"Kuschel-Moslems und Heilige Killer"
Vom Multikulti-Halbmond zum kosmischen Kreuz

von Dietmar Hecht



Wir basteln unsern Bergpredigt-Moslem!

Karla ist supergut drauf wie selten, echt! Sie darf die Multikulti-Friedens-AG "Alle unterm Regenbogen" leiten. Tina, ihres Zeichens feministisch angehauchte Pfarrerin an der altehrwürdigen Marktkirche, hatte es ihr noch spät am Abend des 11. September zugeflüstert. Richtig sprechen ging noch nicht wegen der Betroffenheit, Wut und Trauer. Karlas rüpelhafter, pubertierender Bruder murmelte gerade etwas von "irgendwie geil", als das Flugzeug zum 68. Mal auf dem Bildschirm in das WTC raste, was ihm den sofortigen Platzverweis eintrug. Jetzt musste er das Ganze alleine auf seinem Zimmer am PC spielen. Karla, nun einsam und verlassen, alleine in schmerzvoller Angst, lauschte deshalb dankbar Tinchens hingehauchter Frage: "Hi, du kennst dich doch aus mit Islam und so?" Nun ja, Karla fuhr regelmäßig mit der VHS zum Trommelworkshop nach Tansania. Da stand auch immer Sansibar mit Stone Town auf dem Programm. Dort gab´s tatsächlich Leute, die so arabisch aussahen; das waren dann ja wohl auch Moslems. Karla war also Expertin.
Heute abend würde sie erstmals zuschlagen. Sie hatte sich das alles schon ganz genau überlegt: nach der Vorstell- eine Bastelrunde. In der Mitte des Stuhlkreises häuften sich buntes Tonpapier, Filzstifte, Scheren und Kleber. Karla und die Friedenskasse waren da nicht knauserig. Schließlich würden die Massen strömen. Sogar der "Tag der offenen Moschee" war in diesem Jahr ein echter Renner. Das gab Hoffnung. Ansonsten war es mit der Friedensarbeit in letzter Zeit ja eher mau. Da ist man schon froh, wenn Friedensfeinde wie etwa Verfassungsschützer oder Fernsehexperten a la Scholl-Latour sich selbst als ein neues Feindbild produzieren. "Endlich gibt es für uns Friedensfreunde wieder etwas zu bekämpfen", dachte sich Karla und hing einen riesigen Halbmond an die Decke.
Lange hatte sie mit Tina über seine Farbe diskutiert. "Eigentlich solltest du das ja in der Gruppe machen", bemerkte ihre geistliche Freundin leicht tadelnd. Doch um nicht gleich am Anfang als der totale Motivationskiller aufzutreten, ließ sie sich dann doch auf lange Beratungen über das Farbproblem unter vier Augen ein. Es spitzte sich auf die Frage zu: Grün oder anders? Sie erwies sich als wahrhaft existentiell relevant. Um es kurz zu machen: "Grün geht nicht!", bemerkte Tina in kategorischem Kanzelton. "Das ist die Farbe des Propheten." Als Karla schüchtern einwandte, der Halbmond sei doch ein Symbol des Islam und da würde das mit Grün und Prophet doch eigentlich ganz gut passen, konnte ihr geistliches Oberhaupt über so viel Naivität nur wissend mitleidig lächeln:
"Kindchen, was wollen wir denn? Doch nicht den Islam dieser Moslems da unten!" Und sie sah vor ihrem geistlich geistigen Auge wieder besagtes Flugzeug kurz vor dem Einschlag ins WTC, jetzt aber mit der grünen Fahne des Propheten im Schlepptau. Visionär ergriffen, geriet sie ins Schwärmen: "Wir wollen keinen islamischen Islam! Wir brauchen für uns den globalen Multikulti-Islam, einen gewaltlosen Islam Jesu, einen Bergpredigt-Islam..., oh ja, das ist Spitze!" Schon zückte sie ihr Notizbuch, um die religionsgeschichtlich derart revolutionäre Vision für die nächste Sonntagspredigt vorzumerken. Als Karla anhob, zur angeblichen Gewaltlosigkeit Jesu ein paar zaghafte Einwände zu machen, traf sie Tinas vernichtender Blick. So hielt sie besser den Mund. Schließlich wollte sie die Friedens-AG "Alle unterm Regenbogen" länger leiten. Da wären kritische Jesus-Diskussionen eher kontraproduktiv.
Damit Karlas friedloser Bruder endlich lernte, dass Gewalt böse ist, musste er als friedenspädagogisch gerechtfertigte Strafmaßnahme für die Friedenspremiere seiner Schwester schmollend einen Halbmond basteln, der in allen Farben des Regenbogens erstrahlte. Dieser Multikulti-Bergpredigt-Mond schwebte nun über dem Friedensstuhlkreis, der sich zögerlich füllte. Als endlich auch die lokale Presse eingetroffen war, beschloss Karla, mit der Vorstellrunde zu beginnen. Dabei stellte sich heraus, dass von den acht Besuchern zwei Moslems waren. "Das ist toll", meinte Karla, und die Presse meinte das auch. " Christlich-islamischer Dialog: Fast ein Drittel waren Moslems!", würde sie übermorgen titeln. Groß würde die Freude der Leser sein, sieht man von der "Christlichen Mitte" einmal ab, denn das Weltbild der kleinen Stadt würde wieder seine Ordnung und Sicherheit zurückhaben:
Zumindest unsere Moslems sind gute Moslems. Da soll es zwar hinten in der Kolonie irgendwo so eine Gruppe geben, die ist nicht ganz koscher, sagt der Verfassungsschutz. Die Mädchen laufen da neuerdings mit Kopftüchern rum, und das sogar freiwillig! Insider tuscheln sogar, Karlas zwei Friedensmoslems seien eigentlich von dort eingeschleuste "Schläfer" gewesen. Kurzum, bei denen tun wir einfach so, als gäbe es sie gar nicht, und reden nicht mehr mit ihnen. Das haben sie nun davon! Wir sollten lieber wieder einmal türkisch essen gehen, gemeinsam mit unsern Kuschel-Moslems gegen Allahs heilige Killer den betörenden Zauber des Orients kosten!

Religion, Fundamentalismus, Faschismus


Alles, was in meiner fiesen Glosse an Namen vorkommt und als niederträchtige Anspielung missverstanden werden könnte, ist natürlich rein fiktiv und hat keinerlei Entsprechung in der Realität meiner kleinen Stadt. Nach dieser presserechtlichen Klarstellung ein erstes Fazit: Was prallt in den Wunschphantasien der glossierten Gestalten aufeinander?
Gewiss nicht Christentum und Islam, sondern eine säkularisierte Zivilisation, die sich selbst unter den Profis des Heiligen Religion allenfalls noch als mythisch verbrämte Kantische Ethik für Dummies vorstellen kann – seid nett zueinander, wie unser Herr Jesus Christus immer lieb und nett war -, und eine Kultur, die in Kategorien ihrer Religion denkt und handelt, in meiner Glosse symbolisiert durch die grüne Fahne des Propheten. Es wird zu zeigen sein, dass sich im Konfliktfall – "Krieg gegen den Terror!"- auch der säkularisierte Westen Denk- und Handlungsmuster bedient, die ihn als Gewaltpotentiale der christlichen, vermeintlich längst verabschiedeten Religion hinterrücks wieder einholen. Die ist nun freilich gar nicht so lieb und nett, wie Tinchen und ihr klerikalfeministisch kastrierter Regenbogen-Jesus es gerne hätten. Welchen fatalen Selbsttäuschungen Tina da erliegt, deutet meine Webpage an: "Kastrierter Christus" www.ruedigersuenner.de/henker6.html
Es wird aber auch zu zeigen sein, dass diese hinterrücks wiederkehrenden Gewaltpotentiale im islamischen Fundamentalismus ihre spiegelgleiche Entsprechung haben. Und nicht nur das. Der israelische Orientalist Imanuel Sivan, der "Peace Now" nahesteht, bemerkt: "Zwischen den Irrgeistern eifernder ägyptischer Fundamentalisten und den israelischen Eiferern besteht eine haarsträubende Parallelität." (Der Spiegel 41/8.10.01)
So gibt es zwar keinen "Clash" der islamischen und christlichen Zivilisation, wie Huntington das zu sehen meint, wohl aber einen Kampf der diversen Fundamentalismen, wobei sich der Islamismus als postmoderne "Spätform des Faschismus" (Pohly/Duran, Osama bin Laden) innerhalb der islamischen Zivilisation herausgebildet hat.. Ich sehe dabei - und das ist für mich der springende Punkt! - die Fundamentalismen islamischer, christlicher, jüdischer und sonstiger Spielart als nicht identisch mit der jeweiligen Religion an. Die Frage ist allerdings, worin diese Nicht-Identität besteht. Denn das ist auch unverkennbar: Zwischen den Fundamentalismen und ihrer jeweiligen "Mutterreligion" bestehen strukturelle Zusammenhänge, keineswegs nur personelle. Der Islamofascho ist nicht zufällig auch Moslem, der Judäofascho nicht zufällig Jude. Und ich möchte an dieser Stelle die provozierende These wagen: Die Eurofaschos von Italien, Deutschland, Kroatien, Ungarn, Spanien etc. waren nicht zufällig auch Christen. Für die deutsche Variante, die "Hakenkreuz"-Seite des Christentums, habe ich versucht, das möglichst konkret durchzuspielen: "Christenkreuz und Schwarze Sonne".
www.ahlen.de/medien/christenkreuz
Mit der Unterscheidung zwischen den Fundamentalismen einerseits und den jeweiligen Religionen andererseits, die bei Huntington´s "Clash of Civilisations" fehlt, folge ich einem Denkmodell, das Bassam Tibi (Damaskus, jetzt Uni Göttingen, Schüler Horkheimers und während langer Harvard-Jahre in kritischer Tuchfühlung mit Huntington) nicht müde wird, warnend der deutschen Öffentlichkeit zu vermitteln. In seinen beiden Arbeiten "Europa ohne Identität" und "Fundamentalismus im Islam" warnt Tibi eindringlich vor der strukturellen Vergleichbarkeit zwischen Faschismus und Fundamentalismus. Die Multikulti-Freaks hören das aber gar nicht gern und wittern dumpf "Rassismus". Zur Diskussion: "Krieg der Zivilisationen – Politik und Religion zwischen Vernunft und Fundamentalismus" http://www-user.uni-bremen.de/~bjtraut/Tibi.html Ich verweise zur Huntington-Diskussion auch auf die Page "Dialog der Kulturen" meiner Website "Gegen ein Feindbild Islam - Kein Kampf der Kulturen" www.ahlen.de/kultur/bruederlichkeit/islam/dialog/index.html Diese Seite wird kontinuierlich ergänzt und von Olav Schröer (Hamm/Tel Aviv) auf den neuesten Stand der Huntington-Diskussion in den Medien gebracht.

