"Heilige Steine"

   
  Inwieweit die "mythologische" Dimension von Kubricks Film einen tiefliegenden Nerv in mir getroffen hatte, erfuhr ich erst auf einer Schottlandreise viele Jahre später, als ich einmal einen einzelnen Menhir innerhalb eines Steinkreises in der Abenddämmerung fotografierte. Schlaggartig musste ich an den berühmten Monolith in "2001" denken, zumal an Einstellungen von unten, wenn er wie ein Wächter zu uns herabschaut und über ihm Sonne, Mond und Sterne zu sehen sind.
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Arthur C.Clarke, der Drehbuchautor des Filmes, bestätigte meine Intuition: "Ich bin sicher", schrieb er in "The Making of 2001", "dass Stanley und ich über Stonehenge sprachen, aber ich erinnere mich nicht mehr an spezifische Details. Ich weiss nicht, ob Stanley jemals dort war, ich besuchte Stonehenge häufig."

Kubrick selbst bestreitet eher einen bewussten Zusammenhang, doch die Ähnlichkeit in Gestalt und Funktion ist zu frappierend, um nur als Zufall abgetan werden zu können. Menhir und Monolith besitzen beide eine einfache, aufgerichtete Form, die Erde und Himmel verbindet und wie ein Signalgeber, Impulsator, Bewusstseinsöffner wirkt. Beide strömen Kraft und Geheimnis aus, obwohl sie aus weit entfernten Menschheitsepochen stammen. Die Archäologie weiss inzwischen, dass Steinkreise und Menhire vor ca. 5000 Jahren u.a. zur Bestimmung von Sommer- und Wintersonnenwenden bzw. Mondumläufen errichtet wurden. Sie spiegeln also die tiefe Verbundenheit ihrer damaligen Erbauer mit den Gesetzen eines Universums wider, das diese als mit göttlichem Geist erfüllt ansahen. An ähnliche Assoziationen knüpft "2001" an: Zwar soll hier der Monolith vor Jahrmillionen von einer nicht-terrestrischen Kultur errichtet worden sein, aber Kubrick veranschaulicht diese nicht als "Ausserirdische", sondern belässt sie in der abstrakten Form einer kosmischen Intelligenz. Und wenn sowohl die Primaten zu Anfang des Filmes als auch die Astronauten später den Stein berühren, so geschieht dies mit einer fast sakralen Andacht, als stünde man einem Symbol übernatürlicher Macht gegenüber.


Ähnlich dachte ich mir Momente während der Kultfeiern steinzeitlicher Megalithvölker, deren imposante Bauten ich gerne und häufig aufsuchte und die in mir Jahrzehnte nach meinem ersten 2001-Besuch erstaunlich vergleichbare Empfindungen auslösten.

Was der Monolith wirklich ist, wird in Arthur C.Clarkes Romanvorlage noch deutlicher als im Film: Dort wird beschrieben, wie sich der riesige Quader im Moment seiner Begegnung mit dem einzigen Überlebenden der "Discovery" so vor dem schwarzen All dreht, dass er sich quasi umstülpt: Aus dem ins Auge des Betrachters ragenden Rechteck wird nun ein dunkler Tunnel in die Unendlichkeit, aus dessen Tiefen Lichtkorridore auf den Zuschauer zustürzen (bzw. er stürzt in diese hinein).


Der Monolith/ Menhir erweist sich als ein Tor zu übersinnlichen Dimensionen, in denen Raum und Zeit, Gegenwart und Vergangenheit miteinander verschränkt zu sein scheinen: ein mehrdimensionales und immaterielles Kontinuum, wie es die Physik längst mathematisch unterhalb unserer grobstofflichen Realität geortet hat. Wie wenig die Wissenschaft genau darüber weiss, besagt u.a. ihr Gebrauch von Metaphern wie "Feld". Kubrick gibt den Spekulationen der Quantentheoretiker und Astrophysiker quasi poetischen Gehalt. So behauptet er am Ende von "2001" nicht, dass sein Astronaut auf extraterrestrische Wesen trifft, sondern er gestaltet metaphorisch eine Reise in Räume jenseits unserer kausallogisch gebundenen Vorstellungskraft.

Dabei begegnen wir keinen putzigen E.T.'s oder Hyperzivilisationen im Sinne des Erich von Däniken, sondern - wie manche Forscher heute sagen - "selbstorganisierender Energie": Schwingungen, Strahlungen, Metamorphosen, pulsierende und sich umstülpende Räume, das Schauspiel von uns grösstenteils noch völlig unbekannten Kräften hinter Tod, Geburt, Wachstum und Evolution. Platon hätte sie die "Urbilder" hinter aller Schöpfung genannt, Goethe visierte für die Botanik Ähnliches mit seinem Begriff der "Urpflanze" an: ungegenständliche, aber höchst machtvolle und kreative "Ideengeber", die überhaupt erst die Struktur der materiellen Erscheinungswelt hervorbringen und nicht unbedingt mit der Vorstellung eines persönlichen Gottes verknüpft werden müssen. Diese wirken im Mikrobereich ebenso wie im Makrobereich: Kubrick veranschaulichte seine "kosmischen Metamorphosen" übrigens häufig dadurch, dass er mit einer Trickkamera die Reaktionen chemischer Prozesse abfilmen liess.


Gerade die opulenten Abstraktionen am Ende von "2001", die viele Zuschauer befremdeten, begeisterten mich von Anfang an, weil Kubrick hier von seinem eigentlichen Thema, der Begegnung mit Ausserirdischen, in höhere und wichtigere Sphären abdriftet. Ob er dies bewusst oder unbewusst tat, ist schwer zu ermessen. Wahrscheinlich setzte sich der Künstler – und vielleicht Mystiker in ihm – gegenüber dem "Geschichtenerzähler" durch und wagte das Ausmessen von Räumen, die bereits um 1900 Naturwissenschaftler - und auch abstrakte Maler - erstmals zu faszinieren begannen: den schwindelerregenden Untergrund der materiellen und kausal geordneten Welt, in dem unsichtbare Kräfte herrschen, die sich aber unserer Logik von Raum, Zeit und Kausalität nicht beugen. Auch in der Begegnung mit dieser "Bodenlosigkeit" war "2001" für mich eine "Initiationserfahrung", selbst wenn ich mit 15 Jahren noch nicht die Begriffe hatte, um dies so auszudrücken.
 

"Mythologischer Dokumentarfilm"   Die Einsamkeit des Langstreckenläufers