"Kuschel-Moslems und Heilige Killer"
Vom Multikulti-Halbmond zum kosmischen Kreuz
von Dietmar Hecht
Wir basteln unsern Bergpredigt-Moslem!
Karla ist supergut drauf wie selten, echt! Sie darf die Multikulti-Friedens-AG
"Alle unterm Regenbogen" leiten. Tina, ihres Zeichens feministisch
angehauchte Pfarrerin an der altehrwürdigen Marktkirche, hatte
es ihr noch spät am Abend des 11. September zugeflüstert.
Richtig sprechen ging noch nicht wegen der Betroffenheit, Wut und Trauer.
Karlas rüpelhafter, pubertierender Bruder murmelte gerade etwas
von "irgendwie geil", als das Flugzeug zum 68. Mal auf dem
Bildschirm in das WTC raste, was ihm den sofortigen Platzverweis eintrug.
Jetzt musste er das Ganze alleine auf seinem Zimmer am PC spielen. Karla,
nun einsam und verlassen, alleine in schmerzvoller Angst, lauschte deshalb
dankbar Tinchens hingehauchter Frage: "Hi, du kennst dich doch
aus mit Islam und so?" Nun ja, Karla fuhr regelmäßig
mit der VHS zum Trommelworkshop nach Tansania. Da stand auch immer Sansibar
mit Stone Town auf dem Programm. Dort gab´s tatsächlich Leute,
die so arabisch aussahen; das waren dann ja wohl auch Moslems. Karla
war also Expertin.
Heute abend würde sie erstmals zuschlagen. Sie hatte sich das alles
schon ganz genau überlegt: nach der Vorstell- eine Bastelrunde.
In der Mitte des Stuhlkreises häuften sich buntes Tonpapier, Filzstifte,
Scheren und Kleber. Karla und die Friedenskasse waren da nicht knauserig.
Schließlich würden die Massen strömen. Sogar der "Tag
der offenen Moschee" war in diesem Jahr ein echter Renner. Das
gab Hoffnung. Ansonsten war es mit der Friedensarbeit in letzter Zeit
ja eher mau. Da ist man schon froh, wenn Friedensfeinde wie etwa Verfassungsschützer
oder Fernsehexperten a la Scholl-Latour sich selbst als ein neues Feindbild
produzieren. "Endlich gibt es für uns Friedensfreunde wieder
etwas zu bekämpfen", dachte sich Karla und hing einen riesigen
Halbmond an die Decke.
Lange hatte sie mit Tina über seine Farbe diskutiert. "Eigentlich
solltest du das ja in der Gruppe machen", bemerkte ihre geistliche
Freundin leicht tadelnd. Doch um nicht gleich am Anfang als der totale
Motivationskiller aufzutreten, ließ sie sich dann doch auf lange
Beratungen über das Farbproblem unter vier Augen ein. Es spitzte
sich auf die Frage zu: Grün oder anders? Sie erwies sich als wahrhaft
existentiell relevant. Um es kurz zu machen: "Grün geht nicht!",
bemerkte Tina in kategorischem Kanzelton. "Das ist die Farbe des
Propheten." Als Karla schüchtern einwandte, der Halbmond sei
doch ein Symbol des Islam und da würde das mit Grün und Prophet
doch eigentlich ganz gut passen, konnte ihr geistliches Oberhaupt über
so viel Naivität nur wissend mitleidig lächeln:
"Kindchen, was wollen wir denn? Doch nicht den Islam dieser Moslems
da unten!" Und sie sah vor ihrem geistlich geistigen Auge wieder
besagtes Flugzeug kurz vor dem Einschlag ins WTC, jetzt aber mit der
grünen Fahne des Propheten im Schlepptau. Visionär ergriffen,
geriet sie ins Schwärmen: "Wir wollen keinen islamischen Islam!
Wir brauchen für uns den globalen Multikulti-Islam, einen gewaltlosen
Islam Jesu, einen Bergpredigt-Islam..., oh ja, das ist Spitze!"
Schon zückte sie ihr Notizbuch, um die religionsgeschichtlich derart
revolutionäre Vision für die nächste Sonntagspredigt
vorzumerken. Als Karla anhob, zur angeblichen Gewaltlosigkeit Jesu ein
paar zaghafte Einwände zu machen, traf sie Tinas vernichtender
Blick. So hielt sie besser den Mund. Schließlich wollte sie die
Friedens-AG "Alle unterm Regenbogen" länger leiten. Da
wären kritische Jesus-Diskussionen eher kontraproduktiv.
Damit Karlas friedloser Bruder endlich lernte, dass Gewalt böse
ist, musste er als friedenspädagogisch gerechtfertigte Strafmaßnahme
für die Friedenspremiere seiner Schwester schmollend einen Halbmond
basteln, der in allen Farben des Regenbogens erstrahlte. Dieser Multikulti-Bergpredigt-Mond
schwebte nun über dem Friedensstuhlkreis, der sich zögerlich
füllte. Als endlich auch die lokale Presse eingetroffen war, beschloss
Karla, mit der Vorstellrunde zu beginnen. Dabei stellte sich heraus,
dass von den acht Besuchern zwei Moslems waren. "Das ist toll",
meinte Karla, und die Presse meinte das auch. " Christlich-islamischer
Dialog: Fast ein Drittel waren Moslems!", würde sie übermorgen
titeln. Groß würde die Freude der Leser sein, sieht man von
der "Christlichen Mitte" einmal ab, denn das Weltbild der
kleinen Stadt würde wieder seine Ordnung und Sicherheit zurückhaben:
Zumindest unsere Moslems sind gute Moslems. Da soll es zwar hinten in
der Kolonie irgendwo so eine Gruppe geben, die ist nicht ganz koscher,
sagt der Verfassungsschutz. Die Mädchen laufen da neuerdings mit
Kopftüchern rum, und das sogar freiwillig! Insider tuscheln sogar,
Karlas zwei Friedensmoslems seien eigentlich von dort eingeschleuste
"Schläfer" gewesen. Kurzum, bei denen tun wir einfach
so, als gäbe es sie gar nicht, und reden nicht mehr mit ihnen.
Das haben sie nun davon! Wir sollten lieber wieder einmal türkisch
essen gehen, gemeinsam mit unsern Kuschel-Moslems gegen Allahs heilige
Killer den betörenden Zauber des Orients kosten!
Religion, Fundamentalismus, Faschismus
Alles, was in meiner fiesen Glosse an Namen vorkommt und als niederträchtige
Anspielung missverstanden werden könnte, ist natürlich rein
fiktiv und hat keinerlei Entsprechung in der Realität meiner kleinen
Stadt. Nach dieser presserechtlichen Klarstellung ein erstes Fazit:
Was prallt in den Wunschphantasien der glossierten Gestalten aufeinander?
Gewiss nicht Christentum und Islam, sondern eine säkularisierte
Zivilisation, die sich selbst unter den Profis des Heiligen Religion
allenfalls noch als mythisch verbrämte Kantische Ethik für
Dummies vorstellen kann seid nett zueinander, wie unser Herr
Jesus Christus immer lieb und nett war -, und eine Kultur, die in Kategorien
ihrer Religion denkt und handelt, in meiner Glosse symbolisiert durch
die grüne Fahne des Propheten. Es wird zu zeigen sein, dass sich
im Konfliktfall "Krieg gegen den Terror!"- auch der
säkularisierte Westen Denk- und Handlungsmuster bedient, die ihn
als Gewaltpotentiale der christlichen, vermeintlich längst verabschiedeten
Religion hinterrücks wieder einholen. Die ist nun freilich gar
nicht so lieb und nett, wie Tinchen und ihr klerikalfeministisch kastrierter
Regenbogen-Jesus es gerne hätten. Welchen fatalen Selbsttäuschungen
Tina da erliegt, deutet meine Webpage an: "Kastrierter Christus"
www.ruedigersuenner.de/henker6.html
Es wird aber auch zu zeigen sein, dass diese hinterrücks wiederkehrenden
Gewaltpotentiale im islamischen Fundamentalismus ihre spiegelgleiche
Entsprechung haben. Und nicht nur das. Der israelische Orientalist Imanuel
Sivan, der "Peace Now" nahesteht, bemerkt: "Zwischen
den Irrgeistern eifernder ägyptischer Fundamentalisten und den
israelischen Eiferern besteht eine haarsträubende Parallelität."
(Der Spiegel 41/8.10.01)
So gibt es zwar keinen "Clash" der islamischen und christlichen
Zivilisation, wie Huntington das zu sehen meint, wohl aber einen Kampf
der diversen Fundamentalismen, wobei sich der Islamismus als postmoderne
"Spätform des Faschismus" (Pohly/Duran, Osama bin Laden)
innerhalb der islamischen Zivilisation herausgebildet hat.. Ich sehe
dabei - und das ist für mich der springende Punkt! - die Fundamentalismen
islamischer, christlicher, jüdischer und sonstiger Spielart als
nicht identisch mit der jeweiligen Religion an. Die Frage ist allerdings,
worin diese Nicht-Identität besteht. Denn das ist auch unverkennbar:
Zwischen den Fundamentalismen und ihrer jeweiligen "Mutterreligion"
bestehen strukturelle Zusammenhänge, keineswegs nur personelle.
Der Islamofascho ist nicht zufällig auch Moslem, der Judäofascho
nicht zufällig Jude. Und ich möchte an dieser Stelle die provozierende
These wagen: Die Eurofaschos von Italien, Deutschland, Kroatien, Ungarn,
Spanien etc. waren nicht zufällig auch Christen. Für die deutsche
Variante, die "Hakenkreuz"-Seite des Christentums, habe ich
versucht, das möglichst konkret durchzuspielen: "Christenkreuz
und Schwarze Sonne".
www.ahlen.de/medien/christenkreuz
Mit der Unterscheidung zwischen den Fundamentalismen einerseits und
den jeweiligen Religionen andererseits, die bei Huntington´s "Clash
of Civilisations" fehlt, folge ich einem Denkmodell, das Bassam
Tibi (Damaskus, jetzt Uni Göttingen, Schüler Horkheimers und
während langer Harvard-Jahre in kritischer Tuchfühlung mit
Huntington) nicht müde wird, warnend der deutschen Öffentlichkeit
zu vermitteln. In seinen beiden Arbeiten "Europa ohne Identität"
und "Fundamentalismus im Islam" warnt Tibi eindringlich vor
der strukturellen Vergleichbarkeit zwischen Faschismus und Fundamentalismus.
Die Multikulti-Freaks hören das aber gar nicht gern und wittern
dumpf "Rassismus". Zur Diskussion: "Krieg der Zivilisationen
Politik und Religion zwischen Vernunft und Fundamentalismus"
http://www-user.uni-bremen.de/~bjtraut/Tibi.html Ich verweise zur Huntington-Diskussion
auch auf die Page "Dialog der Kulturen" meiner Website "Gegen
ein Feindbild Islam - Kein Kampf der Kulturen" www.ahlen.de/kultur/bruederlichkeit/islam/dialog/index.html
Diese Seite wird kontinuierlich ergänzt und von Olav Schröer
(Hamm/Tel Aviv) auf den neuesten Stand der Huntington-Diskussion in
den Medien gebracht.
