Flaubert, die Karawane und das "Große Spiel"


Erinnern wir uns an Karlas Bastelrunde! Dem, was dort in multikultureller Scheinharmonie verzapft wird, möchte ich einen Text des spanischen Dichters Juan Goytisolo zu Flauberts "Orientreise" gegenüberstellen. Goytisolo, der in Marrakesch lebt, interessiert sich besonders für die wenig beachtete Durchdringung arabischer und europäischer Kultur. Er gilt deshalb als ein Vermittler zwischen Orient und Okzident gerade im mediterranen Raum, dem "Becken euro-islamischer Geschichte" (1). Ich entnehme seinen Text dem Beitrag von Cornelia Köster "Flauberts Reise in den Orient (1849-1850)" auf einem Kolloquium bald nach dem Golfkrieg von 1991 (2).

Goytisolo schreibt: "Im Gegensatz zu den meisten anderen Reisenden, die in den Orient und in die islamische Welt fahren, kommt Flaubert mit seiner Überlegenheit (als Mann, Europäer und Bourgeois) zurecht: er hat nicht die Spur eines Komplexes, ... leidet nie an dem, was wir heute `schlechtes Gewissen´ nennen ... Zynisch bis auf die Knochen, empfindet er keinerlei Notwendigkeit, sich zu rechtfertigen und enthüllt dadurch eine gute Portion Ehrlichkeit ... Er bricht mit der Scheinheiligkeit und dem falschen Mitleid der Abendländer, wenn es um die Wunden und das Grauen in der Dritten Welt geht ... Der vielbeschworene Eurozentrismus wird bei Flaubert gleichsam durch seinen Egozentrismus überwunden." (3)

Für Goytisolo ist das bei aller Brutalität und Direktheit "gewissermaßen heilsam". Cornelia Köster kommt dazu etwas in den Sinn, das für Tinas gefühlsduseligen Multikulti-Brei das Aus bedeuten würde, nämlich "die These eines zukunftweisenden kulturhistorischen Psychogramms", bei dem es darauf ankäme, "keine falsche Rücksichtnahme, kein Mitgefühl, also am besten gar keine Gefühle zu produzieren."

Damit das neben Tina nicht auch alle anderen Leser in den falschen Hals bekommen – irgendwo sind wir doch alle zu "Gutmenschen" verdammt – möchte ich dieses anstößige Psychogramm aus der Perspektive der Flaubert-Biographie Sartres erläutern. In diesem 3000 Seiten dicken Werk kommt Sartre auch auf die Orientreise zu sprechen, die im künstlerischen Schaffensprozess Flauberts den entscheidenden Bruch markiert, und das hängt mit seiner Wahrnehmung des Orients zusammen, genauer: mit seiner Selbstbegegnung in dieser Wahrnehmung. Um das besser zu verstehen, muss man wissen, dass Flaubert gerade deshalb zum Heros bildungsbürgerlicher Literaturrezeption wurde, weil es ihm gelang, die Normen und Abgründe des bürgerlichen Verhaltenskodex kalt und distanziert zu beschreiben. Als ein solcher "Apathiker" (Sartre) schrieb er "Madame Bovary". Und Sartre ging es eigentlich um die schlichte Frage, wie Flaubert diesen Roman überhaupt schreiben konnte, der nach seiner Rückkehr aus dem Orient entstand. "Ich habe es!", soll er, über dem 2. Nil-Katarakt bei Wadi Halfa stehend, gerufen haben. "Ich werde sie Emma Bovary nennen!" Wie war es dazu gekommen?

An der entscheidenden Stelle seiner Meisteranalyse zitiert Sartre zunächst eine kurze Textpassage Flauberts: "Wir kreuzen eine Karawane, die in ihre Couflehs gehüllten Männer (die Frauen sind ganz verschleiert) sind über den Hals der Dromedare gebeugt; sie ziehen ganz dicht an uns vorüber, es fällt kein Wort, gleichsam Gespenster in den Wolken. Ich spüre, wie so etwas wie ein Gefühl des Schreckens und wilder Bewunderung mir den Rücken herunterläuft, ich grinse nervös, ich muss jedenfalls sehr blass gewesen sein, und ich verspürte in unerhörtem Maße Lust."

Dann folgt Sartres Kommentar: "Warum empfindet dieser Apathiker, der ohne jede Erregung ganz Ägypten gesehen hat, eine so starke Lust beim Vorbeiziehen einer Karawane? Weil sie ihm die Realität darbietet, wie er sie sich wünscht, und die wahre Beziehung, die er zum Sein erträumt. Diese Begegnung geschieht in Form einer bloßen Koexistenz. Keinerlei Kontakt wird angedeutet oder ist möglich mit jenen Menschen, die keine der Sorgen Flauberts teilen und nicht seine Sprache sprechen."

