Essen in Kleinviehberg


von Katrin Kehrer

 



Es ist eine sehr kleine Ortschaft. Am Berg gelegen. Im Stall eines Bauernhofes mag Vieh stehen . Am Samstag kurz nach zwölf. Bei uns wird um diese Zeit gegessen. Wir parken und laufen hoch zu der kleinen Gaststätte. Ob es warmes Essen gibt, am Samstag?

Es ist eine Wirtschaft, wie in den 70er Jahren, wie in meiner Kindheit. Keine Aus,- An,- und Umbauten mit Bauernstube. Hier wird es keine Dekorationen auf dem Teller geben, keine in sich gedrehten Karottenscheiben und keine Lendchen in der Kräuterkruste an Basmatireis.

Die Speisekarte ist ein DIN A 5 Blatt, mit Schreibmaschine beschrieben, ohne Plastikummantelung. Es ist nur ein Raum, mit Linoleumboden und halbhoher umlaufender Holzvertäfelung. Holztische, Vorhänge aus grobem, braun-beige-orange gestreiftem Stoff. Ein Ofen mit einem gewaltigen Ofenrohr, das sich durch den gesamten Raum zieht wie ein Lindwurmschwanz.

Wir bestellen Bier und Bratwürste. Die Hütte ist voll, eine ganze Gruppe von Freunden und Bekannten hat sich eingefunden. Man hat geschlachtet. Sie warten auf die bestellte Metzelsuppe. Auf den Tischen stehen schon Schüsselchen mit eingelegten Gemüse. Getrunken wird Bier und Radler und Wasser. Wenn es Cola gibt, und das gibt es bestimmt, dann muß es Afri sein.

Warten aufs Essen. Dann kommen sie aus der Küche wie eine Prozession. Die Wirtin und ein jüngerer Mann. Sie tragen riesige dampfende Schüsseln aus blankem Metall, schwer und voll. Die Frau hebt die Schüssel hoch über die Schultern der Wartenden und setzt sie dann behutsam in der Mitte des Tisches ab. Jeder Tisch, an dem vier bis fünf Gäste sitzen, bekommt eine dieser mächtigen Terrinen. Teller und Besteck werden verteilt. Der Geruch von frischem Fleisch, von totem Schwein erfüllt den Raum. Es duftet nach Brühe und Wurst, nach Schwarte und Fett, nach Blut und gebrühten Borsten. Das ahnungsvolle Schreien und Quieken, die Wucht des Bolzens, der Haken in die Sehnen und das Hochziehen, der Schnitt.

So genau weiß ich gar nicht, was drin ist in einer Metzelsuppe. Ich frage meinen Vater. Er sagt, die Suppe gibt es nur, wenn frisch geschlachtet wurde, es ist die Brühe, in der die Wurst gekocht wurde, in die Suppe kommen Rüssel, Ohren, Ohrbäckchen, Füße, Schwanz. Wir reden alle in unserem Dialekt, mein Vater sagt Rüsserla, Ehrla, Ohrbäggla, Fäisla, Schwänzla. In meiner Erinnerung an diesen Tag sehe ich die Schüsseln noch, in der Suppe treiben große Stücke, Kontinente im Urmeer, ein Schweineringelschwanz steht wie ein Phallus aus der Fleischbrühe in die Höhe und daneben schaukelt ein Rüsselchen, dabei ist immer etwas Flüssigkeit in einem Nasenloch.

Die Metzelsuppe wird verteilt, und der Geräuschpegel sinkt. Noch ein paar Scherze, dann wird gegessen. Ein leises aber genußvolles Schlucken, Schlürfen, Kauen, Schmecken, gelegentlich ein leicht verstohlenes Knurpseln und Krachen. Es ist sonst still in der Gaststube. Wir bekommen die Bratwürste, auch sie sind frisch, ich frage mich, ob ich die jetzt essen kann, so sehr riechen sie nach Tier. Gut sehen sie aus, gut gebraten, mit Kraut und schönem Brot dazu, dunkles Brot sagen wir, ohne Sonnenblumenkerne und zusätzliches Sojaöl. Nach dem ersten Anstich der Wurst, dem ersten Bissen - und hungrig esse ich. Für mich koche ich meistens vegetarisch, ich esse Vollkornbrot und trinke Wasser und Kräutertee. Wenn ich - oft Samstags - mit meinem Vater im Umland - draußen halt - bin, esse ich gerne Fleisch. Ich will normales Brot und Bier. Wir reden in unserem Dialekt, abends wenn ich mit Berlin telephoniere, spreche ich Hochdeutsch.

Es liegt fast etwas Sakrales im Raum. Eine Mahlgemeinschaft. Versammelt, um zusammen zu essen, bewußt, es ist kein Schlingen in Hektik, man genießt jeden Bissen zusammen mit Freunden und - in dieser Hinsicht - Gleichgesinnten. So - denke ich - hat man auch gegessen, als das Internet noch nicht erfunden war, als die Merowingerkönige mit langen Fingern ihre Zikadenfibeln betasteten, so ißt man, seit man Schweine hält, seit dem Beginn der jüngeren Steinzeit vor beinahe achttausend Jahren.

Ein gemeinsames Essen hat für mich etwas Rituelles, etwas Umfassenderes. An anderen Orten wird man in Gemeinschaft Reis essen oder Robbenfleisch. In Kleinviehberg essen wir Schwein. Ich erinnere mich an einen Ausflug. Wir haben Hunger und es ist Mittag. Ein Hinweisschild auf ein Kloster. Wir fahren hin. Wunderbar ist es gelegen, Kloster Plankstetten. Ein junger Benediktiner steht - mit einer grünen Schürze um den Bauch- hinter einem Grill. Er hat in diesem Moment nichts Ätherisch-Entrücktes an sich, wenn er sich bewegt, wippt die kleine schwarze Kapuze seiner Kutte. Auch dort ist und ißt man in einer Gemeinschaft.

Es ist wie eine Rückbindung an eine Tradition. Man wiederholt und wiederholt wohl eher unbewußt ein gemeinsames Mahl. Es ist kein bewußtes Gedächtnis, es ist das Fleisch eines Haustieres und Brot von einem Acker. Ich mag trotz allem keine Metzelsuppe, ich mag aber gerne Bratwürste und ich verteidige sie mit leidenschaftlichem Lokalpatriotismus gegen die anderen Würste dieser Erde.

Um drei viertel sechs stehe ich auf, die Messe beginnt, wir sind alle unterschiedlich dort, und doch eines verbindet uns: Tut dies zu meinem Gedächtnis.




 
 
 
  Katrin Kehrer (geb. 1971) ist Archäologin und lebt abwechselnd in Berlin und Nürnberg.