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Trauma
und Ressentiment
Abschließend möchte ich das Gefühl des Ressentiments
als die gemeinsame Klammer beschreiben, die die verschiedenen Fundamentalismen
verbindet und zu ihrem mörderischen Tun antreibt. Das führt
zu dem psychologischen Theorem des "Echnaton-Traumas", dem das
Ressentiment entspringt Das gilt für den Nationalsozialismus genauso
wie für den Islamofaschismus oder den judäofaschistischen Kahanismus,
um aus dieser Szene nur ein Beispiel zu nennen. "Kahane
as Nazi", so bei Gerald Cromer (Bar-Ilan-University) in
seiner Studie "The Creation of Others: A Case Study of Meir Kahane
and His Opponents" (1): "Kahane advocated a policy of `Judenrein
in reverse´."
Ziel der eingangs von Ezzeldin geforderten "historischen Psychoanalyse"
müsste es sein, dieses kollektive Trauma bewusst zu machen. Das könnte
dazu beitragen, zumindest zunächst seitens der Wahrnehmung Außenstehender
die lähmende Dämonisierung des Fundamentalismus abzubauen und
die Bilder "großer Satane" durch eine rationalere Wahrnehmung
bei sich selbst zu ersetzen. Auch der Aufklärer ist als Teil seiner
Tradition ein tendenziell Traumatisierter, der zu ähnlichen Bildern
und Formen der Wahrnehmung neigt, wie die, über die er aufklären
will. (Böse Zungen a la Ulrich Wickert behaupten solches ja auch
von Bin Laden und Bush, nur dass da nicht aufgeklärt, sondern gebombt
wird.) In seiner zitierten Kahane-Studie hat das G. Cromer gut gezeigt:
"Kahane´s opponents were involved in exactly the same process,
as he was creating their own identities by contrasting themselves
with the image of their staunchest adversary. Wenn das durchschaut
wird, "then Kahane can no longer be regarded as evil incarnate.
Mit Bildern vom "Bösen
schlechthin" kann man vielleicht Bin Laden durch Afghanistans Berge
hetzen. Eine zukunftweisende Handlungsstrategie mit dem von ihm repäsentierten,
politisch-religiösen Phänomen des Fundamentalismus lässt
sich damit aber nicht entwickeln. Unter der Überschrift, die das
psychologische Problem bereits treffend auf den Punkt bringt, "Die
Schändung ist das Gleichnis für mein ganzes Leben" geht
der jüdische Psychoanalytiker Leon Wurmser
im Rahmen einer Fallstudie zum Ressentiment auch auf dessen
kollektive Seite ein: zunächst beim islamischen Fundamentalismus
(Hizbollah und Hamas) , dann auf den serbisch-orthodoxen, national-mythischen:
"Beide sind genährt von einem vehementen
Gefühl erlittener Ungerechtigkeit und Erniedrigung. Obgleich
Ausdruck einer kleinen Minderheit, zeigte sich der Terror eines jüdischen
National-Fundamentalismus bei Meir Kahane und Baruch Goldstein" (2).
Dann bringt er als Ursache etwas ins Spiel, das der griechische Zypriot
Vanik Volkan "selbstgewähltes Trauma" (3) nennt: "Hinter
all diesen mörderischen Formen des Ressentiments stehen alte Geschehnisse
von wirklichem Unrecht und von zugefügter Demütigung. Unter
dem Deckmantel der Moralität und der religiösen und ideologischen
Selbstgerechtigkeit wird nun oft unangemessen Rache für die erduldete
Scham geübt." (4)
Ein anschauliches Beispiel war 1989 die 600-Jahr-Feier der Schlacht
auf dem Amselfeld. Sie wurde zum Startschuss der Umsetzung
des großserbischen Wahns. Welche Rolle dabei Ressentiment, Rache
für Beschämung, spielte, ist auf meiner Website zum Kosovo-Krieg
nachzulesen
"Serben, Deutsche und das Ressentiment- ein
psychoanalytischer Zugang".
Kampf gegen die Scham sieht Wurmser als das innere Movens der Philosophie
Nietzsches. Er sieht in ihm den "Philosophen des Ressentiments"
schlechthin. Was Nietzsche als grundlegend für die jüdisch-christliche
Tradition wahrnimmt, nämlich eine zutiefst Ressentiment geladene
Haltung zu Mensch und Natur, legt er in seinen Schriften gegen das Christentum
selbst an den Tag. Er philosophiert also nicht nur über das Ressentiment,
sondern als aufmüpfiger Sohn eines protestantischen Pfarrers verkörpert
er es auch durch seine Person in Reinkultur. Wenn sich die Nationalsozialisten
später so gerne auf Nietzsche berufen, dann mögen sie seine
Geschichts- und Kulturphilosophie vielleicht missverstanden haben. Mit
seinem Kampf gegen die Scham aus dem Geist des Ressentiments konnte sich
ihr "deutscher Krieg gegen die Scham" zu Recht identifizieren.