Kreuzzug, Türken, Moslempower
"God bless America!", tönte es aus dem Munde der Queen
beim "Trauer-Gottesdienst in St. Paul´s Cathedral,
und dann sang sie als Oberhaupt der anglikanischen Staatskirche an eben
diesem heiligen Ort lauthals die amerikanische Nationalhymne. Vor dem
Brandenburger Tor erklang bei ähnlichem Anlass ein bluesgefärbtes,
stimmungsvolles Vater Unser, während sich der verspätete Außenminister
ein paar hundert Meter weiter noch über die künftige Militärtrategie
beriet. Und hatte nicht Bush längst sein christliches Sternenbanner
entrollt, um damit gegen die grüne Fahne des Propheten zum "Kreuzzug"
anzutreten? "Naming the Antichrist" heißt bezeichnend
eine Studie zu diesem fundmentalistisch-apokalyptischen "Wir-gegen-Sie"Topos
der US-amerikanischen Außenpolitik. (R.C.Fuller, Naming the Antichrist.
The History of an American Obsession, New York 1995).
Dagegen bliesen bereits 1999 die vom Balkan heimgekehrten Djihadisten
bei ihrem Kairoer Prozess zum islamistischen Sturm: "Islamische
Revolution gegen das Kreuzzügler-Amerika!" (Pohly/Duran, Osama
bn Laden). Beide Seiten hatten ihren "Großen Satan
ausgemacht, bin Laden schon im Jahr zuvor die "Islamische Kampffront
gegen Juden und Kreuzzügler gegründet, gedacht als Dachverband
für die Djihadisten aller Länder. Das dazugehörige Djihad-Büro
"Al Qa´ida" (= Die Basis) hatte er sich 1988 in Afghanistan
aufzubauen begonnen.
Was läuft hier ab und fällt dem "common sense" des
Westens offenbar nur in der dämonisierten, orientalischen Gegenwelt
auf? Um das zu ergründen, fordert Ahmed Ezzeldin, ägyptischer
Publizist in Berlin,
"eine Art historische Psychoanalyse, die eine Gesellschaft und
Kultur in den `Keller´ ihrer frühen `Kindheit´ begleitet,
um dort nach den Ursprüngen ihrer verborgenen und verdrängten
Ängste zu suchen.. Das gilt gleichermaßen für Orient
und Okzident." (Islamfeindlichkeit und Antisemitismus, in: Jenseits
der Legenden Araber, Juden, Deutsche)
In den abschließenden Kapiteln "Das Echnaton-Trauma"
und "Exodus der Traumatisierten" versuche ich, in diesen "Keller"
hinabzusteigen und dort die verschlossene "Krypta" des monotheistischen
Traumas zu öffnen. Einen zaghaften Versuch in dieser Richtung hatte
ich schon in "Atalante 3" mit meinem Beitrag "Die Reise
des Henkers" für die christliche Seite gestartet. Gut geeignet
als Einstieg ist das Kapitel "Zerrissener Gott" www.ruedigersuenner.de/henker8.html
Ich habe dort auf das Innsbrucker Forschungsprogramm hingewiesen "Religion
Gewalt Kommunikation Weltordnung" http://theol.uibk.ac.at/rgkw
Die Auseinandersetzung damit empfehle ich ebenso wie das Stanforder
"Colloquium on Violence and Religion (COV&R) http://theol.uibk.ac.at/cover
Beide Ansätze orientieren sich an Rene Girards Arbeiten über
"das Heilige und die Gewalt". In einem lokalen Arbeits- und
Dokumentationsprogramm versuche ich, das im Winter 2001/02 mit einem
Netzwerk engagierter Gruppen zu konkretisieren: "Ahlen und die
Schwarze Sonne". www.schuhfabrik-ahlen.de/projekt/grechts/grechts1.htm
Die gegenwärtig inflationär anschwellende Islam-Diskussion,
bei der gerade in dieser Religion im Gegensatz zum vermeintlich nur
sanftmütigen Christentum immense Gewaltpotentiale gesichtet werden,
legt es nahe, in dieses Projekt den Islam einzubeziehen. Auch die konkrete
Situation vor Ort lässt das geboten erscheinen. Das westfälische
Ahlen hat einen Bevölkerungsanteil von ca. 16% Ausländern.
Das ist ungefähr doppelt so hoch wie der Bundesdurchschnitt. Über
70% aller Ausländer in Ahlen kommen aus der Türkei. Auch damit
liegt Ahlen weit über dem Bundestrend, wo nur ca. 28% der Ausländer
aus der Türkei stammen. (vgl. das Ahlen-Kapitel in: Udo Marquardt,
Bedrohung Islam?, hrsg. von Pax Christi).
Wenn es tatsächlich stimmt, was Wilhelm Heitmeyer, Leiter des Instituts
für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der
Uni Bielefeld, herausgefunden haben will, dass nämlich jeder dritte
türkische Junge ein potentieller Parteigänger von "Mili
Görüs" ist, gibt das auf dem Hintergrund der genannten
Bevölkerungsstatistik zu denken. Bei immerhin einem Drittel der
männlichen, türkischen Jugendlichen würde das laut Heitmeyer
die Akzeptanz religiös begründeter Gewalt nahelegen. "Wir
sind Türken, wir sind Moslems! Ihr seid Nazis, ihr seid Dreck!"
"Moslempower" auf Ahlens Hauswänden! Türkenterror
aus Ahlens Kebabbuden?
Kritisch hat sich zu dieser Einschätzung Heitmüllers Riza
Baran, Abgeordneter von "Bündnis 90/Die Grünen",
geäußert: "Feindbild Islam". www.nadir.org/nadir/periodika/jungle_world/38/06a.htm
Dafür musste er sich freilich herbe Kritik gefallen lassen - wieder
sind wir bei Grün, der Farbe des Propheten: "Grüner als
grün". www.nadir.org/nadir/periodika/jungle_world/38/06b.htm
Der Autor Wahied Wahdathagh, Vorstandsmitglied der Internationalen Liga
für Menschenrechte, zitiert eine Studie der FU Berlin, wonach 69%
der türkischen Jugendlichen die Einführung der Scharia als
gesellschaftliche Rechtsgrundlage bejahen. So sind wir schon mitten
drin im Hickhack um das Bild des verfassungsfeindlichen "Islam".
Zu "Mili Görüs" verweise ich auf die Webpage "Islam
in Rottmannstraße 12" meiner Site "Islam in Ahlen"
www.ahlen.de/kultur/bruederlichkeit/islam/berichte/rottmannstrasse12.html
Durch die Rückbindung an diese lokalen Realitäten bekommen
für mich - und vielleicht auch für den Leser - die folgenden
Überlegungen einen konkreteren Sitz im Leben. Bezogen auf den Streit
um Statistiken, mögen sie etwas abgehoben wirken. Dem Kern des
Problems, wird man sich über die soziologische Statistik allerdings
auch kaum angemessen annähern können. Ahmed Ezzeldins oben
zitierter Vorschlag einer "historischen Psychoanalyse" scheint
mir da erfolgversprechender. Ihn versuche ich, weiter voranzutreiben.
Wenn dadurch die Motivationsnebel der diversen Islambilder gelichtet
sind, wird der Blick hoffentlich freier für die Realität politisch-ökonomischer
Realitäten, die hinter der Gardine des Imaginären wirksam
sind. Einfügen könnte sich so ein Programm in das jüngst
von Bassam Tibi geforderte Forschungsmodell einer "historisch-sozialwissenschaftlichen
Islamologie" (Einladung in die islamische Geschichte, 2001).
Ein erstes Beispiel dafür ist Tibis Mittelmeerstudie "Kreuzzug
und Djihad. Der Islam und die christliche Welt". Jenseits temporärer
Aufgeregtheiten greift sie die These des Belgiers Henri Pirenne auf
(Mahomet et Charlemagne, Paris 1937), wonach Islam und Christentum gerade
im mediterranen Raum immer zwei sich komplementär ergänzende
Kulturen waren und diese Begegnung in Krieg und Frieden die Identitätsfindung
Europas bestimmte.
Flaubert, die Karawane und das "Große Spiel"
Erinnern wir uns an Karlas Bastelrunde! Dem, was dort in multikultureller
Scheinharmonie verzapft wird, möchte ich einen Text des spanischen
Dichters Juan Goytisolo zu Flauberts "Orientreise" gegenüberstellen.
Goytisolo, der in Marrakesch lebt, interessiert sich besonders für
die wenig beachtete Durchdringung arabischer und europäischer Kultur.
Er gilt deshalb als ein Vermittler zwischen Orient und Okzident gerade
im mediterranen Raum, dem "Becken euro-islamischer Geschichte"
(B. Tibi, Kreuzzug und Djihad). Ich entnehme seinen Text dem Beitrag
von Cornelia Köster "Flauberts Reise in den Orient (1849-1850)"
auf einem Kolloquium bald nach dem Golfkrieg von 1991. Die Beiträge
sind erschienen unter dem Titel "Jenseits der Legenden. Araber,
Juden, Deutsche (Berlin 1994) und spiegeln auch die Unterschiede in
der Wahrnehmung von Orient und Islam zwischen DDR- und BRD-Traditionen
wider, was viel mit den Differenzen im Verhältnis zu Israel zu
tun hat.
Goytisolo schreibt (Chronique sarrasines, Paris 1985) :
Im Gegensatz zu den meisten anderen Reisenden, die in den Orient und
in die islamische Welt fahren, kommt Flaubert mit seiner Überlegenheit
(als Mann, Europäer und Bourgeois) zurecht: er hat nicht die Spur
eines Komplexes,...leidet nie an dem, was wir heute `schlechtes Gewissen´
nennen...Zynisch bis auf die Knochen, empfindet er keinerlei Notwendigkeit,
sich zu rechtfertigen und enthüllt dadurch eine gute Portion Ehrlichkeit...Er
bricht mit der Scheinheiligkeit und dem falschen Mitleid der Abendländer,
wenn es um die Wunden und das Grauen in der Dritten Welt geht...Der
vielbeschworene Eurozentrismus wird bei Flaubert gleichsam durch seinen
Egozentrismus überwunden.
Für Goytisolo ist das bei aller Brutalität und Direktheit
"gewissermaßen heilsam". Cornelia Köster kommt
dazu etwas in den Sinn, das für Tinas gefühlsduseligen Multikulti-Brei
das Aus bedeuten würde, nämlich "die These eines zukunftweisenden
kulturhistorischen Psychogramms", bei dem es darauf ankäme,
"keine falsche Rücksichtnahme, kein Mitgefühl, also am
besten gar keine Gefühle zu produzieren."
Damit das neben Tina nicht auch alle anderen Leser in den falschen Hals
bekommen irgendwo sind wir doch alle zu "Gutmenschen"
verdammt möchte ich dieses anstößige Psychogramm
aus der Perspektive der Flaubert-Biographie Sartres erläutern.
