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In "2001" verwendet Kubrick keine "kalte" elektronische
Musik, die meist zur Seelenlosigkeit und Illustrierung von technischen
Abläufen tendiert, sondern er greift auf das "warme" Repertoire
der abendländischen Kunstmusik zurück. Zu Anfang hatte er einen
Filmkomponisten vorgesehen, aber er verwarf dessen Entwürfe, als
er Aufregenderes bei den grossen Meistern entdeckte. Ob Johann
Strauss' Donauwalzer, Richard
Strauss' Zarathustra-Thema, Ligetis
Clusterkompositionen oder Khachaturians
Gayane-Suite: all dies ob romantisch oder modern ist tief
beseelte und niemals künstlich-technische Musik, die Unendlichkeit,
Geheimnis und Wärme gleichzeitig ausstrahlt. Dies hängt zum
einen damit zusammen, dass sie von Naturinstrumenten eingespielt wurde,
sogar die Klänge von Ligeti, die dem Uneingeweihten oft wie Synthesizermusik
vorkommen. Wichtiger aber noch ist ihre organische motivische Struktur,
die auf Metamorphosen kleinster Zellen statt repetitiven Abläufen
beruht. Sie lebt, wächst, pulsiert und verwandelt sich ständig,
statt nur statisch-kühle Klangteppiche für Science-Fiction-Dekors
bereitzustellen. Sie erzeugt Schwerelosigkeit,
aber auch aus mehreren Schichten bestehende Tiefenstimmungen,
die einen ins Unbekannte und Unendliche locken. Kubrick's Soundtrack ist
in höchstem Masse mitverantwortlich für den trotz aller Technik
beseelten Kosmos und warmen Atem seines Filmes: mit genialer Intuition
ausgesuchte Sternenmusik, wie zum
Lobgesang Gottes und seiner Schöpfung eingesetzt.
Kubrick, der bzgl. seiner jüdischen Herkunft nie viel Aufhebens machte,
hing laut eigener Aussage keiner der etablierten monotheistischen
Religionen an. Aber dennoch durchzieht einige seiner Filme
eine grosse Faszination für das Übersinnliche,
etwa auch "Shining" mit
seiner Thematik des "Zweiten Gesichtes".
"2001" geht hierin am weitesten und kann wohl als ein modernes
spirituelles Kunstwerk bezeichnet werden. Gerade weil das Metaphysische
darin so mit Lakonie und Technik verknüpft und daher vor aller Sentimentalität
gefeit ist, wirkt es so stark. Ich würde ihn sogar als einen romantischen
Film bezeichnen, da die darin spürbare Sternensehnsucht
auch eines der Hauptmotive der Malerei und Literatur des 19. Jahrhunderts
war.
Erst viele Jahre nach meiner ersten Begegnung mit "2001" fiel
mir auf, welche grosse Rolle die Unendlichkeit und Schönheit des
Weltalls bei diesen (vor allem auch deutschen) Künstlern spielt.
Ob Karoline von Günderode im
"Kreisen und Drehen" der Sterne "bildlich den heiligen
Rhythmus" entdeckt,
Joseph von Eichendorff von
der "trunkenen Ferne" des Nachthimmels schwärmt oder für
Conrad Ferdinand Meyer die "Heilige
Bläue" des Alls "Himmelsdinge" erzählt, denen
gegenüber alles andere "nur Traum und Spiel" sei:
"2001" wirkt trotz seiner technischen Avanciertheit eher
wie eine Fortsetzung solcher europäischer Traditionen, als wie typisch
amerikanische Science-Fiction-Filme, die - wie etwa "Star Wars"
- doch von mythologischer Dürftigkeit sind. Auf die Frage, warum
"2001" gerade von New Yorkern Kritikern so feindselig aufgenommen
wurde, antwortete Kubrick: "Perhaps there is a certain element
of the lumpen literati that is so dogmatically atheist and materialist
and Earth-bound that it finds the grandeur of space and the myriad mysteries
of cosmic intelligence anathema." (The Making of 2001, 330) Damit
lässt Kubrick durchblicken, dass er selbst - trotz aller Faszination
für Technologie und Rationalität - diese eigentlich nur als
Mittel für höhere Zwecke einsetzt, die eben nicht "atheistisch,
materialistisch und erdgebunden" sind.
Vielleicht machte dies den Initiationscharakter meines ersten 2001-Erlebnisses
am stärksten aus: dass es mich mit schöner Wucht auf meine Interesse
für nichtmaterialistische und spirituelle Dinge stiess, das später
auch zur Fasziniation für die Aura "heiliger
Steine" in Schottland oder die "Sternensehnsucht" von Novalis,
Eichendorff, Matthias Claudius, Caspar David Friedrich, Anton Bruckner
oder Rudolf Steiner führte. Kubricks Film verband jedoch solche
metaphysischen Dimensionen in einer vorher nie gekannten Art mit Modernität,
Avantgarde und dem auch psychedelisch eingefärbten Zeitgeist der
60er Jahre, was eine gewisse Kühle und Frische mit hineinbrachte.
Auch in meiner eigenen Arbeit sollte die Spannung zwischem Archaischem
und Modernem, Metaphysik und Rationalität zu einem der Hauptthemen
werden, etwa in meinen Filmen "Ultima
Thule", "Die
Legende vom Nil" und "Schwarze
Sonne". "2001"
blieb für mich bis heute ein nicht auszulotendes Wunder, das bereits
früh Existentielles in mir anrührte und nicht nur als ästhetisches
Phänomen weiterwirkt, sondern auch als Katalysator für anregende
Geistesflüge und Seelenerkundungen.
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