Der springende Punkt hier ist wohl der, dass Flaubert in der Begegnung mit der Karawane seine eigene Selbstentfremdung wahrnimmt und diese Selbstbegegnung lustvoll erlebt. Das hat Hans Mayer dann so diagnostiziert, dass "Flaubert den eigenen Zustand der Selbstentfremdung nutzte zur Schöpfung von Werken der Selbstentfremdung." Angewandt auf Goytisolo und Kösters Psychogramm heißt das: Brutale Distanziertheit und Rücknahme der Gefühle sind deshalb heilsam, weil das die Voraussetzung einer Ortsbestimmung dieser Gefühle im eigenen Selbst ist. Verströmende Gefühlsduselei im friedensbewegten Betroffenheitswahn macht das unmöglich. Das Resultat: Die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung wird tränenreich weggespült. Der Gefühlsdusel verkommt zum hilflosen Agenten ihn fremd bestimmender Bilder, mögen die nun seinem eigenen Innern oder äußerer (Medien)manipulation entspringen. Da hat die "deutsche Angst" leichtes Spiel.

Daneben kann Sartres Reflexion der Begegnung Flauberts mit der Karawane - "bloße Koexistenz" - als ein Paradigma für die Realität des Nebeneinanders der Kulturen gelesen werden, das noch nie ein idyllisches Regenbogen-Multikulti war und als solches nur wie Smog im Hirn vernebelter Köpfe existiert. In der bundesdeutschen Wirklichkeit ist das längst kein Geheimnis mehr (4). Auf globaler Ebene lichtete heilsam der 11. September den fatalen Multikulti-Smog, der nichts als Fremdes wirklich akzeptiert und ernstnimmt, sondern alle Unterschiede wie ein oral fixiertes Krümelmonster in sich hineinfrisst und zu einem großen Einheitshaufen verdaut. Wen wundert´s, dass der Haufen Scheiße stinkt? Als ungewollte Legitimationsideologie politisch-ökonomischer Globalisierungsstrategien stinkt er wahrhaft zum Himmel!

Ist der Haufen allerdings dorthin entsorgt, wo er hingehört, können interkulturelle Realität und Selbstbegegnung in der bewussten Wahrnehmung des kulturell Fremden beim praktischen Tun zu korrespondieren beginnen (5). Dabei wird dann der Kopf frei für den nächsten Schritt: die Hinwendung zu so Banalem wie den ökonomischen Basisstrukturen und deren politisch-militärische Umsetzung in einem "New Great Game", einer Neuauflage des britisch-russischen "Großen Spiels" um Afghanistan und ganz Zentralasien, heute gespielt um Gas und Öl des Kaspischen Meers. Auch das ist längst kein Geheimnis mehr und lässt sich online in einem Bericht vom Leiter des Planungsstabes im Auswärtigen Amt nachlesen: "New Great Game in Zentralasien?"

Wer zum "Great Game" zwischen Russen und Briten etwas Unterhaltsames lesen möchte, ist noch immer mit Rudyard Kipling´s Roman "Kim" gut bedient. Daraus stammt übrigens auch der Begriff des "Great Game". Nicht von Ungefähr wird er jetzt wieder aktuell ins Spiel gebracht: "Great Game ums Erdöl und Erdgas in Zentralasien"  Auch das "GUS-Barometer" der Körber-Stiftung hat sich des Themas angenommen: "Das Kaspische Meer als potentieller Krisenherd". Vom potentiellen zum aktuellen Krisenherd siehe: "Der Afghanistankrieg, die Taleban und das Öl".

 

1) Bassam Tibi: Kreuzzug und Djihad

2) Die Beiträge sind erschienen unter dem Titel "Jenseits der Legenden. Araber, Juden, Deutsche (Berlin 1994) und spiegeln auch die Unterschiede in der Wahrnehmung von Orient und Islam zwischen DDR- und BRD-Traditionen wider, was viel mit den Differenzen im Verhältnis zu Israel zu tun hat.

3) Chronique sarrasines, Paris 1985

4) Cohn-Bendit/Schmid, Heimat Babylon. Das Wagnis der multikulturellen Demokratie, Hamburg 1992

5) A. Holzbrecher, Wahrnehmung des Anderen. Zur Didaktik interkulturellen Lernens, Opladen 1997


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