In diesem 3000 Seiten dicken Werk kommt Sartre auch auf die Orientreise
zu sprechen, die im künstlerischen Schaffensprozess Flauberts den
entscheidenden Bruch markiert, und das hängt mit seiner Wahrnehmung
des Orients zusammen, genauer: mit seiner Selbstbegegnung in dieser
Wahrnehmung. Um das besser zu verstehen, muss man wissen, dass Flaubert
gerade deshalb zum Heros bildungsbürgerlicher Literaturrezeption
wurde, weil es ihm gelang, die Normen und Abgründe des bürgerlichen
Verhaltenskodex kalt und distanziert zu beschreiben. Als ein solcher
"Apathiker" (Sartre) schrieb er "Madame Bovary".
Und Sartre ging es eigentlich um die schlichte Frage, wie Flaubert diesen
Roman überhaupt schreiben konnte, der nach seiner Rückkehr
aus dem Orient entstand. "Ich habe es!", soll er, über
dem 2. Nil-Katarakt bei Wadi Halfa stehend, gerufen haben. "Ich
werde sie Emma Bovary nennen!" Wie war es dazu gekommen?
An der entscheidenden Stelle seiner Meisteranalyse zitiert Sartre zunächst
eine kurze Textpassage Flauberts:
Wir kreuzen eine Karawane, die in ihre Couflehs gehüllten Männer
(die Frauen sind ganz verschleiert) sind über den Hals der Dromedare
gebeugt; sie ziehen ganz dicht an uns vorüber, es fällt kein
Wort, gleichsam Gespenster in den Wolken. Ich spüre, wie so etwas
wie ein Gefühl des Schreckens und wilder Bewunderung mir den Rücken
herunterläuft, ich grinse nervös, ich muss jedenfalls sehr
blass gewesen sein, und ich verspürte in unerhörtem Maße
Lust. Dann folgt Sartres Kommentar: Warum empfindet dieser Apathiker,
der ohne jede Erregung ganz Ägypten gesehen hat, eine so starke
Lust beim Vorbeiziehen einer Karawane? Weil sie ihm die Realität
darbietet, wie er sie sich wünscht, und die wahre Beziehung, die
er zum Sein erträumt. Diese Begegnung geschieht in Form einer bloßen
Koexistenz. Keinerlei Kontakt wird angedeutet oder ist möglich
mit jenen Menschen, die keine der Sorgen Flauberts teilen und nicht
seine Sprache sprechen."
Der springende Punkt hier ist wohl der, dass Flaubert in der Begegnung
mit der Karawane seine eigene Selbstentfremdung wahrnimmt und diese
Selbstbegegnung lustvoll erlebt. Das hat Hans Mayer dann so diagnostiziert,
dass "Flaubert den eigenen Zustand der Selbstentfremdung nutzte
zur Schöpfung von Werken der Selbstentfremdung." Angewandt
auf Goytisolo und Kösters Psychogramm heißt das: Brutale
Distanziertheit und Rücknahme der Gefühle sind deshalb heilsam,
weil das die Voraussetzung einer Ortsbestimmung dieser Gefühle
im eigenen Selbst ist. Verströmende Gefühlsduselei im friedensbewegten
Betroffenheitswahn macht das unmöglich. Das Resultat: Die Fähigkeit
zur Selbstwahrnehmung wird tränenreich weggespült. Der Gefühlsdusel
verkommt zum hilflosen Agenten ihn fremd bestimmender Bilder, mögen
die nun seinem eigenen Innern oder äußerer (Medien)manipulation
entspringen. Da hat die "deutsche Angst" leichtes Spiel.
Daneben kann Sartres Reflexion der Begegnung Flauberts mit der Karawane
- "bloße Koexistenz" - als ein Paradigma für die
Realität des Nebeneinanders der Kulturen gelesen werden, das noch
nie ein idyllisches Regenbogen-Multikulti war und als solches nur wie
Smog im Hirn vernebelter Köpfe existiert. In der bundesdeutschen
Wirklichkeit ist das längst kein Geheimnis mehr (Cohn-Bendit/Schmid,
Heimat Babylon. Das Wagnis der multikulturellen Demokratie, Hamburg
1992). Auf globaler Ebene lichtete heilsam der 11. September den fatalen
Multikulti-Smog, der nichts als Fremdes wirklich akzeptiert und ernstnimmt,
sondern alle Unterschiede wie ein oral fixiertes Krümelmonster
in sich hineinfrisst und zu einem großen Einheitshaufen verdaut.
Wen wundert´s, dass der Haufen Scheiße stinkt? Als ungewollte
Legitimationsideologie politisch-ökonomischer Globalisierungsstrategien
stinkt er wahrhaft zum Himmel!
Ist der Haufen allerdings dorthin entsorgt, wo er hingehört, können
interkulturelle Realität und Selbstbegegnung in der bewussten Wahrnehmung
des kulturell Fremden beim praktischen Tun zu korrespondieren beginnen.
(A. Holzbrecher, Wahrnehmung des Anderen. Zur Didaktik interkulturellen
Lernens, Opladen 1997) Dabei wird dann der Kopf frei für den nächsten
Schritt: die Hinwendung zu so Banalem wie den ökonomischen Basisstrukturen
und deren politisch-militärische Umsetzung in einem "New Great
Game", einer Neuauflage des britisch-russischen "Großen
Spiels" um Afghanistan und ganz Zentralasien, heute gespielt um
Gas und Öl des Kaspischen Meers. Auch das ist längst kein
Geheimnis mehr und lässt sich online in einem Bericht vom Leiter
des Planungsstabes im Auswärtigen Amt nachlesen: "New Great
Game in Zentralasien?"
www.auswaertiges-amt.de/www/de/infoservice/download/pdf/asien/zentralasien.pdf
Wer zum "Great Game" zwischen Russen und Briten etwas Unterhaltsames
lesen möchte, ist noch immer mit Rudyard Kipling´s Roman
"Kim" gut bedient. Daraus stammt übrigens auch der Begriff
des "Great Game". Nicht von Ungefähr wird er jetzt wieder
aktuell ins Spiel gebracht: "Great Game ums Erdöl und Erdgas
in Zentralasien" http://afa.at/globalview/062000/greatgame.html
Auch das "GUS-Barometer" der Körber-Stiftung hat sich
des Themas angenommen: "Das Kaspische Meer als potentieller Krisenherd".
www.dgap.org/gusbar/gus14.htm Vom potentiellen zum aktuellen Krisenherd:
"Der Afghanistankrieg, die Taleban und das Öl".
www.illoyal.kampagne.de/nr12/seite10.html
Rudolf Gelpkes Wunschraum Orient
Selbstbegegnung im Orient als reflektierte Selbstwahrnehmung ermöglicht
es, den Orient bewusst als Wunschraum wahrzunehmen. Was ich hier mit
dem Wort "Wunschraum" meine, habe ich praktisch und theoretisch
im Rahmen des Projekts "Wunschraum Äthiopien. Ein Hypertextprojekt
interkultureller Wahrnehmung" mit dem Religionskurs eines 11. Jahrgangs
auch netztechnisch umgesetzt. www.dialogin.de/schuelerprojekte/lalibela/projekt/reliprojekt.htm
Bei diesem Projekt wird deutlich, dass es Mythologien sind, die in solchen
fremden Wunschräumen gefunden werden und viel mit den individuellen
und kollektiven Mythen zu tun haben, in die das Selbst verwoben ist.
Was für Äthiopien im Besonderen gilt, ist auch für den
Orient im Allgemeinen zu beobachten:
Die Wunschproduktion des individuellen und kollektiven Unbewussten bringt
Mythologien hervor, die im Wunschraum Orient z.B. auf Reisen in Landschaften
und Architekturen wiedergefunden werden und darauf warten, vom reflektierenden
Ich dem Selbst bewusst angegliedert zu werden, um es zu vervollständigen.
Für Flaubert formuliert das Edward W. Said in seiner "Orientalimus"-Studie
in aller gebotenen Klarheit, wenn er sagt, dass dieser seine "private
Mythologie in den Orient" brachte, der Wunschraum Orient ihm so
zum "Ort des deja vu" wurde. Dabei hebt er Flauberts fast
durchgängige "Assoziation zwischen Orient und Sex" hervor.
(Orientalismus, 1981) Wie sich eine ähnlich sexuell eingefärbte
Assoziation im Wunschraum Orient mit einem Wunschbild Islam verbindet,
möchte ich nun am Beispiel Rudolf Gelpkes zeigen. Es wird uns mit
den "Heiligen Killern" des Mittelalters bekannt machen, jenen
Assassinen des "Alten vom Berge", die Bin Ladens Terrortruppe
"Al Qua´ida" so merkwürdig auffallend zu ähneln
scheinen.
Doch zunächst zu Rudolf Gelpke selbst: Er war "seiner Natur
nach ein Krieger". So charakterisiert ihn sein Bruder Wendel im
Vorwort zur 4. Auflage von Rudolfs Buch "Vom Rausch in Orient und
Okzident". Wendel fährt dann fort:
Einer steilen Karriere als Lehrbeauftragter und Dozent für Orientalistik
an verschiedenen Hochschulen in Europa, Amerika und Persien folgte der
freiwillige Verzicht auf jede offizielle Tätigkeit. Neben intensiver
Suche nach unbekannten oder verschollenen orientalischen Handschriften,
von denen einige seiner zahlreichen Übersetzungen aus dem Persischen
oder arabischen Kostproben liefern, galten seine letzten Jahre der bedingungslosen
Hingabe an das Erleben morgenländischer Mystik, mit welcher er
die Distanziertheit des abendländischen Gelehrten zu überwinden
trachtete."
In dieser Charakteristik seines Bruders erscheint Rudolf Gelpke als
der genaue Gegentyp zum "Apathiker" Flaubert. Für ihn
wird der islamische Orient zur nahezu perfekten Gegenwelt eines degenerierten,
christlich erkrankten Okzidents. Alles, was er sich für dessen
Heilung wünscht, findet er dort: Eros und Rausch im Einklang mit
der Religion. In seinem engagierten Buch "Vom Rausch im Orient
und Okzident", das mich auf vielen Reisen zwischen Taschkent und
Khartum, dem Kaukasus und dem jemenitischen Hochland, der uigurischen
Oase Turfan und dem äthiopischen Tana-See wie ein Schatten begleitete,
schreibt er:
Die abendländische Phantasie hat Eros zur Unterwelt verdammt. Das
im christlichen Sinne `Himmlische´ ist das Unsinnliche schlechthin.
Dass dagegen im Koran das Paradies in sehr sinnlichen Bildern geschildert
wird, dass der Prophet verschiedene Frauen offen und mit gutem Gewissen
seelisch wie körperlich leidenschaftlich geliebt hat, dass die
islamischen Theologen, Philosophen und Mystiker ohne irgendwelche Hemmungen
und Verklemmungen über erotische Dinge zu reden und zu schreiben
gewohnt sind das alles ist ja von christlicher Seite oft genug
als `Beweis´ für die angebliche moralische Minderwertigkeit
des Islams in verzerrter Form ausgeschlachtet worden."
