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Magnificat
am Tage Esthers
Ein hoher, runder Raum, der wie das Innere der Kristallkirche aussieht.
Während diese jedoch anfangs Mondlicht erfüllt hatte, flutet
jetzt goldgrünes Licht durch das innere Rund des phallischen Steins.
Es ist in zwei Stockwerke geteilt. Ich sitze in der oberen Etage mit zwei
Professoren zusammen und führe ein theologisches Gespräch über
Christus. Plötzlich stehe ich auf und gehe eine Wendeltreppe hinunter
ins untere, dunklere Stockwerk. "Es geht um Maria", sage
ich dabei. "Wir sollten das Magnificat singen!" Dann fahre ich
mit einem Bus in Israel über eine weite Ebene. Sie ist im Osten von
Bergen mit grünenden Gärten gesäumt. Da steht hinten im
Bus eine Frau auf. Sie ist in einen weißen, jüdischen Gebetsschal
gehüllt und macht einen sehr zornigen Eindruck. Mit lauter, vor Erregung
zitternder Stimme ruft sie etwas auf Hebräisch. Ein Rabbi, der einen
breitkrempigen Hut trägt und dessen Gesicht tiefgelb leuchtet, beruhigt
sie und sagt: "Heute ist der Tag Esthers." Ich blicke
aus dem Fenster und sehe, wie sich über die Gärten der Berge
ein weißes Licht senkt, das von rubinroten Streifen durchzogen ist.
Dieser Traum hat mich sehr nachhaltig beschäftigt. Hier erhebt sich
das Weibliche: Revolution der Frau des Magnificat am "Tage Esthers".
Die Juden begehen noch heute mit dem Purimfest den "Tag Esthers",
der an die Rettung der persischen Juden vor dem Mordanschlag Hamans durch
Esther erinnert. Auch im Koran gilt Haman als Verkörperung des Bösen
und wird häufig in einem Atemzug mit Pharao genannt, dem Todfeind
der Propheten. Haman soll Pharao einen Turm bis in den Himmel bauen. In
Islamistenkreisen galten die Türme des World Trade Center als dieses
"Haus des Pharao" (siehe auch Opferflug
in Pharaos Haus). Den turmbauenden Handlanger Pharaos hat
Esther von seinem Thron gestürzt, einen der Mächtigen ihrer
Zeit.
Wo Priester und Rabbis die politische Subversivität Marias und Esthers
schließlich enden ließen, führt ein Brauch des Purimfestes
vor Augen: in der Küche. Dort freilich wird Esther unerwartet sexuell
subversiv und öffnet die geheime Pforte in eine bislang ängstlich
verschlossen gehaltene Kammer der "Dunkelzone Alpha". Eine Backspezialität
an Purim sind nämlich die "Hamantaschen", deren
Dreiecksform frappant an das weibliche Schamdreieck erinnert. Rabbi Susan
Schnur "The womantash triangle hat dem in der feministisch-jüdischen
Zeitschrift "Lilith" (Spring 1998) einen ausführlichen
Beitrag gewidmet. So hat in solcher Kochnische zwar kulturell überlebt,
wird aber kaum noch erkannt, was laut Susan Schnur im Buch Esther und
im rabbinischen Midrash völlig entstellt und abgewehrt wurde: das
mythische Wissen um die alten semitischen Göttinnen der Lebenszyklen
von Geburt, Tod und Wiedergeburt. Der altisraelischen Volksfrömmigkeit
war deren Verehrung geläufig.
Besonders die kanaanitische Muttergöttin Aschera ist hier
zu nennen. Archäologische Zeugnisse belegen eine ursprünglich
innige Nähe von Jahwe und Aschera.: "Sei gesegnet von Jahwe
und seiner Aschera", heißt es beispielsweise auf einer Stele
im nordöstlichen Sinai. Raphael Patai (The Hebrew Goddess, S.53)
fasst die Forschungsergebnisse zusammen: "Die Verehrung Ascheras
als Gemahlin Jahwes war ein fester Bestandteil religiösen Lebens
im alten Israel bis zu König Josias Reform 621 v Chr." Doch
auch dann noch blieben ihre Kultorte, die "Gärten der Berge",
heilige Plätze. Der offizielle Schriftkanon der Hebräischen
Bibel wird nicht müde, gegen diese "Höhen, Säulen
und Ascheras auf allen hohen Hügeln unter allen grünen Bäumen"
heftigst zu wettern. Erstaunlicherweise finden wir diese Sinngehalte auch
z.B. in steinzeitlichen, schottischen Grabanlagen aus dem 2. und 3. Jahrtausend
v.Chr., die die Form eines riesigen, ausgebreiteten, vierbeinigen Tierleibes
haben. Dabei liegt die Grabkammer genau an der Stelle, wo sich beim Tier
der Uterus befinden würde. Der Gedanke liegt nahe, dass bei solchen
Grabanlagen Vorstellungen von Wiedergeburt Pate gestanden haben.
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