"Mythologischer Dokumentarfilm"

   

Viele Jahre später wurde mir klarer, was eigentlich passiert war. Mitten im 60er Jahre-Mief meiner Heimatstadt, eingesperrt in eine bürgerliche Familie mit ihren Zwängen und ihrem Nachkriegsmaterialismus, war ich plötzlich eingetaucht in einen Kosmos von Erhabenheit, Schönheit und Geheimnis, der unbekannte – z.B. metaphysische - Saiten in mir zum Klingen brachte. Ich war nicht religiös erzogen worden und Worte wie "Spiritualität", "Mythologie" oder "Tranzendenz" hatten für mich keine besondere Bedeutung gehabt. Mir war gleich aufgefallen, dass "2001" kein Science-Fiction-Film im herkömmlichen Sinne war, wo Laserkanonen oder Marsmännchen im Vordergrund stehen. Er hatte trotz seiner technischen Avanciertheit so etwas wie eine "spirituelle" Qualität, die übrigens spätere Filme wie "Star Wars" oder "Blade Runner" nicht mehr erreichen sollten. Bestätigt wurde diese Ahnung durch eine Bemerkung von Kubrick, es handle sich um einen "mythologischen Dokumentarfilm", der auf etwas völlig anderes abziele, als auf eine Filmhandlung im herkömmlichen Sinne. "I don't like to talk about 2001 much because it's essentially a nonverbal experience", so der Regisseur über sein Werk: "If it has stirred your emotions, your subconscious, your mythological yearnings, then it has succeeded." (Jerome Agel: The Making of Kubrick's 2001, New York 1970)

Bis heute ist "2001" für mich tatsächlich auch kaum ein "Film", sondern er hat eher etwas von einem Gedicht, einer Symphonie oder von überwältigenden Naturerlebnissen angesicht des Meeres, Sternenhimmels oder grandioser Landschaften. Wenn auch nicht mit Religion aufgewachsen, so kannte ich doch eine Art von "pantheistischer" Andacht schon aus frühesten Kindheitstagen und es schien, als würde diese mit Kubricks Weltraumepos noch einmal verstärkt hervorgerufen.
Als kleiner Junge etwa fragte ich meinen Vater in unserem nächtlichen Garten, wo denn hinter all dem Sternengefunkel eine Grenze sei. Man könne doch nicht immer weiter hinausfliegen bis in die Unendlichkeit, sondern müsse früher oder später irgendwo anstossen – wie auf der Erde auch. Natürlich wusste mein Vater keine Antwort, aber ich spürte in ihm auch keine rechte Andächtigkeit gegenüber Phänomen und Frage. So etwas passte nicht in die Welt des Brauereikaufmannes Walter Sünner, der "andere Sorgen" hatte.  
Für mich aber blieben solche Fragen das Entscheidende: Wegen ihnen studierte ich Philosophie, später auch die Mythen älterer Kulturen, sie nahm ich mit auf Wanderungen durch Landschaften, die mit ihrem weiten Atem das Nachdenken über solche Dinge beförderten. Meine Mutter erzählte auch eine interessante Geschichte, die sie anlässlich der russischen Sputnik-Mission (1957) mit mir erlebt hatte. Ich war damals vier Jahre alt und stand mit ihr und anderen Familienmitgliedern auf dem Balkon, wo man irgendwelche Lichtspuren des Sputniks am Nachthimmel erhaschen wollte. Auf ihre Bemerkung, die Russen würden jetzt eine Raumkapsel zum Mond schiessen, hätte ich gefragt, ob der liebe Gott ihnen nicht böse dafür sei. In kindlichem Staunen hatte ich die ehrfurchtgebietende Aura des Weltraumes gegen den eindringenden Metallkörper in Schutz genommen, weil ich in seiner Schönheit und Unendlichkeit etwas "Höheres" zu spüren glaubte.

All diese Dinge fielen mir neulich – bei einem wiederholten Sehen von "2001" – wieder ein und ich hatte den Eindruck, der Film eröffne mir zunehmend eine Art geistige Linie in meinem Leben, verborgene Zusammenhänge und Strukturen meiner Person. Daher erlaubte ich mir im Titel dieses Essays den etwas hochtrabenden Begriff der "Initiationserfahrung". Aber wenn Initiation Erschütterung und Überbewältigung bedeutet, einen intensiven Eingriff ins Fühlen und Denken, der einen lebenslang verfolgt, ein Wegziehen von "Bewusstseinsschleiern", um einen mit Unbekanntem auch in der eigenen Person zu konfrontieren: Warum sollte dann "2001" nicht auch die moderne Form eines solchen – zugegebenermassen weit verstandenen – Ritus sein?
 

Glückliche Unruhe   "Heilige Steine"