Was Gelpke hier über das Christentum schreibt, kann ich nur unterschreiben.
Juan Goytisolo sieht Vergleichbares speziell in der spanischen Kulturentwicklung
und nennt die Ausmerzung des Arabisch-Erotischen den "spanischen
Sündenfall:...In den Augen unserer Historiker symbolisierten die
Mohammedaner in obskurer Weise das Böse, die Sünde."
(Spanien und die Spanier) Weiteres dazu in seinen lesenwerten Reisenotizen
Kibla Reisen in die Welt des Islam (Frankfurt, 2000).
Was Gelpke am Christentum kritisiert, deckt sich von der Sache her weitgehend
mit dem, was ich in meinem "Fight Club"-Essay (Atalante 2)
angedeutet habe: "Panik der Väter Die Rückkehr
Pans" www.ahlen.de/medien/chaoten/doc06.html Der Verweis auf diese
Webpage macht auch insofern Sinn, als sie erlaubt, Gelpke und seinen
Wunschraum Orient im Licht einer bestimmten Tradition der deutschen
Jugendbewegung zu sehen, die auf der Page auch im Roman "Reich
ohne Raum" von Bruno Goetz anklingt: eine romantisierende "Puer-aeternus"
Homoerotik, die bei Gelpke ihren Niederschlag in einem Lobgesang
auf Hans Blüher findet. Dessen zentrale These gegen Freud bestand
darin, in Homosexualität keine "Perversion", sondern
eine gesunde Alternative zu sehen (U.Geuter, Homosexualität in
der deutschen Jugendbewegung). Genau diese Einschätzung von Homosexualität
findet nun Gelpke in seinem islamisch-mystischen, die Natur des Menschen
bejahenden Wunschraum Orient wieder:
Die Konzeption, die Blüher entwirft, ist im Westen die einzige
mir bekannte, die ohne Einschränkung auch aus der Perspektive der
orientalischen Tradition gebilligt werden könnte...Sie ist unseres
Erachtens die einzige, die sowohl Anspruch erheben darf auf die so oft
missbrauchte `wissenschaftliche Objektivität´, wie auch auf
(im ethnologischen Sinne) weltweite Gültigkeit, denn sie wurzelt,
im Gegensatz zu den üblichen erotischen Gartenlaubenspielregeln
der psychoanalytischen Briefkastenonkels und tanten, in der Natur
des Menschen und nicht in einer Polizistenmoral."
Freud gefiel diese Attacke Blühers gar nicht. Doch das ist hier
nicht unser Thema. Es ist sicher unstrittig, dass im islamischen Orient
homoerotische Beziehungen oft fragloser gesehen werden als im christlichen
Okzident. Ob das allerdings im Orient wegen oder aber trotz der Religion
so ist, wäre für mich hier die entscheidende Frage. Das zu
beurteilen, fühle ich mich allerdings nicht kompetent. Der bereits
im Zusammenhang mit der Orientreise Flauberts genannte spanische Dichter
Juan Goytisolo, www.sbu.ac.uk/~stafflag/juangoytisolo.html der vergleichbare
Preferenzen wie Gelpke hat, sie jedoch in eine sehr viel realistischere
Wahrnehmung des Orients umsetzt, sieht das so: "Homosexuality is
very natural, but´s a condition not be named."
Es ist selbstverständlich Gelpke unbenommen, in seinem Wunschraum
Orient ein erwünschtes Verschwimmen der Geschlechtergrenzen wahrzunehmen,
das nicht sofort unter ein Verdikt der "Perversion" fällt,
und dementsprechend erotisch lustvoll zu leben. Nur die Wahrnehmung
ist eben zunächst die eines Wunsches, projiziert auf eine Leinwand,
deren schöne Bilder in ihm, dem Westler, entspringen und mit der
Realität keineswegs übereinstimmen müssen. Die eigene
Wunschproduktion mit der fremden Wirklichkeit zu verwechseln, ist dann
ein fataler, oft jedoch nicht ganz leicht zu durchschauender Irrtum.
Dieses Problem spitzt sich für Gelpke bei den Assassinen, genauer:
bei seiner Beurteilung der Terrormystik dieser ismailitischen Sekte
des "Alten vom Berge", zu einem exegetischen Eiertanz erster
Güte zu. Es darf nicht sein, was das Islam-Bild seines Wunschraums
radikal in Frage stellt. Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass sich
auch Juan Goytisolos erster, bahnbrechender Roman mit dem Assassinen-Thema
befasste: "Juegos de manos", im Englischen übersetzt
als "The Young Assessines".
Terrormystik des "Alten vom Berge"
Wie hätte der "Apathiker" Flaubert die Assassinen wahrgenommen?
Ich denke, kalt und brutal so: Es sind genau die Killer, die auch unsere
eigene Religion produziert. Und diese Selbstbegegnung in der Wahrnehmung
des verdrängten, religiösen Gewaltpotentials der eigenen Kultur
hätte ihn wie bei der Karawane mit Lust erfüllt. Denn jetzt
war er sich plötzlich des eigenen, kollektiven Abgrunds bewusst
geworden. Ganz anders Rudolf Gelpke, der "Empathiker" des
Wunschraums Orient. Für ihn waren die Assassinen... ja, was? An
dieser Stelle tut sich in der ansonsten brillanten Argumentation des
Buches ein abgründiges, schwarzes Loch auf.
Dieses zu ergründen, ist insofern höchst aufschlussreich,
weil dort tief drinnen in der alles verschlingenden Finsternis einer
traumatisch verschlossenen Krypta jenes Verdrängte auf seine Befreiung
wartet, das die von Ezzeldin eingangs geforderte "historische Psychoanalyse"
ans Licht befördern müsste: die gewalttätige Seite im
monotheistischen Gottesbild von Christentum und (!) Islam (und Judentum,
wie hier unbedingt hinzugefügt werden muss!) Im Kontext des "Echnaton-Traumas"
werde ich dem näher nachgehen. Warum wird darüber nie ein
Trialog geführt: über das gemeinsame, sich in den abrahamitischen
Fundamentalismen faschistisch verdichtende Gewalterbe der drei abrahamitischen
Religionen, anstatt Händchen haltend im Friedenstuhlkreis zu sitzen
und sich gegenseitig seine seit Jahrtausenden historisch widerlegte
Friedfertigkeit zu bestätigen? Nicht unzutreffend titelt "Der
Spiegel" auf seiner Internet-Seite: "Die Religionen des Terrors".
www.spiegel.de/spiegel/inhalt/0,1518,ausg-743,00.html
Yossi Sarid, Umweltminister im Kabinett Rabin, stellte nach der Ermordung
seines Premiers durch einen fundamentalistischen Judäofaschisten
die zentrale Frage, die das ganze Problem auf den Punkt bringt: "Wie
kommt es nur, dass der Herrgott jüdischen wie christlichen oder
muslimischen Fundamentalisten offenbar nur den einen Befehl gibt: `Mordet´!"
(Der Spiegel 41/18.10.01) Bei den Christen ist es das Problem eines
zum Mord anstiftenden, da mörderischen Gottesbildes. Ich habe es
in der "Reise des Henkers" beschrieben als "zerrissenen
Gott". www.ruedigersuenner.de/henker8.html Beim Opferflug der WTC-Attentäter
ins "Haus des Pharao" werden wir analog dazu ein mörderisches
Geschichtsbild kennenlernen, nämlich eine "zerrissene Geschichte".
In beiden Fällen bringt der Monotheismus also paradoxerweise tödliche
Dichotomien, mörderische Spaltungen, hervor. Spaltet der "Eine
Gott" und warum? Das psychohistorische Modell des "Echnaton-Traumas"
ist der Versuch einer ersten Antwort.
Wer waren nun die Killer auf Alamuth, dem Adlernest des "Alten
vom Berge" hoch im Gebirge nordwestlich von Teheran? Die Bin Laden-Biographie
von Pohly/Duran nennt deren Chef "eine morgenländische Mischung
aus Dracula, Frankenstein und Faust", seine bis zur Vernichtung
durch die Mongolen 1256 uneinnehmbare Bergfestung für anderthalb
Jahrhunderte den "Inbegriff des Schreckens" (Osama bin Laden
und der internationale Terorismus, 2001)
Die Bezeichnung "Assassinen", abgeleitet wohl vom arabisch-persischen
"haschischiun" (= Haschisch-Leute), ist eine Bezeichnung des
Westens und wurde in europäischen Sprachen zu einem Synonym für
Meuchelmord (z.B. engl. assassination). Für den Orient waren die
so semantisch Abgewerteten "fidda´iyyun" (= sich Opfernde).
Das rückt eine ganz andere Dimension in den Vordergrund, nämlich
das metaphysische Motiv ihrer mörderischen Attentate auf die Mächtigen
ihrer Zeit, mochten das nun prominente Kreuzzügler aus dem Westen
sein oder in den Augen der Täter korrupte Machthaber islamischer
Fürstentümer. Bei ihren Attentaten nahmen die "Haschisch-Leute"
den eigenen Tod in Kauf, was ihnen in westlichen Augen den diskriminierenden
Stempel von Selbstmord-Attentätern eintrug. Diese Semantik vernebelt
jedoch den springenden Punkt. "Sich Opfernde" sind keine "Selbstmörder",
sondern in ihrem Selbstverständnis Kämpfer, die für eine
heilige Sache ihr Leben hingeben. Das sollte man sich auch bei den Todesflügen
ins WTC nicht vorschnell vernebeln lassen, falls man sich überhaupt
dazu herablässt, das religiöse Motiv verstehen zu wollen.
Es ist genau dieses Motivationsproblem, mit dem Gelpke in seinem Assassinen-Kapitel
nicht klarkommt. Er erkennt glasklar: Es geht im Kern um ein metaphysisches
Problem, nämlich das Umschlagen einer rasuchhaft und erotisch mystischen
Erfahrung des "Paradieses" in blanken Terror. Für ihn
ist das deshalb ein inakzeptables Umkippen, weil es seinem Wunschbild
Islam widerspricht, das sich gerade durch die Vereinbarkeit von Eros,
Rausch und Religion auszeichnet, Gelpke den Islam gerade deshalb als
die gelungene Alternative zu einem misslungenen Christentum hochstilisiert.
Und nun ausgerechnet Rausch, Eros und Mystik als Movens islamischen
Terrors? Gelpke rettet sich in eine Lösung, die fatale Ähnlichkeit
mit der gegenwärtig so wohlfeilen Unterscheidung zwischen der Religion
"an sich" was das wohl ist? Irgendwie erinnert es an
Kants per se unerkennbares "Ding an sich" und die Religion
als eine real existierende Fehlform dieser per se glücklicherweise
unerkennbaren "Religion an sich". Das eine ist in diesem Denkschema
die imaginäre Religion der Friedensstuhlkreise, das andere der
reale Terror fundamentalistischer Bösewichte, beides fein säuberlich
getrennt.