Kreuzzug, Türken, Moslempower

"God bless America!", tönte es aus dem Munde der Queen beim "Trauer”-Gottesdienst in St. Paul´s Cathedral, und dann sang sie als Oberhaupt der anglikanischen Staatskirche an eben diesem heiligen Ort lauthals die amerikanische Nationalhymne. Vor dem Brandenburger Tor erklang bei ähnlichem Anlass ein bluesgefärbtes, stimmungsvolles Vater Unser, während sich der verspätete Außenminister ein paar hundert Meter weiter noch über die künftige Militärtrategie beriet. Und hatte nicht Bush längst sein christliches Sternenbanner entrollt, um damit gegen die grüne Fahne des Propheten zum "Kreuzzug" anzutreten? "Naming the Antichrist" heißt bezeichnend eine Studie zu diesem fundmentalistisch-apokalyptischen "Wir-gegen-Sie"–Topos der US-amerikanischen Außenpolitik. (R.C.Fuller, Naming the Antichrist. The History of an American Obsession, New York 1995).
Dagegen bliesen bereits 1999 die vom Balkan heimgekehrten Djihadisten bei ihrem Kairoer Prozess zum islamistischen Sturm: "Islamische Revolution gegen das Kreuzzügler-Amerika!" (Pohly/Duran, Osama bn Laden). Beide Seiten hatten ihren "Großen Satan” ausgemacht, bin Laden schon im Jahr zuvor die "Islamische Kampffront gegen Juden und Kreuzzügler” gegründet, gedacht als Dachverband für die Djihadisten aller Länder. Das dazugehörige Djihad-Büro "Al Qa´ida" (= Die Basis) hatte er sich 1988 in Afghanistan aufzubauen begonnen.
Was läuft hier ab und fällt dem "common sense" des Westens offenbar nur in der dämonisierten, orientalischen Gegenwelt auf? Um das zu ergründen, fordert Ahmed Ezzeldin, ägyptischer Publizist in Berlin,
"eine Art historische Psychoanalyse, die eine Gesellschaft und Kultur in den `Keller´ ihrer frühen `Kindheit´ begleitet, um dort nach den Ursprüngen ihrer verborgenen und verdrängten Ängste zu suchen.. Das gilt gleichermaßen für Orient und Okzident." (Islamfeindlichkeit und Antisemitismus, in: Jenseits der Legenden – Araber, Juden, Deutsche)
In den abschließenden Kapiteln "Das Echnaton-Trauma" und "Exodus der Traumatisierten" versuche ich, in diesen "Keller" hinabzusteigen und dort die verschlossene "Krypta" des monotheistischen Traumas zu öffnen. Einen zaghaften Versuch in dieser Richtung hatte ich schon in "Atalante 3" mit meinem Beitrag "Die Reise des Henkers" für die christliche Seite gestartet. Gut geeignet als Einstieg ist das Kapitel "Zerrissener Gott" www.ruedigersuenner.de/henker8.html Ich habe dort auf das Innsbrucker Forschungsprogramm hingewiesen "Religion – Gewalt – Kommunikation – Weltordnung" http://theol.uibk.ac.at/rgkw Die Auseinandersetzung damit empfehle ich ebenso wie das Stanforder "Colloquium on Violence and Religion (COV&R) http://theol.uibk.ac.at/cover Beide Ansätze orientieren sich an Rene Girards Arbeiten über "das Heilige und die Gewalt". In einem lokalen Arbeits- und Dokumentationsprogramm versuche ich, das im Winter 2001/02 mit einem Netzwerk engagierter Gruppen zu konkretisieren: "Ahlen und die Schwarze Sonne". www.schuhfabrik-ahlen.de/projekt/grechts/grechts1.htm
Die gegenwärtig inflationär anschwellende Islam-Diskussion, bei der gerade in dieser Religion im Gegensatz zum vermeintlich nur sanftmütigen Christentum immense Gewaltpotentiale gesichtet werden, legt es nahe, in dieses Projekt den Islam einzubeziehen. Auch die konkrete Situation vor Ort lässt das geboten erscheinen. Das westfälische Ahlen hat einen Bevölkerungsanteil von ca. 16% Ausländern. Das ist ungefähr doppelt so hoch wie der Bundesdurchschnitt. Über 70% aller Ausländer in Ahlen kommen aus der Türkei. Auch damit liegt Ahlen weit über dem Bundestrend, wo nur ca. 28% der Ausländer aus der Türkei stammen. (vgl. das Ahlen-Kapitel in: Udo Marquardt, Bedrohung Islam?, hrsg. von Pax Christi).
Wenn es tatsächlich stimmt, was Wilhelm Heitmeyer, Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Uni Bielefeld, herausgefunden haben will, dass nämlich jeder dritte türkische Junge ein potentieller Parteigänger von "Mili Görüs" ist, gibt das auf dem Hintergrund der genannten Bevölkerungsstatistik zu denken. Bei immerhin einem Drittel der männlichen, türkischen Jugendlichen würde das laut Heitmeyer die Akzeptanz religiös begründeter Gewalt nahelegen. "Wir sind Türken, wir sind Moslems! Ihr seid Nazis, ihr seid Dreck!" "Moslempower" auf Ahlens Hauswänden! Türkenterror aus Ahlens Kebabbuden?
Kritisch hat sich zu dieser Einschätzung Heitmüllers Riza Baran, Abgeordneter von "Bündnis 90/Die Grünen", geäußert: "Feindbild Islam". www.nadir.org/nadir/periodika/jungle_world/38/06a.htm Dafür musste er sich freilich herbe Kritik gefallen lassen - wieder sind wir bei Grün, der Farbe des Propheten: "Grüner als grün". www.nadir.org/nadir/periodika/jungle_world/38/06b.htm Der Autor Wahied Wahdathagh, Vorstandsmitglied der Internationalen Liga für Menschenrechte, zitiert eine Studie der FU Berlin, wonach 69% der türkischen Jugendlichen die Einführung der Scharia als gesellschaftliche Rechtsgrundlage bejahen. So sind wir schon mitten drin im Hickhack um das Bild des verfassungsfeindlichen "Islam". Zu "Mili Görüs" verweise ich auf die Webpage "Islam in Rottmannstraße 12" meiner Site "Islam in Ahlen"
www.ahlen.de/kultur/bruederlichkeit/islam/berichte/rottmannstrasse12.html
Durch die Rückbindung an diese lokalen Realitäten bekommen für mich - und vielleicht auch für den Leser - die folgenden Überlegungen einen konkreteren Sitz im Leben. Bezogen auf den Streit um Statistiken, mögen sie etwas abgehoben wirken. Dem Kern des Problems, wird man sich über die soziologische Statistik allerdings auch kaum angemessen annähern können. Ahmed Ezzeldins oben zitierter Vorschlag einer "historischen Psychoanalyse" scheint mir da erfolgversprechender. Ihn versuche ich, weiter voranzutreiben. Wenn dadurch die Motivationsnebel der diversen Islambilder gelichtet sind, wird der Blick hoffentlich freier für die Realität politisch-ökonomischer Realitäten, die hinter der Gardine des Imaginären wirksam sind. Einfügen könnte sich so ein Programm in das jüngst von Bassam Tibi geforderte Forschungsmodell einer "historisch-sozialwissenschaftlichen Islamologie" (Einladung in die islamische Geschichte, 2001).
Ein erstes Beispiel dafür ist Tibis Mittelmeerstudie "Kreuzzug und Djihad. Der Islam und die christliche Welt". Jenseits temporärer Aufgeregtheiten greift sie die These des Belgiers Henri Pirenne auf (Mahomet et Charlemagne, Paris 1937), wonach Islam und Christentum gerade im mediterranen Raum immer zwei sich komplementär ergänzende Kulturen waren und diese Begegnung in Krieg und Frieden die Identitätsfindung Europas bestimmte.

Flaubert, die Karawane und das "Große Spiel"

