"Integrale Tiefenökologie" bedeutet für Kirchhoff das wiederzugewinnende Bewusstsein davon, dass das menschliche Ich und der Kosmos tiefer miteinander verbunden sind, als wir gemeinhin annehmen. Sehen wir in populärwissenschaftlichen TV-Beiträgen Modellaufnahmen von kreisenden Planeten, Atomen, Zellen oder Blutkörperchen, so begegnet uns eine im Grunde unheimliche und fremde Welt. Dass diese von ähnlichem Geist oder gar einer Seele durchdrungen sein soll wie wir, kommt uns nicht mehr in den Sinn, obwohl solches über Jahrtausende von allen Kulturen der Welt geglaubt wurde.

Wie Kirchhoff in seinen wissenschaftskritischen Exkursen klarmacht, sind wir durch und durch von einem reduktionistischen Denken präformiert, dass zwischen Subjekt und Objekt eine nicht überbrückbare Grenze annimmt und sich weigert, auch der stofflichen Welt "Intelligenz", "Geist" und "Bewusstsein" zuzugestehen. Auch die Konfrontation mit echten Rätseln der Natur wie "Schwerkraft", "Licht" oder "Photosynthese" - so Kirchhoff - führte bislang nicht zu einer Revidierung bzw. Erweiterung der gängigen Erkenntnismodelle: Der seriöse Physiker lästert gegen den Schamanen, der "irrationale" Götter zu Heilzwecken anruft, aber er selbst verfährt genauso, wenn er aufgrund der Gravitationsgesetze z.B. die Bahnen von Weltraumraketen bestimmt. Zwar operiert er erfolgreich mit der Grösse "Schwerkraft", aber er weiss von ihrem Ursprung und Wesen genausowenig wie der Geistheiler von seinen "Energien".

Allein schon der häufige Gebrauch von Metaphern in den Naturwissenschaften belegt, dass diese sich viel mehr im Raum des Unbekannten und Irrationalen bewegen, als es der Laie präsentiert bekommt: Kirchhoff hat etwa interessante Studien zur "Karriere" des Feldbegriffes in der Physik vorgenommen, der ja eigentlich ein lebendiges, von Wachstums- und Formenkräften durchdrungenes Ganzes meint, in dem sichtbare und unsichtbare Prozesse ständig ineinandergreifen.

Ein "Feld" im ursprünglichen Sinne lebte immer auch durch die Mitwirkung transzendenter Kräfte, die man im alten Griechenland etwa in der Korngöttin Demeter (rechts) verkörpert sah. Einer ihrer Kultorte war das von Weizenähren hell schimmernde "rharische Feld" bei Eleusis, das der Göttin auch den Beinamen "die Blonde" gab. Man stellte sich vor, wie sie in der Erdentiefe hockte, um Abgestorbenes zu bergen und neues Leben emporzusenden.

 
Glaubt auch der moderne Physiker nicht mehr an solche mythischen Wesenheiten, so signalisiert doch die Verwendung des Feld-Begriffes zumindest, dass er häufig auf Zonen trifft, in denen die Dinge nicht mehr mit herkömmlichen Definitionen festzuklopfen sind. Ähnlich verfahren übrigens die Quantenphysiker im Elementarteilchenbeschleuniger CERN bei Genf, wenn sie die gewaltigen Detektoren zur Messung der Merkwürdigkeiten im subatomaren Raum mit mythischen Namen wie z.B. "Delphi" (berühmtes Orakel der Antike) benennen. Diese althellenische Kultstätte war ursprünglich der Erdgöttin Gaia geweiht, aber auch nach seiner Okkupation durch den Sonnengott Apollo liess dieser die Priesterinnen am "Nabel der Welt" Botschaften aus einer tief in die Erde reichenden Felsspalte empfangen. Im CERN lauschen die Physiker ins Innere der Materie und sind auch nicht immer vor dunklen und mehrdeutigen Antworten gefeit.