Zumindest für Gelpke ist das, was der "Alte vom Berge"
wirklich wollte, per se unerkennbar, da bereits im Mittelalter nur einem
winzigen Kreis Eingeweihter bekannt. Die umfangreiche Bibliothek von
Alamuth verbrannte bei der mongolischen Eroberung. Was wir heute wissen,
schöpfen wir aus den Schriften der Feinde Alamuths oder aus "Legenden".
Gelpke führt hier die semantisch trickreiche Sprachregelung einer
"Assassinen-Legende" ein. Das erlaubt ein ständiges Springen
zwischen zwei Ebenen: der einer entstellenden "Legende" und
der einer wahren, aber unerkennbaren "Wirklichkeit", die seine
eigenen Wünsche spiegelt. Das hat den Vorteil der Unüberprüfbarkeit,
ähnlich wie sich das, was Jesus " wirklich" wollte, mangels
Kronzeugen der Überprüfbarkeit entzieht. Da ist man immer
fein raus.
Die schnöde "Legende", überliefert von Marco Polo
bis Hammer-Purgstall, dem Wiener Altvater deutscher Orientalistik, ist
für metaphysisch kuschelbedüftige "Empathiker" eines
Wunschraums Orient in der Tat frustrierend: Der "Alte vom Berge"
lockte Jünglinge in sein Adlernest und pumpte sie mit Haschisch
voll. Im Rausch fanden sich die so Beglückten an einem paradiesischen
Ort wieder, wo sie je nach sexuellem Gusto von wunderschönen Jungfrauen
oder Jünglingen (oder beiden) in jeder Hinsicht verwöhnt wurden.
Als sie dann irgendwann aus diesem Rausch erwachten, ersehnten sie verständlicherweise
nichts mehr, als an diesen Ort ihrer himmlischen Lust zurückkehren
zu können. Der "Alte vom Berge" stellte ihnen das "lost
paradise" in Aussicht, wenn sie sich zu Mordkommandos bereit erklärten,
deren Ausführung ihnen das Leben kosten würde. So opferten
sie sich, begeistert mordend, ihrer Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies.
Dieser "Legende" stellt Gelpke eine Geschichte des persischen
Dichters Nezami gegenüber (geb. 1141, also zeitgleich zu den "Assassinen"),
die auch das Problem des verlorenen Paradieses thematisiert, es jedoch
durch melancholisches Verschweigen, nicht durch die Übernahme von
Mordaufträgen löst. So hätte es gewesen sein können.
Die Jünglinge der Nezami-Geschichte hatten
eine echte Initiation durchlaufen, deren schmerzvolle Erkenntnis sie
anderen ersparen möchten. Der legendäre "Alte vom Berge"
ist nur ein Schwarzmagier, sein Paradies eine künstliche Fata Morgana,
und die Einweihung der Jünglinge ein diesen aufgezwungenes Gaukelspiel,
ein politisches "Mittel zum Zweck". Wie aber verhielt es sich
in Wirklichkeit?
Der französische Orientalist Yann Richard, der wie Rudolf Gelpke
lange Zeit im Iran lebte, findet eine Antwort (Der verborgene Imam,
Paris 1983):
Es empfiehlt sich in jedem Fall, die Geschichte der Ismailiten in Iran
von den verleumderischen Legenden zu trennen, die von ihren sunnitischen
Gegnern in dieser Epoche verbreitet und gelegentlich von schlecht informierten
Orientalisten aufgegriffen wurden; die Bezeichnung `Assassinen´
hat mit den Ismaeliten von Alamut nichts zu tun.
Das ist das Ergebnis einer historischen Analyse. Mit vorgefassten Rausch-
und Erosphantasien kommt man auch im Orient nicht weit. Er bleibt dann
bloßer Wunschraum. Für unbedarfte Friedenphantasien gilt
das nicht minder.
Opferflug in Pharaos Haus
Sieht sich Osama Bin Laden, irgendwo im afghanischen Gebirge versteckt,
als Nachfolger des "Alten vom Berge", seine al-Qaida als Neuauflage
eines mittelalterlichen Geheimbundes?
So fragt "Der Spiegel" in seiner Ausgabe vom 8. Oktober 2001,
deren Titelstory lautet: "Der religiöse Wahn. Die Rückkehr
des Mittelalters." www.spiegel.de/spiegel/inhalt/0,1518,ausg-743,00.html
Es ist sicher verfehlt, zwischen den Sich-Opfernden des "Alten
vom Berge" und denen Bin Ladens eine historische Linie konstruieren
zu wollen. Dennoch ist es nicht minder verfehlt, die Frage gar nicht
erst zu stellen, ob nicht dennoch etwas metaphysisch Vergleichbares
zwischen den beiden Gruppen von "fida´iyyun" zu finden
ist.
Ein Schlüssel für eine mögliche Antwort dürfte in
den für westliche Ohren eigenartigen Formulierungen liegen, in
denen vom "Pharao" die Rede ist. "Ich habe Pharao getötet!",
brüstete sich der junge Leutnant, der Anfang September 1981 den
ägyptischen Staatspräsidenten Anwar-es-Sadat getötet
hatte. Er kam aus einer Gruppe sich immer mehr radikalisierender "Moslembrüder".
Ihnen war Sadat zunächst durchaus verbunden und hatte mit Hassan
el Banna, dem Gründer der "Ikhwan", während des
Zweiten Weltkriegs konspiriert. Dabei ging es auch um eine Kollaboration
mit den Faschisten in Berlin und Rom. Konsequenterweise ermordete 1945
ein Jünger Hassan el Bannas den ägyptischen Premierminister,
der das Bündnis mit den Achsenmächten nach Rommels Niederlage
gekündigt hatte. Ähnlich ging es Nokraschi Pascha, der drei
Jahre später die "Ikhwan" auflöste. Ausführlich
kann man das und viel mehr nachlesen bei Gilles Kepel, "Der Prophet
und der Pharao". Im Untergrund gingen nun aus den verbotenen "Moslembrüdern"
extremistische Randgruppen hervor, die sich z.B. "Takfir wa l`higra"
(Verfluchung und Auszug) oder schlicht "Gihad" (in ihrem Verständnis
"Heiliger Krieg") nannten. "Takfir wa l´higra"
und Bin Ladens 1988 in Afghanistan gegründete "Al Qa´ida"
(Die Basis) sind eng verwoben. Ihr ägyptischer Hintergrund mit
der Takfir wa l´higra" Affäre von 1977 ist gut
online zugänglich bei Thomas Schmidinger:
"Islamischer Integralismus in Ägypten" http://home.pages.at/lobotnic/oekoli/content_texte_islamintegralismusaegypten.html
Inzwischen operierte Bin Laden auch vom Sudan aus, wohin er auch das
Hauptquartier von "Al Qa´ida" verlegte (1991). Ein halbes
Jahr vor dem ersten Anschlag auf das WTC im Februar 1993 reiste der
sudanesische Islamisten-Ideologe Hassan At-Turabi, damals der eigentliche
Machthaber im Sudan, zu einem offiziellen Besuch der UN nach New York.
Bei der Gelegenheit hielt er vor schwarzamerikanischen Islam-Konvertiten
in Brooklyn eine höchst aufschlussreiche Predigt. Seine amerikanischen
Glaubenbrüder seien zu beglückwünschen:
Sie seien gut dran, wüchsen sie doch wie Moses im Hause des Pharao
auf. Das ermögliche es ihnen, genau wie Moses, "das Haus des
Pharao zum Einsturz zu bringen, von innen her!" (Pohly/Duran, Osama
bin Laden)
Die Autoren der Bin Laden-Biographie kommentieren diese Passage der
Rede Turabis, gehalten übrigens auf Englisch, nicht etwa auf Arabisch
und noch immer in Islamisten-Läden auf Videokassetten erhältlich,
folgendermaßen:
Die Begriffe entstammen einer wohlbekannten Rhetorik der Islamisten-Literatur.
Mit dem Haus Pharaos ist im weitesten Sinne Amerika gemeint. Im engeren
Sinne bezeichnet der Begriff die Zentren und Symbole amerikanischer
Macht, und ganz speziell das World Trade Center, das als Sinnbild und
als Schaltstelle der materialistischen Götzendienerei gilt.
Die ums "Haus des Pharaos" kreisende Rhetorik darf nicht als
bloße Metaphorik missverstanden werden. Das würde ihrem metaphysisch-religiösen
Hintergrund nicht gerecht. Dieser erschließt sich jedoch erst
über ein geschichtstheologisches Theorem, das laut Bassam Tibi
zeigt,
dass die manichäische Dichotomie in der islamischen Geschichte
als Kollektivgedächtnis noch am Werke ist; sie wird in die Gegenwart
projiziert. Die Schlussfolgerung ist, dass ohne Kenntnis sowohl der
tatsächlichen islamischen Geschichte als auch der auf ihrer Basis
erfolgten "invention of history"(Hobsbawm) die Welt des Islam
heute nicht zu verstehen ist.
Auf welches Theorem spielt Tibi hier an, das in der Tat einen Schlüssel
liefert nicht nur für ein rationales Nachvollziehen der religiösen
Motive des Attentats auf das WTC, sondern auch für ein systemimmanentes
Verstehen islamisch fundamentalistischer Geschichtssicht. Wie wir dann
sehen werden, korrespondiert dieser Sicht einer manichäisch zerrissenen
Geschichte eine psychische Haltung, die der jüdische Psychoanalytiker
Leon Wurmser (New York) in allen fundamentalistischen Gewalt- und Terrororgien
der drei abrahamitischen Religionen während der letzten Jahrzehnte
wiederfindet: das Ressentiment. Der Flug von Bin Ladens fidda´iyyun
ins WTC führt drastisch vor Augen, wozu solches Ressentiment in
Kombination mit einer religiösen Idee Menschen motivieren kann.
Wie die Gegenwart schon erkennen lässt und die Zukunft sicher vermehrt
zeigen wird, ist dieser Opferflug aus dem Geist des Ressentiments jedoch
nicht mehr als die markante Spitze eines interreligiös faschistischen
Eisbergs.
Jahiliya und die "Hure Babylon"
Das islamische Geschichtsbild ist durch einen heillosen Riss geprägt,
der die Geschichte in eine "gute" und eine "böse"
Zeit auseinanderreißt. Markiert wird der Riss durch die Offenbarung
Gottes an Mohammed. Die Zeit davor gilt als "böse", die
Zeit danach als "gut". Der Teil der Welt, der in der "guten"
Zeit lebt, ist das "Land des Friedens" (Dar al islam), der
noch in der "bösen" Zeit befangen ist, das "Land
des Krieges" (Dar al harb). Dar al ahd, das "Land des Vertrages",
ist nur eine temporäre, scheinbare Überbrückung dieser
"manichäischen Dichotomie" (B. Tibi) von Zeit und Raum.
In Zuständen der Schwäche schließt das "Land des
Friedens" pragmatisch Verträge mit dem "Land des Krieges",
beendet dadurch aber nicht die metaphysische Feindschaft, die einen
solchen "Begriff des Politischen" (C. Schmitt) konstituiert.
Ein islamisches Völkerrecht, basierend auf der Gleichberechtigung
souveräner Staaten und darin vergleichbar dem "Ius publucum
europaeum", konnte es deshalb nie geben.