Erinnern wir uns an Karlas Bastelrunde! Dem, was dort in multikultureller Scheinharmonie verzapft wird, möchte ich einen Text des spanischen Dichters Juan Goytisolo zu Flauberts "Orientreise" gegenüberstellen. Goytisolo, der in Marrakesch lebt, interessiert sich besonders für die wenig beachtete Durchdringung arabischer und europäischer Kultur. Er gilt deshalb als ein Vermittler zwischen Orient und Okzident gerade im mediterranen Raum, dem "Becken euro-islamischer Geschichte" (B. Tibi, Kreuzzug und Djihad). Ich entnehme seinen Text dem Beitrag von Cornelia Köster "Flauberts Reise in den Orient (1849-1850)" auf einem Kolloquium bald nach dem Golfkrieg von 1991. Die Beiträge sind erschienen unter dem Titel "Jenseits der Legenden. Araber, Juden, Deutsche (Berlin 1994) und spiegeln auch die Unterschiede in der Wahrnehmung von Orient und Islam zwischen DDR- und BRD-Traditionen wider, was viel mit den Differenzen im Verhältnis zu Israel zu tun hat.
Goytisolo schreibt (Chronique sarrasines, Paris 1985) :
Im Gegensatz zu den meisten anderen Reisenden, die in den Orient und in die islamische Welt fahren, kommt Flaubert mit seiner Überlegenheit (als Mann, Europäer und Bourgeois) zurecht: er hat nicht die Spur eines Komplexes,...leidet nie an dem, was wir heute `schlechtes Gewissen´ nennen...Zynisch bis auf die Knochen, empfindet er keinerlei Notwendigkeit, sich zu rechtfertigen und enthüllt dadurch eine gute Portion Ehrlichkeit...Er bricht mit der Scheinheiligkeit und dem falschen Mitleid der Abendländer, wenn es um die Wunden und das Grauen in der Dritten Welt geht...Der vielbeschworene Eurozentrismus wird bei Flaubert gleichsam durch seinen Egozentrismus überwunden.
Für Goytisolo ist das bei aller Brutalität und Direktheit "gewissermaßen heilsam". Cornelia Köster kommt dazu etwas in den Sinn, das für Tinas gefühlsduseligen Multikulti-Brei das Aus bedeuten würde, nämlich "die These eines zukunftweisenden kulturhistorischen Psychogramms", bei dem es darauf ankäme, "keine falsche Rücksichtnahme, kein Mitgefühl, also am besten gar keine Gefühle zu produzieren."
Damit das neben Tina nicht auch alle anderen Leser in den falschen Hals bekommen – irgendwo sind wir doch alle zu "Gutmenschen" verdammt – möchte ich dieses anstößige Psychogramm aus der Perspektive der Flaubert-Biographie Sartres erläutern. In diesem 3000 Seiten dicken Werk kommt Sartre auch auf die Orientreise zu sprechen, die im künstlerischen Schaffensprozess Flauberts den entscheidenden Bruch markiert, und das hängt mit seiner Wahrnehmung des Orients zusammen, genauer: mit seiner Selbstbegegnung in dieser Wahrnehmung. Um das besser zu verstehen, muss man wissen, dass Flaubert gerade deshalb zum Heros bildungsbürgerlicher Literaturrezeption wurde, weil es ihm gelang, die Normen und Abgründe des bürgerlichen Verhaltenskodex kalt und distanziert zu beschreiben. Als ein solcher "Apathiker" (Sartre) schrieb er "Madame Bovary". Und Sartre ging es eigentlich um die schlichte Frage, wie Flaubert diesen Roman überhaupt schreiben konnte, der nach seiner Rückkehr aus dem Orient entstand. "Ich habe es!", soll er, über dem 2. Nil-Katarakt bei Wadi Halfa stehend, gerufen haben. "Ich werde sie Emma Bovary nennen!" Wie war es dazu gekommen?
An der entscheidenden Stelle seiner Meisteranalyse zitiert Sartre zunächst eine kurze Textpassage Flauberts:
Wir kreuzen eine Karawane, die in ihre Couflehs gehüllten Männer (die Frauen sind ganz verschleiert) sind über den Hals der Dromedare gebeugt; sie ziehen ganz dicht an uns vorüber, es fällt kein Wort, gleichsam Gespenster in den Wolken. Ich spüre, wie so etwas wie ein Gefühl des Schreckens und wilder Bewunderung mir den Rücken herunterläuft, ich grinse nervös, ich muss jedenfalls sehr blass gewesen sein, und ich verspürte in unerhörtem Maße Lust. Dann folgt Sartres Kommentar: Warum empfindet dieser Apathiker, der ohne jede Erregung ganz Ägypten gesehen hat, eine so starke Lust beim Vorbeiziehen einer Karawane? Weil sie ihm die Realität darbietet, wie er sie sich wünscht, und die wahre Beziehung, die er zum Sein erträumt. Diese Begegnung geschieht in Form einer bloßen Koexistenz. Keinerlei Kontakt wird angedeutet oder ist möglich mit jenen Menschen, die keine der Sorgen Flauberts teilen und nicht seine Sprache sprechen."
Der springende Punkt hier ist wohl der, dass Flaubert in der Begegnung mit der Karawane seine eigene Selbstentfremdung wahrnimmt und diese Selbstbegegnung lustvoll erlebt. Das hat Hans Mayer dann so diagnostiziert, dass "Flaubert den eigenen Zustand der Selbstentfremdung nutzte zur Schöpfung von Werken der Selbstentfremdung." Angewandt auf Goytisolo und Kösters Psychogramm heißt das: Brutale Distanziertheit und Rücknahme der Gefühle sind deshalb heilsam, weil das die Voraussetzung einer Ortsbestimmung dieser Gefühle im eigenen Selbst ist. Verströmende Gefühlsduselei im friedensbewegten Betroffenheitswahn macht das unmöglich. Das Resultat: Die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung wird tränenreich weggespült. Der Gefühlsdusel verkommt zum hilflosen Agenten ihn fremd bestimmender Bilder, mögen die nun seinem eigenen Innern oder äußerer (Medien)manipulation entspringen. Da hat die "deutsche Angst" leichtes Spiel.
Daneben kann Sartres Reflexion der Begegnung Flauberts mit der Karawane - "bloße Koexistenz" - als ein Paradigma für die Realität des Nebeneinanders der Kulturen gelesen werden, das noch nie ein idyllisches Regenbogen-Multikulti war und als solches nur wie Smog im Hirn vernebelter Köpfe existiert. In der bundesdeutschen Wirklichkeit ist das längst kein Geheimnis mehr (Cohn-Bendit/Schmid, Heimat Babylon. Das Wagnis der multikulturellen Demokratie, Hamburg 1992). Auf globaler Ebene lichtete heilsam der 11. September den fatalen Multikulti-Smog, der nichts als Fremdes wirklich akzeptiert und ernstnimmt, sondern alle Unterschiede wie ein oral fixiertes Krümelmonster in sich hineinfrisst und zu einem großen Einheitshaufen verdaut. Wen wundert´s, dass der Haufen Scheiße stinkt? Als ungewollte Legitimationsideologie politisch-ökonomischer Globalisierungsstrategien stinkt er wahrhaft zum Himmel!
Ist der Haufen allerdings dorthin entsorgt, wo er hingehört, können interkulturelle Realität und Selbstbegegnung in der bewussten Wahrnehmung des kulturell Fremden beim praktischen Tun zu korrespondieren beginnen. (A. Holzbrecher, Wahrnehmung des Anderen. Zur Didaktik interkulturellen Lernens, Opladen 1997) Dabei wird dann der Kopf frei für den nächsten Schritt: die Hinwendung zu so Banalem wie den ökonomischen Basisstrukturen und deren politisch-militärische Umsetzung in einem "New Great Game", einer Neuauflage des britisch-russischen "Großen Spiels" um Afghanistan und ganz Zentralasien, heute gespielt um Gas und Öl des Kaspischen Meers. Auch das ist längst kein Geheimnis mehr und lässt sich online in einem Bericht vom Leiter des Planungsstabes im Auswärtigen Amt nachlesen: "New Great Game in Zentralasien?"
www.auswaertiges-amt.de/www/de/infoservice/download/pdf/asien/zentralasien.pdf
Wer zum "Great Game" zwischen Russen und Briten etwas Unterhaltsames lesen möchte, ist noch immer mit Rudyard Kipling´s Roman "Kim" gut bedient. Daraus stammt übrigens auch der Begriff des "Great Game". Nicht von Ungefähr wird er jetzt wieder aktuell ins Spiel gebracht: "Great Game ums Erdöl und Erdgas in Zentralasien" http://afa.at/globalview/062000/greatgame.html Auch das "GUS-Barometer" der Körber-Stiftung hat sich des Themas angenommen: "Das Kaspische Meer als potentieller Krisenherd". www.dgap.org/gusbar/gus14.htm Vom potentiellen zum aktuellen Krisenherd: "Der Afghanistankrieg, die Taleban und das Öl".
www.illoyal.kampagne.de/nr12/seite10.html

Rudolf Gelpkes Wunschraum Orient

Selbstbegegnung im Orient als reflektierte Selbstwahrnehmung ermöglicht es, den Orient bewusst als Wunschraum wahrzunehmen. Was ich hier mit dem Wort "Wunschraum" meine, habe ich praktisch und theoretisch im Rahmen des Projekts "Wunschraum Äthiopien. Ein Hypertextprojekt interkultureller Wahrnehmung" mit dem Religionskurs eines 11. Jahrgangs auch netztechnisch umgesetzt. www.dialogin.de/schuelerprojekte/lalibela/projekt/reliprojekt.htm Bei diesem Projekt wird deutlich, dass es Mythologien sind, die in solchen fremden Wunschräumen gefunden werden und viel mit den individuellen und kollektiven Mythen zu tun haben, in die das Selbst verwoben ist. Was für Äthiopien im Besonderen gilt, ist auch für den Orient im Allgemeinen zu beobachten:
Die Wunschproduktion des individuellen und kollektiven Unbewussten bringt Mythologien hervor, die im Wunschraum Orient z.B. auf Reisen in Landschaften und Architekturen wiedergefunden werden und darauf warten, vom reflektierenden Ich dem Selbst bewusst angegliedert zu werden, um es zu vervollständigen. Für Flaubert formuliert das Edward W. Said in seiner "Orientalimus"-Studie in aller gebotenen Klarheit, wenn er sagt, dass dieser seine "private Mythologie in den Orient" brachte, der Wunschraum Orient ihm so zum "Ort des deja vu" wurde. Dabei hebt er Flauberts fast durchgängige "Assoziation zwischen Orient und Sex" hervor. (Orientalismus, 1981) Wie sich eine ähnlich sexuell eingefärbte Assoziation im Wunschraum Orient mit einem Wunschbild Islam verbindet, möchte ich nun am Beispiel Rudolf Gelpkes zeigen. Es wird uns mit den "Heiligen Killern" des Mittelalters bekannt machen, jenen Assassinen des "Alten vom Berge", die Bin Ladens Terrortruppe "Al Qua´ida" so merkwürdig auffallend zu ähneln scheinen.
Doch zunächst zu Rudolf Gelpke selbst: Er war "seiner Natur nach ein Krieger". So charakterisiert ihn sein Bruder Wendel im Vorwort zur 4. Auflage von Rudolfs Buch "Vom Rausch in Orient und Okzident". Wendel fährt dann fort:
Einer steilen Karriere als Lehrbeauftragter und Dozent für Orientalistik an verschiedenen Hochschulen in Europa, Amerika und Persien folgte der freiwillige Verzicht auf jede offizielle Tätigkeit. Neben intensiver Suche nach unbekannten oder verschollenen orientalischen Handschriften, von denen einige seiner zahlreichen Übersetzungen aus dem Persischen oder arabischen Kostproben liefern, galten seine letzten Jahre der bedingungslosen Hingabe an das Erleben morgenländischer Mystik, mit welcher er die Distanziertheit des abendländischen Gelehrten zu überwinden trachtete."
In dieser Charakteristik seines Bruders erscheint Rudolf Gelpke als der genaue Gegentyp zum "Apathiker" Flaubert. Für ihn wird der islamische Orient zur nahezu perfekten Gegenwelt eines degenerierten, christlich erkrankten Okzidents. Alles, was er sich für dessen Heilung wünscht, findet er dort: Eros und Rausch im Einklang mit der Religion. In seinem engagierten Buch "Vom Rausch im Orient und Okzident", das mich auf vielen Reisen zwischen Taschkent und Khartum, dem Kaukasus und dem jemenitischen Hochland, der uigurischen Oase Turfan und dem äthiopischen Tana-See wie ein Schatten begleitete, schreibt er:
Die abendländische Phantasie hat Eros zur Unterwelt verdammt. Das im christlichen Sinne `Himmlische´ ist das Unsinnliche schlechthin. Dass dagegen im Koran das Paradies in sehr sinnlichen Bildern geschildert wird, dass der Prophet verschiedene Frauen offen und mit gutem Gewissen seelisch wie körperlich leidenschaftlich geliebt hat, dass die islamischen Theologen, Philosophen und Mystiker ohne irgendwelche Hemmungen und Verklemmungen über erotische Dinge zu reden und zu schreiben gewohnt sind – das alles ist ja von christlicher Seite oft genug als `Beweis´ für die angebliche moralische Minderwertigkeit des Islams in verzerrter Form ausgeschlachtet worden."
Was Gelpke hier über das Christentum schreibt, kann ich nur unterschreiben. Juan Goytisolo sieht Vergleichbares speziell in der spanischen Kulturentwicklung und nennt die Ausmerzung des Arabisch-Erotischen den "spanischen Sündenfall:...In den Augen unserer Historiker symbolisierten die Mohammedaner in obskurer Weise das Böse, die Sünde." (Spanien und die Spanier) Weiteres dazu in seinen lesenwerten Reisenotizen Kibla – Reisen in die Welt des Islam (Frankfurt, 2000).
Was Gelpke am Christentum kritisiert, deckt sich von der Sache her weitgehend mit dem, was ich in meinem "Fight Club"-Essay (Atalante 2) angedeutet habe: "Panik der Väter – Die Rückkehr Pans" www.ahlen.de/medien/chaoten/doc06.html Der Verweis auf diese Webpage macht auch insofern Sinn, als sie erlaubt, Gelpke und seinen Wunschraum Orient im Licht einer bestimmten Tradition der deutschen Jugendbewegung zu sehen, die auf der Page auch im Roman "Reich ohne Raum" von Bruno Goetz anklingt: eine romantisierende "Puer-aeternus" – Homoerotik, die bei Gelpke ihren Niederschlag in einem Lobgesang auf Hans Blüher findet. Dessen zentrale These gegen Freud bestand darin, in Homosexualität keine "Perversion", sondern eine gesunde Alternative zu sehen (U.Geuter, Homosexualität in der deutschen Jugendbewegung). Genau diese Einschätzung von Homosexualität findet nun Gelpke in seinem islamisch-mystischen, die Natur des Menschen bejahenden Wunschraum Orient wieder:
Die Konzeption, die Blüher entwirft, ist im Westen die einzige mir bekannte, die ohne Einschränkung auch aus der Perspektive der orientalischen Tradition gebilligt werden könnte...Sie ist unseres Erachtens die einzige, die sowohl Anspruch erheben darf auf die so oft missbrauchte `wissenschaftliche Objektivität´, wie auch auf (im ethnologischen Sinne) weltweite Gültigkeit, denn sie wurzelt, im Gegensatz zu den üblichen erotischen Gartenlaubenspielregeln der psychoanalytischen Briefkastenonkels und –tanten, in der Natur des Menschen – und nicht in einer Polizistenmoral."
Freud gefiel diese Attacke Blühers gar nicht. Doch das ist hier nicht unser Thema. Es ist sicher unstrittig, dass im islamischen Orient homoerotische Beziehungen oft fragloser gesehen werden als im christlichen Okzident. Ob das allerdings im Orient wegen oder aber trotz der Religion so ist, wäre für mich hier die entscheidende Frage. Das zu beurteilen, fühle ich mich allerdings nicht kompetent. Der bereits im Zusammenhang mit der Orientreise Flauberts genannte spanische Dichter Juan Goytisolo, www.sbu.ac.uk/~stafflag/juangoytisolo.html der vergleichbare Preferenzen wie Gelpke hat, sie jedoch in eine sehr viel realistischere Wahrnehmung des Orients umsetzt, sieht das so: "Homosexuality is very natural, but´s a condition not be named."
Es ist selbstverständlich Gelpke unbenommen, in seinem Wunschraum Orient ein erwünschtes Verschwimmen der Geschlechtergrenzen wahrzunehmen, das nicht sofort unter ein Verdikt der "Perversion" fällt, und dementsprechend erotisch lustvoll zu leben. Nur – die Wahrnehmung ist eben zunächst die eines Wunsches, projiziert auf eine Leinwand, deren schöne Bilder in ihm, dem Westler, entspringen und mit der Realität keineswegs übereinstimmen müssen. Die eigene Wunschproduktion mit der fremden Wirklichkeit zu verwechseln, ist dann ein fataler, oft jedoch nicht ganz leicht zu durchschauender Irrtum.
Dieses Problem spitzt sich für Gelpke bei den Assassinen, genauer: bei seiner Beurteilung der Terrormystik dieser ismailitischen Sekte des "Alten vom Berge", zu einem exegetischen Eiertanz erster Güte zu. Es darf nicht sein, was das Islam-Bild seines Wunschraums radikal in Frage stellt. Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass sich auch Juan Goytisolos erster, bahnbrechender Roman mit dem Assassinen-Thema befasste: "Juegos de manos", im Englischen übersetzt als "The Young Assessines".

