![]() |
Essen in Kleinviehberg
|
![]() |
|
Die Speisekarte ist ein DIN A 5 Blatt, mit Schreibmaschine beschrieben, ohne Plastikummantelung. Es ist nur ein Raum, mit Linoleumboden und halbhoher umlaufender Holzvertäfelung. Holztische, Vorhänge aus grobem, braun-beige-orange gestreiftem Stoff. Ein Ofen mit einem gewaltigen Ofenrohr, das sich durch den gesamten Raum zieht wie ein Lindwurmschwanz. Wir bestellen Bier und Bratwürste. Die Hütte ist voll, eine ganze Gruppe von Freunden und Bekannten hat sich eingefunden. Man hat geschlachtet. Sie warten auf die bestellte Metzelsuppe. Auf den Tischen stehen schon Schüsselchen mit eingelegten Gemüse. Getrunken wird Bier und Radler und Wasser. Wenn es Cola gibt, und das gibt es bestimmt, dann muß es Afri sein. Warten aufs
Essen. Dann kommen sie aus der Küche wie eine Prozession. Die Wirtin
und ein jüngerer Mann. Sie tragen riesige dampfende Schüsseln
aus blankem Metall, schwer und voll. Die Frau hebt die Schüssel
hoch über die Schultern der Wartenden und setzt sie dann behutsam
in der Mitte des Tisches ab. Jeder Tisch, an dem vier bis fünf
Gäste sitzen, bekommt eine dieser mächtigen Terrinen. Teller
und Besteck werden verteilt. Der Geruch von frischem Fleisch, von totem
Schwein erfüllt den Raum. Es duftet nach Brühe und Wurst,
nach Schwarte und Fett, nach Blut und gebrühten Borsten. Das ahnungsvolle
Schreien und Quieken, die Wucht des Bolzens, der Haken in die Sehnen
und das Hochziehen, der Schnitt. Ein gemeinsames
Essen hat für mich etwas Rituelles, etwas Umfassenderes. An anderen
Orten wird man in Gemeinschaft Reis essen oder Robbenfleisch. In Kleinviehberg
essen wir Schwein. Ich erinnere mich an einen Ausflug. Wir haben Hunger
und es ist Mittag. Ein Hinweisschild auf ein Kloster. Wir fahren hin.
Wunderbar ist es gelegen, Kloster Plankstetten. Ein junger Benediktiner
steht - mit einer grünen Schürze um den Bauch- hinter einem
Grill. Er hat in diesem Moment nichts Ätherisch-Entrücktes
an sich, wenn er sich bewegt, wippt die kleine schwarze Kapuze seiner
Kutte. Auch dort ist und ißt man in einer Gemeinschaft. Um drei viertel
sechs stehe ich auf, die Messe beginnt, wir sind alle unterschiedlich
dort, und doch eines verbindet uns: Tut dies zu meinem Gedächtnis.
|
|
|
| Katrin Kehrer (geb. 1971) ist Archäologin und lebt abwechselnd in Berlin und Nürnberg. |
|
|