Die "böse" Zeit gilt als "Zeit der Unwissenheit"
(Jahiliyya). In dem grundlegenden islamistischen Kampfmanifest "Wegzeichen"
des Ägypters Sayyid Qutb wird dieses dualistische Jahiliyya-Theorem
nun zum Kampfmittel gegen die real existierenden islamischen Staaten
der arabischen Welt umfunktioniert. "Wegzeichen" entstand,
als sich herausstellte, dass Nasser nach dem Sturz des Königs Faruk
keineswegs vorhatte, in Ägypten eine islamische Rechtsordnung einzuführen,
sondern sich, wie andere arabische Nationalstaaten auch, dem Sozialismus
verschrieb. Dagegen zieht Qutb zu Felde und wird deshalb 1966 vom "Pharao"
Nasser hingerichtet. "Wegzeichen" schrieb Qutb in der nahezu
zehnjährigen Haft davor.
Er wendet sich gegen alles, was sich in "Herrschaft" und "Anbetung"
nicht der allein legitimen Herrschaft Gottes (hakimiyyat Allah) unterwirft.
Das sind neben dem Rest der Welt nicht nur die in seinen Augen abtrünnigen
arabischen Nationalstaaten, sondern es ist auch die islamisch orthodoxe
Ulema, die Rechts- und Religionsgelehrten, die sich dem Jahaliyya-Staat
götzendienerisch anbiedert. Der Scheich der autoritativen Kairoer
Al-Azhar-Moschee verurteilte dann auch umgehend zur Freude seines "Pharao"
Qutbs Pamphlet. In der Fallstudie zum islamischen Fundamentalismus Ägyptens
"Der Prophet und der Pharao" führt Gilles Kepel eine
Fülle von Originalzitaten aus "Wegzeichen" an, die sehr
aufschlussreich und lesenswert sind. Zwar liegt "Wegzeichen"
mit ähnlichen Schriften inzwischen zuhauf in den auch von westlichen
Touristen besuchten Moscheen aus und wird in der moslemischen Welt eifrig
gelesen. Doch wer von uns Westlern kann schon so gut Arabisch? Mit Türkisch
für die Istanbuler Moscheen steht´s auch meist nicht zum
Besten. Kepels Übersetzung schafft für solche Sprachignoranz
wenigstens eine kleine Abhilfe.
Das fundamentalistisch funktionalisierte Jahiliya-Theorem zielt auf
das globale, eschatologische Friedensreich der Gottesherrschaft Allahs
(hakimiyyat Allah). Das gegen eine globale Jahiliya durchzusetzen
denn in eine solche götzendienerische Unwissenheit ist die Welt
in den letzten achtzig Jahren seit dem Ende des Osmanischen Reiches
und seines Kalifats zurückgefallen -, das ist für die Islamofaschisten
"Djihad". In einem solchen eschatologisch ausgerichteten "Heiligen
Krieg" opferten sich die Todespiloten vom 11. September. Sie waren
fidda´iyyun keines verlorenen, mystischen Paradieses wie die legendären
Assassinen, sondern eines zukünftigen Paradieses auf Erden: islamistischer
Gottes gegen kapitalistischen Geldfrieden. Sich ausgerechnet
das WTC, "Pharaos Haus" und Kapitale der götzendienerischen
Geldherrschaft, als Zielscheibe vorzunehmen, war da nur logisch.
"Gott gegen Geld" titelt in diesem Sinn Roger Friedland (Santa
Barbara) seinen Beitrag in "Lettre International" (54/2001)
und zitiert Minoru Yamasaki, den Architekten des WTC:
Ich sehe das so: Welthandel bedeutet Weltfrieden und deshalb war die
Absicht der Gebäude des World Trade Center in New York eine weiterreichende,
als nur Büroraum für Mieter bereitzustellen. Das World Trade
Center ist ein lebendiges Symbol für das Streben der Menschen nach
weltweitem Frieden."
Da hat man, nun offensichtlich, die Rechnung ohne jene Wirte gemacht,
die Weltfrieden nicht als kapitalistischen Geldfrieden wollen.
"Pharaos Haus" bekommt in dem eschatologischen Jahiliya-Konzept
der Fundamentalisten fatale Ähnlichkeit mit dem christlich-apokalyptischen
Bild der "Hure Babylon". Dieses ist in der "Geheimen
Offenbarung" des Johannes das satanische Gegenbild zum "Himmlischen
Jerusalem", dem Reich der endzeitlichen Gottesherrschaft. Die Jahiliya-Welt
der Islamisten mit Babels gleichfalls götzendienerisch dem Geld
und dem Handel verfallenen Teufelswelt zu vergleichen, scheint mir wegen
der gemeinsamen manichäisch-dualistischen Struktur nicht abwegig.
In beiden Fällen stehen sich in endzeitlicher Konfrontation eine
Gottes- und eine Teufelswelt unversöhnlich gegenüber, wie
es in der christlichen Tradition diverse Bildwerke darstellen: Das "Himmlische
Jerusalem" ist von Engeln bevölkert, Babylon als die "große
Hure" von Teufeln. Beispiele dazu auf der Schüler-Webpage
"Das Himmlische Jerusalem und die Teufelsstadt Babylon".
www.dialogin.de/schuelerprojekte/teufel/fremd/seite3.htm
Sehr bedenkenswert ist mir in diesem Zusammenhang manichäisch-dualistischer
Geschichtskonzepte die Parallele zwischen islamistischer Eschatologie
und nationalsozialistischer Apokalyptik, die beide Produkte ihrer "Mutterreligionen"
Islam bzw. Christentum sind. Auf Webseiten, die gerade auch um die apokalyptische
Konfrontation zwischen "Himmlischem Jerusalem" und "Hure
Babylon" kreisen, habe ich das für den Nationalsozialismus
an einem repräsentativen Beispiel erläutert: "Die Symbolik
der Wewelsburg" www.ahlen.de/medien/christenkreuz/doc_05.html Der
Islamismus erscheint so ideologisch-strukturell einmal mehr mit anderen
Formen des Faschismus vernetzt. Um sich etwas mehr in die facettenreiche
nationalsozialistische Apokalyptik vertiefen und so meine Vergleichsthese
vielleicht etwas besser nachvollziehen zu können, empfehle ich
die umfangreiche Auseinandersetzung meines Literaturkurses mit dieser
Thematik "Schwarze Sonne. Michael und seine apokalyptischen Superhelden",
www.dialogin.de/schuelerprojekte/sonne, in Weiterführung dann meinen
"Fight-Club"-Essay (Atalante 2) "Schwarze Sonne über
Babel". www.ruedigersuenner.de/fightclub.html Zur Kurzinformation
ist die Kursseite geeignet "Goebbels, Michael und der Antichrist".
www.dialogin.de/schuelerprojekte/sonne/goebbels.htm
Man beachte auf dieser Kursseite besonders den Link auf Jasenovac, das
"Auschwitz des Balkan". Dort ist Aufschlussreiches über
die Nähe zwischen dem faschistischen Ustascha-Regime Kroatiens
und dem Vatikan zu erfahren. Waren das alles nur bedauerliche Fehlleistungen
"schwacher Menschen" (etwa, wenn ein Franziskanerpater ein
KZ leitet) oder verbirgt sich dahinter nicht doch mehr, nämlich
eine strukturelle Verwandtschaft zwischen Faschismus und in diesem
Fall - christlicher "Mutterreligion"?
Trauma und Ressentiment
Abschließend möchte ich das Gefühl des Ressentiments
als die gemeinsame Klammer beschreiben, die die verschiedenen Fundamentalismen
verbindet und zu ihrem mörderischen Tun antreibt. Das führt
zu dem psychologischen Theorem des "Echnaton-Traumas", dem
das Ressentiment entspringt Das gilt für den Nationalsozialismus
genauso wie für den Islamofaschismus oder den judäofaschistischen
Kahanismus, um aus dieser Szene nur ein Beispiel zu nennen. "Kahane
as Nazi", so bei Gerald Cromer (Bar-Ilan-University) in seiner
Studie "The Creation of Others: A Case Study of Meir Kahane and
His Opponents" (The Other in Jewish Thought and History, New York
1994): "Kahane advocated a policy of `Judenrein in reverse´."
Ziel der eingangs von Ezzeldin geforderten "historischen Psychoanalyse"
müsste es sein, dieses kollektive Trauma bewusst zu machen. Das
könnte dazu beitragen, zumindest zunächst seitens der Wahrnehmung
Außenstehender die lähmende Dämonisierung des Fundamentalismus
abzubauen und die Bilder "großer Satane" durch eine
rationalere Wahrnehmung bei sich selbst zu ersetzen. Auch der Aufklärer
ist als Teil seiner Tradition ein tendenziell Traumatisierter, der zu
ähnlichen Bildern und Formen der Wahrnehmung neigt, wie die, über
die er aufklären will. (Böse Zungen a la Ulrich Wickert behaupten
solches ja auch von Bin Laden und Bush, nur dass da nicht aufgeklärt,
sondern gebombt wird.) In seiner zitierten Kahane-Studie hat das G.
Cromer gut gezeigt: "Kahane´s opponents were involved in
exactly the same process, as he was creating their own identities
by contrasting themselves with the image of their staunchest adversary.
Wenn das durchschaut wird, "then Kahane can no longer be regarded
as evil incarnate. Mit Bildern vom "Bösen schlechthin"
kann man vielleicht Bin Laden durch Afghanistans Berge hetzen. Eine
zukunftweisende Handlungsstrategie mit dem von ihm repäsentierten,
politisch-religiösen Phänomen des Fundamentalismus lässt
sich damit aber nicht entwickeln.
