Die Einsamkeit des Langstreckenläufers

 

Bei jedem neuen Anschauen von "2001" verblüfft mich immer wieder das starke Gefühl von Einsamkeit, das der Film ausstrahlt. Es hat jedoch nichts Quälendes oder Lastendes, sondern ist mit Melancholie und durchaus angenehmen Empfindungen verbunden. Melancholie spielt mit hinein, weil die Raumfahrer trotz ihrer Technologie oft so hilflos gegenüber der Unendlichkeit und den Mysterien des Weltraumes sind. Winzig wirken die riesigen Raumschiffe gegenüber dem schwarzen All und wie verlorene Puppen stehen die Astronauten in ihren Schutzanzügen auf dem unwirtlichen Mond herum. Ihre Dialoge, die von Sandwichaufstrichen oder technischen Problemen handeln, spiegeln nur ihre Ohnmacht vor den Abgründen des Universums. Melancholie strömt auch die Streichermusik von Aram Khachaturian aus, zu der ein Pilot wie eine Maus im Rad durch die Korridore seines Raumschiffes joggt. Als er Geburtstag hat, spielt ihm der Monitor "Live-Grüsse" seiner Eltern vor, die jedoch Millionen von Kilometern weit entfernt sind und daher Stunden vorher aufgezeichnet wurden.

Kubrick, der in seinen Filmen häufig die Schattenseiten amerikanischer Zivilisation kritisiert, drückt mit solchen Sequenzen sein Unbehagen an der Hybris aus, mit Technologie und wissenschaftlicher Rationalität könne sich der Mensch zum Herr über den Kosmos aufschwingen. Aber die Einsamkeit solcher Szenen ist immer auch von einem anderen Gefühl grundiert, das sie erträglich und sogar geniessbar macht: Die überwältigende Schönheit der Bilder verhilft zu einem anrührenden Staunen über die Majestät von Erde, Planeten und Weltall, das Gefühle von Ehrfurcht und Bewunderung mobilisiert und eher Freude als Angst gegenüber dem Unbekannten aufkommen lässt. So geht es jedenfalls mir, aber ich spüre auch bei Kubrick mehr als nur Kritik oder Ironie. Etwas Hymnisches ist in seinem Film den Bildern und Klängen immer beigemischt. Das Dunkel des Weltraumes wirkt nie kalt und abweisend, sondern wie ein mütterlicher Schoss, in dem auch Vergessenes und Vertrautes wartet. In seinen Tiefen scheinen eher Intelligenz und Ordnung als Gleichgültigkeit oder Dämonie zu hausen, der Mensch fühlt sich trotz allem mit den unergründlichen Fernen verbunden und sehnt sich nach ihnen: eine eher romantische als nihilistische Auffassung, die vor allem auch durch Kubricks Musikauswahl unterstützt wird.

 

"Heilige Steine"   Sternenmusik