"Christus" und "Allvater"    
 

Vor 1000 Jahren beschloss das Althing, ein Vorläufer des isländischen Parlaments, welches heute noch den selben Namen trägt, dass ein jeder Bewohner der Insel zur christlichen Taufe verpflichtet sei. Es war eine Entscheidung, die u.a. wohl aus politischem Kalkül gegenüber den missionierenden Norwegern gefällt wurde und ein Nebeneinander von heidnischem Brauchtum und christlicher Lehre bis heute ermöglichte. Denn obwohl das Christentum zum offiziellen Glauben erklärt wurde, durften die heidnischen Götter zumindest im privaten Bereich weiter verehrt werden - das beschloss der Althing ebenfalls. Nach dem Urteil des Historikers Hans Kuhn eine weise Entscheidung gegenüber dem fanatisch christlichen, norwegischen König Olaf Tryggvason dem Heiligen.


Dieser hatte jene Isländer, die sich 999 in Norwegen aufhielten, als Geiseln genommen und drohte, sie alle zu töten, wenn sich die Isländer weiterhin weigerten, die christliche Religion als eigene an zu nehmen.. "Aber die Isländer ließen sich (...) nicht in diese Zwangsjacke (eines strengen Christentums – Anm. d. Verf.) pressen und waren daher imstande, so aus zu wählen, wie sie es als richtig erkannten, und das gute Eigene von dem Neuen nicht ersticken, sondern befruchten zu lassen." (2)

Vermutlich liegen in dieser Befruchtung die Wurzeln für einen heidnisch-christlichen Synkretismus, von dem heute noch halbheidnische / halbchristliche Götternamen wie "Al-fadir" (= "Allvater", ein weiterer Name Odins) oder "Sig-fadir" künden. Ursprünglich war das isländische Heidentum "ein später Seitenzweig des nordischen und dies ein Teil des germanischen Heidentums. Es ist noch weithin üblich, dies als ein Stück Urreligion zu betrachten und zu behandeln und es in vielem auf eine ähnliche Stufe zu stellen wie die Religionen der primitiven Völker. (...) Es ist auch leicht, aus ihm primitive Züge an den Tag zu fördern, die dieser Stufe mit Fug und Recht zuerkannt werden. Diese Elemente haben die zäheste Lebenskraft und können jeden Wechsel und jeden Verfall in den höheren Schichten der Religion überleben. Sie vegetieren auch unter dem Christentum fort und verraten meist nur wenig über ihr Alter und ihre Herkunft." (3)

"Wissen Sie, ich stamme von den Westfjorden. Und da war der Glaube an Elfen nicht so stark. Was uns da mehr interessiert hat, das waren die Trolle. Die fanden wir irgendwie beeindruckender." 
(Ólafur Ragnar Grimsson, isländischer Staatspräsident, kurz nach seinem Amtsantritt im Juli 1996) (4)

 


2) Hans Kuhn: "Das alte Island", Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1971, S. 177
3) ebd. 159 f
4) Wolfgang Müller: "Die Elfe im Schlafsack, Neue Märchen und Fabeln aus Island", Verbrecher Verlag, Berlin 2001, S. 102.


Vorwort   Das "verborgene Volk"