Pans Rache

Eigentlich hätte sich das Folgende mit Teilhard de Chardins Vision des "kosmischen Christus" beschäftigen sollen. Mein Atalante 4-Essay zum 11. September 2001 schloss nämlich mit dem Kapitel "Kosmisches Kreuz". So griff ich gerne den Vorschlag Rüdiger Sünners auf, in dieser Richtung für das Thema von Atalante 6 "Spiritualität und Sexualität" einen weiteren Anlauf zu starten. Was herausgekommen ist, stellt einen kosmischen Christus ganz eigener Art dar: Er ist meine sehr persönliche Antwort auf den 11. September, indem er aus eigenen Traumbildern entsteht, in denen sich Spirituelles und Sexuelles gewaltkritisch verweben. Diese Gewaltkritik ist insofern eine Religionskritik, als sie das religiöse Defizit aufdeckt, die "Gewalt des Heiligen" (Rene Girard) zu bannen. Die spätestens seit dem 11. September 2001 oft gehörte Frage, ob und warum Religionen gewalttätig seien, scheint mir falsch gestellt. Richtig sollte sie lauten: Warum misslingt es den Religionen, die Gewalt des Heiligen "fortzuschicken"? Sie sind nicht selbst gewalttätig, sondern ihr Gottesbild setzt Gewalt frei. Deren Ursprungsebene ist biologisch-anthropologischer Art. Dort haust das "sogenannte Böse" (Konrad Lorenz).

Über das Moral- und Ethikgeschwätz alternder Religionen kann das nur müde lächeln – oder vielleicht besser: teuflisch grinsen. Bei Lichte besehen, ist das, was zur Zeit fassungslos gemeinhin als "religiöse Gewalt" wahrgenommen wird, die Rache der Natur an Religionen ohne Natur. Mythisch gesprochen: Es ist die "Rache Pans". Von der Religion entrechtet, nimmt sich Pan als der "Verfluchte", teuflisches Bild christlich verteufelter, triebhafter Lust, sein Recht in Form von Gewalt: Panik der Väter – Die Rückkehr Pans Lesen Sie dort besonders Aschenbachs Traum aus Thomas Manns "Tod in Venedig". Besser als in diesen Traumbildern kann man die tödlich rächende Rückkehr Pans, der Gewalt des Heiligen als der Gewalt der Natur, nicht beschreiben. Ich habe den Traum verknüpft mit einer Episode aus dem Roman von Bruno Goetz "Reich ohne Raum", nach C.G.Jung eine Vorwegnahme dessen, was wenig später im 3. Reich Wirklichkeit werden sollte.

Mit großem Eifer hatte ich mich an die Teilhard-Arbeit gemacht, denn dieses Thema reizte mich schon lange. Deshalb türmte sich schnell ein Bücherstapel auf meinem Schreibtisch. Da setzte mich eine Lungenentzündung für längere Zeit außer Gefecht, auch eine Rache der Natur. Offenbar hatte mir so viel Fülle kosmischer Buchweisheit den Atem verschlagen. Nun kann Krankheit bekanntlich zur inneren Klärung beitragen. Sie ließ mich wieder Luft kriegen. Warum wollte ich mir Wissen über den "kosmischen Christus" aus blutleeren Theorien anlesen? Das fragte ich mich, wieder zu Atem gekommen, als ich den Bücherstapel erneut vor mir aufragen sah. Kurz entschlossen kramte ich ihn weg und ein "Naturbuch" eigener Träume hervor. Ich hüte es wie einen persönlichen Schatz. Seit etwa zehn Jahren habe ich mich dem malenden Gestalten eigener Traumbilder verschrieben. Das Resultat ist besagtes Buch. Ich habe es "Kristallkirche Achtamars" genannt.

Der Prozess der Imagination war aus der Vorstellung eines Bergkristalls hervorgegangen. Aus ihm entwickelte sich die Assoziation mit der armenischen Kirche vom Heiligen Kreuz auf der Insel Achtamar im ostanatolischen Van-See, zu der ich seit 1983 oft gereist war. Der Kristall entpuppte sich so als "baitylos", ein Stein also, der ein "Haus Gottes" ist: Beth-El, Bait-Allah (Mircea Eliade, Die Religionen und das Heilige, §79). Bei der großen Armenien-Ausstellung in Bochum 1995 stand ein Steinmodell dieser armenischen "Kristallkirchen" ganz in der Nähe einer armenischen Phallusdarstellung aus der Bronzezeit. Phallus und Kristallkirche glichen sich verblüffend. Ich lade nun den Leser zu einem Weg ein, auf dem das Phallussymbol der Kristallkirche eine spirituelle Transformation durchläuft: Christus und Pan verbrüdern sich.

 

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