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Guter
Hirt rächender Gerechtigkeit
Dass Jesus "Jude" war, wird heutzutage in offiziellen Christenkreisen
ein wenig zu beflissen bejaht, wenn man "Jude" im landläufigen
Sinn versteht. Günter Lüling schlägt anstatt "Jude"
die Bezeichnung "Aramäer" vor (s.o. S. 275). Sie umschließt
die Gesamtheit nicht nur der zwölf Stämme Israels, sondern auch
Abraham, dessen Vater ein "Aramäer" war. Sie umfasst damit
auch die volksreligiösen Traditionen des Nordreiches Israel,
die eine Sicht Jesu als "Jude" nicht nur semantisch ausblendet,
und ferner die zentralarabische Tradition "Ismaels und der Stämme",
auf die sich Mohammed bezieht. Als "Aramäer" steht Jesus
also in einer gesamtsemitischen, Tradition, die besonders im Nordreich Israel
(Samaria), in Galiläa (der Heimat Jesu) und bei den transjordanischen
Stämmen lebendig geblieben war. In Feindschaft zum zentralstaatlichen
Kult- und Reichsjudentum Jerusalems schlug hier das volksreligiöse
Herz des altisraelischen Höhengrabeskultes mit seinem blutrechtlichen
Gedanken des für die Gerechtigkeit leidenden, sterbenden und auferstehenden
"Guten Hirten". Aus dieser "juden"-feindlichen
Tradition Israels entwickelte sich das semitische Urchristentum,
nicht etwa aus dem "Judentum" Judäas. Jesu Heimat ist so
die Heimat jener Esther/Aschera, die sich in meinem Traum voll Zorn
gegen den Rabbi erhebt, während sich weißes Licht auf die Gärten
der Berge senkt.
Die Nähe Jesu zu den blutrechtlichen Untergrundkämpfern
seiner Zeit hat von Reimarus (1694-1768) bis heute (z. B. Cullmann) die
Wissenschaft intensiv beschäftigt. Wohl mindestens drei der zwölf
Jünger Jesu waren "Sikarier" (Dolchmänner). Erst
eine spätere Zeit hat den "engsten Zusammenhang der Bewegung Jesu
mit dem religiös motivierten Blutrechtskampf (Heiligen Krieg) seiner
Zeit gegen die Römer und ihre jüdischen Kollaborateure durch eine
hellenistisch-pazifistische Redaktion der neutestamentlichen Überlieferung
verschleiert und schließlich fast völlig verdrängt."
(Lüling, S. 273) Das Resultat ist die fatale Karikatur eines impotenten
"Guten Schäfers", der in einem bukolischen Idyll seine
knuffigen Lämmlein weidet. Tatsächlich gibt es aber wohl einen
religionsgeschichtlichen Zusammenhang mit der späteren islamischen
Parallele der "fidda´iyyun" und der "Assassinen"
zu den Dolchmännervereinigungen der Zeit Jesu. "Über die
Assassinen wissen wir, dass sie ihre Kämpfer in einem Höhen- und
Grabeskult auf ihren todesverachtenden Kampf vorbereiteten." (Lüling,
S. 275; siehe auch Terrormystik
des "Alten vom Berge" ) |