"Pagan poetry "    
 

Als direkte Nachfahren der Wikinger pflegen zahlreiche Isländer die Kultur ihrer Ahnen heute immer noch mit großem Stolz. Im Durchschnitt verfasst jeder zehnte Inselbewohner in seinem Leben ein prosaisches Werk in der Tradition seiner Vorväter. Die Sprache gilt als Kern der isländischen Kultur und wird seinem Ruf als "Latein des Nordens" durchaus gerecht, gibt es doch staatlich eingesetzte, akademische Kommitees, die neue Wörter ins Isländische übersetzen. So wird z.B. aus dem "Computer" ein "tölva", zusammen gesetzt aus "tala" (Zahl) und "völva" (Prophetin). (6) Im isländischen Alphabet sind bis heute auch einige Runen-Zeichen erhalten geblieben.

Zu den zeitgenössischen AutorInnen gehört etwa Birgitta Jonsdottir, die erst durch ihre Arbeit mit den Sagen in Berührung kam und seitdem zu einigen Göttern Texte verfasst und Bilder gemalt hat:


"Ich nahm an der Erstellung eines Rollenspiels teil, welches auf der alten Welt, sprich: der Welt nach der nordischen Mythologie, basierte. Ich portraitierte die Götter in Bildern und Texten, recherchierte viel und wurde mir bewusst, dass ich als Isländerin nur sehr wenig über meine eigene Geschichte, über die Mythen und Götter wusste. Ich konnte mich mit den Göttern immer besser anfreunden, umso mehr ich über sie heraus fand. Es stimmte mich traurig, erkennen zu müssen, wie viel Wissen über die unbekannteren Götter verloren ging. Als ich dann letzten Endes die Portraits schuf, fühlte ich mich ihnen sehr nahe und malte drauf los, ohne zu wissen, welcher Gott auf dem Papier erscheinen würde ... Als ich damit fertig war, hatte ich das Gefühl, dass es sich dabei um einen Test handelte. Ich rief die anderen an dem Projekt beteiligten Leute und fragte sie, wen ich gemalt hätte und ihre Antworten bestätigten meine Gefühle. Es war sehr intensiv und wundervoll, sich diesen Wesen so nahe zu fühlen. Ich fühlte, dass sie es waren, die mich führten. Ich kam ebenso zu der Schlussfolgerung, dass die Mythen durch das Geschichten-Erzählen erhalten blieben und dass sie verloren wären oder stagnieren würden, wenn sie niemand mehr erzählen würde. Somit begann ich, auf meiner Recherche und meiner Intuition aufbauend, neue Geschichten zu erzählen, die mir irgendwie realer erschienen."

 

Wie eng die Vermarktung niedlicher Elfen-Klischees und nachdenklicher heidnischer Gedanken manchmal beieinander liegen können, wird am isländischen Musik-Exportschlager Björk deutlich, die wohl bekannteste Elfe ihres Landes, wenn man dem Tenor der Pop-Presse Glauben schenken möchte.

Dass Björk nicht nur eine süße Elfe im Sinne simpler Vermarktungs-Strategien ist, sondern dass sie die Idee eines "heidnischen Ur-Bewusstseins" auf eigene Weise fortspinnt, offenbahrt sie auf ihrem neuen Album "Vespertine". Im Lied "Pagan poetry" singt sie von der simplen Oberfläche, unter der im tiefsten Inneren heidnische Dichtung erklingt:


Pagan poetry
 
Heidnische Poesie


Pedalling through the dark currents
I find an accurate copy
a blueprint
of the pleasure in me

swirling black lilies totally ripe

he offers a handshake
crooked five fingers
form a pattern
yet to be matched

swirling black lilies totally ripe

a secret code carved
in a palm of fingers
form a pattern
yet to be matched

swirling black lilies totally ripe

morsecoding signals
pulsate
wake me up
from hibernate

on the surface simplicity
but the darkest pit in me
is pagan poetry
pagan poetry

 


Durch dunkle Ströme treibend

Finde ich eine genaue Kopie,
eine Blaupause
der Freude in mir

Herumwirbelnde schwarze Lilien, zu allem bereit

Er bietet mir einen Händedruck
Fünf verkrümmte Finger
formen ein Muster,
das noch sein Gegenstück sucht

Herumwirbelnde schwarze Lilien, zu allem bereit

Ein geheimer Code,
eingebrannt in eine Handfläche,
formt ein Muster,
das noch sein Gegenstück sucht

Herumwirbelnde schwarze Lilien, zu allem bereit

Morsesignale
pulsieren

wecken mich auf
vom W
interschlaf

Auf der Oberfläche Unkompliziertheit
aber der dunkelste Schacht in mir

ist Heidnische Poesie
Heidnische Poesie

     
6) "Island", Polyglott APA Guide, Berlin und München 2000, S. 90 f    

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