Auszug der Konvertiten


Bereits mit dem neuen Feindbildrepertoire der 19. Dynastie ließen sich ansehnliche Kreuzzüge und Djihads inszenieren. Damit gegenreligiös produzierte Feindbilder bei den Traumatisierten nicht in Vergessenheit geraten, bedürfen sie durch das gegenreligiöse Ritual der ständigen Erinnerung in einem "konstellativen Mythos" (Assmann)

Im Judentum ist das die Erzählung vom Exodus Israels aus dem "heidnischen" und "götzendienerischen" Ägypten. Als einen Mythos, der immer wieder neu den Anderen als den auch militärisch zu bekämpfenden Feind in der Pessachfeier Jahr für Jahr rituell konstelliert, beschreibt der Israeli Adi Ophir (Tel Aviv University) die Exodus-Erinnerung: "From Pharao to Saddam Hussein – The Reproduction of the Other in the Passover Haggadah" (1). Sehr aufschlussreich auch für die Politik des modernen Staates Israel ist sein Fazit:

"Trotz der durch den Zionismus gebrachten Machtveränderungen zwischen Juden und Heiden, bleibt eine bestimmte - die jüdische Kollektiverinnerung bestimmende - Struktur bestehen, die von keinem anderen Text mehr repräsentiert wird als von der Haggadah: Viele israelische Juden, aber nicht nur sie, empfinden Staat und Armee in erster Linie als Ersatz für den ausgestreckten Arm Gottes und sie sehen in feindlichen Anführern (Saddam Hussein, Nasser, Arafat etc.) moderne Verkörperungen des ägyptischen Pharao. Und wenn ein sie bedrohender Heide erscheint, werfen dieser alte Pharao sowie der Pharao der Gaskammern ihre Schatten."

Im Islam taucht das Exodus-Motiv im Auszug Mohammeds (Higra) aus dem "heidnischen" Mekka, dem Beginn der islamischen Zeitrechnung, wieder auf. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der Name der islamofaschistischen Gruppe "takfir wa l´higra". Auf ihre Al-Qa´ida-Connection habe ich bereits hingewiesen. Sie reaktiviert den konstellativen Higra-Mythos der "Mutterreligion" nicht nur semantisch, sondern ihre Mitglieder zogen tatsächlich hinaus in die Wüste, lebten dort so, wie sie meinten, dass der Prophet hätte gelebt haben können, und exkommunizierten den Rest der götzendienerischen Jahaliya-Welt. Denn das bedeutet der erste Teil ihres Namens: "takfir" – "Exkommunikation". Dem Bannstrahl aus der Wüste folgten dann bald Messer, Bombe und Flugzeug.

Erkrankt am Echnaton-Trauma der mosaischen Unterscheidung lässt es sich bis heute für heilige Killer aller monotheistischen Coleur gut mit reinem Gewissen morden. Das Erinnern des konstellativen Mythos nennt Assmann "Konversionserinnerung". Die Konvertiten werden durch den Mythos immer wieder neu auf die Gegenreligion eingeschworenn. So bleibt die Krypta ihres Traumas verschlossen und dessen unterschwellige, tödliche Wirkung erhalten.

Im Christentum wird das in der Liturgie der drei österlichen Tage, dem Mysterium des triduum paschale, in eindrucksvollen Riten Jahr für Jahr zelebriert. Besonders die Liturgie der Osternacht verbindet Exodus/Higra mit Konversion. Bereits der Einzug der Gemeinde in die zunächst noch dunkle Kirche ist in ihrer Symbolik ein "Auszug": aus der Finsternis der Nacht in das werdende Licht des sich durch Kerzen erhellenden Kirchenraums. Dann werden u. a. der Schöpfungsbericht und der Exodusbericht Israels aus Ägypten gelesen. Es geht also um den Auszug in die durch Christus, das österliche Licht, neu ins wahre Leben gerufene Schöpfung. Dem schließt sich die Erneuerung des Taufversprechens an, die eigentliche Erinnerung an die Konversion vom unwahren Leben in satanischer Finsternis zum wahren Leben im Licht Christi bei der Taufe. An dieser Stelle finden häufig auch Taufen statt. Die abschließeden verkürzten Laudes in der folgenden Eucharistiefeier beschwören im "Magnificat" den Umsturz der alten Ordnung und das Errichten der neuen Ordnung Gottes: "Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern an und lässt die Reichen leer ausgehn." Schließlich das abrahamitische Siegel des Magnificat:

"Wie er es zu unsern Vätern gesprochen hat,
Abraham und seinen Nachkommen auf ewig."

Nachkommen und Erben – das sind die Anwesenden als Teil aller traumatisierten Konvertiten - Juden, Christen und Moslems. Sie erbauen die "Neue Stadt", "Zion", das "Himmlische Jerusalem", "hakimiyyat Allah" im Endkampf gegen die Jahaliya-Welt der "Hure Babylon", deren Turm, "Pharaos Haus", der triumphale Endsieg Christi und seiner himmlischen Heerscharen in Feuer und Blut versinken lässt ... Armageddon ... Endlösung ... Ground Zero ...


1)in: The Other in Jewish Thought and History, New York 1994


Das Echnaton-Trauma Index Geheilter Monotheismus?