Das Echnaton-Trauma


Von Pharaos Erstgeburt im jüdisch-christlichen Buch Exodus bis Pharaos Haus der islamischen WTC-fidda´iyyun: der "Eine Gott" offenbart seinen mordenden Schatten. Der Schatten des Christus-Mythos ist in diese mehr als 3000 Mordjahre voll integriert. Warum aber spaltet der Eine Gott, was in den Mordaktionen seiner faschistisch-fundamentalistischen Schattenagenten unserer Zeit einsame Höhepunkte menschlicher Killerinstinkte hervorbringt? Das ist die Frage, die sich mir zwangsläufig als Fazit meines Essays stellt, wenn ich mir gerade die Welt des Orients mit nicht nur wunschproduzierten Wahrnehmungskategorien ansehe, sondern dort auch die gespiegelten Schatten der eigenen Kultur erkenne.

In "Moses der Ägypter", seiner "Entzifferung einer Gedächtnisspur", gibt der Ägyptologe Jan Assmann auf meine Frage eine verblüffend klare Antwort. Er wirft einen Blick in die ägyptische Geschichte und findet dort zwei Dinge: das eine nennt er die "mosaische Unterscheidung", das andere, nämlich die fortwirkenden psychologischen Erdbeben durch diese Unterscheidung, nenne ich das "Echnaton-Trauma". Assmann schreibt: "Ich möchte die Unterscheidung zwischen wahr und unwahr im Bereich der Religion die "Mosaische Unterscheidung" nennen, weil die Tradition sie mit Moses verbindet."

Das ist so trivial nicht, wie es sich vielleicht zunächst anhört. Die Unterscheidung zwischen "wahr" und "unwahr" in der Religion ist nämlich keineswegs so selbstverständlich, wie sie uns als monotheistisch seit mehr als tausend Jahren am Echnaton-Trauma Erkrankten scheint. (Der Raum um Ahlen wurde kurz vor 800 n.Chr. mit Feuer und Schwert in den Sachsenkriegen Karls d.Gr. christianisiert.) Doch zurück zu Assmanns mosaischer Unterscheidung:

"Der Raum, der durch diese Unterscheidung 'getrennt oder gespalten' und dadurch zuallererst geschaffen wird, ist der Raum des jüdisch-christlich-islamischen Monotheismus ... Den antiken Polytheismen war der Begriff einer unwahren Religion vollkommen fremd. Die Götter fremder Religionen galten nicht als falsch und fiktiv, sondern in vielen Fällen als die eigenen Götter unter anderen Namen. Die Unterscheidung, um die es hier geht, existierte ganz einfach nicht in der Welt der polytheistischen Religionen."

Den dagegen neuen, monotheistischen Religionstyp nennt Assmann "Gegenreligion", die alles, was ihr vorangeht oder von ihr nicht umfasst wird, "Heidentum" nennt. Für Israel wurde Ägypten so zum Symbol des Ausgegrenzten schlechthin, des "Verworfenen, religiös Unwahren und zum Inbegriff des `Heidentums´." Ist die islamofaschistische Rede vom WTC als dem "Haus des Pharao" bloß ein semantischer Zufall?

Zumindest einem der ägyptischen Pharaonen sollten die mosaisch Unterscheidenden dankbar sein: Amenophis IV. (gest.1338 v. Chr.), der sich selbst "Echnaton" nannte, war der, der Moses die Ideen gab. Echnatons monotheistische Revolution war nicht nur der erste, sondern auch der radikalste und gewaltsamste Ausbruch einer Gegenreligion in der Menschheitsgeschichte. Die Tempel wurden geschlossen, die Götterbilder zerstört, ihre Namen ausgehackt und ihre Kulte abgebrochen. Je tiefer man in die altägyptische Welt eindringt, desto klarer lässt sich nachvollziehen, was für ein furchtbarer Schock dieser Göttersturz gewesen sein muss. (1)

Assmann spricht vom "traumatischen Charakter dieser Erfahrung". Wir haben das Glück, die ersten Nachbeben dieses Echnaton-Traumas historisch erfassen zu können. Denn die Gegenreligion des Pharao wurde bald nach seinem Tod in der 19. Dynastie unter den Ramessiden ausgemerzt. Die verbliebene historische Erinerung ist also die der traumatisierten Sieger. Bei den drei folgenden Gegenreligionen Judentum, Christentum und Islam lagen die Dinge anders. Das Traumatisierte hatte zu schweigen. Geschichte schrieb die siegreiche Gegenreligion.

Wenn wir uns jetzt also kurz das ansehen, was in Ägypten nach Echnaton "offiziell" geschah, so liegt es mir nahe, das als eine mögliche Analogie zu Sachsen unter Karl d.Gr. zu lesen, mit dem historiographisch entscheidenden Unterschied freilich: Was in Ägypten öffentlich und kollektiv auf Reichsebene geschah, konnte bei den Sachsen allenfalls privat und im stillen Kämmerlein geschehen. Letzteres entzog sich dort der historiographischen Erfassung. Es biss sich jedoch unterschwellig fest als der ewig nagende Zahn des verborgenen Ressentiments aus monotheistischer "Gottesvergiftung" (Tilman Moser). Die Geschichtsschreibung der gegenreligiösen Sieger blieb dafür blind.

Das Erste, womit Ägypten reagierte, war die totale Verdrängung.

"Dieses Faktum der offiziell verordneten Verdrängung eines ganzen Zeitabschnittes aus der kollektiven Erinnerung ist schon als solches höchst bemerkenswert. Nachdem die Erinnerung ausgelöscht wurde, wurde auch noch die Tatsache der Auslöschung getilgt. Nur der Eindruck des Schocks blieb übrig, die vage Erinnerung an etwas in höchstem Maße Unreines, Gottloses und Zerstörerisches, eine Erinnerung, die sich nun, ortlos geworden, mit anderen Erfahrungen verbinden konnte."

Bei den Traumatisierten der 19.Dynastie entstanden wenige Jahrzehnte nach Echnaton plötzlich religiöse Feindbilder. Die "Asiaten" galten zwar traditionell in Ägypten als Feinde. Nun bekam diese Feindschaft aber auf einmal eine religiöse Qualität. Die als asiatisch geltenden Hyksos und ihr Gott Baal, der üblicherweise mit dem ägyptischen Gott Seth gleichgesetzt worden war, wurden zum ersten Ziel traumatischer Feindbildprojektionen. Man erklärte den König der Hyksos Apophis zum "Monotheisten": "Er diente keinem Gott im ganzen Lande außer dem Seth", wie es in einem ramessidischen Papyrus heißt.
Im Laufe dieses Prozesses nahm auch der Gott Seth allmählich die Züge gegenreligiöser Gewalt sowie eines Teufels und Asiaten an. (2)


1) Assmann: Moses, der Ägypter
2) ebd.

Trauma und Ressentiment Index Auszug der Konvertiten