Terrormystik des "Alten vom Berge"

Wie hätte der "Apathiker" Flaubert die Assassinen wahrgenommen? Ich denke, kalt und brutal so: Es sind genau die Killer, die auch unsere eigene Religion produziert. Und diese Selbstbegegnung in der Wahrnehmung des verdrängten, religiösen Gewaltpotentials der eigenen Kultur hätte ihn wie bei der Karawane mit Lust erfüllt. Denn jetzt war er sich plötzlich des eigenen, kollektiven Abgrunds bewusst geworden. Ganz anders Rudolf Gelpke, der "Empathiker" des Wunschraums Orient. Für ihn waren die Assassinen... ja, was? An dieser Stelle tut sich in der ansonsten brillanten Argumentation des Buches ein abgründiges, schwarzes Loch auf.
Dieses zu ergründen, ist insofern höchst aufschlussreich, weil dort tief drinnen in der alles verschlingenden Finsternis einer traumatisch verschlossenen Krypta jenes Verdrängte auf seine Befreiung wartet, das die von Ezzeldin eingangs geforderte "historische Psychoanalyse" ans Licht befördern müsste: die gewalttätige Seite im monotheistischen Gottesbild von Christentum und (!) Islam (und Judentum, wie hier unbedingt hinzugefügt werden muss!) Im Kontext des "Echnaton-Traumas" werde ich dem näher nachgehen. Warum wird darüber nie ein Trialog geführt: über das gemeinsame, sich in den abrahamitischen Fundamentalismen faschistisch verdichtende Gewalterbe der drei abrahamitischen Religionen, anstatt Händchen haltend im Friedenstuhlkreis zu sitzen und sich gegenseitig seine seit Jahrtausenden historisch widerlegte Friedfertigkeit zu bestätigen? Nicht unzutreffend titelt "Der Spiegel" auf seiner Internet-Seite: "Die Religionen des Terrors".
www.spiegel.de/spiegel/inhalt/0,1518,ausg-743,00.html
Yossi Sarid, Umweltminister im Kabinett Rabin, stellte nach der Ermordung seines Premiers durch einen fundamentalistischen Judäofaschisten die zentrale Frage, die das ganze Problem auf den Punkt bringt: "Wie kommt es nur, dass der Herrgott jüdischen wie christlichen oder muslimischen Fundamentalisten offenbar nur den einen Befehl gibt: `Mordet´!" (Der Spiegel 41/18.10.01) Bei den Christen ist es das Problem eines zum Mord anstiftenden, da mörderischen Gottesbildes. Ich habe es in der "Reise des Henkers" beschrieben als "zerrissenen Gott". www.ruedigersuenner.de/henker8.html Beim Opferflug der WTC-Attentäter ins "Haus des Pharao" werden wir analog dazu ein mörderisches Geschichtsbild kennenlernen, nämlich eine "zerrissene Geschichte". In beiden Fällen bringt der Monotheismus also paradoxerweise tödliche Dichotomien, mörderische Spaltungen, hervor. Spaltet der "Eine Gott" und warum? Das psychohistorische Modell des "Echnaton-Traumas" ist der Versuch einer ersten Antwort.
Wer waren nun die Killer auf Alamuth, dem Adlernest des "Alten vom Berge" hoch im Gebirge nordwestlich von Teheran? Die Bin Laden-Biographie von Pohly/Duran nennt deren Chef "eine morgenländische Mischung aus Dracula, Frankenstein und Faust", seine bis zur Vernichtung durch die Mongolen 1256 uneinnehmbare Bergfestung für anderthalb Jahrhunderte den "Inbegriff des Schreckens" (Osama bin Laden und der internationale Terorismus, 2001)
Die Bezeichnung "Assassinen", abgeleitet wohl vom arabisch-persischen "haschischiun" (= Haschisch-Leute), ist eine Bezeichnung des Westens und wurde in europäischen Sprachen zu einem Synonym für Meuchelmord (z.B. engl. assassination). Für den Orient waren die so semantisch Abgewerteten "fidda´iyyun" (= sich Opfernde). Das rückt eine ganz andere Dimension in den Vordergrund, nämlich das metaphysische Motiv ihrer mörderischen Attentate auf die Mächtigen ihrer Zeit, mochten das nun prominente Kreuzzügler aus dem Westen sein oder in den Augen der Täter korrupte Machthaber islamischer Fürstentümer. Bei ihren Attentaten nahmen die "Haschisch-Leute" den eigenen Tod in Kauf, was ihnen in westlichen Augen den diskriminierenden Stempel von Selbstmord-Attentätern eintrug. Diese Semantik vernebelt jedoch den springenden Punkt. "Sich Opfernde" sind keine "Selbstmörder", sondern in ihrem Selbstverständnis Kämpfer, die für eine heilige Sache ihr Leben hingeben. Das sollte man sich auch bei den Todesflügen ins WTC nicht vorschnell vernebeln lassen, falls man sich überhaupt dazu herablässt, das religiöse Motiv verstehen zu wollen.
Es ist genau dieses Motivationsproblem, mit dem Gelpke in seinem Assassinen-Kapitel nicht klarkommt. Er erkennt glasklar: Es geht im Kern um ein metaphysisches Problem, nämlich das Umschlagen einer rasuchhaft und erotisch mystischen Erfahrung des "Paradieses" in blanken Terror. Für ihn ist das deshalb ein inakzeptables Umkippen, weil es seinem Wunschbild Islam widerspricht, das sich gerade durch die Vereinbarkeit von Eros, Rausch und Religion auszeichnet, Gelpke den Islam gerade deshalb als die gelungene Alternative zu einem misslungenen Christentum hochstilisiert. Und nun ausgerechnet Rausch, Eros und Mystik als Movens islamischen Terrors? Gelpke rettet sich in eine Lösung, die fatale Ähnlichkeit mit der gegenwärtig so wohlfeilen Unterscheidung zwischen der Religion "an sich" – was das wohl ist? Irgendwie erinnert es an Kants per se unerkennbares "Ding an sich" – und die Religion als eine real existierende Fehlform dieser per se glücklicherweise unerkennbaren "Religion an sich". Das eine ist in diesem Denkschema die imaginäre Religion der Friedensstuhlkreise, das andere der reale Terror fundamentalistischer Bösewichte, beides fein säuberlich getrennt.
Zumindest für Gelpke ist das, was der "Alte vom Berge" wirklich wollte, per se unerkennbar, da bereits im Mittelalter nur einem winzigen Kreis Eingeweihter bekannt. Die umfangreiche Bibliothek von Alamuth verbrannte bei der mongolischen Eroberung. Was wir heute wissen, schöpfen wir aus den Schriften der Feinde Alamuths oder aus "Legenden". Gelpke führt hier die semantisch trickreiche Sprachregelung einer "Assassinen-Legende" ein. Das erlaubt ein ständiges Springen zwischen zwei Ebenen: der einer entstellenden "Legende" und der einer wahren, aber unerkennbaren "Wirklichkeit", die seine eigenen Wünsche spiegelt. Das hat den Vorteil der Unüberprüfbarkeit, ähnlich wie sich das, was Jesus " wirklich" wollte, mangels Kronzeugen der Überprüfbarkeit entzieht. Da ist man immer fein raus.
Die schnöde "Legende", überliefert von Marco Polo bis Hammer-Purgstall, dem Wiener Altvater deutscher Orientalistik, ist für metaphysisch kuschelbedüftige "Empathiker" eines Wunschraums Orient in der Tat frustrierend: Der "Alte vom Berge" lockte Jünglinge in sein Adlernest und pumpte sie mit Haschisch voll. Im Rausch fanden sich die so Beglückten an einem paradiesischen Ort wieder, wo sie je nach sexuellem Gusto von wunderschönen Jungfrauen oder Jünglingen (oder beiden) in jeder Hinsicht verwöhnt wurden. Als sie dann irgendwann aus diesem Rausch erwachten, ersehnten sie verständlicherweise nichts mehr, als an diesen Ort ihrer himmlischen Lust zurückkehren zu können. Der "Alte vom Berge" stellte ihnen das "lost paradise" in Aussicht, wenn sie sich zu Mordkommandos bereit erklärten, deren Ausführung ihnen das Leben kosten würde. So opferten sie sich, begeistert mordend, ihrer Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies.
Dieser "Legende" stellt Gelpke eine Geschichte des persischen Dichters Nezami gegenüber (geb. 1141, also zeitgleich zu den "Assassinen"), die auch das Problem des verlorenen Paradieses thematisiert, es jedoch durch melancholisches Verschweigen, nicht durch die Übernahme von Mordaufträgen löst. So hätte es gewesen sein können. Die Jünglinge der Nezami-Geschichte hatten
eine echte Initiation durchlaufen, deren schmerzvolle Erkenntnis sie anderen ersparen möchten. Der legendäre "Alte vom Berge" ist nur ein Schwarzmagier, sein Paradies eine künstliche Fata Morgana, und die Einweihung der Jünglinge ein diesen aufgezwungenes Gaukelspiel, ein politisches "Mittel zum Zweck". Wie aber verhielt es sich in Wirklichkeit?
Der französische Orientalist Yann Richard, der wie Rudolf Gelpke lange Zeit im Iran lebte, findet eine Antwort (Der verborgene Imam, Paris 1983):
Es empfiehlt sich in jedem Fall, die Geschichte der Ismailiten in Iran von den verleumderischen Legenden zu trennen, die von ihren sunnitischen Gegnern in dieser Epoche verbreitet und gelegentlich von schlecht informierten Orientalisten aufgegriffen wurden; die Bezeichnung `Assassinen´ hat mit den Ismaeliten von Alamut nichts zu tun.
Das ist das Ergebnis einer historischen Analyse. Mit vorgefassten Rausch- und Erosphantasien kommt man auch im Orient nicht weit. Er bleibt dann bloßer Wunschraum. Für unbedarfte Friedenphantasien gilt das nicht minder.