Und nicht nur er: "Das Ideal des `Zarathustra´ und seines Gewissens
wurde zur führenden Über-Ich-Gestalt für Deutschland, ja
für Europa mit den verheerenden Folgen." (Wurmser)
Leon Wurmser gibt dem eine psychoanalytische Basis (5), die neben dem
Nationalsozialismus auch den islamischen und jüdischen Faschismus
besser zu verstehen hilft. Dabei muß allerdings deutlich klargestellt
werden, dass diese drei faschistischen Phänomene nicht untereinander
identisch sind. Trotzdem: Das Ressentiment bringt aus den "Mutterreligionen"
zwar unterschiedliche, unter genau zu definierenden Gesichtspunkten jedoch
vergleichbare Systeme eines Hasses hervor, der nach Rache für erlittene
Beschämung ruft.
Für die Menschen der islamischen Welt begann solches Leiden mit der
Kolonisierung durch den Westen. Am Ende des 18. Jahrhunderts der
Ägypten-Feldzug Napoleons ist da ein Ereignis mit hohem Symbolwert
mussten die Muslime feststellen, dass sie ins Hintertreffen geraten
waren. Dazu der Tunesier Abdelwahab Meddele (6): Ab diesem Zeitpunkt entsteht,
langsam und allmählich in einem psychologischen Prozess, sowohl bei
Arabern als auch bei Muslimen gegenüber dem Westen das, was Nietzsche
"Nachgefühl", Ressentiment, genannt hat." Das nach
Meddele eigentlich Traumatische für das islamische Subjekt ist dabei
sein Ausschluss, die Absicht, es auf den Ausgestoßenen zurückzuführen,
auf Ismael, auf den Mythos des ausgestoßenen Waisen. (7)
Die Todesflüge ins WTC können als eine medial höchst effizient
inszenierte Demonstration verstanden werden: die Ausgestoßenen sind
heimgekehrt und das in einem ganz speziellen Sinn. Der erwähnte Verlust
der Kreativität war bislang besonders im Bereich der Technik sichtbar.
Dass sich das geändert hat, sollte das Ereignis von New York, ästhetisch
formvollendet, im wahrsten Sinne des Wortes global sichtbar machen. Meddele
gerät über den "technischen Erfolg und die Ästhetik
des Ereignisses" ins Schwärmen, um dann näher den darin
begründeten Bruch anzuführen:
"Es kann als ein Bruch gesehen werden, in dem das Schicksal der Nationen
neu verteilt und neu orientiert wird. In dieser Hinsicht haben wir es
auch mit einer Beherrschung der Technik zu tun, die in höchst spektakulärer
Weise bis zum Erbrechen aus dem Schock und der Wirkung des
Bildes Nutzen zieht. Es war, als sollten die zwanzig Minuten zwischen
dem ersten und dem zweiten Flugzeug Zeit lassen, damit die Kameras aufgestellt
und die Katastrophe live gefilmt werden konnte. Und zu der ausgeführten
Flugbewegung, meinten die Spezialisten, gehörte ein besonders geschickter
Pilot, mit dieser Art Ellipse, die das Flugzeug vor der finalen Kurve
beschrieb, bevor es voll in das Ziel einschlug, wurde der Eindruck erweckt,
als wäre der Aufprall genau auf diese Etage gezielt worden. Alle
Waffen des Gegners wurden eingesetzt, um ihm selbst zu schaden. Dazu gehört
die Tatsache, dass man sich mit diesem Ereignis auch wieder in das Zentrum
der Welt katapultieren konnte, so konnte man von der Peripherie, vom Rand,
ins Zentrum gelangen."
Es war Karlas gewaltfasziniertem, rassistischem Schattenbruder vorbehalten,
genau diese Botschaft mit einem Hauch von Bewunderung intuitiv zu erfassen:
"irgendwie geil!" Das hätte er den Kameltreibern da unten
echt nicht zugetraut.
1) The Other in Jewish Thought and History, New York 1994
2) Mitglied der rechtsextremen Kach-Partei und Attentäter
in der Moschee von Hebron
3) in: Blutgrenzen,
1999
4) psychosozial Nr. 61/1995: "Mediale Inszenierungen rechter Gewalt"
5) in: Das Rätsel des Masochismus
6) in: Die Krankheit des Islam
7) Lettre international 54/2001
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