum Orient im Licht einer bestimmten Tradition der deutschen Jugendbewegung zu sehen, die auf der Page auch im Roman "Reich ohne Raum" von Bruno Goetz anklingt: eine romantisierende "Puer-aeternus" – Homoerotik, die bei Gelpke ihren Niederschlag in einem Lobgesang auf Hans Blüher findet. Dessen zentrale These gegen Freud bestand darin, in Homosexualität keine "Perversion", sondern eine gesunde Alternative zu sehen (3). Genau diese Einschätzung von Homosexualität findet nun Gelpke in seinem islamisch-mystischen, die Natur des Menschen bejahenden Wunschraum Orient wieder:

"Die Konzeption, die Blüher entwirft, ist im Westen die einzige mir bekannte, die ohne Einschränkung auch aus der Perspektive der orientalischen Tradition gebilligt werden könnte ... Sie ist unseres Erachtens die einzige, die sowohl Anspruch erheben darf auf die so oft missbrauchte `wissenschaftliche Objektivität´, wie auch auf (im ethnologischen Sinne) weltweite Gültigkeit, denn sie wurzelt, im Gegensatz zu den üblichen erotischen Gartenlaubenspielregeln der psychoanalytischen Briefkastenonkels und –tanten, in der Natur des Menschen – und nicht in einer Polizistenmoral."

Freud gefiel diese Attacke Blühers gar nicht. Doch das ist hier nicht unser Thema. Es ist sicher unstrittig, dass im islamischen Orient homoerotische Beziehungen oft fragloser gesehen werden als im christlichen Okzident. Ob das allerdings im Orient wegen oder aber trotz der Religion so ist, wäre für mich hier die entscheidende Frage. Das zu beurteilen, fühle ich mich allerdings nicht kompetent. Der bereits im Zusammenhang mit der Orientreise Flauberts genannte spanische Dichter Juan Goytisolo, der vergleichbare Preferenzen wie Gelpke hat, sie jedoch in eine sehr viel realistischere Wahrnehmung des Orients umsetzt, sieht das so: "Homosexuality is very natural, but´s a condition not be named."

Es ist selbstverständlich Gelpke unbenommen, in seinem Wunschraum Orient ein erwünschtes Verschwimmen der Geschlechtergrenzen wahrzunehmen, das nicht sofort unter ein Verdikt der "Perversion" fällt, und dementsprechend erotisch lustvoll zu leben. Nur – die Wahrnehmung ist eben zunächst die eines Wunsches, projiziert auf eine Leinwand, deren schöne Bilder in ihm, dem Westler, entspringen und mit der Realität keineswegs übereinstimmen müssen. Die eigene Wunschproduktion mit der fremden Wirklichkeit zu verwechseln, ist dann ein fataler, oft jedoch nicht ganz leicht zu durchschauender Irrtum.

Dieses Problem spitzt sich für Gelpke bei den Assassinen, genauer: bei seiner Beurteilung der Terrormystik dieser ismailitischen Sekte des "Alten vom Berge", zu einem exegetischen Eiertanz erster Güte zu. Es darf nicht sein, was das Islam-Bild seines Wunschraums radikal in Frage stellt. Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass sich auch Juan Goytisolos erster, bahnbrechender Roman mit dem Assassinen-Thema befasste: "Juegos de manos", im Englischen übersetzt als "The Young Assassines".

1) Edward W.Said: Orientalismus, 1981

2) J.Goytisolo: Spanien und die Spanier

3) U.Geuter, Homosexualität in der deutschen Jugendbewegung


Flaubert, die Karawane und das "Grosse Spiel" Index Terrormystik des "Alten vom Berge"