Unter der Überschrift, die das psychologische Problem bereits treffend
auf den Punkt bringt, "Die Schändung ist das Gleichnis für
mein ganzes Leben" geht der jüdische Psychoanalytiker Leon
Wurmser (New York) im Rahmen einer Fallstudie zum Ressentiment auch
auf dessen kollektive Seite ein: zunächst beim islamischen Fundamentalismus
(Hizbollah und Hamas) , dann auf den serbisch-orthodoxen, national-mythischen:
Beide sind genährt von einem vehementen Gefühl erlittener
Ungerechtigkeit und Erniedrigung. Obgleich Ausdruck einer kleinen Minderheit,
zeigte sich der Terror eines jüdischen National-Fundamentalismus
bei Meir Kahane und Baruch Goldstein (rechtsextreme Kach-Partei und
Attentäter in der Moschee von Hebron, D.H.).Dann bringt er als
Ursache etwas ins Spiel, das der griechische Zypriot Vanik Volkan "selbstgewähltes
Trauma" (Blutgrenzen, 1999) nennt: Hinter all diesen mörderischen
Formen des Ressentiments stehen alte Geschehnisse von wirklichem Unrecht
und von zugefügter Demütigung. Unter dem Deckmantel der Moralität
und der religiösen und ideologischen Selbstgerechtigkeit wird nun
oft unangemessen Rache für die erduldete Scham geübt. (psyhosozial
Nr. 61/1995: "Mediale Inszenierungen rechter Gewalt")
Ein anschauliches Beispiel war 1989 die 600-Jahr-Feier der Schlacht
auf dem Amselfeld. Sie wurde zum Startschuss der Umsetzung des großserbischen
Wahns. Welche Rolle dabei Ressentiment, Rache für Beschämung,
spielte, ist auf meiner Website zum Kosovo-Krieg nachzulesen "Serben,
Deutsche und das Ressentiment- ein psychoanalytischer Zugang".
www.ahlen.de/kultur/bruederlichkeit/balkan/doc21.html
Kampf gegen die Scham sieht Wurmser als das innere Movens der Philosophie
Nietzsches. Er sieht in ihm den "Philosophen des Ressentiments"
schlechthin. Was Nietzsche als grundlegend für die jüdisch-christliche
Tradition wahrnimmt, nämlich eine zutiefst Ressentiment geladene
Haltung zu Mensch und Natur, legt er in seinen Schriften gegen das Christentum
selbst an den Tag. Er philosophiert also nicht nur über das Ressentiment,
sondern als aufmüpfiger Sohn eines protestantischen Pfarrers verkörpert
er es auch durch seine Person in Reinkultur. Wenn sich die Nationalsozialisten
später so gerne auf Nietzsche berufen, dann mögen sie seine
Geschichts- und Kulturphilosophie vielleicht missverstanden haben. Mit
seinem Kampf gegen die Scham aus dem Geist des Ressentiments konnte
sich ihr "deutscher Krieg gegen die Scham" zu Recht identifizieren.
Und nicht nur er: "Das Ideal des `Zarathustra´ und seines
Gewissens wurde zur führenden Über-Ich-Gestalt für Deutschland,
ja für Europa mit den verheerenden Folgen." (Wurmser)
Leon Wurmser gibt dem eine psychoanalytische Basis (Das Rätsel
des Masochismus), die neben dem Nationalsozialismus auch den islamischen
und jüdischen Faschismus besser zu verstehen hilft. Dabei muß
allerdings deutlich klargestellt werden, dass diese drei faschistischen
Phänomene nicht untereinander identisch sind. Trotzdem: Das Ressentiment
bringt aus den "Mutterreligionen" zwar unterschiedliche, unter
genau zu definierenden Gesichtspunkten jedoch vergleichbare Systeme
eines Hasses hervor, der nach Rache für erlittene Beschämung
ruft. Für die Menschen der islamischen Welt begann solches Leiden
mit der Kolonisierung durch den Westen. Am Ende des 18. Jahrhunderts
der Ägypten-Feldzug Napoleons ist da ein Ereignis mit hohem
Symbolwert mussten die Muslime feststellen, dass sie ins Hintertreffen
geraten waren. Dazu der Tunesier Abdelwahab Meddele (Die Krankheit des
Islam):
Ab diesem Zeitpunkt entsteht, langsam und allmählich in einem psychologischen
Prozess, sowohl bei Arabern als auch bei Muslimen gegenüber dem
Westen das, was Nietzsche "Nachgefühl", Ressentiment,
genannt hat. Das nach Meddele eigentlich Traumatische für das islamische
Subjekt ist dabei sein Ausschluss, die Absicht, es auf den Ausgestoßenen
zurückzuführen, auf Ismael, auf den Mythos des ausgestoßenen
Waisen. (Lettre international 54/2001)
Die Todesflüge ins WTC können als eine medial höchst
effizient inszenierte Demonstration verstanden werden: die Ausgestoßenen
sind heimgekehrt und das in einem ganz speziellen Sinn. Der erwähnte
Verlust der Kreativität war bislang besonders im Bereich der Technik
sichtbar. Dass sich das geändert hat, sollte das Ereignis von New
York, ästhetisch formvollendet, im wahrsten Sinne des Wortes global
sichtbar machen. Meddele gerät über den "technischen
Erfolg und die Ästhetik des Ereignisses" ins Schwärmen,
um dann näher den darin begründeten Bruch anzuführen:
Es kann als ein Bruch gesehen werden, in dem das Schicksal der Nationen
neu verteilt und neu orientiert wird. In dieser Hinsicht haben wir es
auch mit einer Beherrschung der Technik zu tun, die in höchst spektakulärer
Weise bis zum Erbrechen aus dem Schock und der Wirkung
des Bildes Nutzen zieht. Es war, als sollten die zwanzig Minuten zwischen
dem ersten und dem zweiten Flugzeug Zeit lassen, damit die Kameras aufgestellt
und die Katastrophe live gefilmt werden konnte. Und zu der ausgeführten
Flugbewegung, meinten die Spezialisten, gehörte ein besonders geschickter
Pilot, mit dieser Art Ellipse, die das Flugzeug vor der finalen Kurve
beschrieb, bevor es voll in das Ziel einschlug, wurde der Eindruck erweckt,
als wäre der Aufprall genau auf diese Etage gezielt worden. Alle
Waffen des Gegners wurden eingesetzt, um ihm selbst zu schaden. Dazu
gehört die Tatsache, dass man sich mit diesem Ereignis auch wieder
in das Zentrum der Welt katapultieren konnte, so konnte man von der
Peripherie, vom Rand, ins Zentrum gelangen.
Es war Karlas gewaltfasziniertem, rassistischem Schattenbruder vorbehalten,
genau diese Botschaft mit einem Hauch von Bewunderung intuitiv zu erfassen:
"irgendwie geil!" Das hätte er den Kameltreibern da unten
echt nicht zugetraut.
Das Echnaton-Trauma
Von Pharaos Erstgeburt im jüdisch-christlichen Buch Exodus bis
Pharaos Haus der islamischen WTC-fidda´iyyun, der "Eine Gott"
offenbart seinen mordenden Schatten. Der Schatten des Christus-Mythos
ist in diese mehr als 3000 Mordjahre voll integriert. Warum aber spaltet
der Eine Gott, was in den Mordaktionen seiner faschistisch-fundamentalistischen
Schattenagenten unserer Zeit einsame Höhepunkte menschlicher Killerinstinkte
hervorbringt? Das ist die Frage, die sich mir zwangsläufig als
Fazit meines Essays stellt, wenn ich mir gerade die Welt des Orients
mit nicht nur wunschproduzierten Wahrnehmungskategorien ansehe, sondern
dort auch die gespiegelten Schatten der eigenen Kultur erkenne.
In "Moses der Ägypter", seiner "Entzifferung einer
Gedächtnisspur", gibt der Ägyptologe Jan Assmann auf
meine Frage eine verblüffend klare Antwort. Er wirft einen Blick
in die ägyptische Geschichte und findet dort zwei Dinge: das eine
nennt er die "mosaische Unterscheidung", das andere, nämlich
die fortwirkenden psychologischen Erdbeben durch diese Unterscheidung,
nenne ich das "Echnaton-Trauma". Assmann schreibt:
Ich möchte die Unterscheidung zwischen wahr und unwahr im Bereich
der Religion die "Mosaische Unterscheidung" nennen, weil die
Tradition sie mit Moses verbindet.
Das ist so trivial nicht, wie es sich vielleicht zunächst anhört.
Die Unterscheidung zwischen "wahr" und "unwahr"
in der Religion ist nämlich keineswegs so selbstverständlich,
wie sie uns als monotheistisch seit mehr als tausend Jahren am Echnaton-Trauma
Erkrankten scheint. (Der Raum um Ahlen wurde kurz vor 800 n.Chr. mit
Feuer und Schwert in den Sachsenkriegen Karls d.Gr. christianisiert.)
Doch zurück zu Assmanns mosaischer Unterscheidung:
Der Raum, der durch diese Unterscheidung "getrennt oder gespalten"
und dadurch zuallererst geschaffen wird, ist der Raum des jüdisch-christlich-islamischen
Monotheismus...
Den antiken Polytheismen war der Begriff einer unwahren Religion vollkommen
fremd. Die Götter fremder Religionen galten nicht als falsch und
fiktiv, sondern in vielen Fällen als die eigenen Götter unter
anderen Namen. Die Unterscheidung, um die es hier geht, existierte ganz
einfach nicht in der Welt der polytheistischen Religionen.
Den dagegen neuen, monotheistischen Religionstyp nennt Assmann "Gegenreligion",
die alles, was ihr vorangeht (vgl. im Islam das Jahaliya-Theorem) oder
von ihr nicht umfasst wird, "Heidentum" nennt. Für Israel
wurde Ägypten so zum Symbol des Ausgegrenzten schlechthin, des
"Verworfenen, religiös Unwahren und zum Inbegriff des `Heidentums´."
Ist die islamofaschistische Rede vom WTC als dem "Haus des Pharao"
bloß ein semantischer Zufall?
Zumindest einem der ägyptischen Pharaonen sollten die mosaisch
Unterscheidenden dankbar sein: Amenophis IV. (gest.1338 v. Chr.), der
sich selbst "Echnaton" nannte, war der, der Moses die Ideen
gab.
Echnatons monotheistische Revolution war nicht nur der erste, sondern
auch der radikalste und gewaltsamste Ausbruch einer Gegenreligion in
der Menschheitsgeschichte. Die Tempel wurden geschlossen, die Götterbilder
zerstört, ihre Namen ausgehackt und ihre Kulte abgebrochen. Je
tiefer man in die altägyptische Welt eindringt, desto klarer lässt
sich nachvollziehen, was für ein furchtbarer Schock dieser Göttersturz
gewesen sein muss. (Assmann, Moses, der Ägypter)
Assmann spricht vom "traumatischen Charakter dieser Erfahrung".
Wir haben das Glück, die ersten Nachbeben dieses Echnaton-Traumas
historisch erfassen zu können. Denn die Gegenreligion des Pharao
wurde bald nach seinem Tod in der 19. Dynastie unter den Ramessiden
ausgemerzt. Die verbliebene historische Erinerung ist also die der traumatisierten
Sieger. Bei den drei folgenden Gegenreligionen Judentum, Christentum
und Islam lagen die Dinge anders. Das Traumatisierte hatte zu schweigen.
Geschichte schrieb die siegreiche Gegenreligion. Wenn wir uns jetzt
also kurz das ansehen, was in Ägypten nach Echnaton "offiziell"
geschah, so liegt es mir nahe, das als eine mögliche Analogie zu
Sachsen unter Karl d.Gr. zu lesen, mit dem historiographisch entscheidenden
Unterschied freilich: Was in Ägypten öffentlich und kollektiv
auf Reichsebene geschah, konnte bei den Sachsen allenfalls privat und
im stillen Kämmerlein geschehen. Letzteres entzog sich dort der
historiographischen Erfassung. Es biss sich jedoch unterschwellig fest
als der ewig nagende Zahn des verborgenen Ressentiments aus monotheistischer
"Gottesvergiftung" (Tilman Moser). Die Geschichtsschreibung
der gegenreligiösen Sieger blieb dafür blind.
Das Erste, womit Ägypten reagierte, war die totale Verdrängung.