Opferflug in Pharaos Haus

Sieht sich Osama Bin Laden, irgendwo im afghanischen Gebirge versteckt, als Nachfolger des "Alten vom Berge", seine al-Qaida als Neuauflage eines mittelalterlichen Geheimbundes?
So fragt "Der Spiegel" in seiner Ausgabe vom 8. Oktober 2001, deren Titelstory lautet: "Der religiöse Wahn. Die Rückkehr des Mittelalters." www.spiegel.de/spiegel/inhalt/0,1518,ausg-743,00.html Es ist sicher verfehlt, zwischen den Sich-Opfernden des "Alten vom Berge" und denen Bin Ladens eine historische Linie konstruieren zu wollen. Dennoch ist es nicht minder verfehlt, die Frage gar nicht erst zu stellen, ob nicht dennoch etwas metaphysisch Vergleichbares zwischen den beiden Gruppen von "fida´iyyun" zu finden ist.
Ein Schlüssel für eine mögliche Antwort dürfte in den für westliche Ohren eigenartigen Formulierungen liegen, in denen vom "Pharao" die Rede ist. "Ich habe Pharao getötet!", brüstete sich der junge Leutnant, der Anfang September 1981 den ägyptischen Staatspräsidenten Anwar-es-Sadat getötet hatte. Er kam aus einer Gruppe sich immer mehr radikalisierender "Moslembrüder". Ihnen war Sadat zunächst durchaus verbunden und hatte mit Hassan el Banna, dem Gründer der "Ikhwan", während des Zweiten Weltkriegs konspiriert. Dabei ging es auch um eine Kollaboration mit den Faschisten in Berlin und Rom. Konsequenterweise ermordete 1945 ein Jünger Hassan el Bannas den ägyptischen Premierminister, der das Bündnis mit den Achsenmächten nach Rommels Niederlage gekündigt hatte. Ähnlich ging es Nokraschi Pascha, der drei Jahre später die "Ikhwan" auflöste. Ausführlich kann man das und viel mehr nachlesen bei Gilles Kepel, "Der Prophet und der Pharao". Im Untergrund gingen nun aus den verbotenen "Moslembrüdern" extremistische Randgruppen hervor, die sich z.B. "Takfir wa l`higra" (Verfluchung und Auszug) oder schlicht "Gihad" (in ihrem Verständnis "Heiliger Krieg") nannten. "Takfir wa l´higra" und Bin Ladens 1988 in Afghanistan gegründete "Al Qa´ida" (Die Basis) sind eng verwoben. Ihr ägyptischer Hintergrund mit der Takfir wa l´higra" –Affäre von 1977 ist gut online zugänglich bei Thomas Schmidinger:
"Islamischer Integralismus in Ägypten" http://home.pages.at/lobotnic/oekoli/content_texte_islamintegralismusaegypten.html
Inzwischen operierte Bin Laden auch vom Sudan aus, wohin er auch das Hauptquartier von "Al Qa´ida" verlegte (1991). Ein halbes Jahr vor dem ersten Anschlag auf das WTC im Februar 1993 reiste der sudanesische Islamisten-Ideologe Hassan At-Turabi, damals der eigentliche Machthaber im Sudan, zu einem offiziellen Besuch der UN nach New York. Bei der Gelegenheit hielt er vor schwarzamerikanischen Islam-Konvertiten in Brooklyn eine höchst aufschlussreiche Predigt. Seine amerikanischen Glaubenbrüder seien zu beglückwünschen:
Sie seien gut dran, wüchsen sie doch wie Moses im Hause des Pharao auf. Das ermögliche es ihnen, genau wie Moses, "das Haus des Pharao zum Einsturz zu bringen, von innen her!" (Pohly/Duran, Osama bin Laden)
Die Autoren der Bin Laden-Biographie kommentieren diese Passage der Rede Turabis, gehalten übrigens auf Englisch, nicht etwa auf Arabisch und noch immer in Islamisten-Läden auf Videokassetten erhältlich, folgendermaßen:
Die Begriffe entstammen einer wohlbekannten Rhetorik der Islamisten-Literatur. Mit dem Haus Pharaos ist im weitesten Sinne Amerika gemeint. Im engeren Sinne bezeichnet der Begriff die Zentren und Symbole amerikanischer Macht, und ganz speziell das World Trade Center, das als Sinnbild und als Schaltstelle der materialistischen Götzendienerei gilt.
Die ums "Haus des Pharaos" kreisende Rhetorik darf nicht als bloße Metaphorik missverstanden werden. Das würde ihrem metaphysisch-religiösen Hintergrund nicht gerecht. Dieser erschließt sich jedoch erst über ein geschichtstheologisches Theorem, das laut Bassam Tibi zeigt,
dass die manichäische Dichotomie in der islamischen Geschichte als Kollektivgedächtnis noch am Werke ist; sie wird in die Gegenwart projiziert. Die Schlussfolgerung ist, dass ohne Kenntnis sowohl der tatsächlichen islamischen Geschichte als auch der auf ihrer Basis erfolgten "invention of history"(Hobsbawm) die Welt des Islam heute nicht zu verstehen ist.
Auf welches Theorem spielt Tibi hier an, das in der Tat einen Schlüssel liefert nicht nur für ein rationales Nachvollziehen der religiösen Motive des Attentats auf das WTC, sondern auch für ein systemimmanentes Verstehen islamisch fundamentalistischer Geschichtssicht. Wie wir dann sehen werden, korrespondiert dieser Sicht einer manichäisch zerrissenen Geschichte eine psychische Haltung, die der jüdische Psychoanalytiker Leon Wurmser (New York) in allen fundamentalistischen Gewalt- und Terrororgien der drei abrahamitischen Religionen während der letzten Jahrzehnte wiederfindet: das Ressentiment. Der Flug von Bin Ladens fidda´iyyun ins WTC führt drastisch vor Augen, wozu solches Ressentiment in Kombination mit einer religiösen Idee Menschen motivieren kann. Wie die Gegenwart schon erkennen lässt und die Zukunft sicher vermehrt zeigen wird, ist dieser Opferflug aus dem Geist des Ressentiments jedoch nicht mehr als die markante Spitze eines interreligiös faschistischen Eisbergs.

