Achtamars tote Wasser

Mit Manuel, meinem rumänischen Freund, fahre ich im Traum vom siebenbürgischen Hermannstadt, nach Bukarest. Während mein Freund im Hotel zurückbleibt, mache ich einen Ladenbummel. In einem Buchgeschäft fasziniert mich das Bild auf einem Bucheinband. Es zeigt auf tiefblauem Grund einen islamischen Herrscher. Eingerahmt ist er von strahlend goldenen Ornamenten. Ich öffne das Buch und sehe eine Landkarte: Weit östlich der Karpaten erkenne ich eine kreisrunde, grüne Ebene, die von einem Bergkranz umgeben ist, in ihrer Mitte eine Art hoher Grabhügel. Mein Blick fällt aus dem Fenster des Buchladens auf die andere Straßenseite. Dort scheint ein Feuer ausgebrochen zu sein. Ich laufe auf die Straße und stehe vor einem riesigen, runden Gaswerk, in dem ein gewaltiges Feuer lodert. Arbeiter bemühen sich, die Flammen mit den brüchigen Stahlplatten des Gasometers in Schach zu halten. "Fünfmal ist die Stadt schon abgebrannt", seufzt ein Passant. Ich sorge mich um Manuel und um das Buch, das nicht verbrennen darf. Da erstreckt sich vor mir an einem nächtlichen Fluss schlafend eine große Stadt, in ihrer Mitte ragend ein kristallener Bau. Durch ein Wirrwarr menschenleerer Straßen und Plätze gelange ich dorthin, zum steinernen Herzen eines Labyrinths.

Eine Kristallkirche dieser Art war mir wohlbekannt. Oft hatte ich sie im Hochland von Ostanatolien besucht. Sie war mir ein Grenzort, gelegen auf einer winzigen Insel, umgeben von strahlend blauem Wasser eines riesigen Sees, der den Bodensee an Größe um ein Siebenfaches übertrifft. Eingebettet in ein gewaltiges und Gewalttätiges seit Jahrtausenden erlebendes Felsengebirge, leuchtet seine Bläue in dessen braungelber, wüstenhafter Einöde. Doch trügt der freundliche Schein. Das Wasser ist tot; kein Fisch regt sich in ihm. Nahe dem südöstlichen Ufer umspült das tote Wasser die kleine Insel Achtamar. Vor mehr als tausend Jahren stand auf ihr die Hauptstadt des armenischen Königreichs Vaspurakan. Das Reich ist längst untergegangen. Von der Stadt ist nur noch die Kirche des Palastes übrig. Erbaut vom Meister Manuel zwischen 915 und 921, war sie dem Heiligen Kreuz geweiht. Die kunstvollen Reliefs ihrer Mauern sollen einst mit Edelsteinen und Gold besetzt gewesen sein. Funkelnder Glanz spiegelte das Licht der Sonne und spendete dem Reich Leben.

Jetzt dämmert die Palastkirche vom Heiligen Kreuz gleich einem Kristall, der seine Leuchtkraft verloren hat, einsam dahin. Wie Zeichen des Lebens umgeben sie "Katschkare" genannte Steine. Sie zeigen ein Kreuz, das von steinernen Blüten und Blättern umrankt ist, christianisierte Menhire, die das Kreuz als Lebensbaum darstellen. Sie beerben die "Vischaps", die Drachenfische oder Schlangendrachen, bronzezeitliche, phallische Stelen, gewidmet dem Wassergott. Gleich Landmarken des Erinnerns im Meer der Zeit zeugen sie von der Hoffnung, dass der Fluch des Todes über dem Wasser des Sees nicht das letzte Wort sein möge, und "Fische" ganz eigener Art, heilend bedrohliche Drachen und Schlangen, dorthin zurückkehren mögen.

Im Traum betrete ich die Kristallkirche. Aus ihrem Inneren scheint alles verbannt zu sein, was die Struktur kristalliner Reinheit und Klarheit stören könnte. So gleicht sie dem "Himmlischen Jerusalem", gebaut aus strahlenden Edelsteinen, dessen Reinheit alles Unreine ein Gräuel ist. In einem Vortrag über die "Hakenkreuz-Seite" des Christentums habe ich mich mit den Folgen einer solchen Orgie der Reinheit am Beispiel der Wewelsburg beschäftigt: "Christenkreuz und Schwarze Sonne". Im Unterschied zur endzeitlichen Stadt des Johannes, "die erleuchtet wird von der Herrlichkeit Gottes und deren Leuchte ist das Lamm" (Offb 21, 23), bricht sich aber Mondlicht an den Winkeln und Kanten meiner geträumten Kristallkirche, wird dort verstärkt, und Mondsilber wandelt den kristallenen Boden in einen metallisch glänzenden Spiegel. Als ich hineinblicke, ertönt leise ein flirrendes Sirren, haarfeine Risse bilden sich, weiten sich zu klaffenden Spalten im Boden. Der wölbt sich empor, birst krachend, und aus dem Abgrund brechen mit einem tosenden Schwall Wasser Würmer, Schlangen und drachenartige Echsen in die kristallene Ödnis. Die Flut schwillt an und ergießt sich vernichtend über die Stadt. Aus dem Jenseits des Flusses stürmt ein kriegerisches Reiterheer heran. Verzweifelt ruft meine kirchenfromme Großmutter: "Es ist verloren, alles verloren!" Das Heilige spült ihre Religionswelt hinweg. In diesem Moment sinkt die absolute Ruhe einer dichten, schwarzblauen Dunkelheit herab, die alles einhüllt. Ich bin in Atlantis.

 

Pans Rache   Kind aus Atlantis