GALERIE:   "BRUCH DER GEFÄSSE": Deutsche und jüdische Mythologie bei Anselm Kiefer

Kaum ein moderner deutscher Maler entfesselte in den letzten 20 Jahren solche Kontroversen wie Anselm Kiefer (geb. 1945), der vor allem wegen seiner anfänglich von germanischer Mythologie inspirierten Gemälde z.T. heftig angegriffen wurde.

Nicht nur Titel wie "Deutsche Geisteshelden" oder "Wege der Weltweisheit", auf denen deutsche Dichter und Denker zu sehen waren, erregten die Gemüter, sondern etwa auch Kiefers monumentale Bearbeitungen von NS-Architektur, die meist auf Originalfotos des Dritten Reiches beruhten.

 


"Innenraum" (1981)
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"Sulamith" (1983)
 
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Doch bereits das 1983 entstandene Bild "Sulamith" zeigt, dass Kiefer selbst bei so provokanten Sujets in weitaus komplexeren Zusammenhängen dachte, als es ihm seine Gegner zugestehen wollten: Aus der Vorlage von 1938 für die Krypta eines NS-Soldatenehrenmales macht der Maler eine Gedenkstätte für eine mythische Heldin des Judentums. Sulamith taucht ebenso im Hohen Lied des Königs Salomo auf, wie auch in Paul Celans berühmtem Gedicht "Todesfuge", wo sie die Gegenspielerin der deutschen Margarethe verkörpert: "Dein goldenes Haar Margarethe, dein aschenes Haar Sulamith" (siehe auch meinen Celan-Essay in ATALANTE 1).

Die aus sieben Strahlen bestehende "Ewige Flamme" auf Kiefers Bild - dem siebenarmigen Leuchter der Synagogen nachempfunden - betrauert nicht den Heros des "unbekannten Soldaten", sondern das in einer Frau verkörperte Leiden des jüdischen Volkes. Auf gespenstische Art und Weise ruft die vom Maler verfremdete Architektur der Krypta Assoziationen an die Verbrennungsöfen der Vernichtungslager hervor. Dieser Eindruck wird nochmal durch spätere Darstellungen desselben Themas verstärkt, etwa wenn Kiefer seiner Sulamith-Serie von 1990 erläuternde Materialangaben wie: "Gelötetes Blei, Frauenhaar und Asche" hinzufügt.

 


Kiefer denkt also von Anfang an den Holocaust mit, wenn auch anders als viele seiner "politisch korrekten" Zeitgenossen, die ihm zuweilen "Deutschtümelei" oder "gefährlichen Irrationalismus" vorwarfen. Aber der Maler verstand sich nicht als abgehobener Soziologe oder Moralapostel, der alles besser weiss, sondern lässt sich zunächst einmal auch auf Faszinationen, Ambivalenzen und ungefilterte Emotionen ein: "Ich transportiere die Geschichte in mein Leben existentiell hinein. Für mich ist Geschichte immer auch meine Wirklichkeit ... Ich identifiziere mich weder mit Nero noch mit Hitler. Aber ich muss ein kleines Stück mitgehen, um den Wahnsinn zu verstehen. Deshalb mache ich diese uneigentlichen Versuche, Faschist zu sein." (Sabine Schütz: Anselm Kiefer. Geschichte als Material - Arbeiten 1969-1983, Köln 1999, 143)

Interessanterweise schienen dies ausgerechnet jüdische Intellektuelle anders zu bewerten als ihre deutschen Kollegen, etwa der Kunstkritiker der "Jerusalem Post" Meir Ronnen, der bereits 1984 anlässlich der ersten Kiefer-Ausstellung in Israel an diese schrieb: "Ihre Angst ist fehl am Platze."  Heute zählen weltweit viele jüdische Sammler und Kunstliebhaber zu Kiefers Bewunderern, etwa auch sein New Yorker Galerist Ealan Wingate oder der ehemalige Bürgermeister von Jerusalem Teddy Kollek, der dem deutschen Maler 1990 in der Knesset den Ricardo Wolf-Preis verlieh: "Dank und Anerkennung gebühren Anselm Kiefer für Sein und Schaffen, und dafür, dass er uns zur Berührung mit dem Geistigen leitet."

 

Atalante 7