Jahiliya und die "Hure Babylon"

Das islamische Geschichtsbild ist durch einen heillosen Riss geprägt, der die Geschichte in eine "gute" und eine "böse" Zeit auseinanderreißt. Markiert wird der Riss durch die Offenbarung Gottes an Mohammed. Die Zeit davor gilt als "böse", die Zeit danach als "gut". Der Teil der Welt, der in der "guten" Zeit lebt, ist das "Land des Friedens" (Dar al islam), der noch in der "bösen" Zeit befangen ist, das "Land des Krieges" (Dar al harb). Dar al ahd, das "Land des Vertrages", ist nur eine temporäre, scheinbare Überbrückung dieser "manichäischen Dichotomie" (B. Tibi) von Zeit und Raum. In Zuständen der Schwäche schließt das "Land des Friedens" pragmatisch Verträge mit dem "Land des Krieges", beendet dadurch aber nicht die metaphysische Feindschaft, die einen solchen "Begriff des Politischen" (C. Schmitt) konstituiert. Ein islamisches Völkerrecht, basierend auf der Gleichberechtigung souveräner Staaten und darin vergleichbar dem "Ius publucum europaeum", konnte es deshalb nie geben.
Die "böse" Zeit gilt als "Zeit der Unwissenheit" (Jahiliyya). In dem grundlegenden islamistischen Kampfmanifest "Wegzeichen" des Ägypters Sayyid Qutb wird dieses dualistische Jahiliyya-Theorem nun zum Kampfmittel gegen die real existierenden islamischen Staaten der arabischen Welt umfunktioniert. "Wegzeichen" entstand, als sich herausstellte, dass Nasser nach dem Sturz des Königs Faruk keineswegs vorhatte, in Ägypten eine islamische Rechtsordnung einzuführen, sondern sich, wie andere arabische Nationalstaaten auch, dem Sozialismus verschrieb. Dagegen zieht Qutb zu Felde und wird deshalb 1966 vom "Pharao" Nasser hingerichtet. "Wegzeichen" schrieb Qutb in der nahezu zehnjährigen Haft davor.
Er wendet sich gegen alles, was sich in "Herrschaft" und "Anbetung" nicht der allein legitimen Herrschaft Gottes (hakimiyyat Allah) unterwirft. Das sind neben dem Rest der Welt nicht nur die in seinen Augen abtrünnigen arabischen Nationalstaaten, sondern es ist auch die islamisch orthodoxe Ulema, die Rechts- und Religionsgelehrten, die sich dem Jahaliyya-Staat götzendienerisch anbiedert. Der Scheich der autoritativen Kairoer Al-Azhar-Moschee verurteilte dann auch umgehend zur Freude seines "Pharao" Qutbs Pamphlet. In der Fallstudie zum islamischen Fundamentalismus Ägyptens "Der Prophet und der Pharao" führt Gilles Kepel eine Fülle von Originalzitaten aus "Wegzeichen" an, die sehr aufschlussreich und lesenswert sind. Zwar liegt "Wegzeichen" mit ähnlichen Schriften inzwischen zuhauf in den auch von westlichen Touristen besuchten Moscheen aus und wird in der moslemischen Welt eifrig gelesen. Doch wer von uns Westlern kann schon so gut Arabisch? Mit Türkisch für die Istanbuler Moscheen steht´s auch meist nicht zum Besten. Kepels Übersetzung schafft für solche Sprachignoranz wenigstens eine kleine Abhilfe.
Das fundamentalistisch funktionalisierte Jahiliya-Theorem zielt auf das globale, eschatologische Friedensreich der Gottesherrschaft Allahs (hakimiyyat Allah). Das gegen eine globale Jahiliya durchzusetzen – denn in eine solche götzendienerische Unwissenheit ist die Welt in den letzten achtzig Jahren seit dem Ende des Osmanischen Reiches und seines Kalifats zurückgefallen -, das ist für die Islamofaschisten "Djihad". In einem solchen eschatologisch ausgerichteten "Heiligen Krieg" opferten sich die Todespiloten vom 11. September. Sie waren fidda´iyyun keines verlorenen, mystischen Paradieses wie die legendären Assassinen, sondern eines zukünftigen Paradieses auf Erden: islamistischer Gottes – gegen kapitalistischen Geldfrieden. Sich ausgerechnet das WTC, "Pharaos Haus" und Kapitale der götzendienerischen Geldherrschaft, als Zielscheibe vorzunehmen, war da nur logisch.
"Gott gegen Geld" titelt in diesem Sinn Roger Friedland (Santa Barbara) seinen Beitrag in "Lettre International" (54/2001) und zitiert Minoru Yamasaki, den Architekten des WTC:
Ich sehe das so: Welthandel bedeutet Weltfrieden und deshalb war die Absicht der Gebäude des World Trade Center in New York eine weiterreichende, als nur Büroraum für Mieter bereitzustellen. Das World Trade Center ist ein lebendiges Symbol für das Streben der Menschen nach weltweitem Frieden."
Da hat man, nun offensichtlich, die Rechnung ohne jene Wirte gemacht, die Weltfrieden nicht als kapitalistischen Geldfrieden wollen.
"Pharaos Haus" bekommt in dem eschatologischen Jahiliya-Konzept der Fundamentalisten fatale Ähnlichkeit mit dem christlich-apokalyptischen Bild der "Hure Babylon". Dieses ist in der "Geheimen Offenbarung" des Johannes das satanische Gegenbild zum "Himmlischen Jerusalem", dem Reich der endzeitlichen Gottesherrschaft. Die Jahiliya-Welt der Islamisten mit Babels gleichfalls götzendienerisch dem Geld und dem Handel verfallenen Teufelswelt zu vergleichen, scheint mir wegen der gemeinsamen manichäisch-dualistischen Struktur nicht abwegig. In beiden Fällen stehen sich in endzeitlicher Konfrontation eine Gottes- und eine Teufelswelt unversöhnlich gegenüber, wie es in der christlichen Tradition diverse Bildwerke darstellen: Das "Himmlische Jerusalem" ist von Engeln bevölkert, Babylon als die "große Hure" von Teufeln. Beispiele dazu auf der Schüler-Webpage "Das Himmlische Jerusalem und die Teufelsstadt Babylon".
www.dialogin.de/schuelerprojekte/teufel/fremd/seite3.htm
Sehr bedenkenswert ist mir in diesem Zusammenhang manichäisch-dualistischer Geschichtskonzepte die Parallele zwischen islamistischer Eschatologie und nationalsozialistischer Apokalyptik, die beide Produkte ihrer "Mutterreligionen" Islam bzw. Christentum sind. Auf Webseiten, die gerade auch um die apokalyptische Konfrontation zwischen "Himmlischem Jerusalem" und "Hure Babylon" kreisen, habe ich das für den Nationalsozialismus an einem repräsentativen Beispiel erläutert: "Die Symbolik der Wewelsburg" www.ahlen.de/medien/christenkreuz/doc_05.html Der Islamismus erscheint so ideologisch-strukturell einmal mehr mit anderen Formen des Faschismus vernetzt. Um sich etwas mehr in die facettenreiche nationalsozialistische Apokalyptik vertiefen und so meine Vergleichsthese vielleicht etwas besser nachvollziehen zu können, empfehle ich die umfangreiche Auseinandersetzung meines Literaturkurses mit dieser Thematik "Schwarze Sonne. Michael und seine apokalyptischen Superhelden", www.dialogin.de/schuelerprojekte/sonne, in Weiterführung dann meinen "Fight-Club"-Essay (Atalante 2) "Schwarze Sonne über Babel". www.ruedigersuenner.de/fightclub.html Zur Kurzinformation ist die Kursseite geeignet "Goebbels, Michael und der Antichrist".
www.dialogin.de/schuelerprojekte/sonne/goebbels.htm
Man beachte auf dieser Kursseite besonders den Link auf Jasenovac, das "Auschwitz des Balkan". Dort ist Aufschlussreiches über die Nähe zwischen dem faschistischen Ustascha-Regime Kroatiens und dem Vatikan zu erfahren. Waren das alles nur bedauerliche Fehlleistungen "schwacher Menschen" (etwa, wenn ein Franziskanerpater ein KZ leitet) oder verbirgt sich dahinter nicht doch mehr, nämlich eine strukturelle Verwandtschaft zwischen Faschismus und – in diesem Fall - christlicher "Mutterreligion"?

