Wir wollen aus Kirchhoffs "Anderswelt"-Phänomenologie drei Bereiche herausgreifen, die auch für jeden nicht in Physik bewanderten Leser nachvollziehbar sein könnten: die Mysterien von "Raum", "Zeit" und "Ich". Kirchhoff führt ein schönes Zitat des Philosophen Max Bense an, das unsere herkömmliche Vorstellung vom Raum als leerem Nichts zwischen den Dingen sprengt: "Die Sehnsucht der Seele geht immer zum Raum." Der Himmel, vor allem der Nachthimmel, die Weite überhaupt rührt den Menschen an. Selbst die eher technisch ausgerichteten NASA-Astronauten empfanden die Schwärze des Alls nicht als kalten Schrecken, sondern als seltsam beseeltes Mysterium, mit dem sie sich tiefer verbinden wollten. So schrieb etwa der "Apollo-14"-Astronaut Edgar Mitchell in seinem Buch "Wege ins Unerforschte" über den Rückflug vom Mond zur Erde:

  "Was ich während der dreitägigen Rückkehr zur heimatlichen Erde erlebte, war so etwas wie ein überwältigendes Gefühl universalen Verbundenseins. Ich fühlte tatsächlich, was gerne als Ekstase der Einheit beschrieben wird ... Und ich hatte das Empfinden, unsere Präsenz als Raumfahrer sowie die Existenz des Universums selbst war nichts Zufälliges, sondern ein intelligenter Prozess. Ich nahm das All als ein in gewisser Weise bewusstes Universum wahr ...

Als ich dann über die Erde hinaus sah und das größere Bild in seiner ganzen Pracht vor Augen hatte, erkannte ich mit einemmal, dass das Universum nicht so beschaffen ist, wie man mich gelehrt hatte. Ich war bestürzt. Ich hatte es so verstanden, dass jene Himmelskörper in ihrer Verschiedenheit von uns getrennt sind und sich relativ unabhängig bewegen. Dieses Verständnis war plötzlich zerstört. Anstelle dessen stieg eine neue Einsicht in mir auf, mit der sich ein Gefühl allgegenwärtiger Harmonie verband – ein Verbundenheitsgefühl mit all den Himmelskörpern, die unser Raumschiff umgaben ... Der Mensch ist Teil eines kontinuierlichen Entwicklungsprozesses, und dieser ist grandioser und intelligenter, als die klassische Wissenschaft und die religiösen Traditionen es bislang richtig beschreiben konnten. Ich war Teil eines natürlichen Prozesses, der größer war, als ich es früher begriffen habe, ein Prozess, der mich von allen Seiten umgab, während die Raumkapsel mit mir 400000 Kilometer weit durch das leere schwarze All flog." (Kirchhoff: Die Anderswelt, Kapitel 5)

Mitchells Anderswelt-Erfahrung ist umso eindrucksvoller, als sie von keinem Mystiker oder Drogenfreak stammt, sondern von einem eher pragmatischen Geist, der unversehens von einem transpersonalen Erlebnis überwältigt wird. Dies gibt Kirchhoffs These Recht, dass die Anderswelt nicht von der physischen Welt getrennt sei, sondern diese umhülle und ständig durchdringe. Der NASA-Pilot erfährt den Raum nicht als dreidimensionale "behälterhafte Erstreckung", sondern als pulsierendes Wesen, in dem Intelligenz wohnt, vielleicht sogar das, was frühere Denker "Äther" oder "Weltseele" nannten: eine "Leere", die wie das buddhistische "Nirwana" alles andere als leer ist. Kirchhoff spricht in seinem Buch oft von "Sphären" oder vom Wahrnehmungsgefühl innerhalb einer "metaphysischen Kugel", einem Raumfluidum zwischen Rundung und Unendlichkeit, in dessen Einflussbereich alles mit allem verbunden zu sein scheint. Spielen die in vielen mystischen Erfahrungsberichten auftauchenden Kreis-, Kugel- und Spiralsymbole auf so etwas an? Erinnern wir uns an den Astronomen Johannes Kepler, der solche geometrische Figuren für Abbilder des Göttlichen hielt und daraufhin seine ganze Forschung ausrichtete. Erst als er nach vollkommenen Kreisen und Kugeln im All suchte, entdeckte er - fast wie ein Abfallprodukt - die Planetengesetze.

Unsere Zeit steht solchen Erfahrungen skeptisch gegenüber, weil die herkömmliche Physik den Raum erfolgreich entzaubert hat. Dennoch scheint damit ein tieferliegendes "kosmisches Grundbedürfnis" im Menschen nicht eliminiert worden zu sein. Kirchhoff weist diesbezüglich auf den seltsamen Boom von Ufologie und Science-Fiction-Filmen hin sowie auf den Cyberspace-Kult, der ein technisches Surrogat des oben erwähnten spirituellen Raumgefühles zu versprechen scheint. Doch sind alle diese Phänomene Pseudo-Erfahrungen von "Anderswelt", die im unverbindlichen Spiel suggestiver Zeichen das geschwächte Ich zu faszinieren suchen. Dabei geschieht keine Erweiterung im Sinne denkerisch-meditativer Vertiefung, sondern lediglich Aufregung durch ein Reizbombardement von berauschenden Effekten. Kirchhoff zeigt auf, dass solche auf Sensation, Betäubung und Profit zielenden Künstlichkeiten allerorten Triumphe feiern, während das Wagnis echter Anderswelt-Erfahrung in unserer Gesellschaft tabuisiert ist - eine der vielen Schizophrenien einer entmythologisierten Zeit, die dennoch menschlichen Ursehnsüchten irgendwie Rechnung tragen muss. (Dass nicht alle Science-Fiction-Filme so verfahren, versucht etwa mein ATALANTE-Essay über Stanley Kubricks "2001" aufzuzeigen).