Dieses Faktum der offiziell verordneten Verdrängung eines ganzen
Zeitabschnittes aus der kollektiven Erinnerung ist schon als solches
höchst bemerkenswert. Nachdem die Erinnerung ausgelöscht wurde,
wurde auch noch die Tatsache der Auslöschung getilgt. Nur der Eindruck
des Schocks blieb übrig, die vage Erinnerung an etwas in höchstem
Maße Unreines, Gottloses und Zerstörerisches, eine Erinnerung,
die sich nun, ortlos geworden, mit anderen Erfahrungen verbinden konnte.
Bei den Traumatisierten der 19.Dynastie entstanden wenige Jahrzehnte
nach Echnaton plötzlich religiöse Feindbilder. Die "Asiaten"
galten zwar traditionell in Ägypten als Feinde. Nun bekam diese
Feindschaft aber auf einmal eine religiöse Qualität. Die als
asiatisch geltenden Hyksos und ihr Gott Baal, der üblicherweise
mit dem ägyptischen Gott Seth gleichgesetzt worden war, wurden
zum ersten Ziel traumatischer Feindbildprojektionen. Man erklärte
den König der Hyksos Apophis zum "Monotheisten": "Er
diente keinem Gott im ganzen Lande außer dem Seth", wie es
in einem ramessidischen Papyrus heißt.
Im Laufe dieses Prozesses nahm auch der Gott Seth allmählich die
Züge gegenreligiöser Gewalt sowie eines Teufels und Asiaten
an. (Assmann, Moses der Ägypter)
Auszug der Konvertiten
Bereits mit dem neuen Feindbildrepertoire der 19. Dynastie ließen
sich ansehnliche Kreuzzüge und Djihads inszenieren. Damit gegenreligiös
produzierte Feindbilder bei den Traumatisierten nicht in Vergessenheit
geraten, bedürfen sie durch das gegenreligiöse Ritual der
ständigen Erinnerung in einem "konstellativen Mythos"
(Assmann)
Im Judentum ist das die Erzählung vom Exodus Israels aus dem "heidnischen"
und "götzendienerischen" Ägypten. Als einen Mythos,
der immer wieder neu den Anderen als den auch militärisch zu bekämpfenden
Feind in der Pessachfeier Jahr für Jahr rituell konstelliert, beschreibt
der Israeli Adi Ophir (Tel Aviv University) die Exodus-Erinnerung: "From
Pharao to Saddam Hussein The Reproduction of the Other in the
Passover Haggadah" (The Other in Jewish Thought and History, New
York 1994). Sehr aufschlussreich auch für die Politik des modernen
Staates Israel ist sein Fazit:
Despite the transformation of power relations between Jews and Gentiles
brought about by the Zionist movement, this main structure that produces
and reproduces Jewish collective memory, which the Haggadah embodies
more than any other Jewish text, remains dominant. Many Israeli Jews,
and not only Israeli, perceive the Jewish state apparatuses, its armed
forces first and foremost, as substitutes for God´s outstretched
arm, just as they perceive enemy leaders, from Nasser through Arafat
to Saddam Hussein, as modern embodiments of ancient pharao. And when
a threatening Gentile appears, he is viewed within the crossed shadows
projected by the Pharao of the Nile, and the Pharao of the Gas Chambers.
Im Islam taucht das Exodus-Motiv im Auszug Mohammeds (Higra) aus dem
"heidnischen" Mekka, dem Beginn der islamischen Zeitrechnung,
wieder auf. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der Name der islamofaschistischen
Gruppe "takfir wa l´higra". Auf ihre Al-Qa´ida-Connection
habe ich bereits hingewiesen. Sie reaktiviert den konstellativen Higra-Mythos
der "Mutterreligion" nicht nur semantisch, sondern ihre Mitglieder
zogen tatsächlich hinaus in die Wüste, lebten dort so, wie
sie meinten, dass der Prophet hätte gelebt haben können, und
exkommunizierten den Rest der götzendienerischen Jahaliya-Welt.
Denn das bedeutet der erste Teil ihres Namens: "takfir"
"Exkommunikation". Dem Bannstrahl aus der Wüste folgten
dann bald Messer, Bombe und Flugzeug. Erkrankt am Echnaton-Trauma der
mosaischen Unterscheidung lässt es sich bis heute für heilige
Killer aller monotheistischen Coleur gut mit reinem Gewissen morden.
Das Erinnern des konstellativen Mythos nennt Assmann "Konversionserinnerung".
Die Konvertiten werden durch den Mythos immer wieder neu auf die Gegenreligion
eingeschworenn.. So bleibt die Krypta ihres Traumas verschlossen und
dessen unterschwellige, tödliche Wirkung erhalten. Im Christentum
wird das in der Liturgie der drei österlichen Tage, dem Mysterium
des triduum paschale, in eindrucksvollen Riten Jahr für Jahr zelebriert.
Besonders die Liturgie der Osternacht verbindet Exodus/Higra mit Konversion.
Bereits der Einzug der Gemeinde in die zunächst noch dunkle Kirche
ist in ihrer Symbolik ein "Auszug": aus der Finsternis der
Nacht in das werdende Licht des sich durch Kerzen erhellenden Kirchenraums.
Dann werden u. a. der Schöpfungsbericht und der Exodusbericht Israels
aus Ägypten gelesen. Es geht also um den Auszug in die durch Christus,
das österliche Licht, neu ins wahre Leben gerufene Schöpfung.
Dem schließt sich die Erneuerung des Taufversprechens an, die
eigentliche Erinnerung an die Konversion vom unwahren Leben in satanischer
Finsternis zum wahren Leben im Licht Christi bei der Taufe. An dieser
Stelle finden häufig auch Taufen statt. Die abschließeden
verkürzten Laudes in der folgenden Eucharistiefeier beschwören
im "Magnificat" den Umsturz der alten Ordnung und das Errichten
der neuen Ordnung Gottes: "Er stürzt die Mächtigen vom
Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit
Gütern an und lässt die Reichen leer ausgehn." Schließlich
das abrahamitische Siegel des Magnificat:
"Wie er es zu unsern Vätern gesprochen hat,
Abraham und seinen Nachkommen auf ewig."
Nackommen und Erben das sind die Anwesenden als Teil aller traumatisierten
Konvertiten - Juden, Christen und Moslems. Sie erbauen die "neue
Stadt", "Zion", das "Himmlische Jerusalem",
"hakimiyyat Allah" im Endkampf gegen die Jahaliya-Welt der
"Hure Babylon", deren Turm, "Pharaos Haus", der
triumphale Endsieg Christi und seiner himmlischen Heerscharen in Feuer
und Blut versinken lässt...Armageddon...Endlösung...Ground
Zero..
Geheilter Monotheismus?
"Sicut locutus est ad patres nostros,
Abraham et seminem ejus in saecula!"
Noch einmal greife ich dieses abrahamitische Siegel des "Magnificat"
auf. Bach hat dazu in seiner genialen "Magnificat"-Vertonung
eine formvollendete Fuge geschrieben kosmische Ordnung in Maß
und in Zahl auf einen Text über Abraham und seine drei monotheistischen
"Nachkommen". Bachs mathematisch-musikalische Ästhetik
- die harmonische Polyphonie der Fugen und die polyphone Harmonie der
Choräle, die Pythagoras und Christus wieder versöhnt -, hat
mich immer ahnen lassen: Jenseits der todbringenden Spaltungen mosaischen
Unterscheidens liegt eine heile, kosmische Ordnung, die nicht die der
Geschichte ist. Spätestens seit der Aufklärung (Cudworth,
Warburton, Reinholds "Jahwe sive Isis") meint Europa, sie
durch die dekonstruierende Erinnerung der mosaischen Unterscheidung
in der kosmischen Weisheit Ägyptens wiederfinden zu können.
Die Symbolik der Freimaurerei bringt das sehr schön zum Ausdruck,
wie Judentum, Christentum und altägypische Religion wieder verschmelzen
sollen: "Hen kai pan" die Wiederkehr des ägyptischen
Kosmozentrismus" (Assmann, Moses der Ägypter) Auch die Physik
von Newton über Einstein bis Hawkings Insistieren auf einer vereinheitlichten
"Theorie von allem" gehört zu diesem ägyptisierenden
Projekttyp der Suche nach dem Einen, in dem Alles ist "die
Suche nach einer vereinheitlichten Theorie in Verbindung mit der Suche
nach Gott." (M. Wertheim)
Mit Margaret Wertheim (Die Hosen des Pythagoras,), einer der wenigen
Frauen im Männerreich der theoretischen Physik, misstraue ich solcher
Vernunfteuphorie, die das Heil der Welt im Erkennen der einen, alles
umfassenden Weltformel sucht und, wie Hawking es selbst sagt "den
Plan Gottes erkennen" will. Dennoch: Die gesuchte Ordnung jenseits
der mosaisch gespaltenen Geschichte mit ihren manichäischen Dichtotomien
in Islam und Christentum ist "Kosmos". Die Einheit mit dem
Kosmos hat die mosaische Unterscheidung letztlich zerstört. Im
Tiefsten ist deshalb das der existentielle Kern des Traumas: "Starres
, stummes Nichts...Wie ist jeder so allein in der Leichengruft des Alls."
(Jean Paul, Rede des toten Christus)
Wie ich mir zwischen Scylla und Charybdis von mosaischer Unterscheidung
einerseits, mathematisch-physikalischer Kosmozentrik einer vereinheitlichten
Theorie andererseits den Weg zu einem kosmisch geheilten Monotheismus
vorstellen kann, habe ich im zweiten Teil meiner "Reise des Henkers"
mit Hilfe der jüdischen Kabbala knapp skizziert. Ich lade den Leser
ein, den Henkergott auf seiner Reise zu begleiten und mit seinem Besuch
eines Tattoo-Studios auf der Webpage zu beginnen: "Kosmisches Kreuz".
www.ruedigersuenner.de/henker9.html
Das kosmische Kreuz ist meine Antwort auf Karlas Multikulti-Bergpredigt-Mond
und Tinas kastrierten Regenbogen-Jesus. Karlas Schattenbruder fand den
Besuch im Tattoo-Studio jedenfalls wieder einmal "echt geil",
fast so geil wie sein neues WTC-Computerspiel. Nach langem häuslichem
Krieg hatte er es sich endlich kaufen dürfen. Seine Friedensschwester
kriegt zwar immer noch zu viel, wenn der Abfangjäger Mohammed Atta
nicht erwischt. Die folgende finale Flugkurve kann sie inzwischen jedoch
ertragen. Immerhin ist das jetzt konkrete Friedenarbeit: Zehn Prozent
des Verkaufserlöses von Brüderchens digitaler Terror-Action
gehen an die Hinterbliebenen. "Das ist doch echt super", lobte
Tina, die gerade im Talar vorm Spiegel ihre neueste Gasmaske anprobierte-
für das Mega-Event am Sonntag zum Bergpredigt-Islam. In diesem
Outfit auf der Kanzel würde sie auch den letzten Zweifler überzeugen.
Nur Multikulti kann uns noch retten. Lässig würde sie sich
dann weißen Puderzucker vom schwarzen Talar wischen und der Erfolg
der Message wäre bombensicher: Multikulti macht gegen alles immun.
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