Trauma und Ressentiment

Abschließend möchte ich das Gefühl des Ressentiments als die gemeinsame Klammer beschreiben, die die verschiedenen Fundamentalismen verbindet und zu ihrem mörderischen Tun antreibt. Das führt zu dem psychologischen Theorem des "Echnaton-Traumas", dem das Ressentiment entspringt Das gilt für den Nationalsozialismus genauso wie für den Islamofaschismus oder den judäofaschistischen Kahanismus, um aus dieser Szene nur ein Beispiel zu nennen. "Kahane as Nazi", so bei Gerald Cromer (Bar-Ilan-University) in seiner Studie "The Creation of Others: A Case Study of Meir Kahane and His Opponents" (The Other in Jewish Thought and History, New York 1994): "Kahane advocated a policy of `Judenrein in reverse´."
Ziel der eingangs von Ezzeldin geforderten "historischen Psychoanalyse" müsste es sein, dieses kollektive Trauma bewusst zu machen. Das könnte dazu beitragen, zumindest zunächst seitens der Wahrnehmung Außenstehender die lähmende Dämonisierung des Fundamentalismus abzubauen und die Bilder "großer Satane" durch eine rationalere Wahrnehmung bei sich selbst zu ersetzen. Auch der Aufklärer ist als Teil seiner Tradition ein tendenziell Traumatisierter, der zu ähnlichen Bildern und Formen der Wahrnehmung neigt, wie die, über die er aufklären will. (Böse Zungen a la Ulrich Wickert behaupten solches ja auch von Bin Laden und Bush, nur dass da nicht aufgeklärt, sondern gebombt wird.) In seiner zitierten Kahane-Studie hat das G. Cromer gut gezeigt: "Kahane´s opponents were involved in exactly the same process, as he was – creating their own identities by contrasting themselves with the image of their staunchest adversary.” Wenn das durchschaut wird, "then Kahane can no longer be regarded as evil incarnate.” Mit Bildern vom "Bösen schlechthin" kann man vielleicht Bin Laden durch Afghanistans Berge hetzen. Eine zukunftweisende Handlungsstrategie mit dem von ihm repäsentierten, politisch-religiösen Phänomen des Fundamentalismus lässt sich damit aber nicht entwickeln.
Unter der Überschrift, die das psychologische Problem bereits treffend auf den Punkt bringt, "Die Schändung ist das Gleichnis für mein ganzes Leben" geht der jüdische Psychoanalytiker Leon Wurmser (New York) im Rahmen einer Fallstudie zum Ressentiment auch auf dessen kollektive Seite ein: zunächst beim islamischen Fundamentalismus (Hizbollah und Hamas) , dann auf den serbisch-orthodoxen, national-mythischen:
Beide sind genährt von einem vehementen Gefühl erlittener Ungerechtigkeit und Erniedrigung. Obgleich Ausdruck einer kleinen Minderheit, zeigte sich der Terror eines jüdischen National-Fundamentalismus bei Meir Kahane und Baruch Goldstein (rechtsextreme Kach-Partei und Attentäter in der Moschee von Hebron, D.H.).Dann bringt er als Ursache etwas ins Spiel, das der griechische Zypriot Vanik Volkan "selbstgewähltes Trauma" (Blutgrenzen, 1999) nennt: Hinter all diesen mörderischen Formen des Ressentiments stehen alte Geschehnisse von wirklichem Unrecht und von zugefügter Demütigung. Unter dem Deckmantel der Moralität und der religiösen und ideologischen Selbstgerechtigkeit wird nun oft unangemessen Rache für die erduldete Scham geübt. (psyhosozial Nr. 61/1995: "Mediale Inszenierungen rechter Gewalt")
Ein anschauliches Beispiel war 1989 die 600-Jahr-Feier der Schlacht auf dem Amselfeld. Sie wurde zum Startschuss der Umsetzung des großserbischen Wahns. Welche Rolle dabei Ressentiment, Rache für Beschämung, spielte, ist auf meiner Website zum Kosovo-Krieg nachzulesen "Serben, Deutsche und das Ressentiment- ein psychoanalytischer Zugang".
www.ahlen.de/kultur/bruederlichkeit/balkan/doc21.html
Kampf gegen die Scham sieht Wurmser als das innere Movens der Philosophie Nietzsches. Er sieht in ihm den "Philosophen des Ressentiments" schlechthin. Was Nietzsche als grundlegend für die jüdisch-christliche Tradition wahrnimmt, nämlich eine zutiefst Ressentiment geladene Haltung zu Mensch und Natur, legt er in seinen Schriften gegen das Christentum selbst an den Tag. Er philosophiert also nicht nur über das Ressentiment, sondern als aufmüpfiger Sohn eines protestantischen Pfarrers verkörpert er es auch durch seine Person in Reinkultur. Wenn sich die Nationalsozialisten später so gerne auf Nietzsche berufen, dann mögen sie seine Geschichts- und Kulturphilosophie vielleicht missverstanden haben. Mit seinem Kampf gegen die Scham aus dem Geist des Ressentiments konnte sich ihr "deutscher Krieg gegen die Scham" zu Recht identifizieren. Und nicht nur er: "Das Ideal des `Zarathustra´ und seines Gewissens wurde zur führenden Über-Ich-Gestalt für Deutschland, ja für Europa – mit den verheerenden Folgen." (Wurmser)
Leon Wurmser gibt dem eine psychoanalytische Basis (Das Rätsel des Masochismus), die neben dem Nationalsozialismus auch den islamischen und jüdischen Faschismus besser zu verstehen hilft. Dabei muß allerdings deutlich klargestellt werden, dass diese drei faschistischen Phänomene nicht untereinander identisch sind. Trotzdem: Das Ressentiment bringt aus den "Mutterreligionen" zwar unterschiedliche, unter genau zu definierenden Gesichtspunkten jedoch vergleichbare Systeme eines Hasses hervor, der nach Rache für erlittene Beschämung ruft. Für die Menschen der islamischen Welt begann solches Leiden mit der Kolonisierung durch den Westen. Am Ende des 18. Jahrhunderts – der Ägypten-Feldzug Napoleons ist da ein Ereignis mit hohem Symbolwert – mussten die Muslime feststellen, dass sie ins Hintertreffen geraten waren. Dazu der Tunesier Abdelwahab Meddele (Die Krankheit des Islam):
Ab diesem Zeitpunkt entsteht, langsam und allmählich in einem psychologischen Prozess, sowohl bei Arabern als auch bei Muslimen gegenüber dem Westen das, was Nietzsche "Nachgefühl", Ressentiment, genannt hat. Das nach Meddele eigentlich Traumatische für das islamische Subjekt ist dabei sein Ausschluss, die Absicht, es auf den Ausgestoßenen zurückzuführen, auf Ismael, auf den Mythos des ausgestoßenen Waisen. (Lettre international 54/2001)
Die Todesflüge ins WTC können als eine medial höchst effizient inszenierte Demonstration verstanden werden: die Ausgestoßenen sind heimgekehrt und das in einem ganz speziellen Sinn. Der erwähnte Verlust der Kreativität war bislang besonders im Bereich der Technik sichtbar. Dass sich das geändert hat, sollte das Ereignis von New York, ästhetisch formvollendet, im wahrsten Sinne des Wortes global sichtbar machen. Meddele gerät über den "technischen Erfolg und die Ästhetik des Ereignisses" ins Schwärmen, um dann näher den darin begründeten Bruch anzuführen:
Es kann als ein Bruch gesehen werden, in dem das Schicksal der Nationen neu verteilt und neu orientiert wird. In dieser Hinsicht haben wir es auch mit einer Beherrschung der Technik zu tun, die in höchst spektakulärer Weise – bis zum Erbrechen – aus dem Schock und der Wirkung des Bildes Nutzen zieht. Es war, als sollten die zwanzig Minuten zwischen dem ersten und dem zweiten Flugzeug Zeit lassen, damit die Kameras aufgestellt und die Katastrophe live gefilmt werden konnte. Und zu der ausgeführten Flugbewegung, meinten die Spezialisten, gehörte ein besonders geschickter Pilot, mit dieser Art Ellipse, die das Flugzeug vor der finalen Kurve beschrieb, bevor es voll in das Ziel einschlug, wurde der Eindruck erweckt, als wäre der Aufprall genau auf diese Etage gezielt worden. Alle Waffen des Gegners wurden eingesetzt, um ihm selbst zu schaden. Dazu gehört die Tatsache, dass man sich mit diesem Ereignis auch wieder in das Zentrum der Welt katapultieren konnte, so konnte man von der Peripherie, vom Rand, ins Zentrum gelangen.
Es war Karlas gewaltfasziniertem, rassistischem Schattenbruder vorbehalten, genau diese Botschaft mit einem Hauch von Bewunderung intuitiv zu erfassen: "irgendwie geil!" Das hätte er den Kameltreibern da unten echt nicht zugetraut.

Das Echnaton-Trauma


Von Pharaos Erstgeburt im jüdisch-christlichen Buch Exodus bis Pharaos Haus der islamischen WTC-fidda´iyyun, der "Eine Gott" offenbart seinen mordenden Schatten. Der Schatten des Christus-Mythos ist in diese mehr als 3000 Mordjahre voll integriert. Warum aber spaltet der Eine Gott, was in den Mordaktionen seiner faschistisch-fundamentalistischen Schattenagenten unserer Zeit einsame Höhepunkte menschlicher Killerinstinkte hervorbringt? Das ist die Frage, die sich mir zwangsläufig als Fazit meines Essays stellt, wenn ich mir gerade die Welt des Orients mit nicht nur wunschproduzierten Wahrnehmungskategorien ansehe, sondern dort auch die gespiegelten Schatten der eigenen Kultur erkenne.
In "Moses der Ägypter", seiner "Entzifferung einer Gedächtnisspur", gibt der Ägyptologe Jan Assmann auf meine Frage eine verblüffend klare Antwort. Er wirft einen Blick in die ägyptische Geschichte und findet dort zwei Dinge: das eine nennt er die "mosaische Unterscheidung", das andere, nämlich die fortwirkenden psychologischen Erdbeben durch diese Unterscheidung, nenne ich das "Echnaton-Trauma". Assmann schreibt:
Ich möchte die Unterscheidung zwischen wahr und unwahr im Bereich der Religion die "Mosaische Unterscheidung" nennen, weil die Tradition sie mit Moses verbindet.
Das ist so trivial nicht, wie es sich vielleicht zunächst anhört. Die Unterscheidung zwischen "wahr" und "unwahr" in der Religion ist nämlich keineswegs so selbstverständlich, wie sie uns als monotheistisch seit mehr als tausend Jahren am Echnaton-Trauma Erkrankten scheint. (Der Raum um Ahlen wurde kurz vor 800 n.Chr. mit Feuer und Schwert in den Sachsenkriegen Karls d.Gr. christianisiert.) Doch zurück zu Assmanns mosaischer Unterscheidung:
Der Raum, der durch diese Unterscheidung "getrennt oder gespalten" und dadurch zuallererst geschaffen wird, ist der Raum des jüdisch-christlich-islamischen Monotheismus...
Den antiken Polytheismen war der Begriff einer unwahren Religion vollkommen fremd. Die Götter fremder Religionen galten nicht als falsch und fiktiv, sondern in vielen Fällen als die eigenen Götter unter anderen Namen. Die Unterscheidung, um die es hier geht, existierte ganz einfach nicht in der Welt der polytheistischen Religionen.
Den dagegen neuen, monotheistischen Religionstyp nennt Assmann "Gegenreligion", die alles, was ihr vorangeht (vgl. im Islam das Jahaliya-Theorem) oder von ihr nicht umfasst wird, "Heidentum" nennt. Für Israel wurde Ägypten so zum Symbol des Ausgegrenzten schlechthin, des "Verworfenen, religiös Unwahren und zum Inbegriff des `Heidentums´." Ist die islamofaschistische Rede vom WTC als dem "Haus des Pharao" bloß ein semantischer Zufall?
Zumindest einem der ägyptischen Pharaonen sollten die mosaisch Unterscheidenden dankbar sein: Amenophis IV. (gest.1338 v. Chr.), der sich selbst "Echnaton" nannte, war der, der Moses die Ideen gab.
Echnatons monotheistische Revolution war nicht nur der erste, sondern auch der radikalste und gewaltsamste Ausbruch einer Gegenreligion in der Menschheitsgeschichte. Die Tempel wurden geschlossen, die Götterbilder zerstört, ihre Namen ausgehackt und ihre Kulte abgebrochen. Je tiefer man in die altägyptische Welt eindringt, desto klarer lässt sich nachvollziehen, was für ein furchtbarer Schock dieser Göttersturz gewesen sein muss. (Assmann, Moses, der Ägypter)
Assmann spricht vom "traumatischen Charakter dieser Erfahrung". Wir haben das Glück, die ersten Nachbeben dieses Echnaton-Traumas historisch erfassen zu können. Denn die Gegenreligion des Pharao wurde bald nach seinem Tod in der 19. Dynastie unter den Ramessiden ausgemerzt. Die verbliebene historische Erinerung ist also die der traumatisierten Sieger. Bei den drei folgenden Gegenreligionen Judentum, Christentum und Islam lagen die Dinge anders. Das Traumatisierte hatte zu schweigen. Geschichte schrieb die siegreiche Gegenreligion. Wenn wir uns jetzt also kurz das ansehen, was in Ägypten nach Echnaton "offiziell" geschah, so liegt es mir nahe, das als eine mögliche Analogie zu Sachsen unter Karl d.Gr. zu lesen, mit dem historiographisch entscheidenden Unterschied freilich: Was in Ägypten öffentlich und kollektiv auf Reichsebene geschah, konnte bei den Sachsen allenfalls privat und im stillen Kämmerlein geschehen. Letzteres entzog sich dort der historiographischen Erfassung. Es biss sich jedoch unterschwellig fest als der ewig nagende Zahn des verborgenen Ressentiments aus monotheistischer "Gottesvergiftung" (Tilman Moser). Die Geschichtsschreibung der gegenreligiösen Sieger blieb dafür blind.
Das Erste, womit Ägypten reagierte, war die totale Verdrängung.
Dieses Faktum der offiziell verordneten Verdrängung eines ganzen Zeitabschnittes aus der kollektiven Erinnerung ist schon als solches höchst bemerkenswert. Nachdem die Erinnerung ausgelöscht wurde, wurde auch noch die Tatsache der Auslöschung getilgt. Nur der Eindruck des Schocks blieb übrig, die vage Erinnerung an etwas in höchstem Maße Unreines, Gottloses und Zerstörerisches, eine Erinnerung, die sich nun, ortlos geworden, mit anderen Erfahrungen verbinden konnte.
Bei den Traumatisierten der 19.Dynastie entstanden wenige Jahrzehnte nach Echnaton plötzlich religiöse Feindbilder. Die "Asiaten" galten zwar traditionell in Ägypten als Feinde. Nun bekam diese Feindschaft aber auf einmal eine religiöse Qualität. Die als asiatisch geltenden Hyksos und ihr Gott Baal, der üblicherweise mit dem ägyptischen Gott Seth gleichgesetzt worden war, wurden zum ersten Ziel traumatischer Feindbildprojektionen. Man erklärte den König der Hyksos Apophis zum "Monotheisten": "Er diente keinem Gott im ganzen Lande außer dem Seth", wie es in einem ramessidischen Papyrus heißt.
Im Laufe dieses Prozesses nahm auch der Gott Seth allmählich die Züge gegenreligiöser Gewalt sowie eines Teufels und Asiaten an. (Assmann, Moses der Ägypter)

Auszug der Konvertiten

Bereits mit dem neuen Feindbildrepertoire der 19. Dynastie ließen sich ansehnliche Kreuzzüge und Djihads inszenieren. Damit gegenreligiös produzierte Feindbilder bei den Traumatisierten nicht in Vergessenheit geraten, bedürfen sie durch das gegenreligiöse Ritual der ständigen Erinnerung in einem "konstellativen Mythos" (Assmann)
Im Judentum ist das die Erzählung vom Exodus Israels aus dem "heidnischen" und "götzendienerischen" Ägypten. Als einen Mythos, der immer wieder neu den Anderen als den auch militärisch zu bekämpfenden Feind in der Pessachfeier Jahr für Jahr rituell konstelliert, beschreibt der Israeli Adi Ophir (Tel Aviv University) die Exodus-Erinnerung: "From Pharao to Saddam Hussein – The Reproduction of the Other in the Passover Haggadah" (The Other in Jewish Thought and History, New York 1994). Sehr aufschlussreich auch für die Politik des modernen Staates Israel ist sein Fazit:
Despite the transformation of power relations between Jews and Gentiles brought about by the Zionist movement, this main structure that produces and reproduces Jewish collective memory, which the Haggadah embodies more than any other Jewish text, remains dominant. Many Israeli Jews, and not only Israeli, perceive the Jewish state apparatuses, its armed forces first and foremost, as substitutes for God´s outstretched arm, just as they perceive enemy leaders, from Nasser through Arafat to Saddam Hussein, as modern embodiments of ancient pharao. And when a threatening Gentile appears, he is viewed within the crossed shadows projected by the Pharao of the Nile, and the Pharao of the Gas Chambers.
Im Islam taucht das Exodus-Motiv im Auszug Mohammeds (Higra) aus dem "heidnischen" Mekka, dem Beginn der islamischen Zeitrechnung, wieder auf. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der Name der islamofaschistischen Gruppe "takfir wa l´higra". Auf ihre Al-Qa´ida-Connection habe ich bereits hingewiesen. Sie reaktiviert den konstellativen Higra-Mythos der "Mutterreligion" nicht nur semantisch, sondern ihre Mitglieder zogen tatsächlich hinaus in die Wüste, lebten dort so, wie sie meinten, dass der Prophet hätte gelebt haben können, und exkommunizierten den Rest der götzendienerischen Jahaliya-Welt. Denn das bedeutet der erste Teil ihres Namens: "takfir" – "Exkommunikation". Dem Bannstrahl aus der Wüste folgten dann bald Messer, Bombe und Flugzeug. Erkrankt am Echnaton-Trauma der mosaischen Unterscheidung lässt es sich bis heute für heilige Killer aller monotheistischen Coleur gut mit reinem Gewissen morden.
Das Erinnern des konstellativen Mythos nennt Assmann "Konversionserinnerung". Die Konvertiten werden durch den Mythos immer wieder neu auf die Gegenreligion eingeschworenn.. So bleibt die Krypta ihres Traumas verschlossen und dessen unterschwellige, tödliche Wirkung erhalten. Im Christentum wird das in der Liturgie der drei österlichen Tage, dem Mysterium des triduum paschale, in eindrucksvollen Riten Jahr für Jahr zelebriert. Besonders die Liturgie der Osternacht verbindet Exodus/Higra mit Konversion.
Bereits der Einzug der Gemeinde in die zunächst noch dunkle Kirche ist in ihrer Symbolik ein "Auszug": aus der Finsternis der Nacht in das werdende Licht des sich durch Kerzen erhellenden Kirchenraums. Dann werden u. a. der Schöpfungsbericht und der Exodusbericht Israels aus Ägypten gelesen. Es geht also um den Auszug in die durch Christus, das österliche Licht, neu ins wahre Leben gerufene Schöpfung. Dem schließt sich die Erneuerung des Taufversprechens an, die eigentliche Erinnerung an die Konversion vom unwahren Leben in satanischer Finsternis zum wahren Leben im Licht Christi bei der Taufe. An dieser Stelle finden häufig auch Taufen statt. Die abschließeden verkürzten Laudes in der folgenden Eucharistiefeier beschwören im "Magnificat" den Umsturz der alten Ordnung und das Errichten der neuen Ordnung Gottes: "Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern an und lässt die Reichen leer ausgehn." Schließlich das abrahamitische Siegel des Magnificat:
"Wie er es zu unsern Vätern gesprochen hat,
Abraham und seinen Nachkommen auf ewig."
Nackommen und Erben – das sind die Anwesenden als Teil aller traumatisierten Konvertiten - Juden, Christen und Moslems. Sie erbauen die "neue Stadt", "Zion", das "Himmlische Jerusalem", "hakimiyyat Allah" im Endkampf gegen die Jahaliya-Welt der "Hure Babylon", deren Turm, "Pharaos Haus", der triumphale Endsieg Christi und seiner himmlischen Heerscharen in Feuer und Blut versinken lässt...Armageddon...Endlösung...Ground Zero..

Geheilter Monotheismus?

"Sicut locutus est ad patres nostros,
Abraham et seminem ejus in saecula!"

Noch einmal greife ich dieses abrahamitische Siegel des "Magnificat" auf. Bach hat dazu in seiner genialen "Magnificat"-Vertonung eine formvollendete Fuge geschrieben – kosmische Ordnung in Maß und in Zahl auf einen Text über Abraham und seine drei monotheistischen "Nachkommen". Bachs mathematisch-musikalische Ästhetik - die harmonische Polyphonie der Fugen und die polyphone Harmonie der Choräle, die Pythagoras und Christus wieder versöhnt -, hat mich immer ahnen lassen: Jenseits der todbringenden Spaltungen mosaischen Unterscheidens liegt eine heile, kosmische Ordnung, die nicht die der Geschichte ist. Spätestens seit der Aufklärung (Cudworth, Warburton, Reinholds "Jahwe sive Isis") meint Europa, sie durch die dekonstruierende Erinnerung der mosaischen Unterscheidung in der kosmischen Weisheit Ägyptens wiederfinden zu können. Die Symbolik der Freimaurerei bringt das sehr schön zum Ausdruck, wie Judentum, Christentum und altägypische Religion wieder verschmelzen sollen: "Hen kai pan" – die Wiederkehr des ägyptischen Kosmozentrismus" (Assmann, Moses der Ägypter) Auch die Physik von Newton über Einstein bis Hawkings Insistieren auf einer vereinheitlichten "Theorie von allem" gehört zu diesem ägyptisierenden Projekttyp der Suche nach dem Einen, in dem Alles ist – "die Suche nach einer vereinheitlichten Theorie in Verbindung mit der Suche nach Gott." (M. Wertheim)
Mit Margaret Wertheim (Die Hosen des Pythagoras,), einer der wenigen Frauen im Männerreich der theoretischen Physik, misstraue ich solcher Vernunfteuphorie, die das Heil der Welt im Erkennen der einen, alles umfassenden Weltformel sucht und, wie Hawking es selbst sagt "den Plan Gottes erkennen" will. Dennoch: Die gesuchte Ordnung jenseits der mosaisch gespaltenen Geschichte mit ihren manichäischen Dichtotomien in Islam und Christentum ist "Kosmos". Die Einheit mit dem Kosmos hat die mosaische Unterscheidung letztlich zerstört. Im Tiefsten ist deshalb das der existentielle Kern des Traumas: "Starres , stummes Nichts...Wie ist jeder so allein in der Leichengruft des Alls." (Jean Paul, Rede des toten Christus)
Wie ich mir zwischen Scylla und Charybdis von mosaischer Unterscheidung einerseits, mathematisch-physikalischer Kosmozentrik einer vereinheitlichten Theorie andererseits den Weg zu einem kosmisch geheilten Monotheismus vorstellen kann, habe ich im zweiten Teil meiner "Reise des Henkers" mit Hilfe der jüdischen Kabbala knapp skizziert. Ich lade den Leser ein, den Henkergott auf seiner Reise zu begleiten und mit seinem Besuch eines Tattoo-Studios auf der Webpage zu beginnen: "Kosmisches Kreuz". www.ruedigersuenner.de/henker9.html
Das kosmische Kreuz ist meine Antwort auf Karlas Multikulti-Bergpredigt-Mond und Tinas kastrierten Regenbogen-Jesus. Karlas Schattenbruder fand den Besuch im Tattoo-Studio jedenfalls wieder einmal "echt geil", fast so geil wie sein neues WTC-Computerspiel. Nach langem häuslichem Krieg hatte er es sich endlich kaufen dürfen. Seine Friedensschwester kriegt zwar immer noch zu viel, wenn der Abfangjäger Mohammed Atta nicht erwischt. Die folgende finale Flugkurve kann sie inzwischen jedoch ertragen. Immerhin ist das jetzt konkrete Friedenarbeit: Zehn Prozent des Verkaufserlöses von Brüderchens digitaler Terror-Action gehen an die Hinterbliebenen. "Das ist doch echt super", lobte Tina, die gerade im Talar vorm Spiegel ihre neueste Gasmaske anprobierte- für das Mega-Event am Sonntag zum Bergpredigt-Islam. In diesem Outfit auf der Kanzel würde sie auch den letzten Zweifler überzeugen. Nur Multikulti kann uns noch retten. Lässig würde sie sich dann weißen Puderzucker vom schwarzen Talar wischen und der Erfolg der Message wäre bombensicher: Multikulti macht gegen alles immun.




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